..und der Teamgeist, er bleibt auch unsichtbar..

„Wir zerstören alles, was wir betrachten“,  Felix Stephan, Feuilleton  „Süddeutschen Zeitung“, 20.3.2012.

„Die Bundesliga ist ein knallhartes Geschäft in einem  ganz engen Käfig.“ Reiner Calmund, 2011, in „Hauptsache Fussball – Junge Profis auf dem Weg ins Spiel“ (DVD).

Schon oft haben wir hier an dieser Stelle über jenen ominösen Team-Geist gesprochen, der glückliche Teams wie Borussia Dortmund oder den FC Barcelona mehr oder weniger dauerhaft  animiert und dadurch so gnadenlos vorhersehbar erfolgreich macht. Der so berechenbar scheint, so einfach – „11 Freunde müsst ihr sein! – ??“ – und doch, rein mathematisch betrachtet, so unberechenbar ist. Warum aber ist das so, und warum ist genau das so gut, oder schlecht? Keine Ahnung?

Als ob. Heutzutage wird alles vermarktet, gerade auch im Leistungssport, auch im Sportjournalismus. „Wenn Du einen Beweis oder echte Parameter für die Messbarkeit von Teamgeist gefunden hast, kannst du sofort einen ungefähr hundertseitigen Artikel darüber schreiben!“, so ein Redakteur einer deutschen Fußballzeitschrift irgendwann vor ein paar Wochen zu mir am Telefon. So oder so ähnlich. Ich würde gerne einen Artikel über dieses Thema schreiben, allein, es geht nicht, da ich über keinerlei „Beweise“ oder „Quellen“ verfüge, die den „Teamgeist“ bzw. sein Wirken versachlichen, geschweige denn beweisen könnten. Also geht das nicht mit diesem sehr ehrbaren Fußballmagazin und seiner aufrichtig empirischen Herangehensweise an die noch ungelüfteten Geheimnisse des Profifußballs. Aber..vielleicht kann man so auch an eine derart unheimliche Größe wie den „Teamgeist“ gar nicht herantreten – mit Wissen, oder Fragen an Wissende, oder Mathematik?

Teamgeist, dieser berühmte Mannschaftsgeist . Er hat ja tatsächlich nichts durchweg „geistiges“, geistvolles, ja aufklärerisch-durchdachtes, mittels aufwändiger geistiger Denk- und Diskussionsprozesse „Erkanntes“?  Es handelt sich bei „Teamspirit“ eher so um eine Art „Zustand“, ein positives über-individuelles Gefühl, ein instinktiv erfühltes Momentum, kreisend um das gemeinsame „Etwas“, die Verlässlichkeit auf die „Gemeinschaft“.  Ein Geist, der also das positiv-emotionale, das gefühlige Zusammenwirken einzelner meint, bzw. den Mehrwert davon. Einzelne Spieler, die im Team zusammen stärker, besser, erfolgreicher sind als andere Einzelne in  konkurrierenden Teams. Eben deswegen, weil sie und nicht die anderen diesen „Geist“ haben?  Haben?

Haben, damit können wir nicht dienen. Man kann diesen Geist nicht haben. Nach euren, nach allen  Maßstäben eigentlich eine spinnerte Formulierung, da spinne ich wirklich. Aber ich glaube an das, was ich schreibe. Auch wenn ich es nicht weiß, nicht wissen kann. Und das hat seine Gründe. Nein, falsch, zu wissenschaftlich: es hat seine Ursachen. Die so genannte Moderne, das wisst ihr alle, das ist schwer in der Diskussion, ist als komplexe Ausformung aller  reinen Verstandes- und Wissenslehren ja schwer in der Krise. Auch im Fußball, jetzt. Nach so kurzer Zeit. Irgendwie schade. Denn jetzt, wo die faktenhuberische, besserwisserische Moderne, vor wenigen Jahren erst, so gegen 2001/2006, den modernen calcio, soccer, auch den modernen deutschen Fußball, auch in Gestalten von Matthias Sammer, Jürgen Klinsmann, nur zum Teil auch in Gestalt der etwas Schamanenhafteren  Jogi Löw und Jürgen Klopp, erreicht hat, schwächelt sie da schon wieder.

