Es sollte ein Jahr des Umbruchs in Köln werden. Eine stark verjüngte Mannschaft und mit Holger Stanislawski ein Trainer, der ein Charisma versprüht, das seinesgleichen sucht. „Holger Stanislawski ist ein Fußball-Lehrer mit Charakter, der gemeinsam mit der sportlichen Führung des 1. FC Köln eine neue Mannschaft formen wird“, waren nach dieser Verpflichtung die Worte von Geschäftsführer Claus Horstmann. Stanislawski sollte das Domstadt-Ruder in die Hand nehmen und die Geißböcke wieder in Erstliga-Fahrwasser führen, am besten gleich dauerhaft und geprägt von vielen Erfolgen. Ein neuer Anstrich also für den FC. Keine Angst, die Rede ist nicht von den Vereinsfarben, sondern von den internen Strukturen in einem Verein, der auch wieder für die Allgemeinheit das Image eines Chaos-Clubs ablegen möchte – das dürfte bei der Menge an Eigenbeiträgen zu diesem Negativ-Image allerdings nicht von heute auf morgen gehen.

In Anbetracht dessen, dass die Zahl der prominenten Abgänge zu dieser Saison sehr, sehr hoch war, durfte einer schnellen Erstliga-Rückkehr aber durchaus skeptisch begegnet werden. Allein der Verlust von Publikums-Liebling Lukas Podolski, der durch seinen unbekümmerten Spielstil auch in London schnell die Sympathien der Fans gewinnen konnte, senkte die Qualität der Mannschaft enorm. Die Abgänge von erfahrenen Spielern wie Novakovic, Lanig, Riether, Petit, Geromel oder Rensing sowie die Reduzierung der Budgets sorgten schließlich dafür, dass der neue Coach eine zum Großteil unerfahrene Mannschaft formen musste, die schnellstmöglich Zweitliga-Reife zeigt und darüber hinaus über so viel Entwicklungspotential verfügt, dass sie in absehbarer Zeit um den Aufstieg ins Oberhaus spielen kann. Allerdings sei auch erwähnt, dass die Spieler bewusst abgegeben bzw. verliehen wurden, um vor allem Gehalt einzusparen.

Da richtet man den Blick schon fast neidisch auf Länder wie England oder Frankreich, in denen sich einige neureiche Clubs, fast schon wie in einem virtuellen Fußball-Manager, Spieler nach Belieben aussuchen können und diese mit fürstlichen Fabelgehältern entlohnen. Dass Geld aber noch lange kein Garant für Erfolg ist, konnte Kölns Übungsleiter in Hoffenheim bei der TSG bereits am eigenen Leibe erfahren. Dort wurde er am Ende schließlich freigestellt und beendete die Erweiterung seines kulturellen Fußball-Horizonts, andere würden es vielleicht liebevoll einen kurzzeitigen Kulturschock nennen, eher unfreiwillig. In Köln befindet sich der Fußball-Lehrer nun zweifelsohne wieder auf einer Fußball-Hochburg, die in ihrem Fanverhalten wahrscheinlich zu den extremsten in Deutschland gehört. Nicht umsonst wird das Kölner Publikum oftmals als sehr launisch tituliert. „Wenn du zweimal gewinnst, wirst du auf Händen durch die Stadt getragen. Und wenn du zweimal verlierst, hast du das Gefühl, der Dom ist eingestürzt.“ So beschrieb Stanislawski selbst die Fans. Da wird es schon fast zu einer Mammutaufgabe, den Fans ein Übergangsjahr in der zweiten Liga schmackhaft zu machen und der Start in die Saison ließ bereits Schlimmes vermuten.

