Die Bundesliga-Saison 2012/2013: Nach zwei Jahren der Titelabstinenz thronen die Münchner Bayern über dem Rest der Bundesliga und begeistern, nein, beängstigen schon fast, mit einer fortlaufenden Dominanz, die so nur äußerst selten in der Bundesliga zu erleben war. Der Goliath der Liga ist wieder da, stärker denn je, und er hat aus den Nadelstichen des Davids im schwarz-gelben Gewand seine Lehren gezogen – geblutet hat er dennoch. Pure Langeweile könnte da der ein oder andere eingefleischte Liebhaber des Ballsports empfinden. Denkste! Der Kampf um die internationalen Plätze tobt mehr denn je, derzeit darf selbst Wolfsburg als Fünfzehnter der Tabelle noch berechtigterweise von Europa träumen. Acht Punkte trennen die Niedersachsen von Platz Sechs, zehn beträgt der Vorsprung auf den Relegationsplatz. Spannung pur also im Kampf um Europa.

Doch was heißt diese enge Tabellenkonstellation wirklich und bringt sie die Bundesliga auf Dauer weiter? Teams wie Mainz, Freiburg oder der wie entfesselt aufspielende Aufsteiger aus Frankfurt agieren auf Augenhöhe mit den langjährigen, festen Europa-Pokal-Größen wie Schalke, Hamburg, Bremen oder auch Leverkusen. Und diese Teams hatten schließlich auch einen gehörigen Anteil an der guten UEFA-Fünf-Jahres-Wertung der Bundesrepublik. Der Esprit vergangener Tage ist ihnen allerdings etwas entwichen. Aber ist die Bundesliga durch diese ganze Entwicklung stärker und vor allem in ihrer Gesamtheit stärker als andere Ligen geworden? Ist sie, wie einige bereits behaupten, die stärkste Liga Europas?

Wenn nur die Länder-Wertung der UEFA herangezogen werden würde, scheint die aktuell große Fluktuation der Europa-Pokal-Teilnehmer nicht sonderlich besorgniserregend zu sein. Schließlich rangiert die Bundesliga auf einem guten dritten Platz und liefert sich einen packenden Zweikampf mit England um Platz zwei. Das viertplatzierte Italien ist aufgrund des dicken Polsters ebenfalls nur ganz verschwommen zu sehen, was zumindest auf Vereinsebene Balsam für die deutsche Fußball-Seele sein dürfte. Spricht doch eigentlich alles für eine bärenstarke Liga.

Bevor weiter auf diesen Aspekt eingegangen wird, soll nun jedoch ein kurzer Star-Exkurs folgen. Denn auch das spricht auf den ersten Blick für eine immer stärker werdende Liga. Mit Ribery, Lewandowski, Martinez, Lahm, Neuer, Hummels, Schweinsteiger, Reus oder auch Götze spielen absolute Weltstars im deutschen Oberhaus, die noch deutlich vor ebenfalls überdurchschnittlichen Bundesligisten zu nennen sind. Begehrte und begabte Spieler wechseln also doch in die Bundesliga und noch viel wichtiger: Die Weltstars der eigenen Liga können zunächst einmal gehalten werden. Ein Indiz für eine attraktive Liga? Nur bedingt. Wenn man die tolle Stimmung und die zweifelsohne tollen Stadien mal außen vor lässt, deutet es viel mehr darauf hin, dass die Liga über attraktive Ausnahmevereine verfügt. Leider macht die Auflistung der Spieler aber auch deutlich, dass es sich in der Bundesliga auf zwei Vereine beschränkt. Dahinter entstand in den letzten zwei Spielzeiten ein großes Vakuum, auch wenn die Dortmunder in der Liga derzeit nicht ganz so souverän auftreten wie sonst. Die Spannung auf den folgenden Plätzen ist dafür umso größer. Aber haben Mainz, Freiburg und Frankfurt so sehr aufgeholt oder haben Schalke, Hamburg, Bremen und Stuttgart in den letzten Jahren so sehr nachgelassen? Die Wahrheit liegt wahrscheinlich, wie so oft, irgendwo in der Mitte. Bei allen genannten Vereinen war in den letzten Jahren eine gewisse Tendenz zu beobachten – bei den einen war sie eben positiv und bei den anderen eher negativ. Insgesamt bin ich aber der Meinung, dass es das gesamte Liga-Niveau nicht wirklich fördert, denn trotz der auf den ersten Blick positiv aussehenden 5-Jahres-Wertung, kaschieren vor allem die Leistungen der Bayern und aktuell der Dortmunder die Defizite der anderen.