Schade eigentlich, denn was hat diese Moderne uns nicht alles gebracht: Taktische Systeme, Gesundheitsvorsorge, 100 % Fitness, elektronische Hilfsmittel, tausend Kameras in den Trainingszentren, Matchpläne, gesunde Ernährung, falsche Achter, Neuner, Zehner, Zwischenspieler, 4-2-3-1 trallala, alles Tannenbaum – alles „erkannt“, über alles wurde geschrieben – irgendwie, und nun alles vorbei. Wir, d.h. wir Supersportexperten und Leistungszentrenerfinderleiter, wir  haben alles vermessen, untersucht, betrachtet, ausgerechnet – alle sind jetzt deswegen „auf Stand“. Auf Stillstand, ausgerechnet, sozusagen, jetzt.

Aber der Teamgeist. Als ob es den denn wirklich gäbe. Keine Ahnung. Niemand weiß es, niemand kann es beweisen, aber die, die ihn erlebt haben, können es erzählen, wie es war mit ihm, ihn tatsächlich im Gespräch noch mal beschwören. Das ist doch schon mal was. Teamgeist ist mal sichtbar, mal unsichtbar, er schlägt Kapriolen und ist doch zumeist gutmütig und fröhlich und geht seiner Wege, mal zu dem Team, mal zum nächsten, ja sogar ab und an zu Bayern München.  Ja Scheiße, Wahnsinn, warum macht er das? Nun, weil er, aus aufklärerischer und wissenschaftlicher Perspektive aus „betrachtet“, sozusagen tatsächlich unsichtbar ist. Teamgeist kann man nicht messen, er ist – immer noch nicht – nicht verwissenschaftlichbar. Teamgeist kann also auch nicht, so aufmerksam man auch ist, registriert werden, „gewusst“ werden. Er kann ergo nicht rationalisiert werden, er kann – auch deshalb – nicht befohlen, nicht antrainiert, nicht von erfolgsverwöhnten Fußballoberen ausgebeutet werden, er ist – sozusagen – eine Art Herzensangelegenheit, eine Seelenpein, etwas „romantisches“.  Teamgeist, der „Geist von Spiez“, der von „Rom“, von „Malente“,  von Lyon/Mailand 2001, entsteht besonders  gerne an geschichtsträchtigen Orten. Auch das sollte einem zu denken geben.

Und: Anders als sein seelenverwandter Bruder, der Kampfgeist“, ist der Teamgeist nur durch Wille und Einsatz nicht so leicht abrufbar, umsetzbar. Auch dann nicht,  wenn man ihn aktiv  bespricht, heraufbeschwört, schamanisch immer wieder sagt, „..die Stimmung ist eigentlich gut“ – bla bla bla. Gute Stimmung – nur so eine Phrase,  um von Problemen abzulenken. Ein  nettes Wort, ein Häppchen, für Journalisten. Für Außenstehende. Wie oft haben die Bayern-Profis vor Klinsmanns und van Gaals Entlassungen  betont, wie gut angeblich doch die Stimmungen seien, geschweige denn der Trainer. Gute Stimmung, das heißt gar nichts. Ist höchstens ein kleines Indiz dafür, dass nicht gerade jeder im Team mit den anderen dreifach über Kreuz liegt – sondern nur zweifach. Aber nur, weil du deinen Spindnachbarn nicht jede Sekunde völlig zum Kotzen findest, heißt das nicht, dass die gute Stimmung jederzeit in noch besseren Teamgeist umschlagen kann.

