Es gibt ja bekanntlich für alles ein erstes Mal. Und es ist gerade dieses erste Mal, das wir in unserem Leben niemals vergessen werden. So neu, so intensiv, so…laut. Der geschätzte Leser weiß, wovon ich rede, oder? Ja, es geht NATÜRLICH um den ersten Stadionbesuch (Was denn bitte sonst?!), jenen entscheidenden Einschnitt im Leben, der dich für immer an dieses wunderbare Spiel bindet – und im Idealfall auch direkt an „deinen“ Verein. In guten wie in schlechten Zeiten, bis dass der Tod uns scheidet…oder so.

Bei mir jedenfalls war’s so, als ich mit 13 erstmalig „mit rein“ durfte: Gelsenkirchen, Parkstadion. Nicht etwa, weil ich’s mit den Königsblauen hielt, sondern, weil mein zu diesem Zeitpunkt längst erkorener Lieblingsverein, der Erste Fußballclub Köln (womit man den Eheschwur aus dem vorigen Absatz direkt in „In schlechten wie in miserablen Zeiten…“ abwandeln kann), dort eben zu Gast war. Naja, und Gelsenkirchen lag zum einen geografisch für mich und meine Mutter (die hatte wenigstens noch ein paar der „guten Zeiten“ dieses Clubs miterleben dürfen) etwas näher als Köln, zum anderen hatte mein Onkel, seines Zeichens Schalke-Fan, Karten fürs Spiel besorgen können…im S04-Block zwar, aber das war naturgemäß egal. Es war eben endlich mal „the real thing“. Da war’s im Endeffekt dann auch fast irrelevant, dass das Spiel aus unserer Sicht 1:3 verloren ging (wobei ich damals zugegebenermaßen einem gewissen Ingo Anderbrügge lange Zeit nicht vergeben konnte, dass er mir mein „erstes Mal“ mit zwei Toren vermiest hat). Der Bund war geknüpft, es gab keinen Weg zurück mehr. Der erste Stadionbesuch würde nicht mein letzter bleiben. Millionen von Fans wird es genauso gegangen sein bzw. gehen.

…und genau darum haben sich zwei der Mitinitiatoren von „fankultur.com“ – Dr. Martin Thein (der schon im April mit dem Buch „Ultras im Abseits?“ auf sich aufmerksam machte) und Jannis Winkelmann – mit Fotografin Heidi Marinowa zusammengetan, um in einem Buch die ersten Stadionerlebnisse zu sammeln – sowohl von Prominenten aus Sport, Politik und Medien (wie „Wunder von Bern“-Weltmeister Horst Eckel, Claudia Roth, Rolf „Rollo“ Fuhrmann oder Aljoscha Pause) als auch von „Normalos“. Einzig tatsächliche Profis bleiben (mit Ausnahme von Eckel) außen vor. Die Botschaft von „Mein erster Stadionbesuch“ (Verlag Die Werkstatt, Göttingen, ca. 12,90 €) ist klar: Das erste Mal betrifft uns alle – völlig unabhängig von Beruf(ung), Stellung oder Promi-Faktor – und hier soll es eben um dieses ganz besondere Erlebnis aus komplett individuellen und völlig subjektiven Perspektiven gehen.

Über 60 erste Stadionbesuche werden hier also von denjenigen beschrieben, die sie erlebt haben, in angenehm kompakten Kapiteln von je zwei bis fünf Seiten, sodass die Texte nie zu knapp, aber eben auch nie zu überdimensioniert (und damit langweilig) wirken. Nun bringt dieses Format per se schon einmal zwei Besonderheiten mit, die man – wenn man so will – als mögliche Kritikpunkte bezeichnen könnte, die aber in Wirklichkeit nur Zugangsbedingungen darstellen, auf die man sich im Vorfeld einstellen sollte, um das Ganze auch wirklich als das genießen zu können, was es wirklich ist: eine basisnahe Anekdotensammlung. Punkt eins ist der Aspekt „Wiederholung“: Dadurch, dass wir es hier mit einem sehr spezifischen Kernthema zu tun haben, muss von vornherein klar sein, dass sich bei Dutzenden von Beiträgen zu eben diesem Thema bestimmte Überschneidungen ergeben und sich einiges wiederholt – gerade dann, wenn es um die Beschreibung des Erlebnisses „Fankurve“ geht. Wie „berauschend“ und „einzigartig“ diese „Menschenmasse“ dann auch sein mag: Das Vokabular zur Beschreibung  ähnelt sich dann mitunter.

