„Michael Ballack ist ein richtig toller Charakter, auch wenn das manchmal nicht so `rüberkommt.“

Bayer 04 Leverkusen-Sportchef Rudi Völler am 2.2. 2012 im Rahmen einer Pressekonferenz über Michael Ballack, zitiert aus der „Süddeutschen Zeitung“, S. 32, von heute, 3.2.2012 (Print), und online auf http://www.süddeutsche.de

 Zwei Spieltage der Bundesliga-Rückrunde liegen nun hinter uns, und auch die winterliche Transferperiode ist seit kurzem abgeschlossen. Und Schlagzeilen haben zum wiederholten Male vor allem 30somethings, Männer wie  Michael Ballack und Felix Magath, gemacht. Würdet ihr diese Menschen eigentlich grundlegend als charakterlich gefestigt und menschlich halbwegs einwandfrei bezeichnen?

Ich sage: Ohne Charakter kein wirklicher, tiefgreifender Erfolg – die Wahrheit liegt durchaus auch in so etwas wie der aktuellen Tabellensituation. Was für Kader, was für Potentiale bei Lev und den Wölfen. Und was haben die Clubs bis jetzt draus gemacht?

Ja, wir alle, wir Fußballdeutschen, wir haben Ballack und Magath ja weiß Gott so viel so viel zu verdanken, und beide meinen es eigentlich ja nur gut. Aber beide greifen doch offenbar im Rahmen ihrer jeweiligen Tätigkeiten zu nicht ganz den richtigen Mitteln? Dauer-Kaufrausch und beleidigtes Dauerschweigen – sind das bei beiden Männern nun schon chronische Fluchtreflexe? Warum verteidigt Rudi Völler Michael Ballack immer noch und greift stattdessen Ballacks Manager Becker frontal an (auch „SZ“ von heute). Ist da nicht auch  ein wenig Selbstschutz dabei, steht da einer bis zum Ende zu seinen „Überzeugungen“? Wie gut ist das Management von Bayer Leverkusen eigentlich wirklich. Was haltet ihr von Rudi Völler und Wolfgang Holzhäuser, betrachtet man ihr Wirken über die letzten zwei Jahre?

Charakter, ja, im deutschen männlich, diese standfeste unbeugsame (?) vererbte, gelernte (?), positive Eigenschaft, Charakter wird nicht nur von uns (Blog vorletzte Woche), sondern in den letzten Tagen rechtg häufig in den Medien beschworen, von allen möglichen Seiten. Dienstagabend bei „Sky“ hat, um einen Beleg aufzuzeigen, Hamburgs Trainer Thorsten Fink das C-Wort wieder in den Mund genommen. Er sei mit dem Charakter seiner Mannschaft ganz zufrieden, der Teamgeist müsse nun mal stimmen, und das tue er, sonst hat man auch als Weltklasseensemble keinen Erfolg. Sagte Fink und brachte als Beispiel die zerstrittene französische Nationalmannschaft während der WM 2010 an. Fink führte weiter aus, er müsse halt mit den Spielern arbeiten, die momentan verfügbar seien. Geld sei sowieso keines da, also was soll´s. Aber – waren wirklich alle maßgeblichen französischen Spieler aus dem WM-Kader 2010 von zweifelhaftem Charakter? Und wie verhielt es sich mit Trainer? Der Verbandsspitze? Wer hat gut oder schlecht oder gar nicht geführt, wer hat sich vorführen lassen oder eben gerade nicht?

Nun gut – Geschichte. Zum HSV: wir kennen, glaube ich, alle aus der laufenden Saison heraus inzwischen gut genug den derzeitigen aktuellen Kader des Hamburger Sportvereins. Er ist nicht unbedingt auf allen Posten sportlich ausgewogen, vom Niveau her nicht überall wirklich homogen besetzt. Es ist nicht so, dass der Trainer mit diesem Kader von heute auf morgen spielerisch glänzen kann. Aber: Er sagt, er nimmt, was er hat. Damit beruhigt er – anders als z.B. Magath – schon mal sein Team, zeigt sein Vertrauen, versucht so etwas wie „Konstanz“ zu schaffen. Und der mittelfristige tabellarische Trend – leicht, aber stetig aufsteigend – gibt dem Charaktervogel Fink – recht.

Und schon kommt an dieser Stelle wieder dieser Hinweis, ja, muss er kommen, auf Jürgen Klopp, der Borussia Dortmund nun seit Juli 2008 trainiert – und der auch drei Jahre benötigte, um mit seinem Masterplan mit behutsamen, aber stetigen Renovierungsmaßnahmen nach diesen drei Saisons schließlich 2011 die Deutsche Meisterschaft zu erringen – und dabei noch Schulden abzubauen. Und jetzt kommt’s: und noch viel mehr zu erreichen.

Denn der bleibende Mehrwert dieser Meisterschaft ist nicht die Meisterschaft per se, sondern die Art und Weise, wie diese Meisterschaft zustande kam. Und die zeugte von Charakter, Planung, Menschlichkeit, einer innovativ und mit viel Herzenswärme interpretierten Vorstellung von Teamgeist, einhergehend mit einem scharfen Verstand und viel Know-how rund um die essentiellen Bereiche Scouting, Ausbildung, Taktik, Strategie, Teambuilding, betriebswirtschaftlichem Handeln, Menschenführung an sich. Klopp und den Handelnden seines Vereins ging es beileibe nicht nur um diese eine Meisterschaft – weit gefehlt. Susi , Ricken und Co. geht es um die Installation eines dauerhaft seriösen Außenbildes „ihres“ BVB. Dortmund als gesunder mittelständischer Familienbetrieb sozusagen. Da kommt immer was nach, da gibt’s immer auch mal Zoff – aber insgesamt stimmt eben die komplette „Chemie“ (anders als derzeit bei Bayer, haha, genau). Verlässlichkeit und Vertrauen ineinander sind Trumpf. Dass das funktioniert, hat man besonders in der nicht so erfolgreichen Anfangsphase der aktuellen Saison, eben durch die Art und Weise der Überwindung dieser Schwächephase, im weiteren Fortgang sehr gut sehen können.

