Manchmal kommt es vor, dass man beim Blättern in Zeitungen oder beim Stöbern auf einschlägigen Homepages auf einen Satz stößt, den man sofort (und mitunter sogar ohne Kontext) gern hat, weil er einem in vielerlei Hinsicht aus der Seele zu sprechen scheint. Das ging mir vor einigen Tagen beim Blick auf 11freunde.de so, als ich dort las:

„Da reden Personen, die keine Ahnung haben“ (zum Kontext später mehr).

Nun ist das im Fußball nicht zwangsläufig etwas Neues und bis zu einem gewissen Grade gehört es sogar irgendwie dazu. Von Diskussionen in der Lieblingskneipe oder aber den mehr oder weniger dezenten Aussagen einiger Mitstreiter in der Fankurve deines Vertrauens, erwartest du schließlich nicht per se die geballte Ladung Fachkompetenz.

Besonders ärgerlich wird es aber immer dann, wenn die „Personen, die keine Ahnung haben“, sich aber zu einer  gewissen Autorität aufschwingen und entweder Entscheidungen fällen oder Stimmung machen können. Etwa dann, wenn sich Boulevard-Journalisten und ihre Entourage an „Experten“ (deren Expertise seltsamerweise in den meisten Fällen nicht so weit zu reichen scheint, dass sie selbst irgendwo in leitender sportlicher Position angestellt sind…) entscheiden, dass in Deutschland jetzt gefälligst wieder die Führungsspielerdiskussion zu toben habe. Oder wenn Politiker und/oder Verbandsfunktionäre sich berufen fühlen, homosexuellen Fußballern Outing-Ratschläge zu geben – und dabei vor lauter Enthusiasmus, ihre eigene Toleranz zu demonstrieren, gerne vergessen, dass die „Betroffenen“ selbst vielleicht besser einschätzen, wann die Zeit dafür reif ist, einen solchen Schritt zu tun.

…und noch eine Stufe höher auf der persönlichen Aufreger-Skala geht es, wenn man hören muss, dass Menschen, die mutmaßlich noch nie eine Fankurve von „innen“ gesehen haben, geschweige denn für ihr Stadionerlebnis jemals Geld bezahlen mussten, sich befugt fühlen, einen Maßnahmenkatalog aufzustellen, der – so das Wunschdenken – möglichst zeitnah alle Fans und Vereine betreffen sollte und das „Stadionerlebnis“ verbessern soll.

Von ahnungslosen Menschen

Womit wir wieder bei der Aussage von oben sind: „Es unterhalten sich teilweise Personen über Themen wie Pyrotechnik, Gewalt, Stadionverbote und Sicherheitsrichtlinien, die von der Materie  nullkomanull Ahnung haben!“ lautet es in seiner Gänze – und stammt von einem, der eigentlich Ahnung haben dürfte: dem ehemaligen DFB-Sicherheitsbeauftragten Helmut Spahn, der das große Dilemma um das vieldiskutierte DFL-Positionspapier „Sicheres Stadionerlebnis“ auf den Punkt bringt.

Nun geht es mir hier nicht darum, en detail das Maßnahmenpapier auseinanderzunehmen. Die wichtigsten Kritikpunkte haben die 11Freunde am Montag bereits in großem Umfang geliefert, als sie Themenschwerpunkte des DFL-Papiers mit den entsprechenden Stellungnahmen von Union Berlin und der Fanhilfe Hannover gegenüberstellten – auch wenn es in der Tat schon sehr aufhorchen lässt, wenn hier es hier um die „Erarbeitung eines ‚freiwilligen‘ Kodex mit verbindlichem(!) Inhalt bei gleichzeitiger Sanktionierung für den Fall der Verweigerung der Unterschrift oder der Missachtung einer solchen ‚Vereinbarung“ (Positionspapier Union Berlin, S.6 & 7) gehen soll. Und auch unsere Freunde von fankultur.com haben mit ihrer Presseschau einen guten Überblick über die Inhalte der Diskussion parat. Nicht notwendig, das alles noch einmal hier wiederzukäuen.

