Als Bremer hat man es derzeit nicht leicht. Woche für Woche stirbt die Hoffnung zuletzt. Die Hoffnung auf ein gutes Spiel der Mannschaft, auf ein starkes Werder Bremen. Das Feuer von den Rängen soll wieder auf dem Platz glühen, die Spieler sollen sich wieder ihren Allerwertesten aufreißen und endlich wieder für die sogenannte Trendwende sorgen – die Wiederherstellung erfolgreicher Tage. Doch auf dem Platz spielt sich schon lange das gleiche, triste Bild ab. Lustlose und uninspirierte Auftritte der Mannschaft. Blickt man auf die Reservisten, registriert man finstere Mienen. Beim Warmmachen schieben sie sich Bälle mit einer Gleichgültigkeit hin und her, die die Fans in ihrem Arbeitsalltag den Job kosten würde. Statt heiß zu laufen, dem Spiel Impulse zu geben und sich auch persönlich wieder in eine bessere Ausgangslage für die Nominierung der nächsten Startelf zu bringen, fügt man sich nahtlos in ein teils unterirdisch agierendes Team ein. Kein Aufbäumen, keine Gegenwehr, keine Ideen. Als Fan schmerzt das – wirklich!

Die Probleme sind in Bremen nicht neu. Sie sind vor allem hausgemacht. Seit der Saison 2010/2011 ist Bremen endgültig ein Schatten vergangener Tage geworden. Seitdem hagelt es Gegentore en masse, vermeintlich kleinere Vereine scheinen an den Bremern vorbeigezogen zu sein und eine Rückkehr in die Erfolgsspur erscheint ohne gravierende Änderungen nicht mehr möglich. Und im Fokus der Kritik steht seit einiger Zeit ganz besonders ein Mann: Thomas Schaaf. Der Mann, der den Verein im Mai 1999 vom Schleifer „Quälix“ übernahm und gemeinsam mit Klaus Allofs eine Spielphilosophie prägte und perfektionierte, die lange Zeit als attraktivste der Bundesliga galt. Bremen, das war Zauberfußball, große Duelle mit dem FC Bayern München auf Augenhöhe, epische Europapokal-Schlachten mit großen Siegen, Genugtuung beim Blick zum verhassten Nordrivalen, Stars in grün-weißem Gewand und Erfolg.

Aber diese Epoche hat auch andere gravierende Veränderungen mit sich gebracht. Vor allem in der Wahrnehmung der eigenen Fans. Der Erfolg ist zum Selbstverständnis geworden, die Wertschätzung guter Leistungen fiel bedenklich klein aus und schlechte Leistungen riefen plötzlich zum Nörgeln auf. Merkt ihr was? Wir reden immer noch von Werder Bremen. Dem Verein, dem nichts geschenkt wird. Dem Verein, bei dem alle Faktoren – und das sind nicht wenige – greifen müssen, damit er erfolgreich ist. Dem Verein, der keine Vorteile aus seinem Standort ziehen kann. Und dem Verein, bei dem Erfolg immer noch etwas Besonderes sein sollte! Als Werderaner bist du kein Erfolgs- oder Modefan. Du bist leidensfähig und dennoch hungrig auf Erfolg. Du kennst die Niederlage und stehst doch immer wieder auf. Du weißt was Demut ist, verlierst deine Träume aber nie aus dem Blick. Heute merken wir mehr denn je, dass Erfolg vergänglich ist. Eben auch in Bremen.

Die Probleme liegen ganz ohne großes Analysieren auf der Hand. Schlechte Abwehr, verfehlte Transferpolitik, interne Machtkämpfe, keine Leader im Team und so weiter. Das Hauptproblem sitzt für viele aber auf dem Trainerposten. Das Alphatier ist kein Alphatier mehr. Aus Alpha scheint seit geraumer Zeit Omega geworden zu sein. Schaaf ist der Außenseiter, der Sündenbock, der jetzt herhalten muss. Ich stelle mich hier nicht schützend vor ihn. Nein, ich versuche gerade nur einige wenige davon abzuhalten, den am Boden liegenden, weiter zu malträtieren. Im Alltag würde man es Zivilcourage nennen, in diesem Fall wird man eher der Verneblung der eigenen Sinne bezichtigt. Aber ich möchte nichts beschönigen, ich kann es verstehen, dass der Großteil unzufrieden ist, nach Veränderungen schreit. Denn Veränderung, das ist eben auch die Hoffnung auf Verbesserung.

