Wer kennt das nicht: Dienstag, die Woche läuft so gerade vor sich hin – und du musst im Büro ankündigen, dass du heute eher frei haben musst…wegen eines wichtigen Termins…um 17.30 Uhr…im RheinEnergie-Stadion. Und dann stellt der Kollege Bach in der Redaktionskonferenz die „Forderung“ doch mal in einem Blogartikel zu erläutern warum – WARUM? – man immer und immer wieder einen halben Urlaubstag dafür verballert.

Nun ja, bei genauerer Betrachtung kennen das in dieser exakten Form wahrscheinlich die wenigsten von euch (zumindest den letzten Satz…), aber ihr wisst, was ich meine, denn in den Grundzügen hat das ja fast jeder schon einmal erlebt, der die Verpflichtung verspürt, seinen Verein vor Ort zu unterstützen.

„Warum?“ ist also die entscheidende Frage. Warum marschiere ich bei (absehbar) beschissenem Wetter in Richtung des Stadions? Warum gebe ich Geld dafür aus, elf Millionären beim Kicken zuzugucken, ohne die Garantie, dass es mir selbst zwangsläufig  Freude bereiten wird, was dort auf dem Platz passiert? Warum das Risiko eingehen, Zeuge des nächsten Rückschlags für die Mannschaft zu werden, die in dieser Saison bisher noch kein Tor aus dem Spiel heraus und keinen einzigen Sieg einfangen konnte (Pokalspiel jetzt mal ausgeklammert)?

Im Grunde genommen habe ich zwei Antworten:

  1. Es geht halt nicht anders.
  2. Dynamo Dresden.

Punkt 1 werden sicherlich die meisten von euch unterschreiben können: Wenn man nicht gerade das Pech hat, einem Club die Stange zu halten, der am anderen Ende der Republik ansässig ist, ist es „einfach da“: Dieses unbändige Verlangen, vor Ort zu sein, dabei zu sein, einfach Teil des Ganzen zu sein. Als Fan ist es gewissermaßen deine heilige Pflicht, deinen Verein zu unterstützen, wo es nur geht – egal ob zuhause vor dem Fernseher, in der Kneipe des Vertrauens…oder eben direkt im Stadion.

Was aber hat das mit Dynamo Dresden zu tun? Nun, gegen Dynamo Dresden erlebte ich letztmals live im Stadion eines dieser dramaturgisch perfekten Spiele, wie man sie sich nur wünschen kann – inklusive Happy End (DAS ist in Köln ja leider die Ausnahme):

26. September 2004 (jepp: fast auf den Tag genau  acht Jahre, zugegeben: DAS musste ich nachgoogeln).  6. Spieltag der Saison 04/05. Ich gemeinsam mit meinem Bruder im RheinEnergie-Stadion. Südtribüne, mitten drin im Pulk. Und die Achterbahnfahrt ging los…

Erste Halbzeit: furchtbar. Der FC kassiert irgendwann das verdiente 0:1, die Mannschaft wirkt planlos, wenig strukturiert. Uns schwant Übles. Kurz vor der Halbzeitpause dann der vermeintliche Knockout: 0:2. Ende. Die Stimmung auf dem Tiefpunkt.

Im Prinzip war zu dem Zeitpunkt klar, wie es jetzt laufen würde. Normalerweise. Man hofft darauf, dass die Mannschaft in der Kabine ein paar harte Worte vom Coach um die Ohren gehauen bekommt – beim damaligen Coach Huub Stevens nicht so ganz unwahrscheinlich – und dann mit dem entsprechenden Elan in die zweite Halbzeit startet. Das tut sie dann vielleicht auch, kassiert allerdings irgendwann, irgendwie doch den nächsten Gegentreffer (bevorzugt per dusseligem Freistoß oder eben einem knallharten Konter der lauernden Gäste) – und dann: Ende, Aus.

So läuft’s doch immer…oder sagen wir mal: in den meisten Fällen.

Damals nicht.

