Bayern München siegte am Wochenende wieder einmal in fast schon überragender Manier mit 6:1 in Hannover. Statt der allwöchentlichen Lobhudelei stand aber dieses Mal etwas ganz anderes im Vordergrund: Die Causa Hoeneß – die Selbstanzeige des Mister Bayern München, und das nicht gerade wegen eines Kavaliersdelikts…

Mein Kollege Andreas Bach hat sich damit bereits sehr emotional auseinandergesetzt. Als Nicht-Bayern-Anhänger versuche ich es nun auf eine andere Art und Weise anzugehen, da ich mir auch nie anmaßen würde, es aus Sicht der Freunde von der Isar wiedergeben zu können – ich teile nur die Meinung, dass es sicherlich auch unter ihnen sehr kontrovers diskutiert wird und Gemütszustände wie Betroffenheit, absolute Schockstarre und auch Wut die Runde machen.

Dabei waren es in den letzten Tagen vor allem die Anschuldigungen von Medien und auch von Politikern gleichermaßen, die sich überschlugen. Die Zahlendiskrepanz der verschwiegenen Erträge reichte von ein- bis dreistelligen Millionenbeträgen und alles beruhte lediglich auf Spekulationen, die durch irgendwelche Querverweise aus alten Medienberichten, neuen Veröffentlichungen der Ermittlungsergebnisse und der Geilheit, mit Hoeneß ein gutes Zahlengeschäft in puncto Absatz und Internetklicks zu generieren, entstanden sind. Was verkauft sich schließlich besser als Schlagzeilen, die eine einflussreiche Persönlichkeit wie Hoeneß in Kombination mit Steuerhinterziehung und der Verheimlichung von dreistelligen Millionenbeiträgen vor dem deutschen Fiskus vereinen?

Ein Artikel im Stern lieferte hierzu die schaulustigste Spekulationsgrundlage, als im Januar über das Konto eines Bundesligisten berichtet wurde, das bei der Schweizer Privatbankgruppe Vontobel gebunkert sei. Eben jenes Kreditinstitut, das auch Hoeneß nutze, um eigene Steuergelder zu unterschlagen. Dass bis heute kein Zusammenhang zwischen dem FC Bayern München, Uli Hoeneß und einer möglichen Steuerhinterziehung besteht, erleichtert mich fürs Erste. Doch bin ich auch nicht so naiv, dass ich für die Zukunft einen Zusammenhang gänzlich ausschließe, denn jemanden, der privat gegen Gesetze der Finanzmärkte verstößt, muss auch zuzutrauen sein, dass er es auf geschäftlicher Ebene getan hat.

Es tut mir leid, Herr Hoeneß, dass dieser Verdacht entsteht, denn ich gehöre zu einem ihrer größten Sympathisanten und habe größten Respekt für das, was Sie aus Bayern München gemacht haben und auch für jede andere Aktion, in der Sie sich gönnerhaft in manchen Notlagen anderer Clubs, für gemeinnützige Institutionen oder gar Privatpersonen gezeigt haben. Das ganze ohne großes Medien-Brimborium.

Doch es ist ein großer Vertrauensbruch da. Alle guten Ansätze, die Uli Hoeneß zeigte und die ihn immer wieder menschlich wirken ließen, erscheinen plötzlich in einem anderen Licht. Musste er damals schon immer davon ausgegangen sein, dass er irgendwann mal in dieser Situation sein würde? Brauchte er diese Argumente, um für den Fall der Fälle nicht gänzlich in Misskredit zu fallen – ich weiß es nicht. Ich denke viel darüber nach, tue mich jedoch sehr, sehr schwer damit, mir ein vernünftiges Urteil darüber bilden zu können. Manchmal denke ich sogar einfach nur, dass es diesbezüglich einfach nur besser gewesen wäre, wenn dieses beknackte Steuerabkommen mit der Schweiz zu Stande gekommen wäre und diese ganze Diskussion überflüssig wäre, da niemand etwas darüber erfahren hätte… Klingt moralisch wahrscheinlich verwerflich, aber mal im Ernst: Es wäre genauso wie viele andere Ungereimtheiten einflussreicher Persönlichkeiten an uns vorbei gegangen – ohne dass wir es mitbekommen hätten und ohne das es unser eigenes Privatleben in irgendeiner Weise beeinflusst hätte, positiv wie negativ.

