Wer kennt sie nicht? Fußballer, die nach ihren Toren – das Vereinslogo küssend – zu den Fankurven sprinten. Fußballer, die nicht müde dabei werden, ihre Liebe zum Verein zu beteuern. Fußballer, die Verträge zu verbesserten Konditionen verlängern, um anschließend doch zu wechseln. Das ist der Moment, wo der Fan sich verschaukelt fühlt. Der Moment, an dem er zweifelt und sich fragt: „Will der mich jetzt eigentlich natzen?“ Der Kuss auf das Logo erscheint rückblickend so liebevoll wie der Kuss für die am Vorabend bestellte Prostituierte. Die vielseits bekundete Liebe zum Verein geht plötzlich mit der Liebesbeteuerung an die zum dritten Mal betrogene, naive Freundin einher. Und die Vertragsverlängerung wirkt wie ein letztes Date mit Candle Light Dinner im Four Seasons, wo statt des erwarteten Antrags plötzlich nur die schockierende Nachricht bleibt, dass man wohl doch nicht so gut zusammen passe…

Der Fan, der sein Leben dem Verein gewidmet hat und es unter dem Motto „Ein Leben lang“ immer weiter tun wird, zerbricht einmal mehr an seiner Gutgläubigkeit – nicht selten bleibt er nachtragend. „Er hat sich doch so wohl gefühlt.“ „Die Zuschauer haben ihn geliebt und er klang immer so optimistisch.“ Alles wertlos. Der Spieler ist weg. Vereinstreue scheint nicht mehr in dieses schnelllebige Geschäft zu passen.

Man muss aber durchaus differenzieren. Na klar, ist es auf der einen Seite schade, wenn Spieler den eigenen Verein verlassen, doch nicht alle tun dies nur aus einem Grund. Der Vorwurf der „Geldgeilheit“ fällt immer sehr schnell, denn wieso sollte man sonst den Verein verlassen, der einem alles Benötigte bietet und so viel für die Entwicklung des Spielers getan hat?!? Vielleicht ja tatsächlich aus dem Grund, sich mit den besten Spielern der Welt in einem der besten Vereine der Welt, tagtäglich weiterzuentwickeln, um internationale Titel spielen zu können und jeden Tag aufs Neue gefordert zu werden. Fände ich jetzt nicht unbedingt abwegig. Wenn sich einem die Möglichkeit bietet, für Barcelona, Madrid, Bayern München, Manchester United, den AC Milan aufzulaufen, kann doch nun wirklich niemand nachtragend sein. Der monetäre Gedanke spielt sicherlich bei jedem Fußballer eine Rolle, aber grundsätzlich gilt es doch, sich als Spieler weiterentwickeln zu wollen und irgendwann ganz oben anzukommen – sprich: auch bei den besten Vereinen.

Aufgrund der Aktualität des Gerüchts greife ich mal einen potentiellen Wechsel von Mats Hummels zum FC Barcelona auf, den ich in allen Belangen nachvollziehbar finden würde. Trotz guten Umfelds, einer aufstrebenden Mannschaft, die sich auch auf europäischer Ebene konkurrenzfähig zeigt und eines gut dotierten Vertrags, würde er sich vor allem sportlich verbessern. Vielleicht schafft er es zu widerstehen, eine große Dortmunder-Ära mitzuprägen, auf Geld zu verzichten. Und all das mit dem Wissen, dass ihn die ganz Großen wollten – die Aushängeschilder Europas. Vielleicht schafft er es nicht. Alles pure Spekulation, über die erst in der Zukunft geurteilt werden kann. Wie gesagt, persönlich könnte ich es nachvollziehen.

Unglaubwürdig wäre er für mich bei einem Wechsel zur TSG Hoffenheim, die wie durch ein Wunder den Klassenerhalt schafft, à la Manchester City oder Paris St. Germain gewaltsam an deutschen Kräfteverhältnissen rütteln will und ihn mit einem Jahresverdienst von 15 Millionen Euro ködert… Sorry Hoffe, nichts gegen euch, aber auch solche Profis gibt es haufenweise in diesem Geschäft. Klar, dass die nicht gerade zu den Beliebtesten zählen. Aber auf die wird noch oft genug eingeprügelt werden, da muss ich das an dieser Stelle nicht auch noch.

Vereinstreue ist heutzutage definitiv keine Selbstverständlichkeit mehr. Umso höher sollte man es den Spielern anrechnen, die fast ihren ganzen fußballerischen Fokus auf einen Verein richten. Es sind die Spieler, an denen sich Mitspieler immer aufrichten, Spieler, die von den Fans nie vergessen und immer einen Platz in ihren Herzen behalten werden. Spieler, über die man ungern und selten schimpft, die man aber dafür umso lieber und euphorischer für gute Aktionen lobt. Eben Spieler, die man mögen muss, weil sie den Verein mit jeglicher Hingabe gelebt und geliebt haben. Aber nicht alle haben dabei das Glück, so wie Xavi (seit 1991), Puyol (seit 1995), Casillas (seit 1989), Schweinsteiger (seit 1998), Giggs (seit 1989), Javier Zanetti (seit 1995) oder früher Paolo Maldini (1984-2009) für Vereine wie Barcelona, Real Madrid, Bayern München, Manchester United, Inter Mailand oder den AC Mailand aktiv zu sein. Vereine, bei denen man im Prinzip schon ganz früh ganz oben steht. Im Zentrum der Medien und noch viel wichtiger: Im Zentrum des Erfolgs. Hut ab vor denen, die so eine Karriere einschlagen können und nicht an den hohen Erwartungshaltungen scheitern oder gar zerbrechen. Das soll jetzt auf keinen Fall die Tatsache schmälern, dass die Vereinstreue bei diesen Spielern besonders groß geschrieben wurde. Ich bewundere sie dafür ohne Einschränkungen.

