Es ist Europameisterschaft. Menschen machen früher Feierabend, trinken auch werktags deutlich mehr, als der Arzt empfiehlt und ertragen stoisch Beziehungskrisen, Konflikte mit dem Arbeitgeber oder andere zwischenmenschliche Verwerfungen, weil ihnen die UEFA nun mal diktiert, jeden Abend an Bildschirmen sitzen und die Bewegungen einer winzigen Kunststoffkugel zu verfolgen. Spiele der eigenen Mannschaft werden erwartet wie früher religiöse Festtage. In der Zwischenzeit kann man sich mit Partien der anderen Länder leidlich trösten. Die sind zwar oft sehr ansehnlich, werden einem aber niemals den gleichen emotionalen Kick geben wie die elf weißgewandeten jungen Männer, die das Gehirn eines deutschen Fans – evolutionsgeschichtlich gesehen – als Mitglieder des eigenen Jagdverbandes betrachtet, deren Aktionen es deshalb mit der Ausschüttung großer Mengen von Stress- oder Glückshormonen quittiert.

So saugt der wahre Fan dankbar jede noch so banale Neuigkeit auf, die das Tun und Lassen der eigenen Mannschaft auch nur im Entferntesten betrifft – damit mir keiner Falsches unterstelle: Bei mir ist das alles ganz genauso… Zum Beispiel heute: Mehrere Internetseiten servierten uns eine „Enthüllung“ über die Übertragung des deutschen Spiels gegen die Niederlande. Mitten in einer angespannten Phase, die Gomez‘ wunderbarem Ballmitnahme-Tor vorausgingen, stibitzt der sonst immer „högschd“ konzentrierte wie ernste Bundestrainer einem ukrainischen Balljungen das Objekt seiner Verantwortung. Der sieht ihn irritiert an, dann grinst Löw schelmisch, gibt ihm einen Klaps und spielt ihm den Ball mit durchaus elegantem Hackentrick zurück:

http://www.youtube.com/watch?v=kP2GOvjOmKo

Mehrere Quellen berichteten dann heute: Die Szene ereignete sich gar nicht während des Spiels, sondern mindestens 15 Minuten vor dem Anpfiff, in der relativen Entspanntheit der Aufwärmphase. Wer diese Szene somit als Indiz sah, Löw sei seit 2010 „sicherer“ und „lockerer“ geworden – wie es die Süddeutsche in einem inzwischen korrigierten Beitrag getan hat, war also einer Manipulation auf den Leim gegangen, die die „Weltregie“ der Liveübertragung zu verantworten hat.

Der „Stern“ in Person von Katharina Miklis kommentierte, es stehe „nicht weniger auf dem Spiel“ als „die Glaubwürdigkeit des Fußballs“, schließlich führt dieser Fall zu der Frage: „War nur Jogis Lässigkeit während des Spiels ein Fake oder muss jetzt auch die Echtheit anderer Bilder in Frage gestellt werden?“ Sie erwähnt die Europa-Abgeordneten Martin Schulz und Rebecca Harms, die während des Niederlande-Spiels Transparente gegen die Untaten der ukrainischen Regierung hochhielten – und im Fernsehen nicht auftauchten – sowie die leeren VIP-Tribünen, die für die ferngebliebene westliche Politprominenz vorgesehen war – aber in den Fernsehbildern ebenfalls nicht vorkamen.

Als jemand, der schon Fernsehbeiträge gemacht und sich naturgemäß mit diesem Geschäft auseinandergesetzt hat, weiß ich natürlich: Vieles, was auf dem Bildschirm zu sehen ist, um sich dann im Kopf des Zuschauers zu einem stimmigen Ganzen zusammenzusetzen, entspricht so nicht der Realität: Das Lachen bei Sitcoms wird eingespielt (längst eine Binsenweisheit), auch in vermeintlich „authentischen“ Reportagen sind Vorgänge für die Kamera inszeniert oder nachgestellt, weil die Bilder im ersten Anlauf nicht schön genug waren, Kopfnicken und Beifallklatschen in Talkshows werden oft separat aufgezeichnet oder aus dem Kontext gerissen und später in die Sendung montiert. Kurz: Wenn eine Fernsehsendung kurzweilig und stimmig erscheint, ist das den Fähigkeiten der Regie und dem Cutter oft genauso zu verdanken wie der Qualität dessen, was vor der Kamera passiert.

Vielleicht war ich betriebsblind, vielleicht wollte ich nur unbedingt an die „Echtheit“ dessen glauben, was ich so liebe. Doch hat mich trotz all meines Vorwissens über die Gepflogenheiten des Fernsehens ehrlich überrascht, in welchem Ausmaß auch die Produzenten der Fußball-Übertragungen an der „Wahrheit“ auf und beim Platz herum schrauben. Dabei kamen mir zunächst Reflexe der Gelassenheit und Abgeklärtheit, ich dachte Dinge wie: „So ist das Fernsehen eben“, „Es war doch ganz witzig, ich musste ja schmunzeln“ oder „So lange sie die Tore nicht fälschen…“ Und machen wir uns nichts vor: Mal optimistisch vom Verlauf und den Ergebnissen der Spiele abgesehen, ist so vieles am „Fußball-Zirkus“ (!) von Inszenierung geprägt: Wer das Spiel im Fernsehen verfolgt, gewinnt leicht den Eindruck ständiger Bewegung und Dynamik. Wer auch nur einmal im Stadion war, weiß, dass abseits des Geschehens am Ball auch oft gestanden oder nur leicht getrabt wird. Das Spiel wird spannend, weil andere es für uns sehen und für uns etwas daraus destillieren, das die dramatischen Elemente verdichtet, und da es viele Ansichten darüber geben kann, was denn spannend sei, geht dem Fernsehzuschauer eben vieles verloren, was an einem Spiel für Aufregung, Belustigung, Freude oder Trauer sorgen könnte. Wie aufregend eine komplett andere Sicht auf ein Spiel sein kann – nämlich die Konzentration auf einen einzigen Spieler – zeigt zum Beispiel der viel gelobte und genauso beschimpfte Film „Zidane – ein Porträt im 21. Jahrhundert“.

