Kaum ist Bundesliga-Break, wird wieder rumgelabert. Kevin Großkreutz schäumt schon mal Probe vor der Partie gegen die Bayern, natürlich in der BILD: „Wir sind wieder die alte Borussia. Spielen wir so wie beim 5:1 gegen Wolfsburg, stehen wir mit München auf Augenhöhe! Ich würde am liebsten sofort bei den Bayern spielen. Echt schade, dass wir durch die Länderspiel-Pause gestoppt werden… “

Großkreutz, ein Name, stets wie prädestiniert für lustige Wortspiele, aber mich beschäftigt hier ein anderer Terminus, nämlich Augenhöhe.

Der Begriff soll innerhalb eines sportlichen Wettstreites in etwa gleiche Leistungsvoraussetzungen vor Spielbeginn suggerieren. Wenn zwei Gegner sich gleich groß gegenüber stehen, entscheiden Tagesform, taktische Ausrichtung, Fitness, individuelle Fehler und mentale Stärke der Teams bzw. auch der Einzelspieler über Sieg oder Niederlage. Was Kevin Großkreutz mit dieser Aussage bezweckt, ist klar. Er möchte den Münchnern Angst und seinem Team Mut machen, sowie den Bayern die letzte Heimniederlage ins Gedächtnis rufen, 26. Februar 2011, 1:3. Letztlich hatte der BVB nach diesem Spiel 16 Punkte Vorsprung auf die Bayern – das reichte locker zur Meisterschaft.

Es stellt sich die Frage, ob, wie auch wir die letzten Wochen immer mutmaßten, die Borussen sich langsam ihrer alten Form annähern und so schleichend und hinter den Bayern natürlich, wieder zum, wenn auch etwas geschrumpften, Schrecken der Liga mutieren. Die Bayern dagegen, ohne Schweinsteiger, Tymoshchuk: schrumpft man sich da im Mittelfeld aufgrund zweier Ausfälle plötzlich wieder auf ein gesundes Mittelmaß zurecht, das anderen Mannschaften – Schalke, Hannover, eben auch dem BVB, ggf. auch Stuttgart, Gladbach, eher nicht Werder, eher schon gar nicht Leverkusen – wieder Chancen eröffnet – auch in der Allianz-Arena?

Aber schauen wir doch mal weiter zurück als kurzsichtig nur bis Februar diesen Jahres. Augenhöhe, das symbolisiert den alten Streit um die bayerische Dauerdominanz, den Großkreutz hier wieder anfachen möchte, sein gutes Recht. Alle anderen sind genervt, die Bayern freut‘s – mehr oder weniger. Sachlich ist dazu zu sagen, dass der Begriff „Augenhöhe“ saisonübergreifend auf die Bayern angewendet auf hohem Niveau alterniert. So oder so – sozusagen. In prä-WM-/EM-Seasons trifft „Augenhöhe“ seit 2005/2006 eher nicht mehr zu: Bayern wird seit 2006 regelmäßig in geraden Jahren Meister. In ungeraden post-WM-/EM-Seasons schwächelt, so behaupten viele, der „Rekordmeister“ (noch so ein eigentlich verbotener Terminus) und muss sich seit 2007 in ungeraden Jahren mit einem Platz unter den ersten Fünf begnügen.

Dies aber ist erst eine sehr junge Entwicklung. Denn vor 2005 war das noch anders, da dominierten bei den Bayern eher ungerade Meistertitel, eingespielt nach großen Turnieren. Die wohl beeindruckendste FCB-Meister-Serie der Nachkriegszeit lautet 1997 – 1999 – 2001 – 2003 – 2005,  zusätzlich veredelt von der Meisterschaft 2000. Das heißt: von 1999 bis 2001 gewannen die Roten sogar drei Male durchgehend den Scudetto, von 1997 bis 2005 in acht Jahren alleine sechs Mal!  Nach der 6er-Serie 1997 – 2005 stünde dann die aktuellere gerade 3er/4er-Serie 2006 – 2008 – 2010 – und eventuell 2012? – zu Buche – verbunden durch den mit Ballack errungenen Magath-Doppelpack 2005/2006 (Uh, was für ein Pärchen, macht aber gerade im Nachhinein wohl Sinn. Als Zukunftsaussicht – für wen auch immer – z.B. ginge Magath für Dutt nach Lev? – für die Fans betroffener Teams wie eben Lev wohl eher Ursache für schlechte Laune..)

