Wenn in der Sportschau das „Tor des Monats“ gewählt wird, dann besteht das Spektakuläre an zwei bis drei der nominierten fünf Treffer meistens „nur“ darin, dass der Spieler seinen erfolgreichen Schuss aus ungewöhnlich großer Entfernung abgegeben hat. Ein Teil der Defensive wird quasi überbrückt, der Torhüter fliegt nicht schnell und weit genug, und so ergibt sich dann ein spektakuläres Bild aus Kraft, Präzision, geometrischer Harmonie und (auf Seiten des Torwarts) heroischem Scheitern. Fußballfans aller Bildungsgrade und Altersklassen lassen sich nun zu pubertären Ausrufen verleiten: „Booooaah, geiles Ding!“

Seit einigen Jahren wird das spanisch-katalanische Tiki Taka – wohl nicht zu Unrecht – zum fußballerischen Maß aller Dinge erklärt, und so muss sich der Bundestrainer immer mehr gegen die Behauptung wehren, Deutschlands einziger ernstzunehmender Gegner auf dem Weg zum Titel 2012 seien ebendiese Spanier. Mit unwirklich sicherer Beherrschung eines Spielsystems und Ausnahmekönnern auf allen Positionen wird das ideale Tor heute im wahrsten Sinne des Wortes erspielt – die angreifende Mannschaft legt eine endlose Ballstafette hin und wartet geduldig auf die Lücke, die es braucht, damit einer der vielen Zauberer den Ball nur noch ins entblößte Tor schieben muss.

Da wirkt so ein Distanzhammer doch etwas steinzeitlich: Jemand wirft seine ganze taktische Ausbildung und antrainierte Systemtreue über den Haufen, haut einfach drauf und hofft das Beste. Bezeichnender Weise gibt es unter Kommentatoren ein reiches Repertoire an Phrasen für den Moment, wenn einer es „mal probiert“ – das war schon die erste. Weitere Beispiele: „…und aus der zweiten Reihe“, „Gegen diesen Gegner ist auch das ein probates Mittel“ oder einfach: „Warum nicht?“ Ein Distanzschuss – ob aus dem Spiel oder mit ruhendem Ball – ist ein Schlag ins Gesicht des Kollektivgedankens, ein lautstarkes, unreflektiertes „Jetzt komm ich und mach euch alle platt!“ Doch stellt sich der Erfolg meistens nicht ein – häufiger geht der „Hammer“ sang- und klanglos in die Wolken, gegen die Bande oder in die Handschuhe des mäßig geforderten Torwarts: „Dritte Etage“ ist hier eine der Pflichtausdrücke für Kommentatoren.

Doch gerade in der vergangenen Woche durften wir tolle Distanzschüsse bewundern, die genau ihr Ziel fanden: Hunt auf Pizarros Zuspiel gegen Mainz, de Wit gegen Hamburg, Stindl gegen Kopenhagen. Alles effektvoll gesetzte Ausrufezeichen gegen (vorübergehende) Ideenlosigkeit des eigenen Mittelfeldes. Die hochgezüchtete Athletik und der Zwang zur taktischen Disziplin im heutigen Spitzenfußball gehen manchem Spitzenfußballer bestimmt auch mal ziemlich auf den Keks. Was spricht dann dagegen, die jahrelang gehegte, trainierte – und noch so ein Kommentarenpflichtbegriff: „Schusstechnik“ nicht in den Dienst eines einstudierten „Automatismus“ zu stellen, sondern mal gesunden Egoismus an den Tag zu legen, seine urzeitlichen Jagdtriebe rauszulassen und ordentlich abzuiehen? Ich behaupte dies, ohne Statistiken zu kennen. Mir sind keine Zahlen bekannt, wie viel Prozent aller Tore im europäischen Fußball heute nach Standards, aus dem Strafraum, aus über 20 oder über 30 Metern erzielt werden und wie das vor 25 Jahren war. Mein Eindruck ist aber: Gekonnte Distanzschüsse sind sowohl Folge als auch Trotzreaktion auf die immer größere physische, taktische und technische Ausgefeiltheit des Fußballs: Weil es immer schwerer ist, die Defensivriegel zu knacken, halten viele Spieler einfach mal drauf. Und weil sie immer besser ausgebildete Schützen sind, gelingen ihnen so auch immer mehr spektakuläre „Hammertore“.

Ich schreibe für diesen Blog, weil ich „was mit Medien“ mache. Ich muss Geschichten aus dem machen, was die Realität so hergibt. Und wie viele Angehörige dieser unbeliebten Bevölkerungsgruppe finde ich vieles sehr kompliziert – was mich natürlich nicht davor bewahrt, manche Dinge aus Versehen einfacher darzustellen, als sie sind. Fußball aber mag ich auch deshalb, weil er ein sehr einfaches Spiel ist, in dem man aber sehr viel mehr sehen kann, das ganze Leben sozusagen. Ich muss mich sehr beherrschen, nicht zu viel halbgaren, metaphorischen Quatsch von mir zu geben, der vor hinkenden Fußballmetaphern überquillt und mich wie ein sprechendes Cordsakko vom Feuilleton aussehen lässt. Nur ist die Verlockung zum Heruminterpretieren und -schwadronieren eben sehr groß, wenn man hochklassigen Fußballmannschaften dabei zusieht, wie sich ihre ausgefeilten Spielsysteme „im Mittelfeld neutralisieren“, weil jeder Spieler permanent weiß, wohin er sich bewegen und was er dort tun muss und sich kaum jemand einen Fehler erlaubt. Doch wenn man sich einbildet, das Leben sei kompliziert, dann will man das nicht ständig auch noch in der Unterhaltung wiederfinden, die man sich in seiner spärlichen Freizeit genehmigt.  Man sehnt sich nach etwas Direktheit, Einfachheit, Anarchie. Ein hammerhartes, geradliniges Distanztor ist da eine herrliche Ersatzbefriedigung. Wenn ein moderner Topspieler auf diese Weise ein Tor macht, ist das etwa so, als würde man als jahrelang ausgebildeter Geistesarbeiter ein paar Mal mit der Faust auf die Tastatur hauen, und heraus kämen weder Zeichensalat noch Elektroschrott, sondern der deutsche Journalistenpreis.

Matthias Holtz

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