Ich bin völlig fertig, immer noch. Dazu bin ich hin- und hergerissen zwischen kritischer Analyse, absoluter Trauer und Zorn auf Uli Hoeneß, Liebe zum Verein und dabei doch spürbarer, stetig abflauender Begeisterung für das Thema „Fußball“. Und das vor diesen vier gigantischen Champions League-Halbfinals. Emotionale Distanz ist das, was sich so langsam einstellt, zum Thema Fußball. Insbesondere zu Uli Hoeneß und, leider, auch zu meinem Verein. Warum?

1. Ein Text zu all den Vorgängen rund um den eigentlich banalen Faktor „Steuerhinterziehung von Uli Hoeneß“ kann nicht sachlich sein, auch wenn er es versuchen wird. UH hat sich selbst dafür immer zu stark als emotionaler, kritisch-moralischer Meinungsmacher positioniert, als Apostel des wirtschaftsliberalen Gutmenschen mit sozialem Gewissen und vor allem – mit viel Herz. Das aber hat er mir, als Fan des FCB Bayern, durch sein Verhalten fürs Erste gebrochen, und zwar gründlich.

2. Wie viel Schuld Uli Hoeneß auf sich geladen hat, ist dabei gar nicht so wichtig für mich. Ich kann das, möchte das auch gar nicht beurteilen. Wie immer man zum Thema Steuergerechtigkeit steht, ist auch nicht der zentrale Punkt. Jeder von uns hat wohl schon mehrfach am Rande der Legalität – und vielleicht auch mal knapp darüber hinaus – in finanziellen oder anderen Dingen agiert. Für mich ist viel zentraler, dass dieses Verhalten eines Vereins- und Wirtschaftsführers weniger rechtlich wie vor allem moralisch nicht tragbar ist. Denn nun kann jeder kommen und, hinter vorgehaltener bzw.  aufgehaltener Hand, vorgeben: Wenn schon der Uli das macht, dann darf ich das auch. Das ist am allerschlimmsten.

3. Viel wurde über das „Vorbild außer Dienst“ und den gebrochenen bis kriminellen Uli Hoeneß bis heute schon geschrieben und gesprochen. Aber wenig wurde bislang darüber gesagt, was das Ganze mit uns macht, mit den Fans des Spiels, des Fußballs, mit unserem Vertrauen, unserer Liebe zu einem Verein, der wie kein anderer von Uli über eine extrem lange Zeitspanne geführt wurde und immer abhängig war – und ist – von diesem Mann. Zumindest von mir kann ich schon eines sagen: Schon die Spiele gegen Barcelona werde ich mit anderen, weil wissenderen Augen sehen als vor der Steueraffäre. Ich spüre schon jetzt eine starke Enttäuschung, eine gewisse Distanz, von der ich mich innerlich nicht frei machen kann. Wie gerechtfertigt oder ungerecht diese auch immer ist, was zählt ist: Ich spüre sie einfach.

4. Diese Enttäuschung, Trauer, auch Wut bei vielen, nicht nur Bayern-Fans, diese Distanz spüre ich nicht nur bei mir, sondern sie ist überall zu fühlen: im persönlichen Gespräch, im Netz bei vielen dem FC Bayern mehr, aber auch weniger nahestehenden Bloggern und Aktiven. In der Presse, egal ob „Kölner Stadtanzeiger“ oder „Süddeutsche Zeitung“, wird zu Recht davon gesprochen, dass neben bevorstehenden weitreichenden persönliche  Konsequenzen für Uli Hoeneß auch solche für den FC Bayern, auch für den Deutschen Fußball an sich eintreten werden. Dies ist nicht von der Hand zu weisen. Und dies kann verschiedenste negative Auswirkungen haben:

5. Fans: Innere Distanz könnte die Folge sein, oder ein „Mia san Mia“, oder auch totaler Rückzug vieler Fußballfreunde, insbesondere der des FC Bayern, zuerst mal hinein in eine gewisse Privatheit. „Damit will ich nichts zu tun haben“, dies wird ein Satz sein, den man hierzu wohl noch öfter hören wird. Lass mich doch mit dem Hoeneß, den Bayern in Ruhe! – So fängt es an.