Dauerhafte Konstanz auf hohem Niveau – mal erster, mal zweiter, mal vierter, mal dritter – alles nicht so schlimm, Hauptsache geiler Fußball, Hauptsache vorne mit dabei, auch mal Meister, aber eben nicht um jeden Preis, der nur wieder ernsthafte, bald wieder unkontrollierbare Verwerfungen im funktionierenden Team provozieren würde. Das ist das Ding des BVB. Vielleicht wird man ja 2012 sogar erneut mal wieder erster, gerade weil es eben nicht so schlimm wäre, wenn’s denn doch nicht klappen sollte mit Schale II. Aber geplant – geschweige denn gefordert – ist das so nicht. Geplant, ja eingefordert ist und wird  insgeheim vielleicht ein dritter, vierter Platz. Dass man nun mitnimmt, was einem die depperte Konkurrenz überlässt, ist nur legitim. Und machen wir uns nichts vor: Es hat ja auch mit der Champions League noch nicht so dolle geklappt – noch nicht. Aber da sind ja mit den beiden Teams aus Manchester noch ganz andere recht grandios gescheitert, dies bitte nicht vergessen. Sollte Dortmund 2012 also auf den Plätzen eins bis drei einlaufen (gehen Sie davon aus!), dann wird Kloppo Pläne schmieden, seinen Fokus verschieben, um in der CL 2013 zumindest das Achtelfinale zu erreichen. Weil es einfach der nächste, legitime Schritt in der jungen Evolutionsgeschichte des modernen BVB von heute wäre. Try, Error, Try, Error, Try – Hit!

Das ist sie eben – schon zieht ja Schalke unter Horst Heldt philosophisch ähnlich nach, die Finanzen stimmen allerdings noch nicht so ganz – die neue, immer von einer gesunden Philosophie des Machbaren ausgehende, recht erdige, laufstarke, malochende, aber dennoch mit enorm viel Spaß- und Spielkultur gesegnete Leichtigkeit des Seins im Pott, basierend auf der Abwesenheit überzogener Erfolgszwänge und depperter hegemonialer Visionen a la (…usw.) Die Erfolgsmasche von Susi und Heldt, egal ob blau oder Geld, ´schuldigung: gelb – lautet also: Hauptsache vorne mit dabei – aber mit Anstand. Mit – mehr oder weniger – Charakter. Ohne „mit“ über 250 Millionen Steuerschulden (nur Steuerschulden, nicht Bankschulden) wie z.B. Atletico Madrid. Ohne sich – um ständig ganz vorne mit dabei zu sein (Meister) zu sehr verbiegen, manipulieren, verschulden zu müssen, wie z.B. Real Madrid. Schalke hat da, wer Bilanzen lesen kann, weiß es, noch einen ziemlichen Weg vor sich, einen deutlich weiteren  als der diese monetär-defizitäre Durststrecke bereits bewältigt habende BVB. Und genau an diesem Punkt beginnen die Unterschiede zwischen beiden Clubs evident zu werden. Wie geht Schalke mit seinen Bilanzen, seinem Haushalt, seinem Kader zukünftig um? Anderer Text, anderes Thema. Nein, eben nicht: Wenn die Führung Charakter bewiese, könnten auch die weißblauen schon bald in eine so angenehme Situation wie die schwarzgelben am Ende der Saison 2009/10 kommen. Was war da noch mal: der BVB schloss ab als Fünfter (2008/09 sechster), Tendenz langfristig schon erkennbar nach oben. Oder ist Gladbach mit Eberl und Favre jetzt schon in dieser Phase, die andere Borussia das neue Dortmund – und nicht Schalke?

Wo steht nun an dieser Stelle aber das irgendwie randständige, altmodische, heute gerne übersehene, übrig gebliebene Urgestein der Liga, der einzige unabgestiegene Dinosaurier, der große alte Verein von Magath, Hrubesch, Seeler, Stein und Kaltz, auch Wehmeyer, Ettmayer, wo ist er hin, der so erfolgreiche Swing aus der Zeit des auch musikalisch so versierten Charly Dörfel?

Thorsten Fink also. Mit Arnesen an den controls. Inzwischen sieht das ganz gut aus. Aber noch muss sich das arme, aber beseelte, gewillte, auch willensstarke, aber noch in ärmlicher Tabellen-Brache hausende Vögelchen einige dunkle Wochen lang durch den harten Winter bringen. Noch sind hier keine Frühlingsgefühle erlaubt, noch wird nicht tiriliert, musiziert, gejubelt, ein einstelliger Tabellenplatz ist allen Beteuerungen zum Trotz in weiter Ferne, und doch, der mehr als flüggge gewordene BVB ist sogar namentlich genanntes Vorbild, spätestens nach einem samstäglichen Sieg gegen die Bayern. Aber für wen ist der BVB momentan eigentlich nicht Vorbild?

Ja, man hat beim HSV doch eher das „Gefühl“, anders als z.B. im notorisch unruhigen Köln mit dem inzwischen (was ist da eigentlich genau passiert?) recht disharmonischen Gespann Finke – Solbakken, ziehen hier zwei recht unterschiedliche, aber doch in ihrem Tun recht gefestigte Menschen doch weitestgehend an einem Strang. Als ich am Dienstagabend in dieser grundsätzlich eigentlich recht öden Sky-Talkshow den sympathischen und stets sehr nachvollziehbaren Einlassungen des von Karl-Heinz Rummenigge unlängst als „charakterlich sauberen, seriösen Menschen“ bezeichneten Hamburger Trainers zuhörte, fragte ich mich unwillkürlich, ob es nicht doch einen amtlichen Lastenkatalog zur möglichst perfekten Erfüllung von „Charakter“ gäbe. Für das Individuum, für das Große Ganze, für „sein“ Team, für alle im Verein: Nachwuchsabteilung, alle Trainer, sportliche und wirtschaftliche Leitung – und Präsidium.

