Alle Welt redet gerade vom Finale der Champions League. Davon wie die Übermannschaften aus Spanien von den deutschen Teams – die meiner Meinung nach beide in einem Atemzug mit den spanischen Vertretern zu nennen sind – einfach mal so überflügelt wurden. Zumindest für den Augenblick. Deutschland hat sein Traumfinale und Europa staunt nicht schlecht. So weit so gut – es freut mich ja ebenso wie viele andere, dass es nach 12-jähriger Titelabstinenz mal wieder einen deutschen Titelträger in der Königsklasse geben wird. Das Schöne für mich: Ich kann dem Finale als neutraler Zuschauer sehr gelassen entgegen fiebern und auf ein attraktives Spiel hoffen. Das Schlechte: Mein eigener Club – der SV Werder Bremen – ist von solchen Ereignissen derzeit meilenweit entfernt. Um Werder sieht es gar nicht gut aus – wenn ich hier nicht gerade sogar noch UNTERtreibe. Ich erwarte ja keine Champions League Finals, ohnehin erwarte ich nicht viel, aber ich mache mir einfach Sorgen.

Ich gehöre sicherlich nicht zu der älteren Fraktion der Werder-Anhänger, aber durch einen Start dieser Liebschaft in den frühen 90er Jahren, habe ich bereits einiges erlebt. Das Ende einer großen Trainer-Ära, einen Europapokal-Triumph, deutsche Meisterschaften, echte Europa-Pokal-Wunder, totale Demütigungen auf europäischer und nationaler Ebene, einen Fast-Abstieg und Felix Magath… Ich habe Spielern zugejubelt, die nicht immer so klangvolle Namen wie Eilts, Herzog, Micoud, Diego oder Klose hatten. Manchmal hießen sie einfach Chanko, Borel, Seidel oder Flo – übrigens nicht der mit der eingebauten Torgarantie im Namen… Aber das war mir egal. Außer öfter mal fluchen zu müssen, hat es meiner Liebe zum Verein nicht geschadet – man, was bin ich doch ne treue Seele! Ich stand halt immer zu Werder. Ich habe Häme hinnehmen müssen, aber auch den Neid auf Erfolg erlebt. Eine Genugtuung, das sage ich euch.

Häme waren übrigens ein gutes Stichwort – denn die muss ich mir derzeit leider wieder zu Recht gefallen lassen und einen großen Anteil daran hat die Leistung der Mannschaft. Ich habe zwar ein dickes Fell, aber es lässt mich nicht kalt und gänzlich unberührt. Die Mannschaft, die nominell gar nicht mal so schlecht aussieht, spielt nicht das, was ihr viele Experten zutrauen. Also entweder sind die Experten keine echten Experten oder das Problem liegt woanders. Der Trainer, der jahrelang funktionierte, wirkt leider auch nur noch wie ein Schatten seiner selbst. Und nun komme ich auch schon an dem Punkt an, wo es mir am allermeisten wehtut, meine Gedanken auszuformulieren. Thomas Schaaf ist für mich viele Jahre lang der Vater des Erfolgs gewesen und ihm gehört ein großer Dank für eine Ära, in der Bremen den deutschen Fußball mitgeprägt hat und den großen Bayern für eine Weile auf Augenhöhe begegnen konnte. Aber davon ist heute längst nicht mehr viel übrig und das Fußballgeschäft ist sehr schnelllebig. Doch entgegen der eigentlichen Mechanismen hielt man in Bremen trotz der letzten drei Spielzeiten, die wirklich sehr miserabel waren, an Thomas Schaaf fest. Und ich muss zugeben, dass ich stets ein Befürworter dieser Entscheidung war. Ich habe immer geglaubt, dass wir es gemeinsam mit Schaaf schaffen würden, dass wir nur einen Umbruch bräuchten und dann wäre alles wieder gut. Ich habe es mir leicht gemacht und das Fundament meiner Argumentation pro Schaaf, lediglich auf dem Prinzip Hoffnung und der Vergangenheit aufgebaut. Ich habe es mir einfach so sehr gewünscht, dass dieser Mann das Ruder umreißt und Werder wieder zu einer Nummer in der Bundesliga reift. Das Weserstadion sollte wieder zu einer Festung werden, an der sich die wenigen Mutigen bei ihren Sturmläufen schnell die Zähne ausbeißen und merken, dass der einzig sinnvolle Schachzug im Rückzug liegt. Bremer-Festung? Da lachen grad selbst die Bremer Stadtmusikanten drüber… Derzeit gehört Werder wohl zu den angesagteren Gastgebern. Im Moment würde sich wahrscheinlich selbst beim Eurovision-Songcontest jedes Land einen Juror namens Werder wünschen, weil man an der Weser schließlich für die großzügige Punktevergabe an nahezu ALLE bekannt ist. Aber ich schweife schon wieder ab – ist auch schwer bei diesem Thema stets die Fassung zu wahren und sich nicht immer in den ein oder anderen Exkurs zu flüchten.