Und genau an dieser Stelle möchte ich mich auch wieder der UEFA-Wertung und der damit verbundenen Verneblung der Realität widmen. Das soll vor allem anhand der Europa League bzw. des ehemaligen UEFA Cups ein wenig deutlich gemacht werden, denn hier trifft sich ja bekanntlich die zweite Garde der europäischen Ligen. Und gerade da waren es eher die üblichen Verdächtigen, die für deutsche Punkte sorgten. Die Neulinge wurden zwar wohlwollend aufgrund einer starken Saisonleistung in die Schlacht geschickt, hissten meist jedoch schon nach den ersten Bombardements die weiße Flagge. Beispiele gefällig? Mainz packte in der Saison 2010/2011 als Neuling nicht einmal die Qualifikation. Hertha BSC Berlin erreichte 2009/2010 gerade mal das Sechzehntelfinale. Ein Jahr zuvor schieden die Hauptstädter bereits in der Gruppenphase aus. Nürnberg kam 2007/2008 auch nicht über das Sechzehntelfinale hinaus und die Frankfurter Eintracht scheiterte ein Jahr eher in der Gruppenphase. In Jahren, in denen der FC Bayern etwas weniger erfolgreich war, tauchten meist zwei bis drei andere Namen auf der Agenda auf, die für eine versöhnliche 5-Jahres-Wertung sorgten. Als die Kicker von der Isar 2010/2011 im Achtelfinale der Champions-League scheiterten, stürmte Schalke sogar bis ins Halbfinale. Und als Bayern in der Saison 2008/2009 sowie 2006/2007 im Viertelfinale die Segel strich, glänzte Werder Bremen im zweithöchsten Wettbewerb Europas mit einer Final- und einer Halbfinalteilnahme. Die Hamburger taten mit einer Halbfinalteilnahme gegen Werder Bremen ihr Übriges, sodass der Punkteregen aus den Hansestädten in dieser Periode etwas üppiger als sonst ausfiel. Natürlich wären diese Vereine in der derzeitigen Verfassung aber auch kein Garant für eine erfolgreiche Teilnahme an diesem Wettbewerb – wahrscheinlich sogar eher das Gegenteil, aber genau da liegt die Gefahr. Aktuell gibt es in der Bundesliga nur die Bayern und Dortmund, denen international etwas zuzutrauen ist. Die aktuellen Ergebnisse aus der Europa League geben ein tristes Bild ab, auch wenn Leverkusen und Hannover mit viel Pech ausschieden. Vielleicht war es aber auch die mangelnde Klasse, die hier über 180 Minuten den Ausschlag für die gegnerischen Teams gegeben hat. Fast schon bezeichnend, dass nur die kriselnden Stuttgarter den Sprung ins Achtelfinale geschafft haben, wobei man ausgerechnet den Schwaben nach einer sehr dürftigen Gruppenphase wenig zutraute. Alles in allem wird diese Enttäuschung einigen Leuten, die die Bundesliga schon auf dem Weg zur Weltklasse sahen, einen Blick über den Tellerrand hinaus abgewonnen haben und sie vielleicht zu der Erkenntnis geführt haben, dass auch andernorts richtig gute Vereine spielen und die eigene Liga vielleicht doch gar nicht so stark ist wie vermutet.