Ginge es nach unserem Bundestrainer, und wohl noch einigen anderen maßgeblichen  Coaches dieser Welt, so müssten für ein Erfolgsteam – unter einen charakterlich einwandfreien Menschen wie JL…und den Verantwortlichen des DFB (hmm – ja, genau, hier gerät der regelmäßige Beobachter beim Thema „Charakter“ direkt ins Stocken, denkt er an gewissen „Charaktere“..) – geeignete Spieler folgende Voraussetzungen erfüllen, nämlich…

Genau. Sackgasse, irgendwie. Ich verwerfe die Idee eines charakterlich definierten Lastenkataloges rund um große Erfolgsmannschaften wie …………………………. (bitte einsetzen) deshalb  gleich wieder. Ich verwerfe ihn auch aus folgenden Gründen. Große Erfolgsmannschaften haben ja vieles gemeinsam. Vor allem aber die Tatsache, dass sie sich, auf der Basis eines über mindestens zwei, drei Jahre verfestigten Spielerkerns rund um sechs, acht, zehn charakterlich standfeste, unerschütterliche, erfolgshungrige Leistungssportler, permanent weiterentwickeln. Weil diese Mannschaften das müssen – sonst werden sie überholt. Ganz schnell. Denn ganz oben ist es einsam. Oben stehen, heißt, immer weiter nach oben streben – so lange, bis das Ikarus-Prinzip greift, zumindest. Man überdreht. Und stürzt ab.

Aber noch ist der FC Barcelona nicht abgestürzt. Noch kann diese Mannschaft als erstes Team in der Geschichte des Champions League-Wettbewerbes den Titel ein zweites Mal hintereinander gewinnen. Aber schon zeigen erste Hinweise zumindest in der spanischen Liga auf Stagnation hin, Defizite in der Konstanz, Unaufmerksamkeiten, zu viele Lässigkeiten in der Chancen, deuten überfressene Sattheit an (Messi  verschoss am Mittwoch einen Elfer im Pokalhalbfinale, Barca verpasste den Sieg). Aber: Will Barca noch unbedingt die Meisterschaft, ein drittes Mal, will dieses Team das wirklich mit aller Macht erreichen?

Egal. Ein zweiter Platz, ein Pokalsieg in Spanien, eine weitere Teilnahme an einem Champions League-Finale (die letzten vier Finals hat man seit 1992 alle gewonnen) wäre schon ein Mega-Triumph für diesen Verein, der messbar um einiges vor Manchester United und einigen anderen Clubs seit über sechs Jahren das fußballerische Geschehen in Europa mit drei Champions League-Siegen so deutlich dominiert wie sonst kein modernes Team zuvor, zumindest nicht am Ende der 90er Jahre und in der ersten Hälfte der 00er Jahre. Warum? Weil Mannschaften wie der FC Barcelona das konnten – und wollten. Sie sind fast immer hungrig. Sie wollen andauernd spielen. Sie wollen immer weiter lernen, siegen, ihr Spiel immer weiter verbessern, auf allen nur denkbaren Ebenen, und sie wollen das vor allem zusammen erreichen, als Team, als Summe von verschiedensten Einzeltalenten. Sie geben sich – auch, ja gerade nicht Messi und Xavi –  niemals dem Trugschluss hin, sie seien schon perfekt. Weil sie es einfach – aus der Zukunft betrachtet – auch nicht sind, nie sein werden. Weil dieses Spiel noch in 100 Jahren zu komplex sein wird, um heute ganz vermessen und großkotzig einen etwaigen Endpunkt der Evolution vorhersagen zu können. Weil „wir“ schon 2016, 2018, 2022 wieder auf einem ganz anderen Niveau des Spiels sein werden, es wieder besser verstehen werden (ohne es jemals ganz verstehen zu können – auch wenn du in zehn Jahren theoretisch etwas wird sich nie ändern, auch wenn Du in dieser Zeit weit mehr als  1000 Spiele von Spitzenmannschaften in allen Stadien dieser Welt gucken könntest). Aber: Der Charakter, auch seine Bildung, für den Einzelnen, auch seine Ausbildung im Mannschaftsgefüge, der Teamgeist und dessen unermüdliche Schulung, das Teambuilding (vom Jugendtrainer bis zum Aufsichtsrat),  auch in einem moralischen, rundum in jeder noch so abgründigen (Spiel-)Situation verlässlichen Situation, werden immer noch Grundlage von dauerhaftem Erfolg sein – natürlich gepaart mit Talent, Spielintelligenz, Weiterentwicklung, Neuinterpretation des Spiels, spielerischen Kreativität und Flexibilität in jeder noch so scheinbar ausweglosen Lage.

Denn egal wann du auch wohin guckst: Teams wie – sagen wir Real Madrid mit Puskas, Gento und di Stefano in den 50er Jahren – befinden sich nicht nur in den 90 Minuten des eigentlichen Spiels sowie den Trainingseinheiten drum herum in ständiger Evolution, sie evolutionieren ihr Spiel, wenn nötig, direkt im laufenden Spiel selbst wie neulich weiland das moderne zuerst ja gegen seinen ursprünglichen Willen defensiv mourinhierte, offensive, lauf- und spielfreudige, irgendwie BVBeske Real Madrid beim großen Pokal-2:2 in Barcelona. (Randbemerkung: Was nur dafür spricht, dass Mou letztlich doch noch auch im höheren Alter lernfähig ist. Was wieder für ihn spricht, so ungern ich das hier an dieser Stelle sage, aber es ist so – hat halt nur ein bisserl lang gedauert. Mou hätte nur mal früher, seine Mou-systemimmanente Überaggressivität und Hypereitelkeit (langfristig ja immer kontraproduktiv, ja schlecht – wobei wir wieder beim Thema „Charakter“ sind) hin oder her, von seiner defensiven Strategie – denn er spielt hier mit Real, nicht mit Inter oder Juve – lassen und genauer hinschauen müssen: Wann hat je ein Team gegen das moderne Barca gewonnen, wenn es sich nur hinten rein gestellt hat? Nie.)

Fußnote: Nur einmal hat Inter Mailand, im Mourinho-Fieber, gepusht, wie unter Droge, mit diesem „Erfolgstrainer“,  die Champions League gewonnen. Einmal.

Aber was ist davon geblieben? Eine Nacht in Madrid. Und wo steht dieser ruhmreiche Verein heute?

