Seit gestern steht es also erst einmal für mindestens eine Woche fest: Punktgleichheit im Kampf um den Relegationsplatz in Liga 2. Mit einem hart erkämpften, am Ende glücklichen 1:0-Sieg zieht der 1. FC Köln mit dem 1. FC Kaiserslautern gleich – und das Fernduell zweier Traditionsclubs geht in die nächste Runde.

Für die Liga ist es schön, dass es wenigstens noch einen richtigen Spannungsfaktor in Sachen Aufstiegskampf gibt – nachdem ja die zwei direkten Aufsteiger gefühlt schon seit Wochen, wenn nicht gar Monaten feststehen. Für die FC-Anhänger wiederum ist mehr als erfreulich, dass es nach dem verloren gegangenen direkten Duell mit dem Widersacher und dem Ende der Super-Serie von 15 Spielen ohne Niederlage nicht direkt zum Totaleinbruch kam, sondern der Kampf sofort wieder aufgenommen wurde. Nur die roten Teufel werden vielleicht nicht ganz so erfreut sein, dass es jetzt eventuell eben ein zittriges Saisonfinale geben wird…wobei: Es geht ja eh um den Relegationsplatz, nicht um den direkten Aufstieg, insofern wird man sich dort sicher ohnehin noch auf die ein oder andere Attacke auf das eigene Nervenkostüm eingestellt haben.

Können wir aufsteigen? Dürfen wir aufsteigen?

Für den FC indes heißt es „Nun also doch Aufstiegskampf“ – hatten vor der Saison ja eher die wenigsten erwartet. Zu groß der (vermeintliche) Qualitätsverlust, zu einschneidend der Umbruch, zu „namenlos“ das neue Personal auf dem Platz. Der Kollege Giuseppe Cotrufo hat das in seinem Blogartikel vor mehr als anderthalb Monaten ja schon einmal weitestgehend beleuchtet, insofern spare ich mir es mir jetzt, alle Einzelheiten nochmal aufzurollen.

Stattdessen geht es hier nun um die Momentaufnahme fünf Tage vor Saisonschluss…und natürlich irgendwie auch immer noch um die von Giuseppe aufgeworfene Frage: „Ist der FC unter Stanislawski schon wieder erstligareif?“ Und vor allem: „SOLLTE diese Mannschaft überhaupt aufsteigen?“

Der Gedanke hinter dieser Frage ist selbstverständlich folgende Überlegung: Ist es für eine verhältnismäßig junge und unerfahrene Mannschaft überhaupt gut, jetzt schon ins Haifischbecken Bundesliga geworfen zu werden? Und täte dem Verein selbst nicht eher eine Phase der Konsolidierung gut, in der in Ruhe der Scherbenhaufen eingesammelt und ein neues, mittel- bis langfristiges Konzept installiert werden kann?

Konzepte und Geldsorgen – die Perspektive des Vereins

Die Antwort auf letztere Frage ist aus meiner Sicht relativ simpel: Dem Verein täte nichts besser als der Aufstieg! Denn für jede Art von Konsolidierung und echtem Konzept braucht es vor allen Dingen eines: Geld. Das ist in Köln bekanntlich durch die Misswirtschaft der letzten Jahre (bzw. des letzten Jahrzehnts) rar gesät – und es wird in der Zweiten Liga nicht besser werden. Man werfe nur mal einen Blick auf die Verteilung der Fernsehgelder, der Haupteinnahmequelle der Proficlubs, und man wird feststellen: 79,5% gehen an die Bundesliga, nur 20,5% an „die Zweite“. Selbst der Letzte im Bundesliga-Ranking bekommt noch rund doppelt so viel Geld wie der beste „Nicht-Aufsteiger“ im Zweitliga-Ranking. Ob das eine gerechte Verteilung ist, mag man diskutieren (ich empfinde die Schere als besorgniserregend), aber eines ist sie nun einmal: Fakt.

Es ist also nicht so, als wenn ein Club mit der finanziellen Lage des FC mittelfristig in der Lage wäre, irgendetwas zu konsolidieren, geschweige denn signifikant Schulden abzubauen. Das derzeitige „Konzept“ ist ja in Wahrheit nichts anderes als „aus der Not geboren“. Man hatte vom Budget her doch gar nicht die Möglichkeit, irgendetwas anderes zu tun, als in nahezu allen Belangen der Mannschaftsplanung die günstigste Variante zu wählen. Da gibt es derzeit null Flexibilität, um auch nur einen Spieler der Kategorie „kann die Mannschaft sofort voranbringen“ zu kaufen, wenn dieser nicht – aus welchen Gründen auch immer – zu Schlussverkaufs-Preisen angeboten wird.