Der zweite Aspekt geht einher mit der oben beschriebenen breiten Aufstellung der einzelnen Autoren: Naturgemäß gibt es von Kapitel zu Kapitel qualitative Unterschiede im Schreibstil der Einzelnen. Sportournalisten wie Peter Ahrens (Spiegel online) oder Thomas Wark (ZDF) und Filmemacher wie Aljoscha Pause („Tom meets Zizou“) oder Andreas Bach (Na, was wohl? „Hauptsache Fußball“ natürlich!) haben halt eine professionellere Schreibe als Herr Müller und Frau Meier von nebenan, sodass man sich darauf einstellen muss, dass das Schreibniveau mitunter etwas springt.

Aber beides fällt eigentlich nur dann wirklich ins Gewicht, wenn man das Buch quasi am Stück verschlingt, was normalerweise bei Sammlungen dieser Art ohnehin nicht geschieht. Vielmehr ist es zum „Immer mal wieder“-Schmökern ausgelegt – und funktioniert gerade in diesem Kontext hervorragend. Die einzelnen Geschichten sind spannend und interessant und decken eine wirklich große Bandbreite ab, denn sowohl von den Altersklassen her als auch, was die regionale Herkunft und die unterschiedlichen Vereinsvorlieben angeht, ist die Streuung erfreulich groß, sodass man nie in Gefahr läuft, dieselbe Geschichte zweimal zu hören. So ist wirklich alles dabei: Von anrührend bis amüsant, vom 15-jährigen Ultra, der seine erste Erfahrung mit der Action im Block rekapituliert, bis zur Mutti, deren kranker Sohn in den königsblauen Reihen der Arena neue Freunde und neuen Mut findet, von wechselnder Vereins-Sympathie während des ersten Stadionbesuchs bis zur ewigen Liebe zum Club, den man bisher nur vom Papier bzw. aus dem Radio kannte, von zwei Teenager-Mädels beim ersten Trip zum Tivoli bis zur 240km-Familien-Radtour zum Spiel des „Glubb“ – alles dabei! Und natürlich: Von Bayern München bis ASV Hollfeld, vom VfL Wolfsburg bis Göttingen 05, von Schalke bis Dortmund, von Köln bis Mönchengladbach, von West bis Ost, Nord bis Süd…

Die Abwechslung ist also mehr als gegeben, sodass man das Buch gern immer mal wieder in die Hand nimmt, um sich ein oder zwei der kurzen Geschichten zu Gemüte zu führen.

Und gerade in Zeiten, in denen die Stadion- und Fankultur immer weiter reglementiert und gleichgeschaltet wird, kommt ein Buch wie „Mein erster Stadionbesuch“ zur rechten Zeit, um sowohl notorische Nostalgiker in Erinnerungen schwelgen zu lassen als auch den ganz normalen Fußballfans, die die Entwicklungen der letzten Jahre mit Skepsis betrachten, einmal mehr bewusst zu machen, wie einzigartig das „Stadionerlebnis“ doch sein kann und sein sollte. Für jeden, der mit dem Begriff Fankultur etwas anfangen kann, also genau das Richtige und eine Kaufempfehlung.

Wollen wir hoffen, dass auch die kommenden Generationen noch mit ähnlichem Leuchten in den Augen von ihrem ersten Stadionbesuch berichten können – auch, wenn es dem Trend nach dann wohl eher „Arena-Besuch“ heißen muss…

Marco Jankowski

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