Nein, trotz angeblich  guter Stimmung: Man verliert dennoch, der echte Teamgeist verweigert sich einfach, man muss erst mal herausfinden warum, wer da die Stimmung tatsächlich stört, und warum, das ist schwierig. Nur weil Ribéry sagt, mit Van Gaal sei es schwierig gewesen und Heynckes sei wie ein Vater zu ihm, ist das noch keine Lösung, kein Indiz in Richtung Teamgeist. Öffentlich gemachter kommunikativer Vorschläge verweigert sich der T. sowieso – aus Prinzip, wahrscheinlich, der Bock.

Ach, Kommunikation, mal nicht via Medien, Google oder facebook. So richtig persönlich, Mann. Von Angesicht zu Angesicht. Nix handy, nix sms. Da gibt’s verschiedene Meinungen, die muss man ertragen, tolerieren, achten. Das kann hart sein.  Muss jeder aushalten. Grundsätzlich aber gilt: Der T. findet das gut, wenn die Jungs miteinander reden, wenn es mal nicht so läuft. Vielleicht kommt er dann zurück, manchmal, wenn es alle ehrlich meinen, manchmal leider auch zu spät, aber was solls. Hauptsache, er ist wieder da, und man steigt nächstes Jahr wieder auf. Oder wird halt dann nächstes Jahr Meister, oder Vierter, oder Pokalsieger, oder was man sich halt so vornimmt. Wenn man dann noch in dem betroffenem Team ist. Hmh. Tja. Raul, Dante. Diese Problematik. Ganz schön schwierig.

Aber manchmal kann man auch mit und unter allen so viel reden wie man will, wenn es einige im Team nicht ehrlich meinen, funktioniert es sowieso nicht mit dem Teamgeist. Dieser Unangreifbare, Unfassbare, er verweigert sich vor allem auch dem leichthin gesprochenen Wort, er muss vor allem gefühlt, echt gespürt werden, ausdenken kann man ihn sich nicht, dem anderen anbefehlen schon gar nicht.

Der Teamgeist ist zwar etwas erdenkliches, ersichtliches, man sieht ihn schon, wenn ein Team „funktioniert“ (Stichwort „Schnick Schnack Schnuck, in dieser Saison bei Gladbach und Bayern), aber Teamgeist ist nicht so einfach „machbar“. Teamgeist ist vieles, kann vieles sein, vieles beweisen, viel macht ihn aus. Viele Details müssen passen, es kann gute Anstöße geben, echte Aussprachen zum Beispiel, oder ein gemeinschaftlicher geiler „Mannschaftsabend“ oder eine passende Ansprache oder Präsenz des echten einzigen Fußball-Kaisers, z.B. 1990 in Rom oder 2001 in Lyon, dies kann ihn, diesen Geist, vielleicht, initiieren, anstoßen – aber nicht mehr. Er muss „sich einstellen“, fast wie von alleine, sich dann mit der übergroßen Mehrzahl des Teams verbinden, die Mitglieder des Teams müssen „an ihn glauben“, um ihn nicht sofort wieder zu verlieren, er darf keinesfalls nicht wieder verloren gehen. Siehe Lucien Favre in Berlin, siehe Lucien Favre in Mönchengladbach. Also auch für die Besten ihn zu halten ist gar nicht einfach, denn Teamgeist ist flüchtig. In der realen Welt so sehr wie in der geistigen, intellektuellen, taktilen, strategischen, vermessenen Welt – beispielsweise der der Tuchels und der Klopps. Aber warum haben deren Teams dann den Teamgeist, den auch noch, wo sie doch dank ihrer Hammer-Strategien und ausgefuchsten Taktiken sowieso schon so erfolgreich sind?

Der Teamgeist mag  es wie geschildert gar nicht, wenn extern übermäßig viel geredet wird, und vor allem nicht, wenn intern zu viel Quatsch geredet wird. Wenn geklatscht wird, getratscht, übermäßig viel Bullshit verzapft wird, auf dem Platz, daneben, dahinter, darüber auf dem Tribünen, davor, danach in der Presse, egal. Das kann man zumindest sagen, ja, wenn auch nicht empirisch beweisen, Teamgeist und kommunikative, auch Wissens-Kompetenz, das widerspricht sich selten, das kommt gut, Teamgeist und Eitelkeit dagegen schon, zumindest meistens, siehe eben Van Gaal.