Köln spielte zum Teil grausamen Fußball und die Ergebnisse fielen entsprechend aus. Aus den ersten sechs Spielen gab es nur zwei Punkte, ehe am siebten Spieltag der erste Saisonsieg eingefahren wurde. Übergangsjahr ja, aber Kampf um den Klassenerhalt in Liga zwei? Die Fans wurden unruhig, im und außerhalb des Stadions, und die Medien taten ihr Übriges, um dem Unmut über die Leistungen freien Lauf zu lassen. Schließlich schrieben Boulevard-Medien bereits vom schlechtesten FC aller Zeiten. Artikel in denen auch eine unterschwellige Kritik an der Arbeit des Trainers immer wieder deutlich gemacht wurde. Zu viel Rotation, Verunsicherung der Spieler, wechselnde Formationen, keine Automatismen und was noch so in den Verantwortungsbereich eines Trainers fällt. Fast könnte man meinen, dass für den großen  1. FC Köln auch eine große Lösung auf der Bank provoziert werden sollte. Allerdings liegen die großen Erfolge der Kölner bereits Jahre zurück und zuletzt wurde nicht gerade an der Aufbesserung der eigenen Reputation gearbeitet. Anders als sonst ließ man sich aber dieses Mal nicht so sehr von der Medienhetze und den negativen Ergebnissen zu Saisonbeginn beeinflussen und bekannte sich stets zum Trainer. Vielmehr wurde man gar nicht müde, seine akribische Arbeit und seine Stärken hervorzuheben. Mit zunehmendem Erfolg ebbte auch die negative Berichterstattung immer mehr ab. Die Kritiker üben sich derzeit im Stummsein und warten anscheinend nur auf den nächsten Knall in Köln. Dieser bleibt aber nun schon seit einiger Zeit aus. Und auch der Trainer hat hier mit Sicherheit seinen Anteil am Aufschwung des Teams. Mit seiner kumpelhaften Art, mit der er jedoch nie seine Autorität verliert, brachte er neuen Schwung in den Verein und sorgte auch abseits des Platzes mit seiner manchmal flapsigen Art durchaus für einen gewissen Sympathiezuwachs von außerhalb. Es ist sicherlich eine Beziehung, an die sich viele Beteiligte noch gewöhnen müssen, aber es ist nicht ausgeschlossen, dass es noch eine große Liebe werden kann.

Spielerisch gibt es sicherlich noch einiges zu verbessern, aber die Resultate lasen sich zuletzt immer besser. Betrachtet man nur die Rückrundentabelle, stehen die Rheinländer sogar auf dem zweiten Tabellenplatz mit 12 Punkten aus 6 Spielen. Auch das Gefühl nach einer Niederlage dürfte nicht mehr allzu präsent bei den Anhängern sein. Letztmals ging ein Spiel am 12. Spieltag in Aalen mit 0:2 verloren. Macht elf ungeschlagene Spiele am Stück. Gegen Köln zu gewinnen ist wieder schwierig, allerdings sollte das zumindest in Liga zwei der Anspruch sein. Der Relegationsplatz ist auch wieder in Schlagdistanz und auch die Fanlager werden immer euphorischer – vielleicht sogar wieder ein wenig zu euphorisch.