Hier eine kurze Erklärung seitens der FAZ, was dieses Steuerabkommen bewirkt hätte, damit es besser nachzuvollziehen ist: „Wenn das deutsch-schweizerische Abkommen zum Jahreswechsel in Kraft getreten wäre, hätte sich Hoeneß nicht dem Finanzamt offenbaren müssen. Er wäre damit auf elegante Weise straffrei davongekommen. Tatsächlich wäre hinterzogenes Geld in der Schweiz pauschal und anonym nachversteuert worden.“

Stattdessen reiben sich nun einige Hoeneß-Hasser sicherlich die Hände – Schadenfreude ist ja sprichwörtlich die schönste Freude, aber dann doch bitte nicht in Fällen, die so eine Tragweite für den weiteren Lebensabschnitt einer Person haben. Es soll niemand Mitleid mit demjenigen haben, der Unrechtes tut, man soll gerne die angemessene Strafe des Gesetzes erwarten, aber es sollte niemand mit dem Finger draufzeigen – das fände ich unangemessen und unrühmlich für jeden. Sogar für diejenigen, die tatsächlich auf eine absolut korrekte, mit den deutschen Gesetzen allzeit vereinbare, Art und Weise leben. Diese Meinung teile ich hoffentlich nicht exklusiv. Und ihr lieben Politiker und Kollegen der Journaille habt ja sicherlich bedeutend weniger Dreck am Stecken… Aber darum geht es gar nicht und auch will ich nicht mit den von mir eben noch kritisierten Verleumdungen, die auf Spekulationen basieren, beginnen. Sind wahrscheinlich ohnehin nur Hirngespinste meinerseits… Aber sei´s drum.

Ich möchte jetzt nicht zu sehr abschweifen und zurück zu dem Würstchenfabrikanten kommen, der leider derzeit sein eigenen Denkmal auf eine harte Zerreißprobe stellt und von den Medien gerade eine Watschen nach der anderen bekommt. Wohl auch zu Recht. Klar, dass da auch sein Intimfeind Christoph Daum zu einem Statement gebeten wird. Achtung, jetzt kommt wieder eine ganz, ganz vage Vermutung meinerseits: Wer wäre bezüglich eines Statements zur jetzigen Situation von Hoeneß besser geeignet, als eben jener Christoph Daum, wenn man bereits freudig die nächste handfeste und aufmerksamkeitserregende Schlagzeile erwartet. Die gab es aber diesmal nicht. Es ist mir auch egal, ob nun in den Aussagen von Daum große Heuchelei oder tatsächliches Mitgefühl steckte, aber seine Aussagen diesbezüglich waren sachlich und professionell. Es waren nicht die Aussagen von einem, der dem am Boden liegenden noch den letzten Tritt verpasst. Das fand ich gut, Herr Daum, auch wenn ich nicht ihr größter Fan bin und Sie dennoch für einen Selbstdarsteller halte – aber das ist einmal mehr nur meine persönliche Meinung.

Das waren übrigens zwei seiner Aussagen gegenüber dem SID, von denen ihr euch selbst ein Bild machen dürft:

„Hoeneß tut mir Leid. Ich bin nicht derjenige, der mit dem Zeigefinger auf andere Menschen zeigt. So möchte ich nicht leben. Ich verspüre Mitgefühl für ihn und hege keinen Groll.“

„Ich hoffe und wünsche ihm deshalb von Herzen, dass er da heil rauskommt.“

Politiker gingen da schon mehr in die Vollen. So etwa Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin, der mit folgenden Worten recht offensiv zu Werke ging: „Wir wissen nun, welche Leute Schäuble, Seehofer und Merkel mit dem Schweizer Steuerabkommen schützen wollten: inzwischen geständige Steuerhinterzieher wie Uli Hoeneß.“

Schade, dass diese Personalie nun als Musterbeispiel dafür herhalten muss, wie beispielhaft die Haltung von SPD und Grünen, also den Gegnern dieses Abkommens, gewesen ist. Schließlich sorgte eben das dafür, dass ein „Steuerhinterzieher“ wie Hoeneß durch die Hoffnung auf Strafmilderung eine Selbstanzeige als letzten Ausweg aus dieser Misere sah. Ach, Herr Hoeneß, abgesehen davon, dass wir bei einem Inkrafttreten des Abkommens nie davon gehört hätten, wäre ich ihnen doch auch sehr dankbar gewesen, wenn Sie einfach ordentlich Ihre Steuern bezahlt hätten… Ich gehe nämlich mal davon aus, dass ihr finanzieller Lebensstandard auch ohne die Verheimlichung einiger Zinserträge nicht beeinträchtigt worden wäre…

