Fußball – ein Leben lang schon Fußball. Liebe zum Ball, Liebe zum Verein und dann fängt die Liebe zu den Spielern an. Nicht körperlich, ne, eher auf bewundernde Art und Weise. Man mag es gerne, von Liebe zu schwafeln, aber findet sich in einem Gemütszustand fernab von jeglichem sexuellen Gedankengut wieder. Sexuelles Gedankengut, aha. Ich dachte mir mal, dass es nicht schaden würde irgendwas mit „Sex“ zu schreiben. Wegen Google und so – nennt man glaube ich auch Suchmaschinenoptimierung. Justin Bieber wollt´ ich nicht schreiben – find ich eher so… mittelgut.

Mittelgut. Gutes Stichwort, denn worauf ich eigentlich hinauswollte, ist folgendes: Ich find mittelgut, sprich normal Schrägstrich gewöhnlich zutiefst langweilig. Also eher schlecht, bescheiden… oder einfach nur scheiße. Und genau deshalb bin ich der Meinung, dass wir im Fußball vor allen Dingen eines brauchen: Polarisierende Spieler. Aber am besten noch welche, die wirklich gut kicken können und somit nicht nur zur Zielscheibe von Hobbykritikern werden, da sie nicht mehr als einen reinen Witzfigurenstatus verkörpern – so ganz ohne fußballerischen Esprit. Sind wir doch alle mal ehrlich: Was gibt es denn bitteschön Cooleres, als zu wissen, dass man gut kickt und es auf die arroganteste oder mindestens auf eine unterhaltsame Art und Weise, mit der Welt teilen kann? Einfach mal eine Drecksau sein. Alle, die selbst mal Fußball gespielt haben, und wenn auch nur in der Kreisklasse – vielleicht aber auch gerade da – kennen dieses Gefühl wahrscheinlich bestens. Dabei geht es gar nicht darum, wirklich so eine Drecksau zu sein – ich selbst halte mich sonst auch für einen Engel, würde einer alten Dame ihre Einkäufe in ihre Wohnung tragen, der Dame des Herzens die Türe aufhalten und so weiter – sondern einfach nur darum, in einer Phase, die sich voll auf den Fußball fokussiert, einige Alltagsregeln ruhen zu lassen und einfach mal die Sau raus zu lassen. Ich steh auf solche Typen, solche Fußballer. Sie geben dem Fußball den gewissen Pep – Bayern hat ihn bald dauerhaft… Polarisiere ich jetzt bereits mit dieser Meinung? Könnte schon sein, ist mir aber Latte. Wow, diese Wortspielerei – ne, Spaß beiseite. Back to topic.

Fußball ist doch heute viel mehr als 90 Minuten mit 22 Männern, die dem Ball hinterherrennen. Ich mag diese Umschreibung selbst nicht so gerne, aber ich möchte auf den Faktor Zeit zu sprechen kommen, der da immerhin mit drin steckt. Fußball geht längst weit über diese 90 Minuten hinaus und mein Tageskonsum beträgt – Gott sei Dank auch jobbedingt – weit mehr als 90 Minuten pro Tag. Am liebsten schaue ich natürlich Spiele, aber für die Medien ist das längst nicht mehr das einzig Interessante. Außerdem sind die ja nicht am laufenden Band – und auf J-League oder sowas habe ich nicht wirklich Lust. Obwohl da sicher der ein oder andere Kagawa der Zukunft rumturnt.

Vielmehr ist mittlerweile ALLES, was Spieler sagen und tun von Belang geworden und wird somit auch mit der Masse geteilt. Leider ist das meiste von dem Ganzen auch zu einem absoluten Einheitsbrei verkommen, der an Einöde nicht zu überbieten ist. Grenzt ja fast schon an Körperverletzung. In etwa so wie die Comedy-Vergewaltigungsmaßnahmen von Mario Barth, der mit der gleichen taktischen Marschroute – neuaufgewärmten Einheitsbrei mit roter Schleife umwickeln und auf die zunehmende Volksverdummung bauend hoffen, dass es niemand merkt – agiert… Dieser Taktikfuchs… Nicht! Junge, das ist schlecht. Medien, auch schlecht. Beide setzen, sechs! Nee, Moment. Medien wieder aufstehen, hatte was übersehen. Einige gute Ansätze waren schon zu erkennen, derzeit noch ausreichend, aber ausbaufähig. Gebt uns ruhig mehr Balotelli, Ibrahimovic oder Rooney. Mehr Pepe, mehr Tevez, mehr Cristiano Ronaldo und ruhig mehr von den alten Säcken wie zum Beispiel Paul Gascoigne. Öffentliche Trinkgelage, der ein oder andere Umweg mit Hilfe von Professionellen oder einfach nur mal eine Zigarette in der Bahntoilette. Ich würde es nicht als vorbildliches Verhalten anpreisen, aber es ist doch einfach nur menschlich. Als wären wir alle, vor allem diejenigen, die dann mit dem Finger drauf zeigen und sagen „Das geht aber so nicht“ besser! Mitnichten!

