Man sollte im Laufe seine Lebens  ja lernen, seinen eigenen Weg ohne größere Unfälle und Peinlichkeiten halbwegs gehen zu lernen. Es empfiehlt sich, da naturgemäß am besten erst mal recht bescheiden anzufangen. Step by step. Schritt für Schritt. Eins nach dem anderen.  Ball stoppen. Abspielen. Ball stoppen. Abspielen…Hierzu  ein schönes aktuelles Beispiel: Pep Guardiola. Und Stefan Effenberg. Und wir  dürfen und durften von diesen Personen dankenswerterweise in diesen Tagen so einiges  lernen.

1. Um mal ganz von vorne anzufangen: Pep Guardiola  ist nicht Stefan Effenberg. Denn Pep Guardiola, der Trainer,  trainierte als seine allererste Mannschaft – eine zweite Mannschaft.  Nämlich die zweite Mannschaft des FC Barcelona. Stefan Effenberg trainierte als erste Mannschaft – noch nichts. Denn Stefan E. war sich – kürzlich – für eine zweite Mannschaft zu fein. Er lehnte Matthias Sammers hartnäckiges Werben um Stefan Effenberg, den Trainer,  also um ein Effenbergsches Trainer-Engagement bei Bayerns Zweiter Mannschaft ab. Weiß der Henker, warum. Ich meine, es ging um die zweite Mannschaft des großen FC Bayern. Wir sehen mal weiter, sehen nach vorne, wir sehen heute, wo sich die Nebel nach dem großen Pressekonferenz über München lichteten: Pep, er war tatsächlich da. Sagte Grüß Gott. Und Guten Tag. Und auf Wiedersehen, bis morgen, Leute. Ja, Wahnsinn, oder was? Wer ist er eigentlich, wo ist heute Pep Guardiola? Und wer ist, wo steht, ist, isst oder liegt oder was macht oder tut heute Stefan Effenberg? Etwas, äh, kommentieren?

2. Man sollte daraus vielleicht also  lernen, auch eine so genannte Nachfolge würdig anzutreten (und dann bricht einem  auch kein Krönchen aus seinem Riesen-Zacken:-) Ist J. Guardiola nicht etwa auch ganz simpel der Nachfolger von Don Jupp, Josef Heynckes, dem Triplesten Trainer aller Zeiten (außer Pep)? Und sollte St. Effenberg nicht einfach zuerst mal nur der simple Nachfolger von Meh. Scholl sein? Nein? Okay. Dann war das scheinbar unter seiner Würde, oder so? Wollte St. Effenberg, seinem Naturell oder „Anspruch“ entsprechend, dann lieber gleich doch direkt ganz oben bei Schalke 04 als Keller-Nachfolger und Champions League-Quali-Trainer einsteigen, seiner ggf. Gott gegebenen, also natürlichen Eignung entsprechend? Fragen über Fragen. And we´ll never know. Effenberg-Ego, muss unbefragt bleiben, ist grade nicht in der Nähe, tut uns leid. Das ergibt: Wir lernen, dass gewisse Fragen offen bleiben müssen oder nicht ganz einfach oder eben doch super simpel zu beantworten sind…je nach Perspektive…

3. Man sollte lernen,  seinen alten Freunden gegenüber lieber eher freundlich und nicht feindlich gesonnen aufzutreten: Wollte Stefan Effenberg vor Schalkes halbfeindlicher Anti-Keller-Übernahme  nicht eigentlich die vollfeindliche Übernahme seines ersten angeblichen „Isch habe die Raute im Erzen“- Herzensclubs, nämlich von Borussia Mönchengladbach, knallhart durchziehen? …hat auch nicht geklappt. Warum er das so wollte? Keine Ahnung. Hätte er Ahnung vom Trainieren von Schalkes Erster gehabt, an der ja schon ganz andere als S.E. gescheitert sind? Keine Ahnung. Aber, Tendenz: eher nicht. Warum es nicht geklappt hat?

4. Lerne auch deshalb gerade wegen Punkt 1-3 am besten recht schnell, dich in jeder Situation selbst möglichst realistisch und richtig einzuschätzen: Wir fragen uns derweilen: Was will Stefan Effenberg eigentlich tatsächlich? Möchte er gerne hören, dass alle von Uli Hoeneß und Kalle Rummenigge und Tönnies und Held und Netzer und Sammer topdown „nur“ auf ihn gewartet haben? Hmm. Gehe in Dich und lerne stellvertretend für St. Effenberg (oder auch, um nicht zu einseitig zu klingen, für Loth. Matthäus, Ma. Babbel, T. Wiese et al) aus den Antworten, die diese Fragen fast automatisch aufwerfen. Meint Effenberg jetzt, wenn Guradiola scheitert, wird er gerufen? Wartet er etwas darauf? Oder meint das ggf. L. Matthäus? Oder wer wartet da sonst noch so drauf?

