„Der 1.FC Köln hat den Vertrag mit Kevin Pezzoni aufgelöst.“

Ich bin ganz ehrlich: Als ich diese Nachricht vergangenen Freitag per FC-App auf mein Handy bekam, war meine erste Reaktion…Erleichterung. Und so ungern sich jetzt der eine oder andere daran erinnern wird – ich weiß, dass das auch vielen anderen FC-Fans, die ebenfalls nicht der Kategorie „Chaoten“ zuzurechnen sind, genauso ging.

Denn die schmutzige Hintergrundgeschichte nicht kennend, wirkte es auf den unbedarften Fan zunächst so, als hätten die Verantwortlichen nun eingesehen, dass der Spieler Kevin Pezzoni „uns“ auf dem Platz nicht wirklich weiterbringt. Zu viele „katastrophale“ (O-Ton ARD-Mediathek zum letzten Fauxpas im Pokalspiel gegen Haching) Fehler, zu viele große und kleine Unsicherheiten, kurzum: Zu viele schwache Spiele hatte Kevin in den letzten Jahren abgeliefert, als dass man größere Hoffnung auf den großen Durchbruch des mittlerweile 23jährigen hätte haben können. Oder wie der kicker online, aktuell gerade im Betroffenheitsmodus, noch einen Tag vor der nun viel diskutierten Vertragsauflösung schrieb: „Was Kevin Pezzoni (23) zeigt, stürzt alle in Verzweiflung.“  

 Wichtig ist aufm Platz(?) – Der Spieler Kevin Pezzoni

Rückblick: Pezzoni spielte in seinen besten Auftritten beim FC durchschnittlich und unauffällig. Das war vor allen Dingen der Fall, als er neben Petit den zweiten „Sechser“ gab. Eine ideale Konstellation: Junger Nachwuchskicker wird an der Seite eines echten Könners „großgezogen“ und kann vergleichsweise ruhig aufspielen, weil die gesamte Strahlkraft vom alten Recken ausgeht – der Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit lag also naturgemäß auf dem portugiesischen Starkicker.

Indes: Wie der Lauf der Dinge so ist, war Petits Zeit irgendwann einmal vorbei, der junge Mann an seiner Seite musste also mehr Verantwortung übernehmen und Pezzoni sah sich mit der Situation konfrontiert, dass sein eigenes Spiel (und damit auch seine eigenen Fehler) immer mehr wahrgenommen wurden. Es hagelte – von kicker bis Sport-Bild, von Kölner Stadtanzeiger bis Express – Fünfen und Sechsen in seinen Spieltagsnoten und wie üblich wurden auch die Fans mit jedem potenziell fatalen Fehlpass genervter. Hier ist ein junger Spieler gefordert, muss sich durchbeißen, zeigen, dass er mit dem Druck umgehen kann. Bei Kevin verstärkte der Druck leider die eigene Unsicherheit; Verbesserungen waren auf lange Sicht nicht erkennbar…was wiederum den Unmut noch steigen ließ, zu mehr Unsicherheit führte usw.

Ein Teufelskreis.

Nun ist das alles nichts Ungewöhnliches. Viele Karrieren junger Spieler nehmen einen solchen Verlauf. Und in einem so überfüllten Feld wie dem Profifußball heißt das für die meisten, dass ihnen der Sprung „nach oben“ verwehrt bleiben wird. So ergeht es Pezzoni vielleicht auch…oder vielleicht auch nicht (das wird die Zukunft zeigen). Entscheidend ist: Dieser Ablauf, dieses Schema – es ist an und für sich nichts Ungewöhnliches. Von den Zeitungen verrissen, von der Fankurve abgelehnt, vielleicht auch mal beim öffentlichen Training von ein paar erbosten Fans mit ein paar verbalen „Nettigkeiten“ bedacht – das Schicksal vieler Kicker. Traurig, aber wahr.

Nur blieb es nicht dabei.

