Alle bejubeln zurzeit die westfälischen und bayrischen Triumphe, zelebrieren die Wiederauferstehung des deutschen Fußballs, mehr oder minder weit lehnen sich Rezensenten aus dem Fenster – gerne mit Worten wie „Wachablösung“, „Demütigung“ oder sogar „Machtdemonstration“ –, und stellen wolkig die Frage in den Raum, wer sich denn inzwischen wirklich „die beste Mannschaft der Welt“ nennen dürfe. Allgemeine Hochstimmung also, ganz Deutschland eine einzige Party. Ganz Deutschland…? Nein. Hoch im Norden, wo sich der Nieselregen ab dem 30. Geburtstag in die Mimik der Menschen gräbt, wo man den „Kurzen“ zu später Stunde im bitteren Pilsener versenkt und wo man sich – gern im dazu passenden Bewusstseinszustand – einredet, die bessere Wirtschaftslage im Süden des Landes sei nichts im Vergleich zur dialektbelasteten, klebrigen Sprechweise, die „da unten“ bzw. „oben“ vorherrscht, dort gibt es eine kleinere Großstadt, die derzeit in dem Gefühl lebt, man habe sie irgendwie vergessen, als die coolen Leute ihre Einladungen verschickten.

Bremen, das steht derzeit für Verbitterung und Tristesse. Platz 14, zwei (!) Punkte Abstand zum Relegationsplatz, beweinenswerte zwei Siege in der Rückrunde, hängende Schultern und mürrisches Achselzucken auf dem Platz, keine echte Mannschaft, nur eine Ansammlung von Spielern, bestehend aus charismafreiem Ligadurchschnitt und mindestens zwei schwer erziehbaren Soziallegasthenikern, die eine Musteranleitung geben, wie man möglichst wenig aus noch so großem Talent macht. Ferner eine Spielanlage, die elementare fußballerische Entwicklungen der letzten Jahre beinahe konsequent ignoriert sowie ein Trainer, dem man unter Tränen vorwerfen muss, dass er dafür die Hauptverantwortung trägt.

Jetzt also geht es gegen den Abstieg, gegen das gottverdammte (!) Hoffenheim mit seinem penetranten, von fast niemandem gewünschten Aufwärtstrend der letzten Wochen. Fast wünsche ich mir, dass es dieses Mal richtig schief geht, eine 0:5-Klatsche gegen den Oligarchenclub, Zweite Liga, Trainer verabschiedet sich freiwillig und in allen Ehren, die er zweifellos verdient hat, und Fans wie Verein haben endlich keine Chance mehr, sich etwas schönzureden. Stattdessen bekommen sie Zeit und Gelegenheit, sich daran zu gewöhnen, dass die norddeutsche Tiefebene strukturell eben kein Nährboden für einen „Bayern-Jäger Nr. 1“ ist, auch wenn das über Jahre hinweg fast so aussah. Im Gegenteil, die Stadt Bremen und der Verein Werder waren eigentlich immer ein Fall fürs Liga-Mittelmaß. Die gute Nachricht dabei: Dort wird man sich, Ab- und Wiederaufstieg hin oder her, mittelfristig auch wieder festsetzen können. Aber nur, wenn man sich auf die Veränderungen einlässt, die eben nötig sind: Die an sich kluge Strategie, sich von den Ersatzbänken europäischer Topvereine eine spielerisch aufregende Spitzenmannschaft zusammenzukaufen, hat sich endgültig abgenutzt. Die Idee, ein Team könne ohne ernstzunehmende Abwehr in der Ligaspitze bestehen, seit einigen Jahren auch. Thomas Schaaf würde das Ruder nicht mehr dauerhaft herumreißen, die Chance dazu hatte er inzwischen oft genug. Ein neuer Trainerstab muss her – möglichst kein Sprüche klopfender Feuerwehrmann, sondern einer mit zeitgemäßer Ausbildung und eigener, moderner Spielidee. Der eigene Nachwuchs muss eine ernsthafte Chance bekommen, und man hat zu akzeptieren, dass es wahrscheinlich Jahre dauern wird, bis man – wenn denn alles richtig läuft – wieder auf die Spitzenplätze am deutschen Fußballhimmel hoffen darf.

Bremen-Fan zu sein, heißt momentan vor allem, leiden zu können, und Anlass zu konkreter Hoffnung gibt es eigentlich nicht. Vielleicht helfen da der Blick in die Geschichte und der Mut, sie phantasievoll zu interpretieren: Hinlänglich bekannt ist, aus welchem Jammertal, das Otto Rehhagels glücklose Vorgänger hinterlassen haben, Thomas Schaaf Werder 1999 wieder in ungeahnte Höhen führte. Nicht ganz so bekannt ist: In den allerersten fünf Bundesligasaisons, zwischen 1964 und 1968, landete Bremen einmal auf Platz 4, einmal auf 2 und einmal auf 1. Danach folgten etliche magere Jahre, bis Rehhagel den Verein ab Anfang der 1980er wieder zum Meisterschaftsanwärter machte.

Strukturell mag Werder anderen Städten und Clubs also auf ewig unterlegen sein. Aber lassen solch „unnatürliche“ Hochphasen nicht auch darauf schließen, dass es irgendetwas an und in Werder Bremen gibt, wodurch es nach jedem Absturz immer wieder steil nach oben geht? Ich bin mir sicher, eines Tages wird es an der Weser wieder eine Konstellation geben, die dem Verein neue märchenhafte Augenblicke und ganz unerwartete Erfolge gegen viel „Größere“ ermöglichen wird. Aus wenig etwas Erfolgreiches und sogar Schönes zu machen, das liegt Werderanern drin, irgendwie: Eines Tages, wenn keiner mehr mit uns rechnet und kein hysterisches Mediengetue den Verein belästigt, wird sich ein Verantwortlicher am Osterdeich ein paar schlaue Gedanken machen, auf die hierzulande noch kein Fußballmensch gekommen ist, er wird einen Trainer finden, der zu seiner Idee passt, und dann geht es Schritt für Schritt nach oben, langsam, hanseatisch entspannt und mit sehr viel Stil. Und dann sind wir wieder Meister. Und schlagen Swansea City im Champions-League-Finale. Oder so ähnlich.

Matthias Holtz

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