Das Positive daran ist natürlich, dass darin die Chance für junge Spieler liegt, in den Kader zu rutschen. Aber auch da reden wir ja nicht von der Kategorie „Mega-Talent mit Ansage“ á la Götze, Reus, Badstuber, Hummels…oder – um mal im eigenen Laden zu bleiben – dereinst Podolski. Stattdessen geht es um Spieler, die vielleicht(!) das Zeug zum soliden Profi mitbringen, mit Glück auf Erstliganiveau, ansonsten vielleicht aber auch „nur“ Zweitligaprofis der nächsten Generation. Das ist für die aktuelle Phase vielleicht das Beste, was man unter den gegebenen Umständen machen kann, aber wohl kaum der „Masterplan“, um mittelfristig konkurrenzfähig zu werden.

Kurzum: Der Verein selbst braucht den Aufstieg, so schnell wie möglich, um überhaupt wieder flexibel planen zu können…und unter Beweis zu stellen, dass er auch wirklich eine Idee, ein Konzept hat. FC-Geschäftsführer Alexander Wehrle brachte das vor kurzem auf den Punkt, indem er erklärte: „Platz vier ist sicher der ‚worst case‘, also der wirtschaftlich schlechteste Fall.“ Klar, denn wenn man viele Punkte holt, aber eben nicht aufsteigt, werden für die Spieler zusätzliche Punktprämien fällig (dem Vernehmen nach nicht wenig…gerade bei Spielern, die noch die lukrativen Verträge der alten Geschäftsführung bekommen haben). Diese Punktprämien sind aber reine Ausgaben, ohne einen zusätzlichen Ertrag (namentlich: Die Erstliga-Fernsehgelder), der das kompensieren könnte.

Soweit die Argumentation pro Aufstieg aus Perspektive des Clubs.

Glück und Wille – die Perspektive der Mannschaft

Wie aber stellt sich die Frage im Hinblick auf das Team dar? Oder, um Giuseppes Frage zu wiederholen: „Ist der FC unter Stanislawski schon wieder erstligareif?“

Die Punktausbeute und die Ergebnisse der letzten Monate scheinen das erst einmal zu suggerieren – hat man sich etwa nicht nach verkorkstem erstem Saisondrittel und zwischenzeitlichem Aufenthalt in der Abstiegszone an den Relegationsplatz heran gekämpft? Kann eine Serie von 15 Spielen ohne Niederlage etwa Zufall sein?

Jein – zu beiden Fragen. Klar ist es eine beachtliche Leistung, sich so zurück zu kämpfen, aber man darf nicht vergessen: Da kann man sich auch bis zu einem gewissen Grad beim FCK bedanken, denn in dieser „Sturm und Drang“-Phase des FC gab es gleich zwei Blöcke von je vier Spielen am Stück, die Lautern nicht gewinnen konnte. Hätten sie annähernd so konstant gepunktet wie Hertha/Braunschweig (und wie es ihre Kaderqualität eigentlich hergeben würde), wäre die Aufstiegsmesse längst gelesen – und die spannendste Frage würde nur noch die sein, wer von den Dreien nun Relegation spielen muss und wer direkt hoch darf.

Das alles soll natürlich keinesfalls die Leistung des FC schmälern, denn es stimmt natürlich: Man bleibt nicht ohne Grund fast eine halbe Saison am Stück ungeschlagen. Nichtsdestoweniger ist das eigentliche Spiel der Kölner kein brillanter Offensiv-Fußball, sondern mitunter gern auch mal nur ‚Kick & Rush‘. Was der FC endlich wieder mitbringt, ist Einsatz und unbedingter Wille – klassische Zweitliga-Tugenden, die der Mannschaft in den letzten Jahren oftmals komplett fehlten. Seit Ende letzten Jahres gehe ich endlich wieder mit dem Gefühl ins Stadion, dass meine Mannschaft 90 Minuten lang (und darüber hinaus…) jederzeit ein Tor schießen kann und dass sie nahezu jedes Spiel gewinnen könnte. Die Zeiten, in denen die Mannschaft nach einem 0:1 in der 20. Minute komplett zusammenbrach, als wäre das Spiel damit durch…zum Glück Vergangenheit! Die Zeiten, in denen man davon ausgehen konnte, dass es nur Punkte geben kann, wenn man das erste Tor schießt, weil die Mannschaft generell völlig außerstande schien, einen Ausgleich zu erzwingen (geschweige denn ein Spiel zu drehen!) zum Glück auch.