Bestimmt aktuell nicht da, nicht fest gesetzt unter Europas Großen, nicht dort, wo die Internazionale in den 60er Jahren sich zweifellos befand. Anders gesagt: Mal gucken, ob Inter die CL-Quali ganz easy schafft in diesem Jahr. Alleine dass die Spekulation darüber möglich ist, das verböte sich doch eigentlich von selbst für ein Team mit diesem Kader. Aber Mourinho hat, wie so oft, wenn er denn geht, einen „Haufen“ hinterlassen, der dann halt schauen muss, wo er langfristig ohne die kurzfristig abgesetzte Droge Mourinho bleibt.

Große Teams sind, und da lege ich mich fest, per se uneitel, teamorientiert, das Team dominiert die Eitelkeiten auch von großen Stars einfach lässig weg, intergriert den Größenwahn mit Leichtigkeit, muss nicht davon leben, gewinnt – wie weiland der BVB ohne Götze – auch ohne hochgeschriebene, angeblich unverzichtbare „Stars“. Wie hat man vor dem Götze-Ausfall doch die angeblich negative BVB-Statistik ohne MG bemüht – nichts davon ist erneut negativ eingetreten. Große Teams – Dortmund braucht noch ein, eineinhalb Jahre – sie sind wie Real in den 50ern, Manchester United, Benfica Lissabon, Inter Mailand in den 60ern, wie Liverpool in den 70ern, vor allem 80ern, kurz teilweise noch 90ern (lest das neue Buch von Dietmar Hamann, den „Didi Man“!). Sie mögen manchmal sein wie Ying und Yang, Bayern und Gladbach in den 70ern, jedes auf seine Art. Beckenbauers Erfolge als Lichtgestalt –  ohne Schwarzenbeck (IV) und Bulle Roth (6er) – ohne Breitner, Maier, Hoeneß, Müller – undenkbar. Netzers Tiefenverständnis des Raumes – unerschließbar ohne Wimmer und Bonhoff (6er) – ohne Luggi Müller, Sieloff, Levebre, Simonsen, Kleff?  Teams.

Teams definieren – wie Barca, wie teilweise jetzt mal wieder Real (aber wie lange, wenn sich Mou im Sommer wieder Mal nach erfolgreicher Meister- und CL-Mission absetzt? Zerbricht nach einem möglichen CL-Triumph im milden Münchner Mai-Himmel das Ganze wieder, wenn Mou tatsächlich geht? Na, gehen Sie davon aus…) , wie der BVB, wie Gladbach, wie Tottenham, während der Matches ihr flutendes und bewegliches Spiel immer wieder neu, um zum Erfolg zu kommen, und sie, schon länger perfekt trainiert und ausgebildet, können das auch.  Im Gegensatz zu  wie manchmal im Spielverlauf erstarrenden, seltsam abwesend wirkenden, von den eigenen überzogenen Ansprüchen teilweise wie gelähmten Teams von Manchester City, teilweise auch Manchester United jetzt unter dem späten Ferguson.

Oder wie der manchmal so „seltsam gelähmte“ Mannschaften wie derzeit FC Bayern München. Woran hakt es hier vor allem?  Na – das Ensemble bzw. der Dirigent hält für jeden Mitgeiger derzeit nicht den absolut richtigen, passenden Platz parat. Dazu kommt vielleicht ein gewisse geistige, auch aus Angst vor dem derzeit ausbleibenden, für Bayern ja pflichtgemäßen Mega-Erfolg resultierende Hemmung bei einigen Spielern. Dazu kommt die daraus resultierende Blockade, unterstützt von einer aus der Distanz borniert anzuschauenden Lauffaulheit (und fragen sich beim Stande von 0-1: für wen mache ich das alles eigentlich? Für mich? Für den „Verein“? Für das „Team“? Aber wer bin ich eigentlich in diesem Spiel, und wenn ja, wie viele wirklich, die mich ernsthaft unterstützen, wenn’s auch mal nicht so gut läuft?). Vielleicht kommen ja in der Tat noch etwaige derzeit – anders als etwa bei Barca, bei Real, beim BVB oder bei MG –  zu stark ausgelebte Egoismen dazu beim ein oder anderen Bayern-Spieler. Es wäre hier dringlich Aufgabe des Trainerstabes, in allen Bereichen energisch gegenzusteuern, und hier wird sich bald zeigen: wie gut ist Josef Heynckes wirklich, in jeder Hinsicht? Von der Anamnese, der Diagnose bis zur erfolgreichen Therapie?)

Bayern kann es ja eigentlich, zumindest phasenweise haben die Münchner zu Beginn dieser Saison noch schöner, noch besser gespielt als jemals ever unter Louis van Gaal – mit Ausnahme vor allem der Spiele in Turin (letztes CL-Gruppenspiel gegen  Juventus  2009), in Lyon (CL-Halbfinale 2010-Rückspiel) und in Berlin (Pokalfinale 2010 gegen Werder Bremen).

Bayern kann es genau dann, wie alle anderen auch, wenn sie die innere Bereitschaft dazu aufbringen. Wenn der FC Bayern jetzt selbst an sich als großes Team glaubt und nicht immer nur wie Philipp Lahm davon spricht, dass hier in Zukunft „etwas großes entstehen kann.“ (diverse Interviews). Kokolores. Vertane Zeit. Wir leben heute. Alles andere ist bereits gestern.

Wirklich große Teams verweisen nicht auf die Zukunft, sie leben das „hier und heute“, das Jetzt, sie leben es bereits im Spiel aus, sie versuchen noch im laufenden Spiel – und nicht erst in den Analysen und Interviews danach –  jederzeit immer alles um zum Erfolg zu kommen, auch  wenn sie noch nicht am Zenit ihrer Entwicklung kratzen – und da befindet sich der FC Bayern in den kommenden Monaten, mitten im Konkurrenzkampf zu aufstrebenden Teams wie Gladbach, Schalke, Dortmund,  nicht gerade in einer ungefährlichen Situation. Es dürfte mit den Bayern dann, aber nur dann, wieder klappen, wenn die jungen Spieler, wie Klaus Augenthaler in unserer DVD „Hauptsache Fussball“ im Film selbst die Situation seines Herzensvereins ganz simpel und zutreffend beschreibt, „zusammenbleiben“. Nicht nur körperlich – innerlich vor allem. Als Team alles für den anderen geben, das ist gefragt. Körperlich, geistig, spielerisch. Das Leben ist kein sonnenverwöhntes Trainingslager in Katar. Es ist der Stolperrasen auf Schalke, es ist das nächste Auswärtsspiel bei einem neuerdings so furchtlosen, so ambitionierten Team wie dem Fink-HSV oder dem Post-Fink-FC Basel. Uh, das riecht schon von hier aus sehr spannend, sehr gefährlich. Bayern-Dramatik, ist es nicht schön?

