Wer sich in diesen Wochen aufmerksam in deutschen Städten umsieht, der hat gute Chancen, seltsame Dinge zu beobachten: Vor Kiosken, in Biergärten oder auch in Spielzeuggeschäften stehen Gruppen von Menschen unterschiedlichster Altersklassen und Milieus herum und sehen wahnsinnig beschäftigt aus. Sie streichen Nummern auf handgeschriebenen Listen durch und begutachten sorgfältig Stapel mit kleinen Klebebildchen. Auf jeder von ihnen sieht man das Emblem der Firma „Panini“: den Schriftzug mit einem stilisierten Ritter, der ein (sehr) langes Schwert in Richtung des rechtes Bildrandes streckt.

Ein Tütchen mit fünf Stickern für das aktuelle EM-Album kostet 60 Cent, über 550 Bilder haben darin Platz. Selbst, wenn jemand kein einziges Bildchen doppelt erwerben sollte, kostet ihn ein volles Album also mindestens 66 Euro, realistischer Weise jedoch weit über 100. Und das für ein dünnes Heftchen, das nichts enthält außer – teils bizarr unvorteilhaften – Porträts mehr oder weniger prominenter Fußballspieler. Dennoch: Die Geschäftsidee funktioniert schon lange, ungeachtet aller Moden und digitalen Revolutionen: Schon seit der Weltmeisterschaft 1970 in Mexiko gibt der italienische Comic- und Jugendbuchverlag Panini vor großen Fußballturnieren Stickeralben heraus, seit der Heim-WM 1974 auch in Deutschland. Bleibt die Frage: Warum kaufen Menschen so einen Unsinn?

Wer das wissen will, muss sich genauer ansehen, wie die Tauschtreffen ablaufen: Die Teilnehmer kommunizieren nur, so weit es unbedingt nötig ist: „Haben wir beide schon?“ „Nein, ich geb dir erst mal meine, der ist dünner. Danach kannst du ja gucken, was bei mir für dich dabei ist.“ „So, fünf Stück bei dir? Ach, die elf Stück behalt ruhig.“ Dabei ist egal, ob das Gegenüber 5 oder 85 Jahre alt ist, alle sind gleich, es geht sozusagen nur ums Geschäft, aber alle sind nett zueinander, man hilft sich und lässt oft Fünfe gerade sein, Betrugsversuche und harte Verhandlungen sind die Ausnahme. Trotzdem scheinen alle konzentriert, engagiert und ausgefüllt. Sie denken nicht an ihre Probleme in Schule, Job oder Privatleben. Was sie hier erreichen wollen, ist einfach, die Erfolgserlebnisse – jemand hat genau das schwedische Wappen, den irischen Mittelfeldspieler oder das linke obere Viertel des italienischen Mannschaftsbildes, das einem noch fehlt – kommen bestimmt, sind aber auch nicht so selbstverständlich, dass man sich nicht mehr über sie freuen würde. Und dabei dreht sich alles um ein Thema, mit dem man sich ohnehin am allerliebsten befasst. Noch dazu bekommt man ein wunderbar haptisches Erlebnis: Das Aufreißen der Packung, der Geruch von Farbe und Klebstoff, der Glanz eines Wappen-Stickers, der sich zwischen kroatischen und irischen Spielern verbirgt. Und das Sammlertum produziert Sozialromantik: So werde ich nie den alten Mann vergessen, der lange Stammgast bei einer meiner Paninirunden war: Fröhlich bat er jeden Teilnehmer zum Tausch, zeigte großen Ehrgeiz beim Vervollständigen seines Albums, das er vorgab, für seinen Enkel zu führen, welchen man aber nur selten sah. Wann immer jemand das letzte Bildchen ertauscht und sein Album gefüllt hatte, ging er über den Platz vor dem Kiosk und schwang eine große Glocke, alle horchten auf, manche applaudierten. Mit einem Satz gesagt: Panini macht glücklich.

Als seien die Turnierwochen an sich nicht schon berauschend genug, fügt das Panini-Album dem ganzen Ereignis noch ein Stück Unwiderstehlichkeit hinzu: In der Zeit zwischen Saisonende und Eröffnungsspiel passiert eigentlich wenig, das den Durst des Fans nach Nähe zu seiner Leidenschaft befriedigen könnte: Ein paar Transfermeldungen, redundante Äußerungen der einen Fußballfigur über die andere, immer wieder Verletztenmeldungen samt -genesungsprognosen. Das Paninialbum springt in die Bresche: Wer sich mit den Klebebildchen und ihrer Vervollständigung beschäftigt, fühlt sich der Fußballwelt nah, ohne dass es dafür irgendwelche Ereignisse oder Inhalte benötigt. Harley Davidson warb früher einmal mit dem Slogan: „Wir verkaufen eine Lebenseinstellung, das Motorrad gibt es gratis dazu.“ Ähnlich ist es mit dem Sammelalbum: Es ist teuer, als solches nutzlos und nicht mal besonders schön: Am Anfang ist es öde und leer, am Ende abgegriffen, meistens von Eselsohren verunstaltet – und wie die meisten abgeschlossenen Projekte so langweilig, dass man sich gar nicht mehr mit ihm beschäftigen möchte. Aber so lange man den fehlenden Bildern nachjagt, sich dazu in angenehme, unaufdringliche Gesellschaft begibt und sich Stapel-durchwühlender Weise ein magisches kleines Erfolgserlebnis nach dem anderen verschafft, haben sich die 100 € mehr als amortisiert. Ich beglückwünsche die Firma Panini neidlos zu ihrer genialen Geschäftsidee, danke ihr für die schönen Erlebnisse, die sie mir wochenlang gegen eine kleine Schutzgebühr ermöglicht – und gehe gleich noch mal zum Kiosk.

Matthias Holtz

Advertisements