Zurück zu den Über-Augenhöhe-Bayern: Bildlich gesprochen, ergäbe die bayrische Dominanz auch, kurz angemerkt, ein sehr schiefes hängendes Tryptichon, zählt man ab 1997 die Vorherrschaft der Münchner auf. Fast zu Beginn sind da ab 1997 schon ab 1999, 2000, 2001 die drei aufeinanderfolgenden Meisterschaften inklusive ab 1999 zwei Champions League-Finalteilnahmen, drei CL-Halbfinalteilnahmen und einem Sieg (2001). Danach 2003, 2005, dann von 2006 bis 2010 wieder drei Championate, 2010 auch wieder ein CL-Finale, bis 2012 wären es wieder vier Meisterschaften. Woran zumindest Kevin Großkreutz verstärkt zu zweifeln beginnt. Aber – warum?

Über Jahrzehnte betrachtet, ergibt sich folgendes Bild: Die Bayern wurden seit Bundesliga-Gründung 1963 in den 60er Jahren einmal Meister, in den 70er Jahren dreimal, in den 80er Jahren bereits sechs Mal, in den 90er Jahren (nur) vier Mal und in den 00er Jahren bis 2009 (Meister Wolfsburg) wiederum sechs Mal. In den 10er Jahren schlägt bis dato 2010 eine Meisterschaft zu Buche, die zweite 2011 errang die Borussia aus Dortmund, der BVB war davor bekanntlich 1995, 1996 und 2002 dran. Danach kam für die Schwarz-Gelben aus diversen nachvollziehbaren Gründen eine längere neun Jahre andauernde Meister-Pause, die von den Bayern (rot), ansonsten nur von den Teams aus Bremen (grün), Stuttgart (rot) und Wolfsburg (grün) ausgefüllt wurde.

Einwurf: Über die nicht vorhandenen Meisterschaften von Teams, die sich auf dem Platz zumeist in blaue Schale werfen, wollen wir lieber erst gar nicht ernsthaft sprechen. Da sieht es sehr, sehr düster aus. Die letzte Mannschaft, die in ihre Farben – neben rot – blau integriert und Meister wurde, war 1983 der HSV.  Davor in der Saison 1966/67 Eintracht Braunschweig! (gelb-blau). Die einzige echt blaue Meistermannschaft der gesamten Bundesliga-Historie, die sich ernsthaft so bezeichnen darf, ist der TSV 1860 München, der die Saison 1965/66 – der FC Bayern wurde parallel DFB-Pokalsieger – triumphieren durfte. Davor Werder (grün), davor der 1.FC Köln (rot). Davor: Steinzeit..(grau).

Also, Großkreutz, Augenhöhe. Die Bayern sind, über die gesamte Bundesliga-Strecke betrachtet, auch dem BVB als jüngerem Hauptverfolger (21 zu 4 Bundesliga-Meisterschaften, Gladbach lassen wir mal außen vor, Stuttgart und Bremen sind die nächsten zwei, drei Jahre als echte Herausforderer zu schwach), leider deutlich überlegen. Der BVB muss seine aufstrebende Form nun auch gegen stärkere Gegner als Wolfsburg, Köln, Bremen und Augsburg beweisen. Wird München in knapp zwei Wochen erneut klar zersägt – es riecht eher nach Unentschieden – und Erzfeind Schalke im Anschluss auch noch deutlich besiegt – es mufft eher nach sauknappem Ausgang – dann sprechen wir gerne weiter über „Augenhöhe“. Zudem: Die Bayern müssen nach Dortmund drei Tage später gegen Villareal ran, dann gegen Mainz auswärts bestehen, haben Anfang Dezember zuhause Werder Bremen. Alles machbar, und mit beispielsweise 5 aus 9 Punkten (Unentschieden gegen den BVB und Mainz, Sieg gegen Werder) stünde man Anfang Dezember noch ohne Bastian Schweinsteiger, der wäre dann schon wieder kurz „ante allianz-arenam“ bzw. sogar „ante arenas“, glänzend da und hätten zudem schon eine kleine, meinen ja manche – ich nicht – Mini-Krise bewältigt…

Dortmund hat im gleichen Zeitraum heftige Champions League – Spiele (auf Augenhöhe? Oder abschenken? Das CL-Match vier Tage nach München bei Arsenal ist der Schlüssel für die nächsten Monate…) sowie direkt danach Schalke zuhause und direkt danach Mönchengladbach auswärts, dies parallel zu Bayern vs. Werder. Schwierig? Sehr schwierig. Gewinnt Dortmund in London und an Nikolaus zuhause noch gegen Marseille und macht zusätzlich gegen Bayern, Schalke und Gladbach sieben von neun Bundesligapunkten aus drei Spielen – wow! Groß. Sehr groß.  Wenn nicht, wäre, lieber Kevin,  „Auf Augenhöhe“ halt auch nur einer dieser Kandidaten fürs Phrasenschwein, nichts sonst.

Andreas Bach

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