Deswegen zurück zu Jürgen Klopp, der einzigartig toll ist, wie Pep Guardiola, weil er Fußballsachverstand und soziale Kompetenz in einer  einzigen Person bündelt, was ihn fast schon übermenschlich erscheinen lässt, und auch fassbar auf der anderen Seite. Auch darum, weil wir Menschen scheinbar nur in und mit individuellen Kategorien und Vorstellungen leben können. Immerhin können wir Klopps und Guardiolas Wirken auf die jeweiligen Vereine projizieren – das funktioniert in unserer Vorstellung. Klopp ist der Schlüssel zu dem Teamgeist seines Teams. Klopp hat dazu eine recht große Ahnung vom Erzeugen positiver „Gefühle“. Wie Arnd Zeigler in „Hauptsache Fussball“ 2011 schon lange vor der  Meisterschaft sagt: besonders als junger Spieler würde man sich bei Klopp auch in zweifelhaften Phasen halbwegs geborgen fühlen, in denen es „..eben mal nicht so gut läuft“.  Ist Jürgen Klopp also Bundesligaweit betrachtet vielleicht sogar derzeit der einzige leibhaftige personifizierte Teamgeist? Oder der Wirkungsvollste? Was ist mit Josef Heynckes, Huub Stevens?

An diesem Punkt wird es schwierig, denn das dürfte kein Trainer, auch nicht Jürgen Klopp nie und nimmer öffentlich zugeben. Denn Teamgeist scheint nur als Geheimnis, aus unaussprechliches, insgeheim gefühltes und verabredetes „Gefühl“, ja als eine Art Seelenverwandtschaft zwischen Trainerstab (und Management, Präsidium) und den allermeisten seiner Spieler,  zu funktionieren.  Würde Jürgen Klopp über seine nach innen wirkende Rolle beim BVB spekulieren, dann wäre es nicht mehr weit her mit dem Teamgeist. Sofort würden Gegenmächte auf den Plan gerufen, die verschwörerische, anzweifelnde,  negative Verabredungen zuungunsten des Klopp-BVBs treffen würden, einfach nur so aus bösem Spaß an der negativen Freud, getreu dem alten so wirkungsvollen wie  intriganten Motto: „Das wollen wir doch mal sehen, ob wir da nicht was machen können.“ MACHEN WIR UNS NICHTS VOR: „Die Bundesliga ist ein knallhartes Geschäft, in einem ganz engen Käfig“ (Calmund).  Nur einer wird Meister, einer Pokalsieger, aber zwei oder drei Teams steigen ab. Auf jeden Fall.

Ja. Da wird von allen möglichen Seiten alles versucht ,den Konkurrenten innerhalb des Vereins und den Konkurrenten außerhalb, unter den Vereinen ein oder mehrere Beine zu stellen. Noch glänzt Klopp, noch ist er Cäsar, aber wer weiß, wie lange er den Teamgeist noch kultivieren kann, wie lange der Teamgeist beim BVB noch verweilen wird. Wo ist er,  wo lauert er, der noch unsichtbare Brutus?  Denn, nun, leider, Jürgen Klopp hat schon einen Fehler gemacht, vor Wochen schon, er hat über fehlenden Teamgeist gesprochen, bei den Bayern, indirekt zwar nur, aber immerhin, er hat den unsichtbaren Teamgeist sichtbar gemacht – und das könnte sich noch rächen am Ende des Tages, äh, der Saison. Er hat gesagt, ojemine, „..wenn die ins Rollen kommen, dann..“ und damit waren eben die Bayern gemeint. Die, beileibe nicht blöd, sind direkt aufgewacht, haben auf diese Art gemerkt, Mist, genau das ist es, uns fehlt ja der Teamgeist, und haben das Ding mit den schnellen Rädern, mit den Turbo-Rollen gesucht, diesen Express, den unsichtbaren Teamgeist-Hogwarts-Express, und jetzt haben sie ihn gefunden.  Jetzt geht es ab gegen Dortmund. Liga, Pokal, überall.