Naja, was soll´s. Das Problem liegt ja wie beschrieben auf der Hand. Wie sehr vermisst man den Profi, der einfach mal offen und ehrlich zugibt, was er wirklich denkt und noch viel wichtiger, was er wirklich mit seinem Geld anstellt. Die nordirische Legende George Best zum Beispiel. Der Spruch „Die Hälfte des Geldes, das ich verdient habe, ist für Alkohol, Frauen und Autos draufgegangen, den Rest habe ich einfach verprasst.“ ist heute einfach nur Kult – zu Recht. Würde man sowas von einem Philipp Lahm, Mario Götze oder Marco Reus hören? Nee, ich mag sie aber trotzdem, weil sie das, was ihnen meiner Meinung nach an individuellen Charakterzügen fehlt, durch ihre spielerische Klasse wettmachen. Aber nur sowas? Nochmal nee. Dann bräuchte man nur die Spiele und könnte auf den Rest gänzlich verzichten. Statt Interviews könnten dann genauso gut Schach oder Curling als Programmfüller fungieren. Jetzt ist es raus: Auch das finde ich langweilig. Sorry, Garri Kasparow, sorry Team Kanada. Das kann doch nicht das Ziel sein, aber es scheint fast so.

Jeder Profi sagt das gleiche, bekommt Schulungen von mediengewandten Coaches, was er sagen soll und was eben nicht. Die perfekte Schulung zur Stromlinienförmigkeit. Dein Charakter wird dir als Profi quasi entzogen – oder sagen wir zumindest solange konserviert und aufbewahrt, wie du für einen gewissen Verein aktiv bist. Danach wird die Konservenbüchse weitergereicht an den nächsten Verein, und so weiter – bis du aus dem Fußballgeschäft raus bist. So ganz nach dem Prinzip: Sei alles, aber niemals ehrlich! Das Beste ist: Da stellst du als Reporter eine Frage an einen ausländischen Spieler und neben ihm steht sein Berater oder sonst wer und sagt ihm dann sowas wie: „Vergiss nicht zu sagen, wie wohl du dich hier fühlst, wie toll die Fans dich unterstützen und wie gut du die Stadt und das Land findest…“ Was zum Teufel… Soll ich das Interview nicht gleich mit dir führen? Eine Person, die quasi aus dem Nichts auftaucht, wie so eine ätzende Magen-Darm-Infektion. Braucht kein Mensch aber bei beidem würdest du am liebsten einfach nur kotzen!

Noch ein gutes Beispiel. Kennt ihr das: Da schießt der Stürmer in der Nachspielzeit das 1:0. Dann die überraschendste aller Fragen nach dem Spiel: „Wie fühlen Sie sich nach so einem wichtigen Tor. Kann man sagen, dass Sie heute das Spiel entschieden haben?“ Antwort ICH, wenn ich ein Profi wäre und mir aus allem was ich sagen würde, den ultimativen Reibach machen könnte: „Ich denke die Spieler können sich bei mir bedanken. Nen Kasten Bier sollte da schon drin sein, wenn man bedenkt, dass sie ihre Siegprämie ohne mich gar nicht erst bekommen hätten – und die ist nicht so unwesentlich. Und sowieso, ich bin der größte hinter Ali und nicht dieser Zlatan. Ist das eigentlich der Typ mit dem Gesicht um diesen Zinken herum?“ Okay, vielleicht etwas überspitzt, aber wen interessiert´s?!? Das Original wird in 99,9 Prozent der Fällen leider so aussehen: „Zunächst einmal möchte ich mich mal bei der Mannschaft bedanken, ohne die das gar nicht möglich gewesen wäre. (Vor allen Dingen bei den Spielern, die heute nicht im Kader, sondern auf der Tribüne waren. Die haben sicherlich auch alle viel mehr als ich dazu beigetragen… alles klar… gähn…) Auch beim Trainer möchte ich mich bedanken, dass er immer an mich geglaubt hat und mir im Training immer wieder sagt, was ich besser machen kann. Und die Fans erst, das war wieder der absolute Wahnsinn, wie die uns unterstützt haben. Ohne sie wären wir alle nichts.“ So viel Heuchelei und Arschkriecherei in so kurzer Zeit. Darin sind fast alle Fußballer Weltklasse.