Bezüglich der genannten „kleineren“ Vereine könnte nun richtigerweise entgegnet werden, dass auch aus anderen Ligen immer mal wieder durchschnittliche Vereine teilnehmen, doch scheinen diese bei näherer Betrachtung ihre Teilnahmen häufiger zu rechtfertigen. Riskieren wir dabei mal einen Blick auf einige der führenden europäischen Ligen, die zum Teil in unmittelbarer Konkurrenz zur Bundesliga stehen. 2009/2010 erreichte der FC Fulham das Endspiel, obwohl man in der Liga-Endabrechnung lediglich auf dem zwölften Rang landete. Aus Spaniens höchster Spielklasse gibt es gleich zwei gute Beispiele. Während Athletic Bilbao in der letzten Saison als Tabellenzehnter im Endspiel stand, schaffte Espanyol Barcelona das gleiche Kunststück als Elfter. Braga gelang der Sprung ins Finale als Vierter Portugals. Alle vier Mannschaften haben ihre Endspiele zwar verloren, für die jeweiligen Länder aber eine große und wichtige Punkteernte eingefahren. Und im Finale waren diese Mannschaften erst recht nicht zu erwarten. Das mag zwar auf den ersten Blick anmaßend klingen, aber immerhin waren in diesen Jahren deutlich namhaftere Vereine in den Wettbewerben vertreten, die auch in ihren Ligen wichtigere Rollen einnahmen.

Dass solche Vereine erfolgreich sein können, hat allerdings auch einen anderen Grund, der vielen deutschen Teams auch zugute hätte kommen können. Nominell versucht die UEFA alles, um diesen Wettbewerb attraktiv zu gestalten, doch die große Diskrepanz zwischen den Champions League-Einnahmen und den Einnahmen aus der Europa League macht diesen Wettbewerb für einige Giganten Europas eher zu einem leidigen und meist kurzen Intermezzo. Zur Spielzeit 2003/2004 gab es erstmals den Modus mit Absteigern aus der Champions League und dabei gibt es einige recht auffällige Beobachtungen. So kamen prominente Neuankömmlinge wie Manchester City, Manchester United, Juventus Turin oder auch Inter Mailand als Absteiger nie über das Viertelfinale hinaus. In 72 Anläufen über neun Jahre verteilt zog der Champions League-Absteiger 31 Mal bereits in der ersten K.O.-Runden-Begegnung den Kürzeren. Das entspricht 43,1 Prozent und verdeutlicht, dass viele in diesem Wettbewerb nicht an ihre Leistungsgrenzen gingen oder vielleicht auch gar nicht gehen wollten. Allerdings gelang es in neun Anläufen auch drei Vereinen dieses Wettbewerb als anfänglicher Champions-League-Teilnehmer zu gewinnen: Atletico Madrid, Schachtar Donezk und CSKA Moskau. Vereine, die in der europäischen Wahrnehmung bei weitem nicht über die Reputation anderer Top-Vereine verfügen und diesen Wettbewerb mit einer anderen Motivation angegangen sein dürften. Doch genau das verdeutlicht auch, dass die Bundesliga außerhalb von München keinen echten Titelaspiranten auf europäischer Ebene hat, denn auch Dortmund muss zunächst noch beweisen, dass es international mithalten kann, wenn es drauf ankommt. Die Vorrunde hat Mut gemacht, aber aus einer guten Vorrunde allein ist noch kein Team als Champion hervorgegangen.

Doch was hat sich nun für die Bundesliga ergeben? Ich denke, dass die Bundesliga mit Bayern derzeit einen Verein beherbergt, der in der Breite des Kaders vielleicht sogar nur noch vom FC Barcelona überflügelt wird. Ja, auch dann noch, wenn Barcelona nun gegen den AC Mailand in der Champions League ausscheiden sollte… Und auch Dortmund befindet sich auf dem Weg zu einer internationalen Top-Adresse, sofern die Stars gehalten werden können. Der Rest der Bundesliga muss im internationalen Vergleich allerdings wieder etwas zulegen, denn man darf die Spannung der Liga um bestimmte Platzierungen nicht mit einem Qualitätsschub dergleichen verwechseln. Die zwei Top-Teams sind heute sicherlich stärker als zuvor, im Rest der Liga findet sich allerdings auch zu viel besserer Durchschnitt wieder, was einem auf  internationaler Ebene Jahr für Jahr wieder vor Augen geführt wird. Die Liga bleibt natürlich eine starke Liga, die Wahrnehmung vieler Bundesligafans sollte sich vielleicht aber zu ein wenig mehr Objektivität wandeln. In einem Punkt ist die Liga aber wirklich nur schwer zu schlagen: Stadionerlebnisse in puncto Stimmung und Arenen wie in Deutschland gibt es fast nirgendwo und die zählen zur absoluten Weltklasse, da bin ich mir sicher.

Giuseppe Cotrufo

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