6. Die deutsche Stimme im internationalen Fußballgeschäft erleidet fürs Erste irreparable Schäden. Das Vertrauen ist stark beschädigt bis dahin. Hoeneß wird nun stets mit FIFA-„Größen“ wie Blatter, Jack Warner und anderen verglichen werden.

7. Gewicht und Bedeutung des FC Bayern könnten mittelfristig  abnehmen, wie dramatisch, das wird man die nächsten Monate und Jahren sehen. Der Marktführer im deutschen Fußball ist, was er eigentlich auch nie sein durfte, keine moralische Instanz mehr (was demzufolge vielleicht auch Gutes nach sich ziehen wird).

8. Profifußball wird noch stärker zu dem, was er sowieso schon war. Business. Geschäft. Globalisierter Wirtschafts-Machtkampf mit leider immer weniger sportlichen Mitteln.

9. Der FC Bayern wird sich noch stärker als bislang mit all seinen internen und externen wirtschaftlichen Verflechtungen auseinandersetzen müssen. Vieles davon muss erneut oder erstmals auf den Prüfstand. „Compliance“ wird, anstelle von patriarchalischen Entscheidungsmustern, in den Vordergrund treten. Die clubinterne Bedeutung von Konzernen wie dem VW-Konzern/Audi, der Allianz und/oder Adidas, die sich stark bei Bayern engagieren, wird zunehmen. Ob es nun zu außerordentliche Mitgliederversammlungen kommen wird, um Uli Hoeneß „abzusetzen“? Keine Ahnung, ob und wie das möglich ist. Es wäre das absolute Grauen, ein erstes Ende von allem für den FC Bayern.

10. Compliance bedeutet, man mag es begrüßen oder nicht: Regeln, die man sich gibt, müssen eingehalten werden. Das gilt vor allem und noch viel stärker für das Fußball-Geschäft, das so unglaublich stark mit Moral und Emotionen befrachtet ist. So bin ich, allen Steuergeschichten eines Klaus Zumwinkel zum Trotz, immer noch Kunde der Postbank. Zumwinkel war mir einfach egal. Obwohl ich mein Girokonto bei der Post seit 1980 besitze und hier auch so etwas wie eine lange Verbundenheit spüre, wenn auch beileibe nur ganz vage nicht so stark wie zum, lächel, FC Bayern.  Aber Zumwinkel war nur ein Manager unter vielen, wenn auch ein besonders prägender für die Post. Mit Uli Hoeneß und seiner Verbindung zum FC Bayern kann man Zumwinkel nie vergleichen. Den FC Bayern gäbe es ohne Uli in seiner jetzigen „Form“ gar nicht. Was mir in genau dem Moment des Niederschreibens aus sehr nachvollziehbaren Gründen schon wieder aufs Neue extreme Magenschmerzen verursacht.

11. Jede Ehe bricht, nur die mit dem FC Bayern nicht (hier bitte wahlweise den eigenen Verein  einsetzen). Ich bin Fan seit 1967. Ich habe seitdem viel erlebt. Ich habe wahrlich auch nicht immer  gutheißen können, wie Uli Hoeneß seit Ende der 70er Jahre seine Rolle bei dem Verein ausgefüllt hat. Uli hat den Verein mit einer unglaublichen Wucht an sich gerissen und hält ihn seitdem eng umklammert fest wie einen Schatz, seinen Schatz, sein Lebenswerk. Wer immer vor der „Causa Hoeneß“ auch nur eine Sekunde darüber ernsthaft nachgedacht hat, dem konnte das eigentlich eher vor allem Unbehagen bereiten. Jetzt rächt sich diese sehr, sehr enge Verbindung vielleicht. Das hätte, Stichwort „Compliance“, nicht sein müssen. Ob meine Ehe denn nun bricht? Siehe unten, ich weiß es nicht. Ich denke, nicht.

12. Was auch immer Uli Hoeneß getan hat oder nicht, ist nun an diesem Punkt innerhalb der öffentlichen Diskussion schon fast nebensächlich. Er kann in der Öffentlichkeit nicht Stellung beziehen, weil ihm juristisch die Hände gebunden sind. Aber was immer er auch in dieser Situation öffentlich machen würden: Der Chor der „anderen“, die ihn medial richten würden – und werden, der Ruf ist jetzt schon unwiederbringlich ruiniert – würde Uli Hoeneß‘ Stimme bei weitem übertönen. Das war im Fall Daum so. Das war im Fall Wulff so. Das war und ist immer so und wird immer so bleiben. An diesem Punkt tut mir Uli Hoeneß jetzt schon fast wieder leid.