Große Teams sind dann groß, weil sie nicht gleich verzweifeln, beleidigt sind, sich Vorwürfe machen, wenn es „mal nicht so läuft“. Das gibt es da nicht. Da wird miteinander gespielt, egal, wer dann aus dem 18er oder 24er Kader auf dem Platz steht. Und zwar weiter, immer weiter. Bis in der 121. Minute dann halt doch noch das erlösende 3-3 fällt. Egal ob in einem Madrider Vorort oder im Bernabeu selbst, völlig wurscht.

Groß, das meint in neuerer Zeit groß wie der FC Bayern 1999, 2000, 2001. Vor Ballack, vor Magath. Mit Hitzfeld, mit Kahn. Auch mit Effenberg, ja. Vor allem aber 2001 auch mit Scholl, Fink (!), Elber, Linke, mit Hargreaves, Kuffour, Andersson in den entscheidenden Spielen – in Hamburg. Gegen den HSV Und damit gegen Schalke). In Mailand. Gegen Valencia (für Europa). Davor in der CL mal eben Real und ManU in der CL ausgeschaltet, weggefiedelt. Peng. Mit einer Barca-Dreierkette in der damals so wahnsinnig erfolgreichen Bayern-Defense. Nun ja. Da war dieses rot-weiße Team also vor gut zehn Jahren schon mal. Ganz oben. Da muss also inzwischen irgendwas verloren gegangen sein, oder? Aber was? Kann Evolution auch rückwärts laufen?

Ballack war es schuld. Nerlinger isses schuld. Und Facebook ist weltweit an allem schuld.

Scherz beiseite: Die Bayern müssen „echt“ aufpassen. Sie haben nicht mehr diese Kontinuität wie mit Beckenbauer, Hoeneß, Müller. Oder mit Augenthaler, Breitner, Rummenigge. Mit Kahn, Elber, Effenberg, Scholl. Die hat jetzt der BVB, diese jetzt schon großkreutzige, dauerkloppende Kontinuität. Bayern – sie müssen jetzt schleunigst – und nicht erst übermorgen – beweisen, dass es so etwas gibt wie ein gemeinsames längerfristig berechenbares Vielfaches aus Neuer, Badstuber, Lahm, Schweinsteiger, Kroos, Müller, Gomez, das in die Zukunft hinein Früchte tragen kann. Sogar Ribéry kannst du da mit hineinnehmen, der Franzose fühlt sich in München inzwischen auch menschlich so wohl, was man auf dem Platz deutlich sieht, dass er mit zum Bayern-Kern hinzugerechnet werden kann. Alaba könnte noch einer werden. Robben? Wenn er sich Mühe gibt und sein Spiel weiter variabler macht. In seinem Fall heißt ganz klar die – extrem charakterstarke wie mannschaftsdienliche – Devise: Von Messi lernen – heißt mit dem ganzen Team siegen lernen. Vom BVB lernen – sonst bist du die Susi von morgen, Christian.

Ich glaube, wenn ein Verein – nennen wir ihn der Einfachheit halber weiter Bayern München – einen Spieler „ausbilden“, „holen“, erfolgreich ins Team integrieren möchten, wenn Milan, Inter, der AS Rom, oder Leverkusen, Arsenal, Chelsea, Liverpool, Lyon, Milan , Marseille, Monaco oder der BVB das machen, dann wird da immer ein Unterschied sein. Zuerst mal liegt der Unterschied in der feinen, aber äußerst wirksamen Betonung der Ausbildung auf „Kollektiv“, „miteinander“ und „Spielfreude“ – oder in der Betonung von Individualität, Durchsetzungsvermögen, eigener Spielstärke, Bayern-Gen, Siegermentalität. Oder in der Mischung, der jeweiligen vereinsintern ausgerichteten Mischung aller Komponenten. Guardiola oder Gerland? Perez, Hoeneß, Watzke oder Hopp (ein Scherz)? Whatever works – bis zu einem gewissen Grad, einem gewissen Niveau. Wie wichtig sind an diesem Punkt eigentlich die vereinsintern über die Jahrzehnte mehr oder weniger erfolgreich ausgelebten Traditionen – die so langjährig erfolgreich verinnerlichten „Gene“?

Wo ist da in unserer Diskussion, wenn man fragen darf, dann eigentlich beispielsweise ein deutlich erkennbares „Dortmund-Gen?“ Ein „Barca-Gen?“ Hm. Heißt das da „Schule“, nicht „Gen“? Wahrscheinlich. Und das sagt schon vieles. Hatte Guardiola ein „Gen“, eine „Siegermentalität“ von Cruyff respektive Van Gaal bei Barca übernommen, nein, hatte er nicht. Pep gibt sich nur nie zufrieden mit dem „Erreichten“. Pep hat seine äußerst anspruchsvolle Unzufriedenheit zudem äußerst genial in ein extrem erfolgreiches, vor allem von Werten getragenen Ausbildungssystem dauerhaft transferiert – und damit sozusagen verschult. Die Bayern-Schule? Ist grade mal abgetaucht, der relaunch allerdings bereits in vollem Gange. Die Bayern haben auch ausbildungsmäßig – trotz Müller, Badstuber, Lahm, Hummels, Schweinsteiger… – in die Fresse bekommen. Wo ist die zweite Mannschaft heute? Ganz weit weg von der Stelle, die derzeit z.B. der VFB Stuttgart II einnimmt.