In der aktuellen Zeit gibt es aber auch zahlreiche weitere Beispiele, die mehr als nur eine Randnotiz verdienen. Francesco Totti zum Beispiel. Er spielt sein 20. Profijahr in Rom. Durchaus ein traditionsreicher Verein, aber da war sicher mehr drin und die Angebote großer Clubs waren zweifelsfrei da. Die Liebe zum Verein war hier aber schlicht und ergreifend ausschlaggebend, um auf die Möglichkeit zu mehr Titeln und Geld zu verzichten. Nach vielen ruhmreichen Jahren mit dem FC Liverpool, verhält es sich mit Steven Gerrard ähnlich. Basierend auf dem Treueschwur, geht er mit seiner großen Liebe durch gute sowie aktuell schlechte Zeiten und ist nicht nur dadurch eine lebende Legende an der Anfield Road. Beide spielen – die Jugendjahre eingeschlossen – seit 1989 für „ihre“ Vereine und beide schlugen Angebote aus Madrid oder Manchester aus.

Bemerkenswert dürfte sicherlich auch die Geschichte des Spielers mit dem schönen Namen Joseba Andoni Exteberria Lizardi sein. Dieser spielte von 1995 bis 2010 für Athletic Bilbao und verzichtete in seiner letzten Saison sogar auf das Gehalt seines klammen Arbeitgebers. Eine Geste, die ihresgleichen sucht. Nicht weniger bemerkenswert war die Aktion eines echten Weltstars, der vor allem mit diesem Satz seine Fans verzauberte: „Ein Kavalier verlässt seine Dame nicht.“ Worte, die im Zuge des Zwangsabstiegs von Juventus Turin aus dem Munde von Alessandro Del Piero zu vernehmen waren. Von 1993 bis 2012 ging er mit der alten Dame durch Dick und Dünn und wird auf ewig in den Annalen von Juventus Turin ein Begriff sein.

Doch auch die Bundesliga schenkt uns aktuell einige tolle Charaktertypen. Da wären Hannovers Steven Cherundolo, der seit 1999 für die Niedersachsen spielt, der Bremer Aaron Hunt, der seit 2003 im Verein aktiv ist oder etwa Andreas „Lumpi“ Lambertz. Der Düsseldorfer spielt bereits seit 2002 für die Rheinländer und hat dabei mitunter einiges erlebt. Von der Oberliga Nordrhein marschierte er mit der Fortuna bis ins deutsche Oberhaus und war stets ein wichtiger Bestandteil seines Teams. Klar, dass so jemandem besonders viel Fanliebe entgegen schwappt.

Vereinstreue ist also immerhin nicht gänzlich out, aber es ist ein klarer Trend zu erkennen, der dahin geht, dass Spieler eben nicht ihre komplette Karriere bei einem oder vielleicht zwei Vereinen verbringen. Während in der Vergangenheit noch deutlich mehr Spieler als echte Identifikationsfiguren eines Vereins galten, gibt es in der Neuzeit eben deutlich weniger von diesen Typen. Spieler wie Sepp Maier (1962-1979 Bayern München), Guido Buchwald (1983-1994 VfB Stuttgart), Bernhard Dietz (1970-1982 MSV Duisburg), Michael „Ata“ Lameck (1972-1988 VfL Bochum), Uwe Seeler (1953-1972 Hamburger SV), Gerd Müller (1964-1979 Bayern München), Franz Beckenbauer (1964-1977 Bayern München), Karl Allgöwer (1980-1991 VfB Stuttgart), Fritz Walter (1937-1959 Kaiserslautern), Wolfgang Overath (1963-1977 1. FC Köln), Dieter Eilts (1984-2002 Werder Bremen) und einige andere findet man in dieser Häufigkeit nicht mehr vor.

Daher erwähne ich es gerne nochmal: Es verdient echt Anerkennung. Vielleicht kommen ja schon bald Namen wie Holger Badstuber, Thomas Müller, Marcel Schmelzer, Benedikt Höwedes oder Gonzalo Castro hinzu. Nicht auszuschließen. Ich muss gestehen, dass mir solche Spieler eben auch lieber sind und ich mir mehr davon wünschen würde. Andererseits sollte man auch jedem Spieler die Chance lassen, sich bei einem Karrieresprung beweisen zu können. Nicht alle sind nur auf das schnelle Geld aus und bei denen, die es doch sind, werden wir in Zukunft doch immer noch Freude daran haben, ordentlich über sie abzulästern – was den meisten von ihnen aber ohnehin an ihren mit Gold gepuderten Ärschen vorbei gehen wird. Aber es sind doch letztlich die kleinen Freuden, die das Leben lebenswerter machen – zumindest solange, wie für die größeren das nötige Kleingeld fehlt.

Giuseppe Cotrufo

Bei Interesse könnt ihr übrigens auch mal ins unseren neuen Online-Talk von Hauptsache Fussball gucken:

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