Klopp weiß das alles eigentlich ja sehr genau, wie sehr auch Worte schaden können, wenn sie denn geheime Beobachtungen und Erkenntnisse öffentlich machen. Schade nur, dass er einmal, nur einmal die Klappe nicht halten konnte. Geld, ach Geld, auch das wird überbewertet, schießt in schlechten teamgeistlosen Monaten kaum Tore – oder immerhin ein paar weniger als die Konkurrenz – und „Zahlen“ und „Fakten“ werden sowieso derzeit leicht überbewertet. Jürgen Klopp, er hat es hingegen perfekt verinnerlicht:  harte Arbeit, Wissen bis zur Perfektion, dazu ein gerissener, schlauer Master-Plan  – sozusagen die sinnlich geerdete und komplexe  Matrix des tagtäglichen „Matchplanes“, der ja nur von Spiel zu Spiel gilt – ist das a und o.

Und dann brauchst du für deine Erkenntnisse, deinen Plan, deine Vorstellungen als Trainer, als Klopp oder Guardiola halt all die perfekten Teamplayer, die den Team-Geist live sofort  aktivieren können, die unsichtbar hypermegaschlau auf dem Platz agieren, wie z.B. Großkreutz, nein, ´tschuldigung, Gündogan, Raul, Fuchs, Reus, Ribéry, Özil, oder – Xavi, Iniesta, Alves, Puyol, und Schweinsteiger, Kroos, Götze, äh, ja: Lionel Messi. Ist er nicht der Beste? Ist der kleine Argentinier nicht manchmal richtig unsichtbar auf dem Platz, tarnt sich perfekt vor dem tödlichen Lupfer? Ist er nicht sozusagen auch durch diese gelungene zeitweise Verneinung des eigenen Existenz  in bestimmten Phasen mitten im Spiel der perfekteste Teamplayer aller Zeiten? Läuft s bei der Borussia jetzt sogar ohne Götze und mit Gündogan sehr sehr gut? Und bei Bayern ohne Schweinsteiger? Wie wichtig, wie sehr oder wenig entscheidend ist das zeitweise FEHLEN von angeblichen „Schlüsselelementen“, „Schlüsselspielern“ für das Team ALS GANZES? Wenn DAS TEAM den GEIST hat?

Der Geist, der unsichtbare Geist: Was wir alles nicht sehen, weil wir das Spiel nur ballzentriert betrachten, das ist doch der Clou. Das ist zumindest das eine, unser immer noch zu individueller Blick auf das Spiel, die Spieler, der eigensinnige Blick, der uns den Teamgeist der spielenden Teams verbirgt. Und das bei al den unsichtbaren anderen Momenten, die wir nicht sehen können, weil wir nicht alles gleichzeitig sehen können,  all die andren Spieler auf dem Platz, die in diesem spannendem Moment unsichtbar scheinen?

Aber auch das ist noch nicht die ganze Wahrheit, denn dann könnten wir das Spiel ja einfach nur zu 100 Prozent vermessen. Was wir ja auch machen, aber erst nachher, erst danach machen KÖNNEN! So ist man ja auch immer nur  – wie schon in all den Computerlosen Jahren zuvor, vorher – NACH dem Spiel schlauer. Da empfehlen wir sehr die Analysen der gelungenen Seite von Spielverlagerung.de. Da erfährst du alles. Danach.