Da fehlt einem doch eindeutig die Unterhaltung oder nicht? Wollt ihr allen Ernstes nur so glattgebügelte Typen??? Wenigstens ehrlich können sie doch sein, oder nicht? Ein wenig Rückgrat zeigen, für eine Meinung einstehen. Wenn man eben tatsächlich nur so‘n Nutellaboy ist, dann ist es eben so – muss es ja auch geben. Aber es gibt doch nicht nur Nutellaboys… In der Werbung sind doch auch immer nur eine Hand voll davon… Wo bleiben dann die ganzen Badboys? Die Rockstars unter den Fußballern? Die Leute, denen es egal ist, was andere über sie denken, die einfach genauso sind, wie sie sind – und obendrein sind einige davon richtig gute Fußballer, teilweise sogar mit dem Prädikat Weltklasse. Ihr wollt wissen, wen ich meine? Wen ich persönlich mag? Zlatan Ibrahimovic, Mario Balotelli, Kevin Prince Boateng wären einige davon. Oha, jetzt würden mir einige wohl am liebsten an die Gurgel springen. Geht aber nicht… ätsch!

Das sind echte Typen, für einige eher sowas wie Anti-Helden, aber für den Sport unabdingbar – meine Meinung! Ich mag eben Fußballer die nicht nur Ja und Amen sagen können und deren Sprachrepertoire sogar in Kreise hineinreicht, die Menschen der gehobenen Klasse, die sich gerne auch als kultivierter und intellektueller bezeichnen, abwertend gerne als Ghettoslang abtun. Ein bisschen mehr davon schadet sicher nicht nur. Aber es sollen auch keine reinen Showmaker sein. Dann müsste ich ja auch Konsorten wie Mike Franz, Albert Streit, Joey Barton oder Djibril Cissé, der sicher mal eine spielerisch starke Phase hatte, dazuzählen. Tue ich aber nicht. Ich verneige mich aber stattdessen auch vor einigen Fußballgöttern, die fast ohne Skandale ausgekommen sind. Messi, Rául, Xavi, Pirlo, Klose, Batistuta und einige mehr. Ich habe sie anders, aber ebenfalls in hohem Maße bewundert.

Die extrem polarisierenden Fußballer die ich meine sind die, die fußballerische Klasse mit einem Hauch von Abgedrehtheit, Skandalträchtigkeit, Selbstinszenierung paaren und vor allem eines sind: Ehrlich. Hat sich bei mir wahrscheinlich schnell angedeutet, dass ich auf solche Spielertypen stehe. Schließlich hatte der Grund, mich in meiner Kindheit für Werder Bremen zu entscheiden, einen Namen: Mario Basler. Lacht ruhig. Aber ich fand ihn genial, lustig und amüsant zugleich. So habe ich mir Fußballunterhaltung von A-Z vorgestellt. Wenn man jetzt bedenkt, dass auch Balotelli mit Vornamen Mario heißt, könnte man fast vermuten, dass ich aus meiner Kindheit so einen kleinen Mario-Fetisch durchgeschleppt hätte. Habe ich das? Ah ne, gut dass mir der Gomez grad noch eingefallen ist. Den finde ich eher so… normal – und dann war da ja noch der Barth vorhin… würg…

Also, ich mag – wie bereits erwähnt – auch viele Spieler, die nicht zwangsläufig so polarisierend sind, wenn sie mir guten Fußball bieten, denn schließlich bin ich ein großer Anhänger des Ballsports. Aber ich möchte lediglich darauf hinweisen, dass wir alle Acht darauf geben sollten, dass uns die ultra-polarisierenden Spieler niemals ganz ausgehen sollten. Ob ihr sie nun mögt oder nicht, bedenkt doch nur folgendes: Ihr habt sie sicherlich mal irgendwo verteidigt oder vollkommen zur Sau gemacht und eurem Unmut über diese für euch bemitleidenswerten Gestalten Luft verschafft. Aber beides hat euch doch sicher – zumindest unterbewusst – eine Menge Spaß bereitet. Wieso hättet ihr euch sonst so lange und schon so oft mit diesen Spielern auseinandersetzen sollen? Sie sorgen dafür, dass ihr einen Grund habt, den Experten, Moralapostel oder was auch immer raushängen lassen zu können. Also liebt sie, nehmt sie einfach so hin oder findet sie einfach weiter überflüssig. Ist mir sowieso egal – ich finde aber, dass sie mehr als nur eine Daseinsberechtigung haben.

Giuseppe Cotrufo

Bei Interesse könnt ihr übrigens auch mal ins unseren neuen Online-Talk von Hauptsache Fussball gucken:

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