Nicht das erste Mal krallte sich der FC vorgestern einen Last-Minute-Sieg – und demonstrierte damit den unbedingten Willen und die Einstellung, sich nie aufzugeben, bis zum Abpfiff (und nicht nur bis zur letzten Minute…) alles zu geben. Für mich keine Frage: Das kann zur Relegation bzw. zum Aufstieg ausreichen. Vielleicht wird es zu einem echten Herzschlag-Finale kommen und da können genau diese Eigenschaften zum großen Trumpf werden.

Die Reifeprüfung – Was tun, wenn’s klappt?

Aber ist die Mannschaft damit automatisch auch „reif“ für die Bundesliga? Viele sind skeptisch, ob es nicht gerade für die jungen Spieler besser wäre, in Ruhe ein weiteres Jahr in der 2.Liga zu „reifen“. Ich persönlich sehe das zwiegespalten. Nichts gegen einen behutsamen Aufbau von jungen Spielern, aber grundsätzlich reden wir hier ja nicht mehr von 17jährigen, sondern auch die „jungen Wilden“, die bereits jetzt Leistungsträger sind (Horn, Clemens, Hector, Strobl), sind Anfang 20, der Rest großteilig Mitte 20 – also in einem Alter, in dem man sich durchaus in der Bundesliga beweisen kann, wenn es denn zum Erstligaprofi reichen soll. Und grundsätzlich denke ich, dass gerade diese Spieler mehr von Duellen mit Bayern, Dortmund, Schalke, aber auch Mainz, Hannover oder Frankfurt profitieren als von Spielen gegen Regensburg, Aalen oder Paderborn.

Abgesehen davon: „Die Mannschaft weiterentwickeln“ ist in der Zweiten Liga auch so eine Sache. Denn wenn es mit dem Aufstieg nicht klappen sollte, ist doch auch klar: So wird das Team kommende Saison nicht beisammen bleiben. Ein Clemens ist längst für Bundesligaclubs (Bremen und Schalke sind angeblich interessiert) interessant und wird kaum zu halten sein, dasselbe gilt für Kapitän Miso Brecko, dessen Vertrag im Sommer ausläuft. Den bisher besten Torjäger Ujah (ausgeliehen aus Mainz) wird man mit Zweitliga-Etat nicht verpflichten können und ob Kevin McKenna ein weiteres Jahr eine Säule der Abwehr sein kann, ist auch nicht sicher – er wird ja nicht jünger. Kurzum: Ein Nicht-Aufstieg ist mitnichten die Garantie für Kontinuität und das vielbeschworene „In Ruhe weiterentwickeln“-Prinzip.

Und selbst wenn man aufsteigt und es dann eben doch nicht zu mehr reichen sollte als zu einer Saison Bundesliga – so what?! Eine Saison mehr am dickeren Geldtopf, eine Saison mehr, um die eigenen Spieler an die Bundesligareife heranzuführen, eine Saison mehr, um am Konzept zu drehen und zu schrauben. Wird etwa Greuther Fürth den Aufstieg bereut haben, nur weil’s halt dann in der Bundesliga nicht so lief? Wohl kaum! Und die wurden nach jahrelangem Dasein als „Unaufsteigbare“ letzte Saison als „endlich erstligareif“ angesehen. So viel allzu zu der Verlässlichkeit solcher Einschätzungen.

Im Klartext: Ich sehe keinen wirklichen Nachteil bei einem möglichen Aufstieg. Entscheidend wird einzig und allein sein, dass man in Köln nicht in alte Muster verfällt und die Mannschaft zu Preisen weit über den eigenen Verhältnisse umrüstet…nur um dann mit einer unmotivierten Millionärs-Truppe so erbärmlich wie im letzten Jahr abzusteigen. Diese Demonstration von Lustlosigkeit, Desinteresse und innerer Zerstrittenheit wird die aktuelle Mannschaft (hoffentlich!) kaum unterbieten können…und wie alle FC-Anhänger wünsche ich mir vor allem eines: So etwas nie, nie wieder mitansehen zu müssen.

Aber das ist Zukunftsmusik. Jetzt heißt es für den Ersten Fußballclub Köln erst einmal, sich mit dem Traditionsclub aus Kaiserslautern bis zum Ende einen epischen Zweikampf zu liefern, der ein kleines Highlight in dieser insgesamt doch in vielerlei Hinsicht eher eintönigen Saison darstellen könnte.

Marco Jankowski

Bei Interesse schaut doch mal in unsere Dokumentation Hauptsache Fussball hinein:

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