Barca. Stagnation. Hat das Team seinen „Zenit bereits überschritten“? Steht das römische Reich vor dem Zerfall? Höchstes Niveau zerbröselt sehr schnell unter dem europaweiten, ja weltweiten Ansturm der hungrigen Fußball-Meute, schon ein halbes Jahr später spielst du als Barca nur noch ein müdes 0-0 heraus gegen Villareal und erreichst  im Pokal trotz tausend Chancen auch wegen eines vergebenen Messi-Elfers nur 1-1 in Valencia (mit Glück, der Barca-Keeper hätte in HZ 1 schon rot sehen müssen) und bist in der Liga nicht „plötzlich“, nein, sondern absolut absehbar, vielleicht, weil das letzte Feuer fehlt, sieben Punkte, sprich Lichtjahre hinter Real Madrid. Fernglas, Alter.

Betrachten wir diese Situation nun aber mal aus diesem Blickwinkel, schließlich ist es auch so: Barca hat in dieser Saison noch nie gegen Real verloren, und insgesamt seit Beginn der (Vor-)Saison 2010/11 nur ein Match der letzten acht  Vergleiche (das Pokalfinale 2011) gegen Real abgegeben. Vielleicht reicht Barca das – noch – als Beweis von „Stärke“ und Dominanz im in Spanien so bedeutsamen Duopol an der Spitze; aber das hat wohl auch einen gegenteiligen rebound, es macht wohl eher satt und unaufmerksam, und auch darauf kommt es bei diesen beiden sich permanent vergleichen müssenden Teams in ihrem unendlich währenden Konkurrenzkampf  mittelfristig an. Allerdings: Wenn José Mourinho Real wirklich zum Ende der Saison verlassen sollte, ändert sich erneut vieles im Gleichgewicht der Kräfte.

Ja, Kontinuität. Erfolge. Wann ist der Zenit endgültig erreicht, wann der Rubikon endgültig überschritten. Bei Barca, jetzt? So oder ähnlich war es wohl schon immer. Bist du satt, bist du satt – hast du aber in drei Stunden garantiert wieder Hunger. Und dann musst du dir überlegen, wie du deinen Hunger optimalerweise erneut stillst. Und eins ist doch dabei ganz klar: Du wirst dir niemals genau die gleiche Mahlzeit kochen wie einen halben oder einen ganzen Tag davor. Nein – du wirst allermeistens wollen, dass es noch ein wenig besser schmeckt als am Vortag, und nicht schlechter, und eben schon gar nicht exakt genauso wie zuvor. Wenn du aber schon seit langem auf sehr hohem Niveau kochst, und die drei Michelin-Sterne über die Jahre zur Gewohnheit geworden sind, dann machst du – bewusst oder nicht – schon mal ein kleines Päuschen. Oder? So übersinnlich hellwach ist kein noch so optimierter, perfektionierter Über-Guardiola (oder Mega-Mourinho – ying oder yang: nimm Dir, was du willst..) dieser Welt, dass er dein Spieler-Unbewusstes (und sein eigenes selbst schon gar nicht) jederzeit 24 Stunden am Tag perfekt kontrollieren kann…

Das „Dortmund-Gen“, übrigens, wollte ich an dieser Stelle mal raunen, das gibt es gar nicht. Gab es nicht 1996/97, gab es nicht 2002. Es gab nur falsches Wirtschaften und teilweise übertriebenen Starkult. Dortmund, das ist heute harte und intelligente Arbeit – und ein Gemeinschaftsgefühl, das zumindest auf nationaler Ebene Berge versetzen kann. Hamburg – das ist vor allem immer noch der „gute“ alte behäbige HSV – wenn auch nicht (mehr) so schlimm wie Köln immer noch der chaotisch-desperate FC ist. Torsten Fink weiß, dass er es besser hat als Solbakken. Er steht bereits an der Schwelle, allerdings noch weit vor dem Ausgangspunkt der ersten Kloppschen Dortmunder Saison von 2007/2008 (zur Erinnerung: BVB am Ende sechster Platz). Er hat es gut. Die Erwartungen sind nicht mehr so hoch beim HSV – noch nicht. Wenn er wider Erwarten tatsächlich noch den völlig unrealistischen sechsten Platz mit dem HSV schafft – gibt es neue Probleme. Diese Platzierung müsste nächste Saison – Anspruchsdenken, dem HSV nicht ganz fremd! – wohl erneut bestätigt werden. Aber das wird nicht passieren, das wäre mehr als nur Tagträumerei. Die Konkurrenz über Lev und Werder bis runter zu Hannover 96 ist einfach zu gut, zu stark.

Also: Fink kann angreifen, er kommt von unten, es kann nur aufwärts gehen, ja, er muss angreifen, arbeiten, arbeiten, denken, kommunizieren (nicht über die Medien), weiterarbeiten, weiter, immer weiter, und möglichst nicht zu viel davon nach außen dringen lassen. Intern Zeichen setzen, dann kommen die Zeichen bald auch dauerhaft extern gut rüber als zählbare Punkte, die gute „Wahrheit auf´m Platz“. Fink darf nicht die Geduld verlieren. Muss „seinen“ Spielern vertrauen – gerade gegen die Bayern. Thorsten Fink kann sich zudem sicher sein, dass „seine“ Spieler in diesem so wichtigen Match gegen den FC Bayern alles abrufen werden (auch darum, weil die meisten Mannschaften das inzwischen seit Jahrzehnten schon ganz gewohnheitsmäßig immer gegen die Bayern machen) und nicht, wie vor zwei Wochen gegen den BVB, nach einem – durchaus möglichen 0-2  – bereits aufgeben werden. Wenn sie das tun und sich wieder von einer Spitzenmannschaft abschlachten lassen, dann gibt es nur eins für Thorsten Fink und Frank Arnesen: Diese Saison komplett aufgeben, die Träumereien rund um Platz sechs oder sieben gemeinsam mit Arnesen ebenfalls abhaken, den Neuanfang wirklich radikal beginnen, die alten satten Typen – und davon gibt es ja einige – (fast) alle raushauen (wen davon nicht, das wird dieses Duo nach dieser Saison bestimmt sehr gut einschätzen können).