Grenzüberschreitungen

Der „Fall Pezzoni“ ist in einer Hinsicht anders gelagert: Es geht jetzt nicht mehr um den Spieler Pezzoni, sondern um den Privatmenschen. Oder besser gesagt: Das Verwischen der Grenzen zwischen beiden in der Wahrnehmung einiger Krimineller. Denn von nichts anderem reden wir in diesem Fall: So wenig mich (und viele andere Fans und Fachleute) auch der Fußballer Pezzoni auf dem Platz überzeugt hat – ich hege dennoch keinerlei Groll gegen den Privatmenschen Kevin Pezzoni. Warum auch? Weder kenne ich ihn persönlich noch würde mir im Entferntesten der Gedanke kommen, den Privatmenschen für seine Leistung auf dem Fußballfeld zu belästigen. Von Pöbeleien oder der Androhung körperlicher Gewalt einmal ganz zu schweigen. Und um den abscheulichen Schritt zu tun, sich die Privatadresse einer Person des öffentlichen Lebens zu beschaffen, ihr aufzulauern, Zettel an die Windschutzscheibe zu kleben und sie lauthals zu bedrohen – nun, dazu gehört definitiv boshafte, kriminelle Energie. Und dessen sollten wir uns alle bewusst sein, wenn wir über diese Vorkommnisse reden: Die Personen, um die es hier geht, sind als Menschen mit eben dieser kriminellen Energie anzusehen und deshalb auch zu bewerten. Warum diese Betonung?

Weil leider im Sinne der Suche nach Antworten – und oftmals Sündenböcken – bereits jetzt in der Diskussion wieder einseitige Vereinfachung betrieben wird. Oder sagen wir es mal so: Weil heutzutage jeder, der schon mal einen Krimi gesehen hat, sich einbildet, etwas von Täterpsychologie zu verstehen, werden Milieus und Umstände schnell mal in Sippenhaft genommen. Die Millionen von Ego-Shooter-Spielern, die nach dem letzten Amoklauf in einer Schule als potenzielle Mordmaschinen stigmatisiert wurden (Stichwort: „Killerspiele“), wissen was ich meine. Und so zeigt die eine Seite mit dem Finger reflexartig in Richtung der Kurven und sieht in denjenigen, die dort stehen, schon längst nur noch „Chaoten“. Naturgemäß fällt es dabei mal wieder auf das längst zum Synonym für alles Schändliche im Fußballumfeld gewordene „U-Wort“ (=„Ultra“) zurück. Wie Andreas Bock bei 11Freunde Online schrieb:

„Noch ist nicht klar, wer die Täter im Fall Pezzoni sind. Man spricht von vier bis fünf Köln-Anhängern. Über die Facebook-Anti-Gruppen ist bisher nur bekannt, dass einer der Gründer gelegentlich ins Stadion geht, ein anderer soll eine Dauerkarte besitzen. Das war’s. Einige Medien haben die Täter trotzdem schon eingeordnet. Es sind die Ultras.“

Die Ultras wiederum stehen dem Prinzip einseitiger Anschuldigungen in nichts nach und deuten trotzig in die andere Richtung. In einer Darstellung der Kölner „Coloniacs“ wird zwar löblicherweise in ein paar Sätzen eine klare Stellung gegen Gewalttäter bezogen. Der mit Abstand größte Teil des Textes ist aber wiederum wenig anderes als eine Schuldzuweisung an die Medien, die mit ihrer aggressiven Berichterstattung eine derartige Entwicklungen angeblich schüren.

Und die Verschwörungstheorien gehen weiter: Manch ein anderer, so z.B. im FC-Diskussionsforum bei transfermarkt.de gesehen, setzt noch weiter oben an und sieht das Ganze als allgemeines Symptom der gesellschaftlichen Verrohung.

Geißbock = Sündenbock?