Naiv wäre es auch, blind den Bildern und Tönen zu vertrauen, die einem neben dem Platz serviert werden. Wer behauptet: „Jogi Löw ist gar nicht so locker, denn er den Balljungen ja gar nicht während des Spiels veräppelt“, der sollte sich mal fragen, was er wirklich Verbindliches über die Persönlichkeit des Bundestrainers oder irgendeines unserer EM-Helden in spe weiß. Man glaubt zu wissen: Löw ist intelligent, ehrgeizig und auch mal ziemlich hart, Poldi locker und chaotisch, Müller abgeklärt und humorvoll, Schweinsteiger der selbstbewusste Leader, Lahm der strebsame Musterprofi, Klose das bescheidene Genie. Aber sie alle haben intensive Medientrainings durchlaufen. Sie wissen genau, was sie sagen und nicht sagen dürfen. Bestimmt wurden sie dahingehend gecoacht, welche ihrer Eigenschaften sie öffentlich zeigen und welche sie lieber verbergen sollen. So werden öffentliche Figuren kreiert, die man mögen kann oder eben nicht, die aber vor allem darauf getrimmt sind, ihre Karriere durch ihr öffentliches Auftreten zu fördern, statt ihr zu schaden. Verbindliches weiß höchstens der, der privat mit ihnen verkehrt.

Nun ist das an sich ja überhaupt nicht schlimm: Der Fußball bietet einem kosten- wie folgenlos intensivste Emotionen jeder erdenklichen Art, und aus den wenigen, ausgewählten Informationen, die einem medial präsentiert werden, baut man sich selbst seine Heldenfiguren. Das beschert vielen Menschen Momente, in denen sie die Schwierigkeiten des Alltags völlig ausblenden und loslassen können. Eine wunderbare Sache – so lange Inszenierung in ihrem aufrichtigen Sinne stattfindet, also mit einer sattelfesten journalistischen Ethik.

Löws „lockere“ Aktion mit dem Balljungen aber derartig aus dem Kontext zu reißen und als effektvolles Schnittbild an einer beliebigen Stelle eines Spiels zu verwursten, ist, wie ich inzwischen meine, alles andere als harmlos: Das Wunderbare am Fußball funktioniert nur, wenn man zumindest annehmen darf, dass die Spiele und ihre Dramatik auf wie neben dem Platz real sind. Ein Fußballspiel ist kein Spielfilm, und wer meint, seine Präsentation derart beliebig „auflockern“ zu dürfen, der muss nur eineinhalb Schritte weiterdenken, bis er zu dem Schluss gelangt, man könne bei Bedarf ja auch Tore oder Elfmeter aus ganz anderen Stadien dazwischen schneiden, damit die Zuschauer zwischendurch nicht nur was Harmloses zu lachen, sondern auch was zu jubeln oder zu zittern bekommen. Ich erlaube mir hier mal eine abgegriffene Empörungsfloskel: Wohin soll das alles führen? Der Fußballfan bekommt immer mehr Bilder und Inhalte über seine Passion serviert. Wahrscheinlich wird er seine Bilder immer mehr über das Internet serviert bekommen, eventuell auch mit der massiv beworbenen Möglichkeit, zwischen verschiedenen Perspektiven auszuwählen. Die Technik wird immer leistungsfähiger – aber leider auch das Wissen über die Möglichkeiten, sie in manipulativer Absicht zu missbrauchen. So soll der Zuschauer glauben, mehr mitzubekommen als jemals zuvor und hängt tatsächlich immer mehr am Gängelband der großen Fußballverbände, die Bilder nur tolerieren, solange sie ihrem Image und Profitstreben nicht schaden.

ARD und ZDF machen sich, wie die Süddeutsche berichtet, bei ihren Übertragungen in hohem Maße abhängig von besagtem „Weltbild“, das jedes Spiel allein mit 30 Kameras festhält. Obwohl sie selbst noch zehn eigene Kameras aufstellen dürfen, hat das „Erste“ aber bisher gar nicht und das „Zweite“ nur in wenigen Fällen auf diese Möglichkeit zurückgegriffen – aufgrund umständlicher Regularien seitens der Veranstalter, aber sicher auch aus Kosten- und Bequemlichkeitsgründen. Im Hinblick auf so irritierende Manipulationen wie die beim Spiel Deutschland – Niederlande schlage ich aber vor, dass beide Sender ein paar Gebührengelder in die Hand nehmen, um die eigenen Kameras intensiver zu nutzen und so ihrem öffentlichen Auftrag besser gerecht zu werden. So bekommen wir vielleicht Dinge zu sehen, die keinem Diktat fragwürdiger Einflüsse unterstehen und den Charakter eines Spiels nicht so unangemessen verzerren.

Matthias Holtz

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