As Bremen-Fan möchte ich über den vergangenen Bundesliga-Spieltag den Mantel des Schweigens hüllen. Also hier noch ein paar Worte zu einem viel schöneren Thema – der Nationalmannschaft.

Alle bejubeln das großartige 3:0 gegen die Niederlande – und das sicher zu recht. Auch ich habe mir die drei traumhaften Tore immer wieder angesehen. Das Tempo, die Präzision, die Souveränität, mit der die Mannschaft das Spiel kontrollierte es und mal langsam, mal schnell machte: TOLL! Da ich zuzeiten der Europameistermannschaft von 1972, allen Berichten zufolge die brillanteste überhaupt, noch lange nicht geplant war, kenne ich keine deutsche Mannschaft, die einen ähnlich mitgerissen hätte. Und man darf mich ruhig altklug schimpfen, aber wenn ich Ausschnitte aus Partien dieser Zeit sehe, sticht mir meistens weniger die spielerische Qualität als das geringe Tempo ins Auge, mit dem sich die Spieler damals bewegten. Das vielzitierte „Jahrhundertspiel“ Deutschland – Italien 1970 (Endergebnis 4:3) ist da eine erstaunliche Ausnahme – und das ist ein deutlicher Hinweis darauf, wie schnell es auf damalige Zuschauern mit ihren Sehgewohnheiten gewirkt haben muss.

Trotzdem folge ich begeistert dem Zeitgeist und sage: Keine deutsche Nationalmannschaft gefiel mir je besser als die heutige. Eindrucksvoll ist nicht nur ihr spielerisches und taktisches Niveau an sich, sondern auch die Kontinuität, mit der sie seit der WM 2010 in einem bestimmten Stil zaubert: Die rasanten, kombinationssicheren Schnellangriffe, wie man sie am vergangenen Dienstag gegen Oranje gesehen hat, erinnern erfreulich an die Tore gegen Brasilien und Österreich im August oder gegen England und Argentinien in Südafrika – beim Zuschauen ein Genuss, dem nach meiner Beobachtung oft sogar Fußballignoranten verfallen. Sie stammeln dann Sätze wie: „Ja, eigentlich finde ich das ja alles bescheuert, aber als ich DAS Spiel sah, da… also, irgendwie war es schon cool.“

Nur bietet die deutsche Elf nicht in jedem Spiel ein solches Fest: Der Gegner muss groß sein oder das Spiel besonders wichtig. Qualifikationsspiele im Bodennebel osteuropäischer Kleinstaaten werden auch heute noch gerne „irgendwie mitgenommen“, ohne dass bei unseren Elitespielern jene anhaltende Dynamik und Entschlossenheit erkennbar wäre, die sie oft so unwiderstehlich macht. Und noch schlimmer wird es bei so genannten „Testspielen“ gegen kleinere Gegner. Da liest man dann in der Vorberichterstattung besorgniserregende Zitate des Bundestrainers: Er wolle „Sachen ausprobieren“ oder „dem einen oder anderen die Chance geben“. Dabei heraus kommen dann Spiele wie die knappen Niederlagen gegen Dänemark zu Beginn von Löws Amtszeit – es erscheint wie aus einer anderen Zeitrechnung, doch ohne Ballack und Frings lief damals tatsächlich kaum was zusammen –, das 1:2 gegen Australien Anfang des Jahres oder eben das knappe wie triste 3:3 in Kiew letzte Woche. Dabei frage ich mich: Welcher der Spieler, die in diesen Begegnungen ihre „Chance“ bekamen, konnten sich dabei auch nennenswert empfehlen? Und welche „taktischen Varianten“, die darin „ausprobiert“ wurden, sind danach erkennbar in die Spielweise der Mannschaft bei wichtigeren Spielen eingeflossen? Ich glaube kaum, dass Löws anfängliches 4-4-2 und sein jetziges 4-2-3-1 irgendwie mit einem unmotivierten 0:1 gegen Dänemark oder der Niederlage gegen Australien zu tun hat. Meinem Eindruck nach gehen die Spielsysteme, mit denen eine Mannschaft über längere Zeit Erfolge feiert, auf Grundideen zurück, die dann bis auf weiteres nur noch variiert und eventuell dem jeweiligen Gegner oder der Fluktuation in der eigenen Mannschaft angepasst, aber prinzipiell so lange weiter verfolgt werden, bis man es als überholt ansieht – oder einem zunehmende Erfolglosigkeit zu dieser Erkenntnis verhilft. Vielzitierte Beispiele sind hier das ewige „Sterben in Schönheit“ unserer apfelsinenfarbenen Nachbarn – die mittlerweile sogar gelernt haben, nicht nur zu verlieren, sondern dabei auch noch unansehnlich und brutal vorzugehen – und Werders Raute, die ihren Gegnern seit Jahren immer weniger Furcht einflößt und dafür umso mehr Chancen eröffnet, weil sich herumgesprochen hat, wie man gegen sie verteidigt und (oft in raueren Mengen) Tore erzielt.

Will Löw also womöglich gar keine „Sachen ausprobieren“ und „Chancen geben“? Manchmal macht es den Eindruck, als diene das Durcheinanderwirbeln aller Faktoren, die den Gegnern der deutschen Mannschaft Respekt und Angst einflößen, vor allem dazu, die Erwartungen der Presse und der Fans zu dämpfen, bevor sie in zu große Höhen schnellen. Den „Druck von der Mannschaft“ zu nehmen ist ja keine unwichtige Traineraufgabe. Und so nimmt er das ganze erfolgversprechende System immer mal wieder auseinander und erzeugt so kurze Wiederauferstehungen des Gerumpels, das den DFB-Stil bis in die früher Nullerjahre geprägt hat. Doch kommt es einer Nationalmannschaft nicht viel mehr zugute, wenn sie mit dem Nimbus einer 25er-Serie ungeschlagener Spiele in ein großes Turnier geht? Wirkt ein Titel nicht viel konsequenter und größer, wenn er am Ende einer langen, undurchbrochenen Erfolgsgeschichte steht? Um als wirklich „groß“ zu gelten, sollte man nicht nur das Potenzial, sondern immer auch den Ehrgeiz zum Sieg mitbringen. Dieses Taktieren und Abwägen, wann es wirklich drauf ankommt und wann man sich auch mal bizarre, unnötige Fehler erlauben darf, wirkt berechnend und folgt drögen Kosten-Nutzen-Rechnungen, die nicht mal aufgehen. Das Chaos nach einem totalen Systemwechsel führt nur zu Gegurke und mit etwas Glück zu ein paar Einzelleistungen, die blamable Niederlagen verhindern. Ich finde unsere Nationalmannschaft großartig. Aber da es mir Spaß macht, auf so hohem Niveau zu meckern, wünsche ich mir: bitte keine Radikalexperimente mehr in „Testspielen“! Man kann sie sinnvoller nutzen – doch wenn Löw so spielen lässt wie kürzlich in Kiew, gilt leider das Gleiche für die Zeit, die die Zuschauer mit ihnen verschwenden.

Matthias Holtz

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