Über diesen Film ist schon sehr viel Positives und Lobendes gesagt worden, und jeder, der sich für seriöse Dokumentationen im Sportfilmbereich interessiert, dürfte mittlerweile von „TOM MEETS ZIZOU“ gehört haben. Wir jetzt also auch noch mit einem Eimer voll Lob. Aber gerne doch.

Regisseur Aljoscha Pause hat mit dieser im wahrsten Sinne des Wortes dekadenten Dokumentation zumeist „nur“ das Naheliegende gemacht. Aber das ist ja oft das Beste. Er hat sich mit Thomas Broich einen angehenden Jungprofi mit Potential ausgeguckt und Broich vom bayerischen Burghausen bis ins australische Brisbane über zehn Jahre lang, wie es so schön heißt, mit der Kamera begleitet. Dabei ist Pause nicht nur Broich, sondern mit der Kamera auch so illustren Figuren wie Christoph Daum, Dick Advocaat oder Berti Vogts über den Weg gelaufen. Die Interviews mit diesen weitgereisten und ja, teilweise vom Geschäft schon deutlich abgefuckten Protagonisten des Weltfußballs, sprechen Bände über den Zustand des Profifußballs und die Umgangsformen in diesem Haifischbecken. Hier heißt es, wenn man nicht höllisch aufpasst, um mit den Söhnen von Helmut Kohl zu sprechen, „leben“ oder „gelebt werden“. Bedeutet: Wer hier im Bundesligageschäft tatsächlich mitmischen will, mitspielen will, der sollte sich tunlichst wappnen, und zwar schwer, um in der herrschenden Gemengelage nicht unter die Räder zu kommen.

Außer Spielerberatern – leider, wäre interessant gewesen – hat Pause so gut wie alle Personen aufgefahren, die an der Karriere von Thomas Broich herum werkelten und zerrten. Bis eben so wenig davon übrig war, dass sich der frustrierte Tom aus Deutschland weg – und ins gelobte Brisbane aufmachte und dort – ja, das alles ist ein Märchen, aber ein durchaus realistisches – tatsächlich sein Glück fand. Zum Glück auch für den Film. Der sonst nie so gut funktioniert hätte. Als Märchen. Mit Happy End. Aber dazwischen geht es eben beinhart zur Sache. Dieser Film sollte Pflicht sein für all diejenigen, die Profis werden wollen, und wenigstens einen Hauch vorab mitkriegen möchten, was da alles auf sie zukommen kann. Könnte. Wird.

Der Film ist als Film, ganz abgesehen von der Thematik, als ästhetisches Opus wohl auch deshalb ein Vergnügen, weil der Regisseur hier über eine Dekade einen Film realisieren konnte, der mal nicht unter maschinengewehrfeuerhafter Dauerdreinrednerei und besserwisserischer Verunstaltung durch Fernsehredakteure gelitten hat, wie ja heute so viele Produkte, die sich mangels Finanzierung durch den systemimmanenten Teufelskreis von Fernsehmanagern und Filmförderungsvorgaben bewegen müssen und innerhalb dieser antikreativen Vorhölle nach dem ersten, geilen Konzept oft bis zur Unkenntlichkeit zerrieben und verunstaltet werden. Größeren Deformationen dieser Art konnte Pause also entgehen.

Herausgekommen ist dadurch ein höchst authentischer, fast schon intimer Blick auf eine Persönlichkeit, wie sie sich – als Spieler, wie auch (und gerade) als Mensch – über Jahre entwickelt. Vom ambitionierten, aber irgendwie immer „etwas anderen“ Jungprofi, der noch in seinen ersten Monaten bei Borussia Mönchengladbach davon schwärmt, wie locker, entspannt und allgemein angenehm die Stimmung im Team ist, führt der Weg zum umjubelten Jungstar und Hoffnungsträger, der sich in der ihm zugewiesenen Rolle als intellektueller Profi sichtlich wohlfühlt. Bis ihm genau diese Rolle als „Mozart“ in einer unheiligen Allianz aus medialer Berichterstattung, persönlicher Krise und neuen Anforderungen unter dem Disziplinfanatiker Dick Advocaat ins Abseits schießt. Der Neuanfang in Köln, wo Broich erstmals versucht, das Stigma loszuwerden, indem er „einfach denselben Scheiß redet wie 70% der Mannschaftskollegen“ (und auch hier am Trainerwechsel und der allumstrahlenden Messias-Figur Christoph Daum scheitert). Die Konstanz der „Un-Konstanz“, die den Profi unter immer neuen Trainern in den Wahnsinn treiben muss. Der persönliche Tiefpunkt nach dem Wechsel zum „Club“, für den er selbst eigentlich längst keine Motivation mehr aufbringen kann (und sich das nach einigen Wochen auch eingestehen muss). Der wie ein roter Faden immer wieder durchscheinende Traum vom Ausland und die abschließende Erfüllung durch den Wechsel nach Australien. All das wird authentisch erlebbar – weil es eben authentisch IST, denn diese Person Thomas Broich wird eben wirklich durch einen beträchtlichen Teil der Profikarriere begleitet. Das ist fernab der schon morgen vergessenen Momentaufnahmen in der tagesaktuellen Berichterstattung. Das ist originell, komplex und alles andere als oberflächlich. Wie der Protagonist.