Aber noch weiß Fink nicht annähernd, wie es die nächsten Wochen genau laufen wird. Springt gegen die – angeblich, auch eine nette Mediengeschichte – „verunsicherten“ Bayern ein Dreier raus, könnte zweierlei passieren: Die Mannschaft wird zu überheblich und stürzt im Anschluss – hey: wir sind wieder wer! – erneut ab – dann war es das mit diesen Spielern – weg damit. Extreme Charakterschwäche. Oder: Die Mannschaft bleibt auf dem Boden und spielt und arbeitet sich peu à peu nach oben ins Einstellige – das wäre das Optimum, dafür wird Fink alles geben. Weil ihm auch gar nichts anderes übrig bleibt, weil er diese laufende Saison aus einem recht überschaubaren Topf aus Spielern schöpfen muss, weil methodische, geduldige Weiterbildung vielleicht nicht mit jedem dieser älteren, verdienten Spieler – Jarolim? Guerrero? Westermann? – „finktioniert“.

Torsten Fink wird am Ende auf Platz acht oder neun landen, vielleicht auch zehn oder sieben. Der HSV ist derzeit Mittelmaß – egal, ob er Bayern schlägt – wurscht. Er ist – noch – Mittelmaß. Er muss wieder Spitze werden, vom Kopf her, die Führung ist gefordert, und das gilt jetzt in stärkerem Maße noch für Verein wie Köln, Wolfsburg, Hoffenheim, Freiburg, Kaiserslautern, auch Nürnberg, aber besonders auch Berlin. Himmel, was ist da nur alles schiefgelaufen, Herr Finke, Herr Magath, Herr Preetz? Das Problem ist nur, oder auch: Alle Vereine haben („Business-„) Pläne, die diese Vereine an allen anderen Vereinen, die diese Pläne auch haben, vorbei, „in den nächsten drei, vier Jahren“, in die Spitzengruppe der ersten Liga bringen soll. Nur: rein mathematisch ist das nicht möglich, jede Kennziffer, jeder Platz kann platzhalterisch nur ein Mal vergeben werden. Leider. Ist eine dieser ewigen Wahrheiten.

Charakter. Teamgeist. Thorsten Fink lebt es vor, irgendwie wirkt er auch „glaubhaft“ dabei. Es hat in Bayern funktioniert, mit Leib und Seele, in München als Spieler, in Ingolstadt als Trainer, wie auch in der Schweiz, in unterschiedlichsten Ligen, unter schwierigen Bedingungen, stets waren die Ausgangslagen alles andere als eine „gmahde Wies´n“. Aber – er hatte Erfolg und er ist, so blöd das jetzt klingt, dabei Thorsten Fink geblieben. 1999, Finale gegen ManU, Fehler zum 1-1. Schwamm drüber. Eigentlich ist es Lothar Matthäus passiert. Er hat sich nur rechtzeitig über seine Auswechslung – wer geht schon in so einem Finale freiwillig raus? – der ganzen Verantwortung mehr oder weniger geschickt entzogen – wie so oft (andere Geschichte). Ach, Charakter…

In Hamburg sind die Spieler gefordert. Auch David Jarolim. Sie müssen jetzt mitziehen. In Berlin ist der Trainer gefordert. Er muss erst mal was zum Mitziehen entwickeln. Wenn er dazu in der Lage ist. Bei Bayern sind Trainerstab, operative Führung (Rummenigge, vor allem Nerlinger unter Druck) samt bayerischem Spieler-Kern plus Ribéry gefordert. Entweder wollen Schweinsteiger und Co. an die europäische Spitze – oder eben nicht so wirklich ganz. Das bedeutet ein absolut höheres, ja, ein Höchstmaß Maß an Miteinander im Team, Charakterstärke, Laufbereitschaft für den Mitspieler. Charakter.

Der FC Bayern sollte seinen Jungs dazu besser heute als morgen zwei Spiele in Vollaufzeichnung zeigen. Das eine ist das EM-Finale 1972. EM?

Obwohl Deutschland deutlich gegen die UdSSR führt und der Sieg nie gefährdet zu sein scheint, spielt einer immer noch Angriffspressing, läuft sich einer noch am Ende der zweiten Halbzeit immer noch die Hacken ab – damit ja nichts anbrennt: Es ist – Uli Hoeneß.

Das zweite Spiel ist das zweite CL-Finale 1974 gegen Atletico Madrid. Laufen für die Mannschaft.  Arbeit und Technik – Leistung und Einsatz – absoluter Siegeswille, Tempo, Schnelligkeit, taktische Überlegenheit, geistige Wachheit, Klasse Konterspiel, Robustheit, vorbildliches großkreutziges Pressingverhalten. Alles da, alles sichtbar. Wieder zelebriert in Person vor allem von Uli Hoeneß. Jetzt aber mal Schluss mit dem FC Hoeneß. Wo werden die Armen nur landen, wenn der mal nicht mehr da ist?

Borussia Mönchengladbach muss seinen Jungs nur die Tabelle zeigen. Der Rest kommt mit Favre ganz von alleine. Die wollen oben bleiben, die sind auf den Geschmack gekommen. Endgültig. Sie wissen, dass es geht. Das ist mit das wichtigste.

Schalke. Über diesem Team liegt irgendwie ein Schleier. Es will wohl insgeheim unbedingt Meister werden. Weil die Gelegenheit so günstig ist. Dortmund hat schon, Bayern schwächelt, Gladbach könnte man so grade noch auf Distanz halten, irgendwie. Wann, wenn nicht jetzt? Wo man schon mal  mit den vielleicht in dieser frühen Rückrundenphase schon etwas zu lässig auftrumpfenden Dortmundern punktgleich an der Spitze liegt – und der BVB noch nach Gelsenkirchen muss…und Dortmund hat ja schon. Denkt Schalke. Die haben schon. Wollen die wirklich nochmal? Nee, das ist unsere Chance..aber ob Schalke das auch wirklich kann? Meister werden?

Dortmund. Hier passt derzeit alles. Fast alles. Ein kleines Blättchen hat sich allerdings von vielen unbemerkt auf dem breiten Rücken des Erfolgsteams niedergelassen. Das Lässigkeits-Blättchen. Das „Wir sind ja schon Meister“ – Blättchen. Hm.

Schalke wird Meister.