Schaaf sei amtsmüde, erreiche die Mannschaft nicht mehr, habe veraltete Trainingsmethoden. Vielleicht ist es so. Aber Schaaf hat uns auch erst dahin gebracht, dass wir uns heute das Recht herausnehmen dürfen, dies alles zu kritisieren. Ich weiß, dass es eine lästige Pro- und Contra-Debatte ist, aber ich will überhaupt gar nicht den Eindruck erwecken, dass ich bedingungslos für eine Never-Ending-Ära unter Thomas Schaaf bin. „Bis das der Tod euch scheidet“ muss nicht zwingend sein. Ich gebe nur zum Besten, dass Thomas Schaaf der Grund ist, wieso wir überhaupt das Recht haben dürfen, selbigen zu kritisieren! Er übernahm einen Trümmerhaufen, formte eine eingeschworene Truppe, gab immer wieder Leistungsträger ab, fand sich mit den Gegebenheiten der Bremer Transferpolitik ab und schaffte es, kontinuierlich eine wettkampffähige Mannschaft auf den Platz zu schicken. Alles Vergangenheit, ich weiß. Im Moment begleitet ihn die Ratlosigkeit, er wirkt hilflos und verstrickt sich in seine altbekannten Floskeln. Langsam aber sicher gebe auch ich die Hoffnung auf, dass es unter diesem Trainer wieder bergauf gehen kann. Seine Mängel kennt er – und das nicht erst seit gestern. Er schafft es schon lange nicht mehr den eigenen Nachwuchs nachhaltig in den Profi-Kader zu integrieren, er versäumt es derzeit, der Mannschaft die nötige defensive Stabilität zu verleihen. Er trifft falsche Personalentscheidungen, entscheidet sich für falsche Taktiken und seit langem hat auch er kein gutes Gespür mehr für Transfers. Er wirkt definitiv gezeichnet, gezeichnet von einer Misere, für die er leider auch zu großen Teilen selbst verantwortlich ist. Ich weiß nicht, wo es enden wird. Meine Gemütslage lässt sich daher sehr knapp zusammenfassen. Ich verzweifle und fluche. Ich missgönne und blicke neidisch in fast alle Richtungen. So ist das eben als leiderprobter Anhänger eines Vereins.

Ich würde eine Veränderung auf dem Trainerposten nicht kategorisch ablehnen. Vielleicht würde ich es instinktiv sogar gutheißen, aber ich werde mich davor hüten, es jemals zuzugeben oder gar als Wunsch zu äußern. Thomas Schaaf ist für mich eine lebende Legende. Er hat mir die schönste Bremer Epoche bereitet, die ich als Fan erleben durfte. Für mich hat er sich das Recht erarbeitet, selbst zu entscheiden, wann Schluss ist. Niemand weiß mit Sicherheit, dass es ohne ihn besser werden würde und diese Diskussion wird sich vorerst auch nicht in Luft auflösen. Vielleicht schmeißt er hin, vielleicht wird er tatsächlich gefeuert, vielleicht schafft er sogar selbst die Wende. Vielleicht wird es ohne ihn noch schlimmer, vielleicht werden wir ohne ihn wie Phoenix aus der Asche auferstehen und eine neue Erfolgs-Ära einleiten. Wer weiß das schon? Ich weiß nur, dass er für diesen Verein mehr geleistet hat als viele Kritiker. Dass vergangene Verdienste nicht mehr im Vordergrund stehen dürfen, da es der Entwicklung des Vereins im Weg stehen könnte, ist mir bewusst. Ich appelliere ja auch nur an einen ehrenhafteren Umgang mit einer verdienten Bremer Persönlichkeit. Das wäre doch das Mindeste, was Thomas Schaaf verdient hat. Egal ob nun an ihm festgehalten wird oder nicht.

Giuseppe Cotrufo

Advertisements