Pep Guardiola im grün

Pep Guardiola im grün

5. Banal, aber immer noch wahr: Lerne optimalerweise möglichst gut die Sprache des Landes, in dem du arbeiten willst: Siehe Pep Guardiolas heutige Pressekonferenz bei den Bayern. Seine heute ansatzweise praktizierten Sprachen: Bayrisch und Deutsch. Beispiel gebende Termini: „Grüß Gott“ (Bayerisch)  und „Guten Tag“ (Hochdeutsch)  Oder so.  Damit vermeidest du zumindest schon mal präventiv den „Flasche Leer“-Trappatoni – Effekt und wirst nicht wegen banalster struunziger hanswurstiger Unverständlichkeit vorzeitig ausgemustert.

6. Und lerne, um zu lernen: „Das System ist nichts“ (Guardiola, heute)…die Spieler sind alles. Äh, nein! Ja? War mir jetzt heute neu. Das hatte ich in den vergangenen Jahren u.a. von Christoph „Fußball-Matrix“ Biermann, 11Freunde, dem Kicker, Robin Dutt, Jürgen Klopp, Thomas Tuchel, dem SC Freiburg, dem FC Barcelona unter Pep, Real Madrid unter Mou Mou – und vielen anderen – anders gelernt. Anders vorerzählt bekommen.  Anders erklärt gekriegt. Hm. Heißt das: Alle Fußballbücher müssen nach Peps Pressekonferenz der Superlative (siehe hierzu auch 11Freunde-Liveticker) jetzt komplett von vorne umgeschrieben werden? Fände ich gut. Ich würde zum Beispiel sehr gerne eine vollkommen refreshte Neuauflage der „Fußball-Matrix“ mit am besten mindestens 1001 fast vollkommen neuen Erkenntnissen über Fußball lesen können dürfen wollen in nicht allzu ferner Zukunft. Hätte ich grad Zeit für. Lass mal ´rüberwachsen, Biermann Christoph!

7. Lernte heute gerne: München ist nicht Barcelona. Ja genau. Schön dass es mal jemand so deutlich ausgesprochen hat. Aber welche Stadt bevorzugt ihr? Welches Stadion findet ihr schöner? Moderner? Zugiger? Baufälliger? Camp Nou liegt zumindest fast mitten in der Stadt. Und fast am Meer. Und welches Essen bevorzugt ihr? Den traditionell eher schlechten katalanischen Touristen-Fraß oder die bayrische Biergarten-Schweine-Hendlbraterei? Welcher Sprache neigt ihr zu? Wo leben die hübscheren Mädchen? Die tougheren Jungs mit den besseren Frisuren, Figuren..? Wo gibt’s die besseren Jobs? Wo die längere Mittagspause? Das bessere Bier? Den besseren Wein? Wo ist die Wasserqualität besser – an der Costa Brava oder am Starnberger See? Fragen über Fragen. Und das war längst noch nicht alles 🙂

8. Lernte leider kürzlich auch, dass der Ruhrpott nicht mehr der Ruhrpott ist. Auch dort ist jeder „Fußballverein“ nur noch ein Wirtschaftsunternehmen. Sagen sogar die dortigen Fußballwirtschaftsunternehmen. Auch dort schnappen sich alle mehr oder weniger geschickt die besten Spieler vor der Nase weg und drehen den anderen dann eine entsprechend lange. Auch dort ist der eine dem anderen mehr oder weniger herzlich egal, so lange oder Hauptsache, die Knete stimmt. Mehr dazu auch morgen in unserer aktuellen Talkrunde „ENG AM BALL – der Hauptsache Fussball-Talk“, bestritten von Vertretern der Traditionsclubs Schalke (170 Millionen „Verbindlichkeiten“, aber uns gehts prima) , Dortmund (uns geht´s prima, wir waren ja auch erst 2005 pleite, da warten wir noch ein bisschen mit der nächsten Verschuldung) , Bochum (wir sind eine graue Maus, aber prima, und wir stehen auch voll dazu) und Duisburg (Bundesliga-Vizemeister 1964, nun zweitausenddreizehn eher pleite und auffem graden Weg inne dritte bis fünfte Liga, aber zumindest die Fans sind ganz prima, machen Lichterketten und Demos ohne Ende).

