Eins vorab: Ich finde Prognosen zu Spielausgängen nur so mittelprächtig spannend. Was da alles von Thomas bis Berthold oder wem auch immer zu so genannten oder echten Spitzenspielen vorab geschrieben wird, lässt mich in der Regel ziemlich kalt.

Beim Pokalhit Bayern München – Borussia Dortmund wartet mehr als die dreiviertelte deutsche Fußballwelt auf einen Pokal-Ausrutscher der Bayern daheim. Nicht unbedingt, weil viele die Bayern nicht mögen, sondern vor allem, weil die gesamte Saison in allen Bereichen sonst etwas sehr in die Langeweile abrutschen würde. Mir selbst als Bayern-Anhänger wäre das natürlich nicht so recht.

Neutral betrachtet, muss man sagen, dass eine seriöse Prognose selten so schwierig war wie vor diesem Match.

Zum einen können beide Teams – fast – aus dem Vollen schöpfen. „Außer“ Franck Ribéry werden auf beiden Seiten sämtliche Spitzenspieler auf dem Platz stehen (können).

Nun ist Ribéry in dieser Saison in der Form seines Lebens. Aber da ist er bei den Bayern nicht der Einzige. Auch Kroos, Müller, Lahm, Alaba, Dante, Martinez und Mandzukic spielen derzeit absolut an der oberen Leistungsgrenze. Robben und Schweinsteiger sind ebenfalls in aufsteigender Form. Hier spricht auf den ersten Blick viel für die im Vergleich zum BVB derzeit wohl etwas formstärkeren Bayern.

Dazu kommt, dass der FC Bayern derzeit nicht nur wie eine Ansammlung von spielfreudigen Superstars, sondern wie selten zuvor in seiner Historie als geschlossenes Team auftritt. Egal wer spielt, er stellt sich in den Dienst der Mannschaft. Gerade der Abwehrleistung kommt dies extrem zu Gute. Dies alles wird es dem BVB nicht gerade leichter machen, in München zu treffen. Oder Tore zu verhindern. Auch öffentliche Sündenböcke, macht mal einer einen Fehler, sind in München gerade etwas aus der Mode gekommen. Weiterer Vorteil für München.

Dortmunds Vorteil aus den letzten beiden Saisons, auch über herausragenden Teamgeist zum Erfolg zu kommen, ist deshalb wohl restlos aufgebraucht. Da mindestens unterschwellig eine vereinsinterne bzw. teaminterne Lewandowski-Diskussion hinzu kommt und das aktuelle Team derzeit nicht exakt weiß, wo es genau ohne Lewa steht, dürfte dies zumindest unbewusst eine kleine Schwächung bedeuten. Wer weiß, wer im Spielverlauf dann doch den einen oder anderen Mitstreiter im eigenen Team für Fehler verantwortlich macht, wenn man sich ein Gegentor fängt und es mal nicht so gut läuft. Im Herbst ist Dortmund nach dem 1-0 durch Kroos nahezu ansatzlos nochmal gut zurückgekommen – dies dürfte im kommenden Match, sollte der BVB wieder zurückliegen, etwas schwieriger werden. Auch, weil die Bayern-Abwehr inzwischen noch besser funktioniert als noch zu Saisonbeginn. Hier sehe ich einen kleinen Vorteil für Bayern. (Der jedoch schnell aufgebraucht sein dürfte, sollte Dortmund in München in Führung gehen. Diese Situation sind die Bayern nicht gewohnt, das haben sie gar nicht gerne). Dennoch: minimaler Vorteil für München, vor allem bei eigener Führung.

Doch das ist die eine Sache. Die andere ist: Dortmund ist in dieser Saison extrem auswärtsstark! Wenn wir uns die Bilanz der letzten neun BVB-Spiele anschauen, können wir weiter zuversichtlich sein. Der BVB hat seit dem achten Dezember lediglich das Punktspiel gegen den HSV verloren – und das eben zuhause.

Der BVB „muss“, und das kommt den Dortmundern, obwohl Watzke anderes verlauten ließ, diesmal sogar wahrscheinlich entgegen, in München antreten. Warum? Auswärts haben die Dortmunder – bis auf das Remis in Mönchengladbach am letzten Wochenende – seit dem 1-1 in München am ersten Dezember überhaupt keinen Punkt mehr abgegeben. Dortmund liegt – direkt nach den überragenden Auswärts-Bayern – in der BL-Auswärtstabelle mit großem Vorsprung vor Wolfsburg auf dem zweiten Platz. Zuhause dagegen steht der BVB in der Bundesliga nur auf Platz acht (8) – Bayern dagegen ebenfalls auf eins (1) – allerdings nur drei Pünktchen vor Hannover 96. Summa summarum: Klitzekleiner Vorteil für Dortmund. Die haben in dieser Saison nur ein Mal auswärts verloren, nämlich sehr, sehr unglücklich in Hamburg.

Zur Taktik: Da sich beide Trainer vor dem Spiel naturgemäß nicht in die Karten schauen lassen, wir aber dennoch wissen, wer in den jeweiligen Startformationen stehen wird, ist dies mehr denn je ein Bereich, in dem es auf klitzekleine Feinheiten und Details ankommen wird. Hier ist der BVB, der anders als die Bayern auf keinen seiner Stars verzichten muss, vielleicht sogar leicht im Vorteil.