Nein, was mich hier vielmehr bewegt und aufregt, ist, dass dort abermals neue Sanktionskataloge, fragwürdige Sicherheitskonzepte (wie Nacktkontrollen), höchst diskutable Haltungen zum Thema Datenschutz und Kollektivstrafen gegen Fangemeinschaften aufgestellt werden – und zwar von Verbandsvertretern, deren tatsächliche Kompetenz und Sachkenntnis in diesen Bereichen eher nebulös ist. Aus den kritischen bis ablehnenden Reaktionen einiger Vereine (Hertha BSC, VfL Wolfsburg, 1.FC Union Berlin, Fortuna Düsseldorf, Borussia Mönchengladbach, 1.FC Köln, FC St. Pauli) lässt sich jedenfalls schließen, dass in der seltsamen Gruppierung zur Erarbeitung des Konzepts die Vereine selbst wenig bis gar nicht eingebunden wurden. Und dass die direkt Betroffenen – also die Fans – schon einmal gar nicht zu Worte kamen, liegt auf der Hand, wenn Vereine wie der SC Freiburg, Mainz 05, der 1.FC Nürnberg und die TSG Hoffenheim um eine Fristverlängerung bitten, um das Papier überhaupt einmal mit ihren Fanvertretern diskutieren zu können.

Wer sitzt also wirklich in den Komitees, die dieses Papier erarbeitet haben? Wirklich „Leute, die keine Ahnung haben“? Kann sein, muss aber nicht. Man kann sich aber definitiv nicht des Eindrucks erwehren, dass der Druck, der dahintersteckt und der die DFL immer wieder zu solchen unüberlegten Schnellschüssen drängt, hier von einer Seite kommt, deren Fachkompetenz in diesem speziellen Bereich hintansteht: der Politik.

Die Politik mischt sich ein

Bei jedem Vorfall einer entsprechenden Größenordnung kann man davon ausgehen, dass sich prompt irgendein Innen- oder Sonstwas-Minister hinstellt und „Es ist Zeit zu handeln!“ verkündet. Klar, ist ja auch ein dankbares Thema: Gewalt und Sachbeschädigung sind relativ unzweideutig negative Themen, mit der man schnell die Mehrheit hinter sich hat. Je dramatischer die Szenarien dann auch noch durch die Presse wandern, desto größer der öffentliche Aufschrei und dann den starken Mann zu markieren, indem man möglichst simple und populäre (das Fehlen des Adjektivs „effektive“ ist beabsichtigt) Maßnahmen promotet. „Denkt doch mal an die Kinder!“ und so – das klassische Spielchen. Und schon hat man die nächsten „Leute, die keine Ahnung haben“ mit in der Diskussion: Die breite Öffentlichkeit, die vielleicht nicht ins Stadion geht – ja, vielleicht sogar nicht einmal generell an Fußball interessiert ist – aber die natürlich mitreden wollen, weil es ja ein großes Thema ist. Und öffentliche Diskussion, gefährliches Halbwissen und der Selbstprofilierungsgedanke von Politikern und Funktionären zusammenkommen, sind die Folgen absehbar: Schnellschüsse wie eben beim Konzept „Sicheres Stadionerlebnis“ oder den immer mal wieder drum herum auftauchenden Vorschlägen und Parolen.

Härtere Bestrafungen sind dabei zum Beispiel natürlich super-populär, weil: es schreckt ja ab! Das glauben zumindest Mutti Schmidt oder Opa Meier, wenn sie davon in der Zeitung lesen. Nun habe ich (zum Glück) selbst keine tiefen Einblicke in die Psyche von Kriminellen, aber irgendwo sagt mir mein Instinkt und (hoffentlich) gesunder Menschenverstand, dass derjenige, der im Stadion randaliert, Sachen zerschlägt oder auf Leute einprügelt, dabei nicht unbedingt dazu neigt, vorher die Folgen genau abzuwägen, um dann zu dem Schluss zu kommen „Huch, da drohen mir doch jetzt zehn Jahre Stadionverbot. Dann lasse ich’s mal lieber bleiben – bei fünf hätte ich es ja noch riskiert…“

Anders gesagt: Kriminelle gehen erst einmal davon aus, dass sie nicht erwischt werden. Umso mehr bei so spontanen Verstößen wie Randale und Schlägereien.

Kurzum: Wie sehr das Abschreckungsargument greift, ist doch sehr fragwürdig. Bliebe noch das Argument, dass man die Leute so wenigstens länger aus dem Stadion hat. Aber mal davon ausgehend, dass sich im Leben und an den Lebenseinstellungen eines normalen Menschen innerhalb von 3-5 Jahren grundsätzlich viel verändert und entwickelt (noch mehr, wenn es um die Klientel von 18-20jährigen geht), stellt sich die Frage, ob es das richtige Signal ist, zu sagen; „Hey, du bist doch eh ‘n Schläger und das ändert sich sowieso nicht mehr – daher schmeißen wir dich jetzt mal ein Jahrzehnt raus aus den Stadien. (Aber Sky gucken ist doch auch was Feines – support your local Premiumprodukt!)“ Ganz zu schweigen davon, dass bei sowas immer auch eine gewisse Fehlerquote vorhanden ist, d.h., es im Eifer des Gefechts garantiert auch fälschlicherweise Fans treffen wird, die dann auf langem Dienstweg erst einmal ihre Unschuld beweisen müssen – und je drakonischer die Strafe da ist, desto eher bringt man ganze Fangruppen gegen sich auf, die das Vertrauen in die Sicherheitskräfte schon lange verloren haben.