Nun komme ich auch in eine missliche Lage. Hoeneß war für mich ein Name, den ich mit forschen Tönen, roter Birne, vor allem aber solider und erfolgreicher Wirtschaft verbunden habe – er war für mich der Inbegriff eines ehrbaren und vertrauenswürdigen Geschäftsmanns. An dieser Stelle folgt nun ein Bruch. Habe ich doch früher immer gedacht, dass jemand, der so viel leistet, auch viel austeilen darf. Das ist aber nicht mehr so. Es klingt nun fast schon paradox, wenn ich mir nun wieder die Worte zu Gemüte führe, mit denen er Platini und die Weltverbände des Fußballs an den Pranger stellte. Wo ist nun der Unterschied zu Uli Hoeneß zu sehen? Ist ein Mann, dessen Reputation nun so beschädigt wurde – was er selbst verschuldet hat – noch tragbar für den FC Bayern München, den absoluten Vorzeigeverein Deutschlands? Wird es vielleicht außerordentliche Sitzungen geben, in denen die Sponsoren und andere Mitglieder die seine Absetzung als Clubpräsident einfordern, da sie einen zu großen Imageschaden für den Verein und die eigenen Marken befürchten? Die Spekulationen in jeglichen Hinsichten sind nun sehr groß.

Persönlich denke ich, dass der Schaden zunächst einmal medial als gewaltig auf allen Ebenen dargestellt wird, während die Clubbosse zwischen Betroffenheit und dem Versuch, zum Wohle des Vereins zu reagieren, schwanken werden – quasi das übliche Szenario. An einen Verlust der finanziellen Glaubwürdigkeit der Bundesliga glaube ich langfristig nicht, auch wenn demnächst viele Transaktionen kritischer und gründlicher beäugt werden.  Und dass die Spieler dadurch beeinflusst werden, denke ich auch nicht. Viel mehr erwarte ich eine Trotzreaktion der Mannschaft, die die Aufmerksamkeit wieder auf das Sportliche verlagern will, der sich dazu nun eine große Chance bietet. Es gibt in der Vergangenheit einige Beispiele dafür, wie ein fast schon zertrümmertes Umfeld und katastrophale Voraussetzungen Teams noch mehr zusammenschweiften und über sich hinauswachsen ließen. Das ist genau das, was ich in München von den Spielern erwarte.

Wirklich schlimm dürfte allerdings der Schaden sein, den die Privatperson Uli Hoeneß davonträgt. Verlust der Glaubwürdigkeit, Verlust eines großen Teils seines Kredits bei vielen Fans und der Zwang, sich nun für alles rechtfertigen zu müssen, wieso, warum und weshalb das alles nötig war? Viele werden jetzt sagen „Zu Recht“ und ich kann es ihnen nicht verdenken. Vom finanziellen Schaden möchte ich nun nicht weiter reden, da alle Zahlen bisher ohnehin tagtäglich schwanken und ich auch nicht für deren Richtigkeit verantwortlich bin.

Ich weiß gar nicht worauf ich demnächst wirklich hoffen soll, aber ich denke, dass man nun nicht ein ganzes Lebenswerk in Frage stellen sollte. Andererseits kann man auch nicht gutheißen, was er getan hat, zumal es nicht das Ergebnis einer misslichen Lage war, in der man die richtige Auslegung des Gesetzes zumindest moralisch in Frage stellen könnte. Es ist ein sehr fader Beigeschmack, der sich nun immer verbreitet, wenn ich an Hoeneß denke. Ich wünschte, dass unsere Kenntnis von diesem Fall irgendwie zu umgehen gewesen wäre, denn nun ist klar, dass er für die Wiederherstellung seines Rufes für den Rest seines Lebens kämpfen muss – Ende ungewiss.

Giuseppe Cotrufo

Bei Interesse schaut doch mal in unseren Online Talk von Hauptsache Fussball hinein:

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