Fast alles. Denn auch die Computerspielchen danach und all die 3D-Grafiken, sie alle zeigen uns nicht den Kern des Spiels, den Teamgeist, sie zeigen nur auf, wer sich wie schnell wie lange oft wohin mehr oder weniger richtig bewegt – aber mit welchem Geist, welchem Spirit, welchem Gefühl im Bauch, welcher Zuversicht, Entschlossenheit, im Körper, im Herzen, in der Seele? Wer von uns weiß schon, ob Mario Gomez oder Pedro oder Dante oder Huntelaar Angst haben im Moment des Torschusses oder nicht oder nur manchmal? Manchmal sieht man es  auch im Gesicht des Schützen, beim Elfmeter, bei Kahn 2001 in der entschlossenen Ausstrahlung des Torhüters im CL-Finale gegen Valencia. Bei Effenberg die gesamten 120 Minuten über auf dem Platz in diesem Spiel, das für ihn gefühlt ganz einfach unverlierbar war – und damit auch unverlierbar für seine Mannschaft. Warum gelingt Lionel Messi der x-te Lupfer über den Keeper – und Cesc Fabregas nicht? Warum können wir das nicht messen, was in diesen Momenten geschieht? Warum hat Fink gegen Manchester den Ball 1999 im eigentlich schon gewonnenen CL-Finale Bayern-Manchester nicht einfach nach vorne weg gehauen? Damit zwei Jahre später Kahn und Effenberg die Sache richten mussten? Warum muss alles immer so  kompliziert sein, jetzt auch wieder mit dem HSV? Warum können die nicht „einfach“ mal ganz normal absteigen wie jede andere Erstligamannschaft auch? Nein, damit wir uns hier nicht falsch verstehen: Ich wünsche Niemandem den Abstieg, schon gar nicht dem HSV.  Aber zwei Teams, vielleicht sogar drei, müssen runter. Grausam, aber wahr.

Zurück zu Messi, das ist verbürgt, der agiert nicht halb so glücklich und erfolgreich in seinem Nationalteam. Fühlt er sich da am Ende nicht wirklich wohl? Weil ihm immer und immer wieder gesagt wird, er sei ja gar kein echter Argentinier in dieser Mannschaft? Voll gemein, oder? Zeigt wohl Wirkung. In der Seele. Die Wahrheit ist, auch, dass die da alle nicht so gut spielen können, zumindest nicht so gut zusammen harmonieren wie in Barcelona. Oder? Sonst würde Messi ja auch mehr oder weniger in der argentinischen Nationalmannschaft „funktionieren“. Aber auch das tut ein LM nicht, weil ein LM nicht funktioniert, nicht einfach so. Auch nicht, wenn er das zehnfache verdienen würde pro Monat. Entweder er spielt mit Leib UND Seele, oder gar nicht. Und echte Seele, in der Nationalmannschaft, nach all den Verwerfungen der letzten Jahre, ach, ich weiß nicht. Messi ist ein Spieler, er brauch ein gute Atmosphäre auf dem Platz, das muss stimmen, er muss sich auf die anderen verlassen können, im Doppelpass, in der taktischen Bewegung einer Finte, die verlassen sich ja auch auf ihn, alle, gerade in seinen unsichtbaren Momenten ist er da, sichtbar spätestens wieder im > Gegenpressing.

Messi spielt. Nach vorne, nach hinten. Spielt immer mit, auch wenn er mal „nur so herumsteht, um Kraft zu sparen.“ Er wirkt gelöst. Die Ökonomie der Kräfte, der Kraftreserveren, auch das funktioniert sehr gut bei Barca, noch nicht so gut übrigens derzeit beim BVB, der sich zur Zeit alles erkämpfen muss. Noch ist der Teamgeist da, noch klappt es, auch gegen den starken Fürther Teamgeist, der sich im entscheidenden Moment leider zu sehr auf eine Person verlassen hat – und schon ging es schief. Besser dagegen wieder bei  Bayern, von denen es noch hieß, sie hätten nicht die absolute Power über 90 Minuten und ließen in Hälfte Zwei zu oft nach – nichts von dieser Schwäche wurde im Pokal über 120 Minuten gegen Gladbach bemerkt. Auch gegen Hoffenheim, Berlin und Basel nicht, übrigens. Aber jetzt kommt ja Hannover. Mit Teamgeist. Auf alle Fälle.