Auf welche Seite stellt Heynckes Robben, auf welche Müller? Spielen beide überhaupt von Anfang an (ich denke, schon)? Wie wird Klopp reagieren – oder reagiert er insofern nicht, als er auf seine starke, eingespielte Startformation vertraut? Viel spricht für die gewohnte Viererkette mit Piszczek (gegen Robben auf links), Hummels, Subotic und Schmelzer (gegen Müller auf rechts). Viel spricht für Gündogan und Bender im zentralen Mittelfeld, gegen Kroos – wobei Schweinsteiger und Martinez es mit Reus und Götze zu tun bekommen. Das hat für den BVB in München im letzten Dezember bereits ganz gut funktioniert. Wer also wird das Zentrum 15 bis 30 Meter vor den jeweiligen Toren beherrschen? Wer steht kompakter, wer spielt schneller hinten raus bis direkt vor das Tor und kommt dort zum Abschluss – mit oder ohne Standard?

Das Fehlen von Ribéry könnte die spielerische Harmonie bei den Bayern auch insofern beeinträchtigen, als beispielsweise Alaba und Robben (oder Shaquiri) auf links über 90 Minuten so noch nie zusammengespielt haben. Viel wird daher davon abhängen, wie Kroos und Schweinsteiger flexibel auf den jeweiligen Flügeln agieren, dort Müller und Robben unterstützen. Viel wird davon abhängen, wie viel Lahm und Alaba überhaupt konstruktiv nach vorne tun können, ohne – wie Alaba einige Male gegen Arsenal – durch überweites Vor- oder Einrücken ihre Seite allzu sehr schutzlos zu lassen. Auffallend: Viele taktische Variationen – eben vielleicht noch Shaqiri für die Flügel, oder für einen sich im Zentrum aufreibenden Kroos – hat Bayern gar nicht mal. Dortmund dagegen, das hat das Spiel gegen Eintracht Frankfurt gezeigt, kann notfalls auch ohne Lewandowski systemisch und flexibel sehr gut klarkommen – wenn ansonsten alle anderen Spitzenspieler wie Blaszczykowski, Subotic, Piszczek, Bender, Reus und Götze dabei sind. Vielleicht die einzige Schwäche des BVB: Man verfügt nicht mehr wie in früheren Jahren über zwei fast gleichstarke Mittelstürmer. Schieber hat einfach (noch) nicht das Niveau von Barrios. Dreh und Angelpunkt beim BVB sind vielmehr Reus und Götze sowie dahinter Gündogan und Bender. Gelingt es den Bayern, Götze aus dem Spiel zu nehmen und Gündogan durch Mandzukic/Kroos weitgehend zu isolieren, wird viel gewonnen sein. Wenn nicht, wird es schwierig für Bayern. Minimaler Vorteil für Dortmund? Vielleicht.

Man muss, wenn man den gesamten Saisonverlauf wettbewerbsübergreifend zum Maßstab nimmt, auch ganz klar sagen, dass der BVB gerade gegen sehr starke Gegner wie in der Champions League vor allem auch auswärts hervorragende Ergebnisse erzielt hat. Dortmund hat auswärts in dieser Saison überhaupt nur einmal verloren – gegen einen überragenden Adler im Tor des HSV, und auch das ist schon lange her. Man muss ebenfalls konstatieren: Der HSV hat sein Momentum gegen den BVB – der die Hamburger wohl in beiden Bundesligaspielen dramatisch unterschätzt hat – wohl überragend gut genutzt.

Psychologisch ist zu sagen: Die Bayern wissen all das ganz genau – und sie wissen vor allem auch, wie lange sie gegen den BVB, wenn es wirklich drauf ankommt, nicht mehr gewonnen haben. Die Bayern, ja die Bayern, sie müssen eigentlich gewinnen. Ob ihnen diese Favoritenrolle gegen ihren Angstgegner so liegt, wage ich zu bezweifeln.

Insgesamt ist von meiner Seite abschließend zu sagen, dass ich, was die Bayern betrifft, dennoch nicht mehr ganz so pessimistisch bin wie das Jahr zuvor, was den direkten Vergleich betrifft. Die Dortmunder aber trotz der einen oder anderen Formschwankung oder wegen des Lewa-Geredes zu unterschätzen, hätte fatale Folgen. Beide Parteien wissen: Wer den ersten Fehler macht, hat diesmal vermutlich gar keine Gelegenheit mehr, diesen zu korrigieren. Ich erwarte mir für dieses Spiel einen Art Rasenblitzschach, selbstredend auf höchstem Niveau. Ein Match mit klarem Ausgang kann keiner erwarten, eher im Gegenteil. Alles riecht nach 0-0, vielleicht sogar nach 0-1, maximal nach 1-1, dann Verlängerung, ggf. sogar nach Elfmeterschießen. Dann, ab einer Verlängerung, wäre Bayern zuhause allerdings für mein Empfinden im Vorteil.

Postskriptum: Ich würde mich natürlich freuen, wenn es mehr als nur ein Tor aus dem Spielverlauf heraus gäbe, gerade für meine Mannschaft. Aber das ist unwahrscheinlich.

Andreas Bach

Das sind übrigens die Tipps aus der Redaktion nach 90 Minuten zwischen dem FC Bayern München vs. Borussia Dortmund:

Andreas Bach: 1:1

Matthias Holtz: 2:1

Marco Jankowski: 1:1

Giuseppe Cotrufo: 2:0

Klingt für Bayern positiver als das letzte Aufeinandertreffen im Pokal:

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