„Steher“ weg – Problem weg?

Noch radikaler ist das immer wieder im Raum  stehende Szenario der Stehplatz-freien Stadien als finale „Lösung“. Was für einen Einschnitt ins Gefüge der Fankultur damit vorgenommen wird, ist der Politikerfraktion sicherlich nicht im Geringsten bewusst – und die Tatsache, dass damit zehntausende von Menschen in Sippenhaft genommen werden, wohl anscheinend egal. England habe es doch vorgemacht, heißt es dann immer wieder (Komisch übrigens, dass dasselbe tolle Vorbild England nie zu Rate gezogen wurde, als es um den Erhalt der Stadionnamen ging…) Und erneut: Die breite, nicht-involvierte Masse, diejenigen, die keine Ahnung haben und davon in der Zeitung lesen – eben Mutti Schmidt und Opa Meier –  werden sagen „Ja, klar. Warum nicht, wenn es doch hilft? Wieso ist es so wichtig, im Stadion stehen zu können?“

Wenn ich nun sage, dass ich als „Normalo“  persönlich in der Saison meist etwa die Hälfte der Heimspiele meines „Effzeh“ aus Kölle im Stadion bin, dort auf Stehplätzen stehe (wo ja dem Klischee nach die ganz bösen Jungs rumhängen) und noch nicht einmal Stress mit Ultras und/oder Polizei gehabt habe (geschweige denn Zeuge von Problemen geworden wäre), interessiert das weder die Entscheidungsträger noch die breite Öffentlichkeit. Macht das Thema nur unnötig kompliziert – lieber einfach einmal mit dem Hammer drauf und alle Stehplätze weg…dann wird das Problem schon verschwinden, oder?

Noch zeigen sich DFL und Verband – zumindest was die Lippenbekenntnisse angeht – recht sattelfest: „Stehplätze gehören in die Stadien. Sie sind ein Stück Fußballkultur“, sagte etwa DFL-Präsident Rauball. Und betont im selben Interview, er werde „bis zum Schluss für den Erhalt kämpfen“. Auch DFB-Präsident Niersbach steht zu dem Versprechen von 2006, dass daran nicht gerüttelt werden soll. Aber – und dieser Zusatz ist leider auch wichtig – er verweist auch auf dies: „Die Engländer sind damals auch nicht gefragt worden. Das Verbot kam dort als staatliches Gesetz. Wir wollen keine Panik machen, aber die Situation ist ernst.“

Wie auch im Rauball-Zitat schwingt mit: Selbst wenn man „bis zum Schluss kämpfen“ und an „seinem Standpunkt festhalten“ will, existiert das Szenario, dass dieser Beschluss quasi von ganz oben herab diktiert werden könne. Mein Gefühl sagt mir da, dass diese Pläne wahrscheinlich schon in den entsprechenden Schubladen liegen und sollte nicht in den nächsten Monaten und Jahren mehr Objektivität und Nüchternheit in die Diskussion kommen, die Gefahr besteht, dass wir nur noch wenige „große Vorfälle“ davon entfernt sind, dass dieses populistisches Thema richtig heiß wird. Und wenn die Pläne erst einmal auf dem Tisch liegen und die Politik samt Öffentlichkeit weiter Druck macht, wird’s ungemütlich. Zumal sich dann auch die rein wirtschaftlich denkenden Elemente in den Vereinen so ihre Gedanken darüber machen werden, ob es unter ökonomischen Gesichtspunkten wirklich so schlimm für ihren Verein wäre, in Zukunft die billigen Stehplätze zugunsten teurere Sitzplätze loszuwerden…

Düstere Szenarien. Was im Moment vielleicht noch etwas positiv stimmen kann, ist, dass der aktuelle Widerstand gegen das Konzept „Sicheres Stadionerlebnis“ zeigt, dass es doch noch einige Vereine gibt, die erst denken und dann handeln wollen und sowohl die wahren Experten als auch die direkt Betroffenen an den Tisch holen wollen. Dass Plattformen wie 11freunde.de und fankultur.com dafür sorgen, dass die kritischen Stimmen zu Wort kommen. Dass es überhaupt generell noch diese Stimmen wie gibt, die sich für einen objektiven und konstruktiven Dialog mit den Leuten, die wirklich Ahnung haben, einsetzen. Wollen wir hoffen, dass diese nicht so schnell verstummen.

Marco Jankowski

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