Grün wie die Hoffnung?

Um meiner Trauer endlich Luft zu machen und angesichts großer Sorge vor dem Spiel gegen die Bayern – die für eine Abwehr wie die Bremer auch mit B-Elf und Bernabeu im Hinterkopf brandgefährlich sein werden  – schrieb ich gestern einige Zeilen über Werder. Und gerade, als ich ihn posten wollte, stellte ich fest, dass sich ein Kollege von http://www.gibmich-diekirsche.de  am gleichen Tag über dasselbe Thema ausgelassen hat. Er spricht mir aus der Seele:

http://www.gibmich-diekirsche.de/berichtsanzeige/?pid=92&uid=764

Auch mir dämmert: Eines der Probleme könnte die berühmte Mittelfeld-Raute sein. Seit längerer Zeit spielen die meisten erfolgreichen Mannschaften im 4-2-3-1: Zwei „Sechser“ vor der Abwehr, zwei schnelle Flügelspieler, ein zentraler Stürmer. Nicht so Werder: Seit den glorreichen Meisterzeiten von Micoud, Ailton, Krstajic und Ismael hat sich hier taktisch wenig geändert: ein Sechser, zwei Mittelfeldspieler rechts und links, ein Zehner, zwei Stürmer. Wenn das ganze Team mit guten bis exzellenten Einzelkönnern besetzt ist – und ein herausragender „Regisseur“ die offensiven Fäden zieht, können dabei rauschhafte Spiele herauskommen. Wenn es aber nur zwei bis drei richtig „Gute“ gibt, wird die Abwehr löchrig, die Entlastung aus der Offensive fällt weg, und die Spiele enden eben nicht mehr 5:4, sondern 0:5.

Und diese Problematik gibt es nicht erst seit gestern: In der Saison 2009/10 riss Özil kurz vor seinem überraschend nahtlosen Aufstieg in den Madrider Olymp das Niveau der ganzen Mannschaft noch einmal nach oben. Auch seine offensiven Nebenleute Marin und Hunt pushte er zu Höchstleistungen. Da reichte es erneut zu Platz drei – einer Platzierung, an die wir uns seit dem Meisterjahr beinahe gewöhnt hatten. Doch bereits im Jahr davor hatte es heftig gekriselt, von der Dauerbaustelle Abwehr war die Rede, und 2010/11, der ersten Saison seit Langem, in der kein erstklassiger Zehner (Micoud, Diego, Mesut) mehr zur Verfügung stand, krachte Werder prompt in den Tabellenkeller und hielt nur mühsam die Klasse.

Dabei sind die Probleme seit Jahren so offensichtlich wie unverändert. Die Schlagworte: Taktik und Abwehr. Und es drängt sich der Eindruck auf, als komme noch ein Problem hinzu: die medizinische Abteilung. Ivan Klasnics verschlepptes Nierenleiden schockierte und stimmte skeptisch. Fast noch misstrauischer macht aber die ständige Bremer „Verletztenmisere“. Beinahe jedes Jahr stehen Schaaf etliche Spieler monatelang nicht zur Verfügung, weil sie in der Reha festhängen oder irgendwelche chronischen Verletzungen mit sich herumschleppen, zu denen den Bremer Ärzten keine effektiven Behandlungen einfallen – wenn sie denn überhaupt zu einer verbindlichen Diagnose kommen: Naldo, Borowski, Silvestre, Hunt sind hier nur einige Namen. Ist das Schicksal, oder würden das andere Ärzte vielleicht besser und schneller hinbekommen?

Der Zustand „meines“ Vereins tut mir in der Seele weh – nicht vor allem wegen der anhaltenden Ergebniskrise und der fallenden Formkurve in der Rückrunde. Es ist einfach traurig, mit ansehen zu müssen, wie die Mannschaft stagniert und nichts Entscheidendes dagegen getan wird. Hier und da gelingt Klaus Allofs noch mal ein Transferschnäppchen, siehe Sokratis, manchmal sind die Folgen eines Transferflops nicht so dramatisch, siehe Wesley, den man fast ohne Verlust wieder loswurde. Manchmal gelingt es Schaaf sogar, Spieler aus der eigenen Jugend einigermaßen erfolgreich ins Team zu integrieren, siehe Bargfrede und in Kürze wohl auch Sebastian Mielitz, nachdem Wiese sich verabschiedet hat. In die ca. 18-jährigen Trybull, Füllkrug und Hartherz werden momentan einige Hoffnungen gesetzt, doch ist für mich noch völlig unklar, in welche Richtung sie sich dauerhaft entwickeln werden. Ich frage mich auch, ob Schaaf ihnen überhaupt die Chance gegeben hätte, wenn die erste Elf immer verfügbar gewesen wäre – und ob er das weiter tun wird, sobald ältere Spieler genesen sind. Immerhin „kam“, verglichen mit anderen Clubs, in den letzten Jahren ziemlich wenig aus Werders Amateurmannschaft, obwohl die bis zum Ende dieser Saison sogar in der Dritten Liga spielt –neben Stuttgart als einzige U23 eines Erstligisten. Deshalb bin ich noch lange nicht überzeugt, dass hier von einer konsequenten Nachwuchsstrategie die Rede sein kann, obwohl die in Bremen ja ökonomisch allemal geboten wäre. Schließlich ist unübersehbar, dass das an sich clevere und früher so erfolgreiche Konzept des Vereins – kaufe für wenig Geld unterschätzte Bankdrücker aus ganz Europa, bringe sie an der Weser zum Aufblühen und zelebriere mit ihnen risiko-, tor- und erfolgreichen Hurrafußball – nicht mehr funktioniert. Zu viele sind inzwischen auf die gleiche Idee gekommen, anscheinend wird es immer schwieriger, ungeschliffene Diamanten zu finden. Und nicht zuletzt scheint Schaaf immer noch nicht recht mitbekommen zu haben, dass sich Taktik im Fußball weiterentwickelt und inzwischen bekannt ist, wie man gegen seine (fast) immer gleichen Rezepte besteht – besonders, wenn sie von immer durchschnittlicheren Spielern umgesetzt werden müssen.

Ich finde Thomas Schaaf großartig: So, wie er sich präsentiert, wirkt er integer, bodenständig, gelassen, trocken und unverwüstlich. Eine tolle Identifikationsfigur, die bei Exil-Norddeutschen wie mir immer wieder Heimweh auslöst. Und genau deshalb habe ich immer noch nicht die Hoffnung aufgegeben, es könnte mit ihm für Werder langfristig aufwärts gehen. Aber darauf hoffe ich nun schon mindestens vier Jahre, die Zweifel werden immer quälender. Die frühere – berechtigte – Hoffnung, quasi jeder deutschen oder europäischen Spitzenmannschaft Siege abtrotzen zu können, ist einem dumpfen Magendrücken vor Spielen gegen hochklassige Gegner gewichen. Schließlich pflegt Werder diese Partien in letzter Zeit nicht nur regelmäßig zu verlieren. Es lässt sich nach allen Regeln der Kunst verprügeln. Wie lange darf ein Trainer brauchen, um seinen Spielern beizubringen, wie Viererkette und geschickte Raumaufteilung bei gegnerischem Ballbesitz funktionieren?

Ich hoffe, die jahrelangen Bremer „Umbrucharbeiten“ führen bald endlich zum Erfolg, so dass der knorrige Mann mit der unbeweglichen Mimik auch in den nächsten Jahren auf der Bank im Weserstadion sitzt. In die Zweite Liga würde ich ihm nicht mehr folgen wollen.

Matthias Holtz

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