Messi. Er hat das komplette Spiel als solches zusammen mit Xavi  in diesem Jahren am besten verinnerlicht.  Vor allem spielt er IMMER  MIT  den anderen, nicht OHNE sie. Ohne sein Team wäre er auch nichts, das ist doch klar, soll er allein gegen 11 Realos oder Milanisti oder Uniteds oder Bayern gewinnen, wie soll das gehen? Das ist es, was man jede Woche seit Jahren nun schon bei Barcelona beobachten kann, das bedingungslose Miteinander. „Demütige Spieler“, wie Joachim Löw gesagt hat, das ist es, was ein Team erfolgreich macht. Und wenn das Miteinander an anderen Orten, mit anderen Spielern, zum Beispiel im Nationalteam, nicht geht, dann kommt Messi buchstäblich nicht zu seinem Spiel. Weil kein Team da ist, mit dem er spielen kann, es existiert einfach nicht wirklich, kein Team ist ein Team, nur weil elf bis 16 Spieler sich ein paar Tage im Jahr versammeln, via Landesfarben, und dann zusammen „großes“ vollbringen sollen. Siehe auch das schwächelnde „England“. Ergo kann sich unter diesen Umständen auch kein echter Teamgeist bilden, ohne diese Basis, geschweige denn auf dem Platz zeigen.

Messi, ist doch auch klar, liegt auf der Hand hat er grade wieder gesagt, wird niemals wechseln. Klopp bleibt ja auch bis 2016 beim BVB. Eine halbe Ewigkeit für einen Trainer. Und Messi. Auch das kann ich nur behaupten, aber ich weiß es eigentlich, habe es verinnerlicht: Die besten Spieler der Welt, jahrzehntübergreifend betrachtet, empirisch untersucht, waren diejenigen, die am wenigsten gewechselt sind – von einem Team zu andren. Beckenbauer. Cruyff. Pele. Stichwort Messi – Stichwort Anelka. Sie blieben einfach da, wo der Teamgeist besonders ausgeprägt war – und feierten dort die meisten Erfolge, hatten den größten Spaß. So einfach ist das. Wo spielt Anelka gleich nochmal momentan? Egal? Ribéry hats gerafft, Anelka nicht. Ronaldinho auch nicht so wirklich. Doch Ribéry, er ist, bleibt da, wo er sich wohlfühlt. Teamgeist. Koa Mitleid mit den penetranten Wanderhuren.

Ja, der T. Noch können wir ihn nicht sehen, visualisieren, vermessen, bewerten. Gott sei Dank, vielleicht, vielleicht sollten wir das nie können.  Denn, wir Menschen, wir sollten nicht alles entschlüsseln können, das ist wohl auch nicht vorgesehen im Rahmen der Evolution, an der letztlich auch wir scheitern werden. Die entschlüsselte Ökonomie, die perfekte Empirie des Fußballspiels, das führte uns nur zu einem kalten, einsamen Anfang zurück, zum Beginn aller Dinge, zu unbesiedeltem Land, zu einer perfekt vermessenen Fläche im Raum mit allseits bewegliche Kunst-Figuren, die sich immer wieder aufs neue perfekt ausrechnen lassen – und sonst gar nichts sind, nichts mehr bedeuten, für niemanden.