1992, schreibt Philipp Selldorf heute in der „SZ“ („Wer wird Bademeister“), wurde nach einem Hammer-Dreikampf zwischen Frankfurt, Dortmund und Stuttgart am letzten Spieltag ausgerechnet der VFB Meister. Leider. Ich war damals für Frankfurt und Stepanovic, nicht für die Schwaben unter – wusste man da noch nicht – Kokser Daum. Aber das Leben ist kein Wunschkonzert, nicht immer steht die spielstärkste Mannschaft am Ende ganz oben.

Auch deshalb könnte, Fuchs Stevens sei Dank,  Schalke Meister werden, mehr zufällig vielleicht, aus einer Laune des Bundesligaschicksals heraus, trotz oder wegen dieser nicht grade charakterstarken, noch immer nicht ganz abgestreiften, griechisch-römischen Tönnies-Gutsherrenart-hier wird durchregiert-Schuldenpolitik. Das ganze Team, auch Horst Heldt, auch Stevens, sie machen einen sehr guten Eindruck. Und sie glauben an ihre Chance. Und sie kämpfen und spielen immer besser. Kein Team hat so oft Rückstände gedreht wie S04. Also muss doch irgendwo tief da drin bei Señor Raul & Co. eine gute Portion Wille und Charakter stecken, irgendwie, listig gewinnen, auf fuchsige Malocher-Hunter-Art. Langfristig aber enorm wichtig, sonst fängst du als Schalker nächste Saison wieder von neuem an, weil du, jede Saison den gleichen Fehler machst, ständig stolperst Du immer wieder neu über die blöde Kohle-Frage: Jetzt muss man endlich auch lernen, antizipieren, endlich begreifen, dass die Schulden weg müssen, man ist im Pott ja nicht Real Madrid, trotz Raul, da gibt es keine Analogien und da wird es nie gültige Vergleiche geben, weder der BVB noch S04, aber die schwarzgelben mussten für diese Erkenntnis ja auch fast in die finale Insolvenz, bis sie es endlich gerafft haben.

S04 also. Warum? Nun, Ausnahmen bestätigen die Regel. Siehe Wolfsburg 2009.

Auch hier stinkt heute, nur zweieinhalb Jahre später, der Fisch vom Kopf, spielt neben mangelnder Fußball-Kompetenz (oberste Vereinsführung) eine nicht allzu teamorientierte recht ego-shootende Charakterausprägung eine nicht ganz unwesentliche Rolle. Weder Wolfsburg – mit dem  „Einkaufsmessi“ (Facebook) Magath, noch Leverkusen – mit Stinkstiefel Ballack – werden dieses Jahr weit vorne eine wichtige Rolle spielen. Mit Ausnahme des Parts des wider Willen äußerst unterhaltsamen Pausenfüllers. Bei beiden Vereinen, und da lege ich mich fest, muss sich auch in Sachen Management, Vereinsführung und Gesamtausrichtung des sportlichen Sektors einiges zum Guten ändern. Und das gilt genauso auch für Hoffenheim, sonst war´s das schon bald mit der ersten Liga. Wer die zweite Liga verfolgt, weiß, wie viel sich da tut – und wie stark die ersten sechs, sieben Teams dort sind.

Was ich im Übrigen noch zu einem starken Charakter zähle: Die täglich neu zu beweisende, absolute Lernbereitschaft, den Bereich des Spiels ständig in Frage zu stellen, neu zu durchleuchten, neu zu interpretieren. Den unbedingten Willen zur ständigen Weiterbildung, die Kritikfähigkeit, die Kommunikationsfähigkeit, die menschliche und soziale Kompetenz, die heute jeder Spieler, aber insbesondere jeder Trainer (auch jeder Sportdirektor, jeder Manager) samt seinem Stab leben, verkörpern, ausstrahlen muss. Wir brauchen keine Aggro-Trainer, keine Kampfnaturen in Ballonseide, keine schwarze Trainerpädagogik, aber auch keine pseudoweichgespülten, grundlegend konfliktscheuen Allesversteher und -verzeiher ohne jegliche Führungsqualitäten. Wir brauchen weiter gut ausgebildete, kompetente, kluge, willensstarke, neuen Umfeldern gegenüber grundlegend positiv eingestellte (Robin Dutt?), auch im mittleren und späteren Alter noch lernwillige und lernfähige Fußballexperten, dabei sozial kompetente Menschen mit Charakter. Der Trainer, gerade er ist unter vielen, oft intern im Wirken der wichtigste, ab und zu im Pech und dann extern vor allen anderen der Blöde, auf dem Platz logischerweise halt nur am Rande wichtig. Aber da eben sehr wichtig. Der Trainer. Kein Charakterschwein. Eher ein Favre, ein Stevens, ein Hitzfeld, (ein Heynckes?), ein Klopp mit Pep, aber ohne zu viel Mou Mou, ein abgeregter Tuchel, Ein geläuterter, tatsächlich kommunikativerer Babbel, vielleicht auch ein bisserl ein weniger dickköpfiger Solbakken. So sehe ich´s.

Schalke auf Eins. Bayern wird Dritter. Gladbach Vierter. Dortmund Zweiter.

Okay. Schalke wird Zweiter, der BVB wieder Meister. Bayern Dritter. MG 4. Werder Fünfter. Lev siebter. Hannover sechster.

Eigentlich wäre ich ja für Gladbach. Wenn es schon der VfL Wolfsburg damals geschafft hat, warum dann nicht die Niederrheiner? Schade. Dann halt nächstes Jahr. Oder Schalke. Schalke wäre wirklich mal dran.

Bayern ist ja eigentlich dran. Wie jedes zweite Jahr. Bayern also.

Schalke.

Mönchengladbach.

Schalke.

Mönchengladbach nach einer Durststrecke in der kommenden Saison 2012/13 (nur Platz 5 oder 6) dann erster oder zweiter in 2013/14 – wenn Favre/Eberl bleiben.

Ist das nicht schön in dieser Saison, das eigentlich superschöne an dieser Saison, dass derzeit noch alles, wirklich ALLES möglich scheint, auch hinten raus nach unten weg, gerade da in diesem Bereich, ihr vereinsbrillenverseuchten Charakterschweine da draußen?

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