Eigentlich müsste ich diese Überschrift mit Fragezeichen versehen. Aber darauf habe ich am heutigen Tag aber einfach keinen Bock. Zu gewaltig war die 4-0 Eruption der Bayern gegen das noch vor wenigen Tagen, ja noch gestern um 20.45 Uhr über allen thronende Barcelona. Allerdings holten mich die Hasstiraden eines Freundes gegen UH und den FC Bayern direkt nach dem Spiel ganz wunderbar wieder auf den Boden der Tatsachen zurück und ich begann, mir über das Gesehene, Gehörte und Gelesene mal wieder meine Gedanken zu machen.

1. Ruud Gullit sagte bei SKY, Pep Guardiola könne es auf gar keinen Fall recht sein, wenn Bayern die Champions League gewönne, Pep würde sich das bestimmt nicht wünschen. Abgesehen davon, dass ich das für eine, wenn wohl auch ungewollt, fast schon bösartige Unterstellung halte, glaube ich das nicht mal. Zum einen gibt es da noch Borussia Dortmund und insbesondere Real Madrid, die in Sachen CL-Krone noch ein gewichtiges Wort mitzureden haben. Zum anderen wurde Pep vor allem auch dafür geholt, mit Sammer eine Art neue Kontinuität in München zu verankern. Was auch etwas mit Spielerausbildung zu tun hat, dem Spielbetrieb in den Mannschaften unter den Profis, von der U23 bis runter zu den Bambinis. Und Pep wird in die Gesamtstruktur des Vereins maßgeblich mit eingebunden werden müssen, jetzt, wo Uli… Und das wird auch, ja gerade auch im Falle eines CL-Sieges, dringend nötig sein. Man will ja anschließend nicht wieder so absacken wie Chelsea. Oder Inter. Bei Bayern sind Manchester United, Barca und Real Madrid die Maßstäbe. Darunter läuft, auch philosophisch betrachtet, nichts mehr.

2. Denn der Einfluss von Uli Hoeneß wird abnehmen, egal ob er jetzt zurücktritt oder später oder welche Rolle er im Verein in Zukunft auch immer spielen wird. Sein übergroßer Verdienst am Status des Vereins – so oder so – wird für immer bleiben. Aber gestaltend wird er in die Belange des Vereins, wenn, dann eher hinter den Kulissen eingreifen. Die Verantwortung tragen, von Karl-Heinz Rummenigge abwärts, in Zukunft andere.

3. Die „SZ“ schreibt heute sehr viel über Hoeneß und auch viel über Mario Götze. Andere Medien fragen sich, wann denn nun Mats Hummels oder – eher wohl nicht – Robert Lewandowski zu den Münchnern stoßen werden. Hummels´ Berater, sein Vater, hat eine Einigung mit den Bayern heute dementiert. Ich finde langsam: Es reicht. Wo soll Mats denn da spielen? In der U23 geht nicht mehr. Er ist ja schon 24.

4. „Sportal“ schreibt, auch für Neven Subotic gäbe es relevante Angebote, u.a. aus der Premier League. Ich frage mich langsam: Kriegt der BVB für die kommende Spielzeit noch einen wettbewerbsübergreifendfähigen Kader zusammen? Was macht Jürgen Klopp? Holt ihn jetzt Barcelona, um zu retten, was zu retten ist? Tito Vilanova, das war gestern leider zu sehen, ist zu krank und zu schwach, um einen kranken Messi in einem schwachen Team vor deutlichen Niederlagen zu bewahren.

5. Die „SZ“ schreibt heute ganz rechts auf Seite 27: Götze sei auch „…eine neuartige Version des Mittelstürmers, der Gegner nicht mit seiner Wucht ängstigt, sondern mit einer Wendigkeit, die Abwehrspieler in den Wahnsinn treibt“. Da kann ich nur sagen: Bayern, ihr habt euch verkauft. Denn es war gerade die Wucht von Müller, Martinez und Gomez, die Barca aus dem Spiel kegelte. Wendig waren die Xavis, Iniestas, Messis alle so halbwegs. Aber was hat das gebracht? Nada. Überragende Wendigkeit reicht nicht mehr aus, um auf höchstem Niveau zu bestehen. Schöner Gruß von Chelsea, Inter, Real Madrid – und auch der Pressingwucht von Borussia Dortmund. Du brauchst die Wucht, die Lauffreude, die Energie, die Kraft, auch die Muckis und die Resistenz eines Mario Mandzukic´ gegen harte Fouls und überhartes Spiel. Die Spieler sind Körpermonster, Laufwunder, Muskelpakete. Beispiel Ribéry, Shaqiri, Gomez, Mandzu, Schweinsteiger, Martinez, Cristian Ronaldo, Balotelli, Ibra natürlich, viele andere.

