Arsenal ist nicht mehr, was es einmal war. Der Lack ist ab, die Fassade bröckelt. Die Superstars laufen weg; was nachkommt, macht Probleme oder glänzt nur bei schönem Wetter. Arsène Wenger stellt sich stur, reagiert „dünnhäutig“ auf Kritik. Ist mit ihm noch mal die Wende zu schaffen? Wo ist der alte Offensivzauber, wo sind die „Schützenfeste“ vergangener Tage? Woher die ganzen Gegentore? Wieso scheint es heute oft so leicht, das Team aus Nordlondon komplett zu überrennen? Wann war noch mal die letzte Meisterschaft? Richtig, 2004.

Denkt man sich den letzten Absatz nicht in rot-, sondern in grün-weiß und ersetze „Wenger“ durch „Schaaf“, dann könnte er genauso gut von Werder Bremen handeln. Dabei ist durchaus noch einiges übrig vom Glanz früherer Tage. Sogar am Dienstag, beim deutlichen und allseits gefeierten Sieg der Bayern in London, war immer wieder mal zu sehen, wofür Arsenal mal stand – und immer noch stehen will: schnelles, direktes und kultiviertes Offensivspiel, der berühmte „One Touch Football“. Allerdings beschränkte sich das im Wesentlichen auf die kurze Phase zwischen Manuel Neuers Geschenk an „Kopfballungeheuer“ Podolski (55.) und Mandzukic‘ entscheidendem dritten Münchner Tor (78.). Was man sonst von den Londonern sah, wirkte oft überfordert, manchmal geradezu verstört, eingeschüchtert von der Eleganz und Souveränität der bayrischen Offensivmaschine. Erinnerungen an viele Bremer Auftritte der letzten Jahre werden wach: Sicher, die Zahl der Spieler, die mit Konstanz herausragende Leistungen bringen können, ist in den letzten Jahren bei beiden Vereinen kontinuierlich gesunken, das entschuldigt vielleicht Manches. Doch noch etwas lässt sich in Nordlondon wie in Bremen gleichermaßen beobachten: Am Spielfeldrand steht seit vielen Jahren der gleiche Trainer, dessen Gesicht immer mehr strenge, ernste, sorgenvolle Falten zieren, über den auch immer öfter zu vernehmen ist, sein Verhältnis zur Mannschaft sei distanzierter geworden, die Stimmung habe gelitten.

Dabei begann es sowohl für Wenger als auch für Schaaf so verheißungsvoll bei ihren späteren Dauerarbeitgebern: Vor ihrer Ankunft hatten ihre Vereine einige triste Jahre mit mehreren Trainerwechseln hinter sich. Zuvor hatte bei beiden Vereinen je ein Trainer für lange Jahre Regie geführt – mit eiserner Hand, erfolgreich und auf dem Platz meistens ziemlich defensiv: Otto Rehhagel für vierzehn Jahre in Bremen, der Schotte George Graham für neun Jahre in London. Bis Anfang der 90er Jahre begrüßten gegnerische Fans die Londoner oft mit dem Schmähgesang „Boring, boring Arsenal“, so verschrien war die allzu „ergebnisfixierte“ Spielweise des Vereins.

Einige Zeit nach Wengers Amtsantritt 1996 aber sangen die Arsenal-Fans genau diese Zeile selbst – mit ironischem Unterton, denn unter seiner Anweisung spielte Arsenal bald und auf Jahre hinaus den attraktivsten, temporeichsten und technisch versiertesten Fußball der Premier League. So gewann der Verein bis 2004 vier Meisterschaften und vier FA-Cups.

Ähnlich, wenn auch mit nicht ganz so eindrucksvollen Zahlen, war es bei Schaaf, der seinen Club 1999 erst vor dem Abstieg rettete, dann prompt den DFB-Pokal gewann, 2004 das Double folgen ließ, die Saison in den Jahren bis 2008 immer auf Platz zwei oder drei abschloss und immer wieder dafür gefeiert wurde, den offensivsten, schönsten, aufregendsten Fußball der Bundesliga spielen zu lassen – und das mit (vergleichsweise) moderatem Budget und ohne potenten Geldgeber im Rücken.

Wenger und Schaaf hatten das branchenuntypische Glück, in Vereinen arbeiten zu dürfen, die Kontinuität und langfristige Entwicklung über den kurzfristigen Erfolg stellten, und so konnten sie ihre jeweilige Spielidee ziemlich unbelastet von lästigen Querschüssen aus Verein oder Öffentlichkeit entwickeln und behaupten. Die rauschhafte Art, mit der ihre Mannschaften auftraten – und ihr Erfolg – machten der Fußballöffentlichkeit bewusst, dass man gegen die Rivalen mit dem (ganz) großen Geld, sozusagen die Vertreter des Kapitals, mit einer wissensbasierten Strategie sowohl hinsichtlich der Kaderzusammenstellung als auch der Strategie auf dem Platz erfolgreich bestehen kann. Der Fokus lag in beiden Fällen klar auf der Offensive: Die Konstante bei beiden Teams war jahrelang die hohe Zahl auf der linken Seite des Torverhältnisses, die auf der rechten schwankte stärker, und wenn ein Jahr titellos blieb, war die Erklärung meistens eher hier zu suchen.