9. Der Talk war super. Sehr lehrreich. Traurig irgendwie auch. S´is so wie´s is. So eben. Könnt ihr ja demnächst gucken. Ich habe bei der Aufzeichnung am vergangenen Donnerstag im „Clubhaus 1249“ am Dortmunder Friedensplatz zusätzlich noch weiter lernen dürfen müssen, dass mittlere bis horrend hohe Ablösesummen gezahlt werden dürfen, um junge Spieler ab ca. D-Jugend aufwärts für mehr oder weniger übernatürlich horrend überhöhte Summen  von einem Verein abzuwerben, um sie zum besser zahlenden Konkurrenten zu „lotsen“. (Hey Lotse Money, wann gehst du mal wieder von Bord?) Das ist ganz offiziell vom DFB so gemacht worden, unter Zustimmung der Vereine. Zumindest vieler Vereine. Und  lernte weiter, dass das in vor allem in vormals identitätsstiftenden Regionen wie dem Ruhrgebiet – Stichwort: Herr Leon Goretzka – zu großer nachbarschaftlicher Entfremdung, zu so einigen Verwerfungen und zu mindestens  mittleren emotionalen Abkühlungen führen kann. Lernte daraus, dass im Terminus „Teamgeist“ im Fußball vor allem der Vorsatz „Team“ für viele Spieler austauschbar ist und der Trend, das Wording im Subtext sozusagen, eher hin geht zu dem Terminus „Mein Team, für das ich gerade deshalb spiele, ist super, weil mir mein Verein am meisten dafür bezahlt.“

10. Lernte und lerne immer noch: Es gibt keine Sommerpause mehr. Um uns herum ist seit Saisonende, seit Champions League-Finale, eigentlich nur und ausschließlich überall Fußball – und überhaupt: Die zweite Liga trainiert bereits wieder voll, alle Teams – auch der 1.FC Köln – haben einen voll funktionsfähigen Trainer – und die erste Bundesliga, sofern deren Legionäre nicht noch im Confed- und sonstigen Konfetti-Cups spielen, trainiert auch bald wieder. Lerne daraus: Das fröhliche Überspielt-Sein, Beine brechen und Muskelfasern-Reißen wird auch in der kommenden Saison ganz zielsicher wieder mal einen traurigen Höhepunkt ansteuern.  Armer Dante. Armer Neymar. Armer Iniesta. Armer Xavi. Armer Chiellini. Armer Balo. Armer Pirlo. Armer David Luiz. Toll auch wieder: Balotelli und Neymar wollen zusammen Urlaub machen. Wie geht das denn, bitte?

11. Lerne daraus: Du bist unersättlich. Ich bin unersättlich. Du bist  ein Medienjunkie. Ich auch. Du und ich, wir können auf Fußball nicht verzichten. Da kommt noch so viel Fußball im Fernsehen, in 11Freunde, Kicker, Sport-Bild, im social media, im Internet, im bla – und was machst Du? Machst eine Gesprächsrunde zum Ruhrgebiets-Fußball, schreibst Blog-Artikel, facebookst und twitterst wild in der Gegend herum. Ja, sind wir denn alle noch (fußball)-verrückter geworden? Geht das denn alles noch überhaupt? Gut? Ja, geht gut. Wir antworten (mit einer kann sich heutzutage eh keiner mehr zufrieden geben): Yes, we are. Und:  yes, we can.

12. Der zwölfte Mann…das ist quasi mein PS. Eins noch, was ich richtig dumm finde: Nämlich die Tatsache, dass der Meister der Regionalliga, also der  4. Liga, in diesem Falle Sportfreunde Lotte hier im Westen, nicht automatisch aufsteigt, sondern in die Relegation muss(te). Und es da gegen Brausezisch Leipzig natürlich nicht gebacken gekriegt hat. Weil Geld eben doch die Ligen regiert. Weil…ach ja: Angenehmer Nebeneffekt für die finanzstärkeren Vereine: Mit unter anderem dieser Regelung schaffen es die reicheren Clubs aus Nord und Süd, die finanzärmeren, in der Not der Strukturschwäche bis  auf weiteres im Pott dahinsiechenden Vereine aus dem Ruhrpott – mit den CL-finanzierten Ausnahmen der „Traditionsclubs“ Dortmund und Schalke, die alles ansaugen – Spieler, Sponsoren, Fans, Talente usw. – schön klein zu halten, weil ja nix mehr hochkommt, nix mehr hochkommen kann, bis auf Schulden, Pleiten, Pech und Pannen – bis auf weiteres.

Schöne Woche. Bis zur Talkshow. Mit Schalke, Duisburg, Bochum, Dortmund. Hier gelistet in Reihenfolge der aktuellen Höhe finanzieller „Verbindlichkeiten“?  Oder so.

Keine Ahnung. Kann auch anders sein. Weil man ja im Laufe seines Lebens vor allem eins lernt: Dass man nix genaues weiß. Keine echten Fakten, Zahlen, nichts. Alles geheim. Darf ja keiner genau wissen. Bis wieder mal ein Club wegbricht, Offenbach, Aachen, Wuppertal – scheißegal. Oder Schulen geschlossen werden, Ticketpreise für Tickets oder Busse oder egal ins Unendliche immer weiter ansteigen. Bis die Menschen in Brasilien vor lauter Scheiße von oben keinen Bock mehr haben auf das völlig überteuerte Marketing-FIFA-Fußball-„Spektakel“ namens „FIFA WM“. So schlimm und kalt ist das eben alles inzwischen, sogar in Brazil, so schlimm.

Andreas Bach

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