Kurzum: Das wilde Anklagen ist wieder einmal eröffnet. Im Eifer des Gefechts werden Kriminelle mit einem (mutmaßlichen) Milieu gleichgesetzt, der Betroffenheitsgestus aufgesetzt und wieder mal der Untergang des Abendlandes heraufbeschworen. Und da wir schon dabei sind, mit dem Finger zu zeigen, geht der Reflex in den letzten Tagen auch mal wieder ganz klassisch zu einem besonderen Sündenbock – dem Geißbock himself, auch bekannt als der Erste Fußballclub Köln. „Eine Katastrophe für den Fußball(…)“, nennt es Bruno Labbadia, dass man einen Spieler aus solchen Gründen aus dem Vertrag entlasse. Und der kicker deutet das Ganze als „fatales Signal“ seitens des Vereins: „Chaoten vertreiben einen Spieler aus ihrem (?) Klub. Droht dies nun jedem ungeliebten Profi?“ (Ganz wichtig hierbei natürlich die letzte Frage, um mithilfe der implizierten Apokalypse die Diskussion am Kochen zu halten). Und in diesem Audiokommentar auf sportschau.de ist sich ein gewisser Jochen Hilgers nicht zu schade festzustellen:

„Wie der Verein mit einem seiner Angestellten, nämlich Kevin Pezzoni, umgegangen ist, das hat mit Fürsorgepflicht nicht das Geringste zu tun. Der 23jährige und seine Freundin werden von Gewalttätern bedroht und was fällt dem Präsidium, darunter der Ex-Profi Toni Schumacher, ein? Pezzonis Vertrag wird aufgelöst.“

Hier wird es sich mal wieder zu einfach gemacht. Wie das Präsidium immer wieder betonte, wurde die Entscheidung zur Auflösung des Vertrags gemeinsam mit dem Spieler gefällt – im Sinne Pezzonis. Selbst nach seinen Patzern konnte sich Pezzoni der Unterstützung von Mannschaft und Trainer sicher sein. Wenn aber der Spieler für sich zu dem Schluss kommt, dass er das hier in Köln nicht mehr will und kann, dann ist es sein gutes Recht, um die Auflösung seines Vertrages zu bitten – und das Recht des Vereins, diese Meinung zu akzeptieren. Und wenn das den Fußballweisen noch so sehr als furchtbares Signal erscheint: Es ist die Entscheidung von Verein und Spieler. Nun so zu tun, als würde der Verein die Fürsorgepflicht vernachlässigen (weil er den Wunsch eben dieses Spielers respektiert hat!) und als habe der 1.FC Köln Kevin nicht oft genug den Rücken gestärkt, ist albern. Was der Verein leisten muss, ist, in Zukunft noch stärker präventiv tätig zu werden, um solche Auswüchse im Keim zu ersticken – oder zumindest seinen Teil dazu beizutragen. Denn der Club ist nicht überall: In den Kurven und bei Facebook ist es an einem jeden von uns „guten“ Fans, einzugreifen, wo wir Entwicklungen dieser Art sehen…oder zumindest Meldung an die zuständigen Stellen abzugeben.

Aber es kann nicht ernsthaft das erhoffte „Signal“ sein, einen todunglücklichen, verängstigten Spieler gegen seinen Wunsch weiter vertraglich zu binden – mit unabsehbaren Folgen. DAS wäre eine Vernachlässigung der Fürsorgepflicht.