Die Mannschaft kam gar nicht mal so überragend gut aus der Kabine, die Stimmung im Block hingegen war natürlich trotzdem da (damals konnte man darauf noch zählen). Nichtsdestotrotz tat sich auf dem Spielfeld nicht viel…

…und dann plötzlich doch alles auf einmal! Zehn Minuten (72.-82. Spielminute; ja: auch das musste ich sicherheitshalber erstmal im allmächtigen Internet nachschlagen). Ebbers, Poldi, Ebbers (DAS wiederum musste ich nicht nachgoogeln) – Anschluss, Ausgleich, Führung! Die Kurve tobte, die Stimmung unfassbar – und beides trug die Mannen auf dem Platz durch die letzten zehn  Minuten, die es zu überstehen galt. Das Schöne: sie wurden überstanden.

Und so bleiben diese 90 Minuten wohl ewig in meinem Kopf. Kitschig-hollywoodesk , mit einer gehörigen Portion Pathos als epischer Kampf zwischen Gut und Böse inklusive Rückschlägen, Twists und finalem Happy End ins Gedächtnis gemeißelt. „Das Böse“ an dieser Stelle bitten nicht falsch verstehen: Ich habe überhaupt nichts gegen Dynamo Dresden, ganz im Gegenteil halte ich den Club für einen großen Traditionsverein, der Besseres verdient hätte, als in der 3.Liga herumzudümpeln und in der öffentlichen Wahrnehmung leider nur allzu oft auf ein paar Chaoten im Fanblock reduziert zu werden. Aber vielleicht ist das auch eben irgendwo das Schöne am Fußball: Dass man es sich auch als klar denkender Mensch 90 Minuten lang erlauben kann, einfach mal Schwarz/Weiß zu denken…wohl wissend, dass es nur ein Spiel ist und man danach wieder eine objektivere Sichtweise auf den jeweiligen Gegner an den Tag legen kann.

So oder so: Der eigentliche Grund, warum es einen reflexartig immer wieder ins Stadion zurücktreibt, sind genau diese gigantischen Momente, die man niemals vergessen wird und an denen man in irgendeiner Form teilgenommen hat – und das Wissen, dass sie jederzeit passieren können. Denn da Spiel gegen Dresden war ja auf dem Papier kein besonderes. Es ging weder unmittelbar um Titel oder Abstieg, noch war es ein K.O.-Spiel oder ähnliches. Kurzum: Es ging „nur“ um drei Punkte. Und doch war es für alle Beteiligten so viel mehr (für die Dresdner Anhänger sicherlich im exakt umgekehrten Sinn – also analog zu „meinem“ Happy-Hollywood-Kitsch ein Horrorfilm mit bösem Erwachen zum Schluss).

Genau das ist es, was Woche für Woche Millionen Fans rund um den Erdball in die Arenen treibt. Denn seien wir mal ehrlich: Wenn es wirklich immer nur um Titel oder Untergang gehen würde, dann wären die Stadien an den ersten 29-30 Spieltagen einer Saison ziemlich leergefegt. Nein, mit jedem Stadionbesuch ist die Hoffnung verbunden, dass man vielleicht gerade heute Zeuge von etwas Besonderem werden kann. So wie ich vor acht Jahren. Oder die glücklichen FC-Anhänger, die vor knapp anderthalb Jahren Tickets für das mit identischer Dramaturgie gesegnete Spiel gegen die Bayern (ebenfalls: 3:2 (0:2)) hatten. Oder jeder Anhänger von jedem anderen Club, der etwas Ähnliches erzählen kann.

Wie sagte doch Christoph Biermann in unserer Doku Hauptsache Fußball: „Ich beschäftige mich nun schon so lange mit Fußball und habe festgestellt, dass es einfach nicht langweilig wird.“ Recht hat er, denn die großen Momente schlummern nicht zwangsläufig immer in den vorab gehypten Spitzenspielen und Finals, sondern eben manchmal auch ganz einfach in den „unscheinbaren“ Matches.

Vielleicht auch in einem unscheinbaren Dienstagspiel gegen den FSV-Frankfurt. Vielleicht auch nicht.

Marco Jankowski

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