Ja, wir Menschen, wir Journalisten, Filmer, Wissenschaftler, Mediziner, Vorstände, Manager, wir mit unseren isolierten unterkühlten „wissenschaftlichen“ Blicken,  wir trachten vielleicht danach, alles zu sehen, zu kontrollieren, aber dann passiert doch immer wieder folgendes: Der Geist in den Dingen, in den Zuständen, er entzieht sich, und das Gegenteil passiert: „Wir zerstören alles, was wir betrachten“, so am 20. März 2012 Felix Stephan in der „Süddeutschen Zeitung“, über Animismus. Über..was? Egal. Gibt’s grade eine Ausstellung in Berlin dazu. Und genau darum ist es  zu begrüßen, dass wir auf absehbare Zeit eher keine Chance haben werden , ALLES im Fussball innerhalb des linearen Ablaufs eines Filmes, eines Spieles, eines Events, nennt es wie ihr wollt – zu betrachten, das schafft das Auge nicht, das fühlt das Gefühl nicht, und man ist von den 22 einzelnen auf dem Platz auch viel zu weit weg, auch als Mit- oder Gegenspieler übrigens.

Ja , diese ominösen 90 Minuten hintereinander, Sekunde für Sekunde, Frame für Frame gereiht wie Perlen an einer fast endlosen Kette, es wird noch ein wenig dauern, bis man entscheidend mehr darüber weiß im Sinne einer funktionierenden Vorplanung des nächsten Spiels, geschweige denn alles. Aber das ist mit Mutter Erde ja genauso. Und mit unseren Nächsten, die uns im nächsten Moment schon wieder so fremd sein können. Ja, danach, da können wir über alles reden – aber davor, ist alles nur, hoffentlich, beste Absicht, einiges planbar, vieles wird ganz anders laufen als geplant – nur nicht bei Messi.

Messi ist bekannt dafür, dass er nicht viel redet in Interviews. Das schützt schon mal. Er animiert uns eher über die Maßen über sein reines Spiel, in und mit seiner Mannschaft. Und wir? Wir reduzieren dies im Nachgang  – in Interviews, in der „Analyse“  – oft wieder nur auf isolierte Namen. Xavi war gut, Messi super, Iniesta heute hingegen eher schwach. Wer Fußball so betrachtet, wird nie hinter seine Geheimnisse kommen, will es ja auch vielleicht gar nicht, braucht nur Spektakel, Ablenkung, Siege. Nur derjenige wird die geheimen Raster des  Spiels etwas mehr enträtseln, der das reine zielfokussierte Sehen aufgibt, und der mehr hinein spürt, in die Körper, in die Gesichter, ins Spiel aller auf dem Platz, dorthin, wo man den Teamgeist, den Geist, die Seele des Spiels,  vielleicht, selten, nur manchmal,  tatsächlich sehen kann.

Der echte Teamgeist. Allerdings, bei einigen Teams ist er flüchtiger als bei anderen, bei einigen Spielern wird er gar nie sichtbar („Stinkstiefel“) – schlecht für die Mannschaft.  Nun gut: Was vielleicht nur bedeuten kann, dass noch andere Parameter für den Ausgang all der Spiele, die in den nächsten Jahren noch kommen werden, entscheidend sein werden. Nämlich Glück. Der Schiedsrichter. Einwechslungen. Das Wetter. Der Platz. Asiatische oder italienische Wettmafiosi. Die UEFA-Kommission. Die FIFA. Der DFB. Wie lange Uli Hoeneß noch mitmacht. Die Tagesform. Das Bauchgefühl. Die bessere Taktik. Dass Dortmund auch in der Champions League seinen Teamgeist zelebriert und wenigstens mal ins Achtelfinale kommt. Die furchtloseren und schlaueren Spieler auf dem Platz. Der stärkere Teamgeist. Was weiß schon ich? Ich sage jetzt nichts mehr. Ich habe viel zu viel geschrieben. Ich weiß aber eigentlich gar nichts, wie ihr wiederum jetzt wisst.

Bis auf folgendes: Wenn ich meinen kleine Sohn ärgere, ihn mal wieder kitzle ohne Ende, statt einfach mit ihm zu kicken, dann musste er bis vor kurzem „Beckenbauer“ sagen,  damit ich aufhöre. Sonst habe ich gnadenlos weitergemacht. Dann, 2011 im Mai, haben wir das Kitzel-Passwort auf „Hoeneß“ geändert. Andreas Bach

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