Dennoch hätte dem Film, so großartig er über weite Strecken auch funktioniert und beeindruckt in seiner ästhetischen und inhaltlichen Dichte und Tiefe (keine Sekunde weniger hätte gezeigt werden dürfen!), an manchen Stellen etwas weniger Musik und etwas weniger Off-Sprecherei gut getan. Aber jeder eben, wie er will, und der zumeist dezent verfasste und gesprochene Text in TMZ stört nicht wirklich, sondern weist auch dem unkundigen Betrachter den Weg durch die ja auch immer schnell wieder vergessene Historie von Spielern, Trainern, Funktionären all der verflossenen Saisons der letzten Jahre und Jahrzehnte.

Ja, Fußball ist ein schnelllebiges Geschäft, bla bla bla, dieser Aufstöhner kommt an dieser Stelle dann immer wieder, hm hm. Dem aufgeschlossenen, aufgeklärten Fußballfan sei dieser Film nun auch deshalb dringend empfohlen, weil dieser Film bleiben wird und in das kollektive Gedächtnis unserer Fußballnation a la longue ebenso eingehen wird wie z.B. – na ja – das „Sommermärchen“ – als die Fußballnation abfeiernder Gegenpol – aber auch z.B. die hervorragende Langzeit Doku „Halbzeit“ von Christoph Hübner, der erst vor kurzem am ersten Dezember zu später Nachtzeit vom WDR gekonnt im Programm versteckt wurde – so spät und so wenig beworben, dass diese Ausstrahlung wohl die wenigsten unter uns Fußballverrückten mitbekommen haben dürften. Jammerschade. Es bleibt zu hoffen, dass TMZ dieses Schicksal nicht teilen wird. Ob ihn der WDR, wie gerüchteweise zu hören ist, 2012 in Originalversion oder leicht geändert ausstrahlen wird, liegt wohl unter anderem  in der Hand des Sportchefs des WDR, Steffen Simon, dem dieser Film sehr gut gefallen soll – und natürlich auch an Aljoscha Pause, dem Regisseur, vor dem wir uns, und ganz besonders ich, an dieser Stelle tief verneigen für dieses cineastische und dokumentarische Geschenk, das  er uns mit TOM MEETS ZIZOU gemacht hat.

Für alle, die das Risiko gar nicht erst eingehen und auf eine mögliche TV-Auswertung warten wollen, ist TMZ nun, pünktlich zum Weihnachtsgeschäft, als DVD und Blu Ray erschienen, und eine Bewertung an dieser Stelle kann nur lauten: unbedingt kaufen, sehen, verschenken!

Eine Frage bleibt mir dennoch, schon oben kurz aufgeworfen, die leider nicht beantwortet wird in diesem unvergleichlich guten Film: Hatte Thomas Broich eigentlich nie einen Spielerberater? Und wenn ja, warum nicht? (darum wohl). Hat er alle professionellen Entscheidungen alleine oder im Verbund mit Freunden oder Verwandten gefällt? Der richtige Berater, wie Christoph Biermann in unserer eigenen Doku zum Gewerbe dieser oft noch dunkler eingefärbten als lediglich „grauen Schafe“ – so über sich selbst und bei uns involviert: Jörg Neblung (u.a. Robert Enke, Timo Hildebrand) – anmerkt, sollte es dann natürlich schon sein. Aber den zu finden, ist natürlich schwer – da hat Broich, bayerischer Dickschädel, der er war – und ist – deshalb passt er ja so gut nach Australien – wohl lieber gleich auf Souffleure dieser Art verzichtet, nach deren Einflüsterungen er sich dann doch nie wirklich gerichtet hätte. Wenn Thomas Broich das getan hätte, möchte man lieber gar nicht wissen, wo er heute herum kicken würde, in welchem psychischen Zustand auch immer.

Andreas Bach

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