Aber macht es Sinn, jetzt schon über einen möglichen Aufstieg nachzudenken? Macht es überhaupt Sinn, in diesem Jahr bereits aufzusteigen? Bei alle dem, dass die Ergebnisse wieder optimistischer in die Zukunft blicken lassen, fehlte oft noch der spielerische Glanz und der Nachweis der Konstanz. Ob man so in der ersten Liga bestehen kann, ist mehr als fraglich. Zudem sollte dem jungen Team ein weiteres „Eingewöhnungsjahr“ in der zweiten Liga sicherlich nicht schaden, um im Falle eines Aufstiegs noch gefestigter ein Projekt wie den Klassenerhalt in der ersten Liga angehen und die häufig kritisierten Mechanismen noch weiter verfeinern zu können. Vielleicht würde ein weiteres Jahr Zweitligazugehörigkeit auch einigen Fans mehr Sensibilität im Umgang mit ihrem Verein einimpfen. Die Abkehr von den utopischen Erwartungen würde mit Sicherheit auch viel Druck von den Spielern und allen Verantwortlichen im Verein nehmen und sie so vielleicht konzentrierter und mit weniger Druck arbeiten lassen. Vielleicht sollte man sich zunächst einmal wirklich mit dem Gedanken anfreunden, dass es sich nicht mehr um den 1. FC Köln handelt, der erster Deutscher Bundesligameister war und auch danach lange zu den ruhmreichsten Vereinen Deutschlands zählte. Die Gegenwart ist nämlich eine andere: Köln ist nicht der fußballerische Nabel Deutschlands und derzeit auch weit davon entfernt, ein solider Bundesligist zu sein. Der Verein braucht wirtschaftlich wie sportlich neue Strukturen, die in dieser Umbruchsphase erst einmal konsequent in Einklang gebracht werden müssen. Dann sollten erst höhere Ziele ins Auge gefasst werden.

Auch wenn es viele Kölner nicht gerne lesen werden, kann dafür vor allem der ungeliebte Rivale aus Gladbach als Vorbild dienen, denn die haben es auch aus eigener Kraft geschafft, sich wieder eine bedeutendere Rolle in der Bundesliga zu erkämpfen. Und es war ein Kampf, der von ständigen Rückschlägen und sportlichen Talfahrten geprägt wurde. Mittlerweile klappt das Zusammenspiel aus Vorstand, Management, Trainer, Spieler und Jugendarbeit allerdings so gut wie lange nicht mehr. Gladbach hatte einen Plan und hat an diesem Plan festgehalten. Das Ergebnis spricht Bände. Einen Plan scheinen die Kölner nun nach langer Zeit auch endlich wieder zu haben und dass sie dieses Mal aus alten Fehlern gelernt haben, bleibt ihnen zu wünschen. Die Arbeit an der langfristig erfolgsorientierten Ausrichtung des Vereins sollte höchste Priorität genießen und dauerhaft als Ziel angestrebt werden. Dass in dieser Phase der Neufindung immer wieder Rückschläge möglich sind, sollte einkalkuliert sein und nicht gleich wieder alle Zweifler hervorholen. Vielmehr sollten Rückschläge noch mehr dazu aufrufen zusammenzurücken und sich den Situationen gemeinsam mit geteilter Verantwortung zu stellen. Nur so kann ein dauerhafter Qualitätszuwachs in allen Gewerken gewährleistet werden und das ist in der heutigen Zeit vor allem auch aus wirtschaftlicher Sicht sehr förderlich. Ein ewiges auf und ab, wie es früher beispielsweise bei Vereinen wie Bochum oder Duisburg war, hat schließlich dazu geführt, dass diese Clubs in puncto Etatverwaltung immer wieder umdisponieren mussten, sportlich immer zwischen reizvoll und weniger reizvoll schwankten sowie in ihrer Entwicklung immer sehr schwankend und instabil waren. Das liegt eben vor allem auch daran, dass mit den Fernsehgeldern eine der größten Einnahmenquellen für diese Vereine immer sehr unterschiedlich ausgefallen ist, da hierbei die Verteilung an die erste und an die zweite Liga von einer großen Diskrepanz geprägt ist. Gerade deshalb sollte eine Rückkehr in Deutschlands höchste Fußballetage auf einem soliden Fundament basieren, das nicht wie zuletzt sehr häufig bei den Kölnern, bei kleinsten Erschütterungen bereits erste Risse verzeichnet. Für die Zukunft ist es natürlich wünschenswert, dass ein Fußball-Standort wie Köln wieder erstklassig wird und die Bundesliga wieder bereichert. Dann aber auch auf sportlicher Ebene und nicht als reiner Karnevalsverein in allen Belangen.

Zum Abschluss noch ein Schmankerl der etwas anderen Sorte vom Trainer:

Giuseppe Cotrufo

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