Seit 2004 hat Arsenal keinen einzigen Titel mehr gewonnen, während Werder zwar 2009 noch mal den Pokal holen konnte und sich beinahe den UEFA-Cup in die Vitrine hätte stellen dürfen, doch war den Bremern spätestens ab der Saison 2008/09 immer mehr Stabilität in der Defensive verloren gegangen, Gegentore fielen in manchen Spielen quasi im Minutentakt, und immer seltener konnte die Offensive vorne ausgleichen, was hinten eingeschlagen war – spätestens nach Özils Abgang. Doch weder in London noch in Bremen wurde, wie in der Branche üblich, ernsthaft am Trainer gezweifelt. Auf sympathische und auch etwas sture Weise hielt man an Schaaf und Wenger fest.

Gewissermaßen ist das schlüssig: Es scheint fraglich, ob sich Bremen auch mit einem anderen Trainer in absehbarer Zeit wieder unter den ersten fünf der Bundesliga festsetzen könnte, denn die ehemaligen Werder-Erfolgsrezepte wurden längst vielfach kopiert und weiterentwickelt. Noch in der November-Ausgabe von „11Freunde“ sinnierte der damalige Manager Allofs – Wochen vor seinem urplötzlichen Abgang – über die Tatsache, dass mehrere Konkurrenten es Werder inzwischen nicht nur gleichtun, sondern auch dessen Fehler vermeiden. Mögliche Beispiele sind hier die notorisch löchrige Bremer Defensive und Schaafs scheinbare Unlust, Talente aus der eigenen Jugend wirklich dauerhaft in die erste Mannschaft zu integrieren, statt als „schwierig“ bekannte Spielercharaktere zuzukaufen, die trotz stattlichem Einkaufspreis nicht die erhoffte Leistung bringen. Carlos Alberto ist hier ein schon zu oft zitiertes Beispiel, aber auch Eljero Elia ist auf dem besten Weg, sich in diese Schublade einzuordnen, und selbst Arnautovic ist im Grunde noch weit davon entfernt, die konstanten Leistungen zu bringen, die man sich bei einer Ablösesumme von 6,2 Millionen Euro erhofft hätte. Immerhin: Wahrscheinlich wird man ihn im Sommer sogar mit leichtem Gewinn wieder abgeben. Zum Vergleich: Dortmund gab zur Saison 2010/11 für alle Spieler 6,4 Millionen aus – und Dortmund verzauberte offensiv, überzeugte defensiv und wurde Meister, mit Namen wie Sahin, Schmelzer, Götze und Großkreutz – Summe der Ablösesummen für diese Spieler: 0,00 Euro.

In der Premier League indessen haben offenbar ohnehin nur noch die Vereine reelle Titelchancen, die zum Spielzeug reicher Männer aus dem Ausland geworden sind (ManUnited, ManCity, Chelsea), so dass für Arsenal nur noch die Hoffnung auf die Champions League bleibt, die in diesem Jahr aber bereits in ernster Gefahr ist.

Von dem Standpunkt müssen sich Wenger und Schaaf nur bedingt dafür entschuldigen, dass der frühere Erfolg einer anhaltenden Erosion ausgesetzt scheint, die sie trotz aller Anstrengung nicht nachhaltig aufhalten können. In Zeiten, in denen sich auch die meisten finanzkräftigen Vereine nicht mehr allein auf das Zusammenkaufen der teuersten Spieler verlassen, sondern eine konsistente Spielidee verfolgen, wirken Wengers und auch Schaafs stoische Haltungen, mit im Grundsatz unveränderten Rezepten immer wieder gegen das Schreckgespenst des Mittelmaßes ankämpfen zu wollen, aber bisweilen etwas hilflos. Sie erinnern an hilflose Computernutzer, die entnervt immer wieder auf die gleiche Taste hauen und den abgestürzten PC damit doch nicht wieder zum Laufen bringen. Vor dem Hintergrund wäre es für beide Trainer bestimmt hilfreich, sich von der eigenen Vorbildrolle früherer Tage zu verabschieden und nach neuen Anregungen zu suchen, gerne auch bei den Vereinen, die die eigenen Erfolgsformeln einst erfolgreich kopiert und ihre Vorbilder inzwischen überflügelt haben. Und falls das nicht funktioniert, sollte die nächste Frage sein, warum man immer wieder den Satz vernimmt, es sei so wichtig zu wissen, wann man aufhört.

Matthias Holtz

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