13. Der FC Bayern hat wahrscheinlich irreparablen Schaden genommen. Wer jetzt sagt: für die anderen Clubs in der Bundesliga ist das gut, hat nur teilweise recht bzw. ist völlig auf dem Holzweg. Denn weiterführend ist zu konstatieren: Schaden genommen haben auch „Regeln“, die es nun mal einzuhalten gilt. Und damit der gesamte Bereich „Leistungssport“, der ja eigentlich – jenseits von Skandalen etc. – auf festen Regeln basiert. Basieren sollte. Schaden genommen hat ebenso  der Begriff „Fairer Wettbewerb“. Und der Begriff „Financial Fair Play“, beides zentrale Anliegen von Uli Hoeneß, Karl-Heinz-Rummenigge, dem FC Bayern München.

14. Der Deutsche Fußball steht vor einem Wandel. Nicht kurzfristig, nicht heute, nicht morgen, aber in den nächsten Monaten und Jahren. Er hätte ihm so oder so in fünf, acht Jahren ins Haus gestanden, wenn Uli Hoeneß endgültig abgetreten wäre. Aber was immer Uli nun macht oder nicht macht, er hat eines einfach nicht mehr: seine absolute Macht. Andere werden nun entscheiden, wo er früher ein sehr gewichtiges bzw. entscheidendes letztes Wort gesprochen hat.

15. Ich freue mich immer noch auf die Spiele gegen Barca. Aber wie klein sehen diese Begegnungen vor den Vorfällen und Berichten der letzten Tage nun plötzlich aus! Und dann…im Falle des Erfolges zum Finale fahren? Viel, viel Geld für Reise, Übernachtung, Ticket ausgeben? Geld, was der Familie dann fehlt – einer anderen Instanz, der zweiten Einheit, die mehr noch als die Verbindung zum Verein auf Vertrauen, Liebe, Hingebung, Opferbereitschaft basiert? Ich weiß nicht. Mit dem vom Munde abgesparten Finalkarten-Geld mache ich vielleicht doch lieber was anderes. Warum? Weil mir anderes einfach wichtiger ist.

15a. Ich hatte wegen Uli Hoeneß einen riesigen Streit mit meiner Tochter und meiner Frau, am Sonntag-Abend. Es war meine Schuld, meine Emotionen haben mich zu Aussagen verleitet, die mir heute nur noch leidtun. Ich entschuldige mich dafür bei meiner Familie. Es war alleine meine Schuld, und auch ausdrücklich nicht die von Uli Hoeneß und dem FC Bayern. Meine Schuld! Aber der Anlass… will mit diesen Pünktchen, Pünktchen sagen: Wieso soll ich mir den Stress mit meinem Verein an so einem Punkt noch antun, wo es sogar auf Kosten der eigenen Familie geht – finanziell und emotional?

16. Die Mannschaft. Für die tut es mir unendlich leid. Unfassbar leid. Was für eine bodenlose gemeine Scheiße!!! Es tut mir auch für den BVB leid, weil beide Halbfinalspiele nun überlagert werden von einer in meinen Augen, hätte sich Uli Hoeneß nur ein wenig weitsichtiger und weniger egoistisch verhalten, völlig überflüssigen Debatte über Stärken und „Charakter“ des deutschen Spitzenfußballs. Wer hat den BVB denn gerettet, mit welchem Geld eigentlich, werden jetzt einige Idioten fragen – war das nicht Uli Hoeneß, damals, Mitte der 00er Jahre? Gar nicht lange her, nicht mal eine Dekade. Leute! Und jetzt: was war das denn für ein Geld? Oh, fuck, Leute.