Noch einen Schritt weiter in Sachen Spekulation und Mutmaßung geht indes der eigentlich großartige Jürgen Klopp, der sich berufen sah, folgende Einschätzung zu geben:

„Ich glaube nicht, dass Kevin den Vertrag auflösen wollte. Ich denke, der Verein war auch daran interessiert, dass das Ganze beendet wird! Ich weiß nicht genug darüber, aber Fakt ist, dass das definitiv alle Grenzen gesprengt hat. Das geht überhaupt nicht! Ich weiß allerdings, dass das 99 Prozent der Fans auch so sehen.“

Ein paar Sätze, die völlig richtig sind (die letzten beiden), ein paar, die reine Spekulation darstellen und von Klopp herzhaft verachtet werden würden, würden sie von irgendjemand gegen seinen eigenen Verein vorgebracht (die ersten beiden) – und vor allen Dingen die wichtigste Aussage von allen, von der Kloppo selbst wahrscheinlich gar nicht mal bemerkt, dass er sie getätigt hat, weil sie nur in einem Halbsatz versteckt war: „Ich weiß nicht genug darüber…“

Ein wahnsinnig guter Satz, der geschätzt auf 99% all jener, die jetzt öffentlich oder im stillen Kämmerlein den „Fall Pezzoni“ kommentieren, zutrifft. Abgesehen von den Schlagworten aus den Zeitungen und öffentlichen Darstellungen des Vereins wissen wir doch alle nichts darüber, wie es um Kevin steht. Und dennoch haben wir fast alle nicht nur eine Schuldzuweisung parat, sondern auch Patentrezepte, wie sich ein guter deutscher Fußballverein gefälligst in einem solchen Fall zu verhalten hat.

Helden und Schaulustige

…was mich (auf Umwegen) zu dem Punkt mit den Kriminellen zurückbringt. Wir alle täten gut daran, uns ins Gedächtnis zu rufen, dass wir keine kleinen Kommissare sind, die befugt und in der Lage sind, Täterumfeld, Milieus, Motive und Hintergründe professionell und adäquat zu bewerten – und schon gar nicht zu verurteilen. Jedem sei sein Recht auf eine freie Meinung unbenommen und ich bin auch jederzeit dafür, wenn sich jemand intensiv mit dem Thema und seinen Hintergründen beschäftigt. Nur sollten wir gleichzeitig versuchen, den Absolutheitsanspruch unserer eigenen Meinungen runterzufahren und uns in das Gedächtnis rufen, dass wir die Details rund um das „Täterprofil“ nicht kennen.

Was wir mit eigenen Augen sehen können, sind indes die „Tat“ bzw. die „Täter“ selbst. Vielleicht sollten wir daher – statt nachträglich verallgemeinernde Urteile auszusprechen – lieber das Unsrige tun, um dort (Zivil-)Courage zu zeigen, wo „es“ passiert. Und da fällt leider nur einmal mehr auf: (Natürlich) war anscheinend kein Mensch in der Nähe, als das pöbelnde Pack vor Pezzonis Tür stand, (selbstverständlich) griff keiner ein, als er angeblich nach einem Spiel bespuckt wurde, (naturgemäß) gab es keine Zeugen, die da waren, als die berüchtigten Zettel an seine Windschutzscheibe geklebt wurden, und (wenig überraschend) fiel offenbar keinem findigen Investigativjournalisten etwas früher das garstige Mobbing auf, das Kevins Leben hier so schwer machte. Der einzige potenzielle „Held“ in diesem Theater war der – oder diejenigen – Unbekannte(n), die die berüchtigte Hass-Gruppe bei Facebook erspähte(n) und die Information irgendwie so weitergab(en), dass Verein und Polizei davon Wind bekamen.

Und das sind mal wieder herzlich wenige Helden, die auf sehr, sehr viele Schaulustige mit nachträglich erhobenem Zeigefinger kommen…

On a personal note – Was ich noch zu sagen hätte…

Von meiner Abneigung für die Form der aktuellen Diskussion unbenommen, bleibt indes zu sagen: Kevin Pezzoni ist zu wünschen, dass er irgendwo einen Neuanfang finden und seine Profikarriere fortführen kann. Den Spieler Pezzoni werde ich als FC-Fan zwar persönlich nicht vermissen. Dem jungen Menschen Pezzoni hingegen, der in einer so entscheidenden Phase seiner Karriere steht, wünsche ich, dass er seinen Weg finden wird.

Marco Jankowski

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