Zurück zu Schaaf. Ich sehe ihn einfach nicht mehr dazu in der Lage, Werder Bremen wieder auf einen Kurs zu bringen, den die Fans sich wünschen würden. Er wirkt amtsmüde, die jungen Talente scheinen ihm nicht mehr zu vertrauen und die Spieler wirken unter seine Führung teilweise desolat – sei es auf und außerhalb des Platzes. Genau deshalb hoffe ich nur noch auf einen glimpflichen Ausgang dieser Saison mit Thomas Schaaf und eine nach außen hin so kommunizierte Trennung beider Parteien zum Ende der Spielzeit, die dem gerecht wird, was Thomas Schaaf für den Verein jahrelang geleistet hat. Demnach denke ich nicht, dass das kommende Spiel gegen Hoffenheim ein Schlüsselspiel für eine Weiterbeschäftigung von Thomas Schaaf sein wird, aber ich denke, dass es ein Schlüsselspiel für den Verein wird. Wenn man da verliert, ist alles möglich. Auch der direkte Abstieg wirkt dann immer realer. Das hoffe ich am allerwenigsten. In Bremen müssen sich nun alle zusammenreißen und auf Tugenden setzen, die im Abstiegskampf gefragt sind. Einsatz, Wille und Teamplay. Anders geht es nicht, anders verliert die Bundesliga Werder Bremen und wir alle, die es mit Bremen halten, verlieren die Bundesliga. Eine grausame Vorstellung…

Bremen ist selbstverständlich kein Standort, der jedes Jahr um die deutsche Meisterschaft spielen kann. Das sollte selbstredend sein – auch für diejenigen, die sich erst seit den erfolgreichen Jahren mit Werder identifizieren. Werder ist aber ein Stück weit Bundesliga-Geschichte und wäre für viele Fußball-Nostalgiker sicherlich auch ein herber Verlust für die Liga – klar, ich sehe es auch immer mehr als alle anderen durch die grün-weiße Werder-Brille, aber dieser Tenor erklingt nicht selten. In meinem Selbstverständnis ist Bremen ein Club, der neben einigen anderen Vereinen den Anspruch hat, dauerhaft um die Vergabe der internationalen Startplätze zu streiten. Es ist für mich aber keine Bedingung für unsere Beziehung, die aller Widerstände zum Trotz, immer noch gut funktioniert – auch wenn wir gerade in einer schweren Phase sind. Wir kommen da schon wieder raus, wenn beide was tun.

Für Bremen heißt das im Klartext: Eichin mehr Handlungsspielraum im Bezug zu den Pesonalentscheidungen für den Bereich Fußball zu geben, eine einvernehmliche Trennung zum Saisonende mit Thomas Schaaf herbeiführen, das Ausmisten des Kaders, der Umbruch vom Umbruch des Umbruchs und die Saison in Liga Eins beenden.

Und lass dir eins gesagt sein, liebes Werder Bremen: Du bist der einzige Partner, der mir direkte Schläge ins Gesicht verpassen darf, ohne meine aufrichtige Liebe und Wertschätzung für dich zu verlieren. Auch würde ich dich trotz allem immer verteidigen und zu dir stehen – deine missbilligenden Handlungen sogar versuchen zu rechtfertigen. Ich bitte dich aber lediglich darum mein Vertrauen nicht gänzlich zu missbrauchen und mir ab und an mal zu zeigen, dass du dir auch etwas aus dieser Liebe machst. Ein wenig Zuckerbrot würde mir neben der Peitsche schon ausreichen. Und wenn es irgendwann mal wieder etwas mehr von dem leckeren Zuckerbrot werden würde, wäre es mir auch ganz Recht!

Giuseppe Cotrufo

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