17. Sollte der FC Bayern die Champions League tatsächlich gewinnen, und es sieht nun in meinen Augen wirklich nicht mehr danach aus, weil die Konzentration auf das Spielerische schwindet, egal was einem Trainerstab und Spieler erzählen, sollten die Bayern den Titel wirklich holen, wird er auf immer mit einem „G´schmäckle“ verbunden sein, wie ungerecht und unfair diese Unterstellung tatsächlich auch ist. Aber niemand kann nun die öffentliche Debatte um den Präsidenten vom Verein und sein sportlichen Erfolgen mehr trennen. Das funktioniert nicht. Nicht in dieser Medienlandschaft und nicht in meinem Inneren. Auch, wenn es vollkommen ungerechtfertigt ist. Und das ist es!

18. Der angebliche Hoeneß-Freund Helmut Markwort. Warum bringen er und sein „Focus“ die Geschichte ausgerechnet jetzt? Welche Konflikte, welche Zwänge stecken da dahinter? Man weiß ja, wie sehr die Auflage des Blattes gefallen war. Ein todsicherer „Hit“, fragt sich nur: tödlich für wen? Was ist da passiert, Uli und Helmut???????

19. Tempi passati: Ich hör‘ ja schon auf. Diese schlimmen Zeiten werden vergehen, wie alles vergeht. Aber: Selten hatte der FC Bayern so eine viel versprechende Mannschaft. Und selten wurde dieser glänzende Ausblick auf die Gegenwart mit Don Jupp und auf die Zukunft mit Matthias Sammer und Pep Guardiola so rasch und so gründlich zerstört wie durch die Steueraffäre von Uli Hoeneß. Ehrlich gesagt, kann ich im Moment nicht sagen, wie sich mein Verhältnis zum FC Bayern in den nächsten Wochen und Monaten entwickeln wird. Es ist wie in einer, lacht nicht, ich bin bald 17 Jahre  verheiratet, langen Ehe. In der man plötzlich von einigen sehr unangenehmen Wahrheiten gerade in dem Moment äußerst kalt erwischt wird, in der die Liebe zur eigenen Frau nie größer war als in eben diesem Augenblick. Distanz sickert ein, eine Abwehrhaltung stellt sich ein, noch keine Kälte, nichts ist ja endgültig, die Verfehlungen sind objektiv betrachtet alles andere als schlimm. Aber… das tut alles so sehr weh.

20…es gibt in dieser Beziehung keine Objektivität, kann es nie geben. Es gibt Liebe, Leidenschaft, Vertrauen, Misserfolge, Zusammenstehen in schwierigen Zeiten, ja, noch glaube ich ein wenig an das Gute, aber wenn die Enttäuschung zu schwer wird, weiß man nie, wie man reagiert?

21. Der AC Milan gehört Berlusconi. Real Madrid Herrn Peres. Und der FC Bayern der Zukunft?

21. Hoffnung: Der Verein ist größer als jeder Einzelne. Auch als der Kaiser. Auch als Uli Hoeneß . Aber erstens war Uli Hoeneß der Verein, in den letzten Jahrzehnten noch viel mehr, als es Franz Beckenbauer oder andere je verkörpert haben. Und zweitens wird es einen unglaublichen Rebound geben. Das Medientrara wird, nach allem was man jetzt schon liest, gewaltig sein – und uns lange begleiten. Das Ganze könnte sich, von der Wirkung her, durchaus noch zu einer Art bösem Tsunami entwickeln. Zuerst flach und wenig sichtbar, aber am Ende extrem schnell, riesig und vor allem verheerend für alle, die – zentral oder am Rande – fast schon zwangsläufig und ohne wirkliche Chance auf ein Entrinnen von ihm überrollt werden.

22. Dieser Text richtet sich nicht gegen den FC Bayern. Und nicht gegen Uli Hoeneß. Beiden verdanke ich unendlich viel Schönes in meinem nun schon 52jährigen Leben. Auch dafür möchte ich mich ausdrücklich bei beiden bedanken. Beide verdienen, sachlich betrachtet, auch vor dem Hintergrund der Unschuldsvermutung (betr. der Zeitpunkt der Selbstanzeige und die „Stern-Story um die 500 Millionen!) – und überhaupt! – meine Unterstützung. Ich werde meine Mitgliedschaft nicht zurückgeben oder ruhen lassen, ich habe auch keine Sekunde daran gedacht. Dieser Text ist lediglich ein Ausdruck dessen, was ich gespürt habe und was ich fühle in diesen Momenten, rund um all das, was sich derzeit mit dem FC Bayern verbindet.

Andreas Bach

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