6. Das treibt mich zu der Frage: Ist das Spielsystem bzw. die Kaderstruktur von Barca veraltet? Fehlen da entscheidende Parameter wie Körperlichkeit, Körpergröße, Durchsetzungsvermögen sowie eine gewisse strategische Variabilität, zur Not auch mal auf aggressives vertikales Spiel á la Bayern, BVB oder Real Madrid umschalten zu können? Oder war Barca gestern so schwach, weil Bayern so stark war – gerade auch im Spiel gegen den Ball? Siehe hierzu auch die heutige Analyse von Spielverlagerung.de: http://spielverlagerung.de/2013/04/24/fc-bayern-munchen-fc-barcelona-40-in-depth/.

7. Barca hatte nur einen einzigen relevanten Torschuss und nur eine halbwegs gute Chance. Gebaut hat dieses Team Pep Guardiola. Es wird interessant sein, welchen Input er den Spielern in München geben wird, ihr herausragendes Spiel noch besser zu machen. Ist Pep der richtige Trainer für Bayern München?

8. Hätten die Bayern nicht José Mourinho holen sollen, der doch bei Real so oder so zur kommenden Saison nicht mehr als Cheftrainer tätig sein wird? Passt er mit seiner Philosophie nicht besser zu Bayern? Mou hat ja bereits abgewunken, aufgrund der Sprachbarriere könne er sich Deutschland bzw. die Bundesliga einfach nicht vorstellen, da Kommunikation für ihn nun mal das wichtigste ist. Fragt Iker Casillas.

9. Das ist eine gottverdammte Lüge, Mou. Du beherrscht fließend zehn Sprachen, Du hättest Deutsch noch schneller gelernt als der ebenfalls – hoffentlich – hyperintelligente Pep Guardiola, der zumindest mit KH Rummenigge bereits auf Deutsch kommuniziert. Wenn auch bislang, was man so hört, auf Deutsch nur über SMS. Überdenke es, Mou. Kann sein, dass Pep gar nicht so lange in München bleibt. Matthias Sammer und Karl-Heiz Rummenigge können sehr ungeduldig, wenn nicht sogar mega unbequem sein. Denn die Bayern, lieber Pep, erwarten jetzt eine Champions League-Serie á la 2013/14/15, so inder Art von 1974/75/76. Und danach mindestens zehn Jahre lang immer mindestens CL-Halbfinale, und quasi weiterhin Dauermeister in der Bundesliga. Das ist der Anspruch.

10. José Mourinho würde dieser Anspruch nicht stressen. Den stresst gar nichts. Oder, Mou? Deutschland ist doch für Dich insgeheim längst eine „Option“. Mou steht doch supergerne mindestens 48 Stunden pro Tag „im Geschirr“ (Bruder von Papst Benedikt über seinen Bruder). Das bringt mich auf die Idee, so á la Papst und Gegenpapst, wieso bei Bayern nicht gleich Mou und Pep als trainerpäpstliche Doppelspitze installieren? Und wenn das nicht klappt, die Doppelspitze Löw/Klopp?

11. Barca wirkte seltsam lethargisch gestern. Die Mannschaft und vor allem ihr Trainer waren ein überaus trauriger Anblick. Tito Vilanova kann man nur beste Gesundung wünschen, in diesem Zustand sollte ein derart schwer kranker Mensch nicht Verantwortung übernehmen (müssen). Auch Lionel Messi hätte erst recht nicht spielen dürfen. Aber auch ein superwendiger agiler Mario Götze hätte Barca gestern eben wenig bis rein gar nichts gebracht. Dazu wäre ein Top-Mann alleine gar nicht in der Lage gewesen, dazu war die gesamte Mannschaft körperlich, spielerisch, mental und taktisch zu stark unterlegen. Was einen zwangsläufig wieder zur Personalie Pep Guardiola bringt, der dieses Team so sehr geprägt und geformt hat. Der alles mit auf den Weg gebracht hat, neben bzw. nach Johann Cruyff.  Aber – Pep wird hinzu gelernt haben. So oder so – egal, wie die letzten Spiele final ausgehen werden und wer hier welche Trophäen holt und wer nicht: Die kommende Saison wird superspannend.

12. Morgen gibt es unsere Internet-Talkshow mit Martin Rafelt von „Spielverlagerung“ und Philipp Selldorf von der „Süddeutschen Zeitung“. Super interessanter Talk, lohnt sich voll. Das Gespräch wurde noch vor allen erdbebengleichen Erschütterungen der Fußball-Szene am letzten Freitag aufgezeichnet. Dennoch wird eines ganz deutlich: Beide halten die Bundesliga schon heute für mit die stärkste Liga der Welt.

Unsere Besetzung der dritten Talkrunde

Unsere Besetzung der dritten Talkrunde. V.l. Andreas Bach, Philipp Selldorf, Martin Rafelt, Marco Jankowski

13. Ich wünsche mir Dortmund fürs Finale!

 Andreas Bach

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