Werder Bremen vor dieser Saison: Viele vergeigte Testspiele, wieder einmal das Aus in der ersten Pokalrunde gegen einen Drittligisten und für viele Fans der Republik einer der Top-Abstiegskandidaten. Alles schön und gut, aber auf der Habenseite der Grün-Weißen stehen nach zwei Spielen sechs Punkte – das ist die glänzende Seite der Medaille. Aber wie heißt es doch so schön? Jede Medaille hat auch eine Kehrseite, und genau deshalb sollte man auch nach diesem Traumstart Realist bleiben. Es waren sechs Punkte, die Werder mit einem Blitzstart näher an das 40-Punkte-Ziel gebracht haben. Und als Fan überwiegt die Freude über die Punkte, mehr aber auch nicht.

Werder befindet sich absolut in einer Übergangssaison – mal wieder. Da ist es wichtig die Erwartungen auch auf Fanseiten etwas herunter zu schrauben. Wir befinden uns nicht in der schillernden Champions-League-Epoche, als Vereine wie Frankfurt, Mainz und Freiburg regelmäßig fünf bis sechs Tore eingeschenkt bekamen. Wir begegnen diesen Vereinen heuer auf Augenhöhe. „Runter vom hohen Ross“ sollte das Motto heißen und „Lernen über den Kampf den Weg zum Erfolg zu finden“. Das Positive: Die Spieler scheinen das endlich verinnerlicht zu haben, dass man fehlende Sicherheit und in einigen Mannschaftsteilen auch fehlende Qualität über aufopferungsvollen Einsatz wettmachen kann. Das ist gut und genau so muss Werder diese Saison weitestgehend angehen. Manchmal wird es, böse gesagt, fast augenkrebserregend sein, aber am Ende zählt in dieser Saison jeder Punkt, egal wie er zu Stande kommt.

Während Werder letzte Saison vor allem am Anfang der Saison in den Spielen gegen Dortmund und Hannover glänzte, aber ohne Punkte da stand, fällt die Umstellung auf diesen kampfbetonten und manchmal sehr verkrampften Spielstil sicherlich etwas schwer, aber gerade jetzt ist es wichtig der Mannschaft auch von den Rängen die nötige Unterstützung zu geben. Gelungene Aktionen zu honorieren, ganz ohne Häme. Sie zeigt auf ihrer Seite schließlich auch, dass sie gewillt ist und dass sie derzeit alles versucht, auch wenn mitunter spielerisch noch wenig Glanz und Gloria versprüht wird. Aber auch das ist in diesem Jahr nicht ausgeschlossen. Über Erfolge nährt sich dieses Team Stück für Stück mit Selbstvertrauen und über ein gesundes Selbstvertrauen entsteht vielleicht auch in dieser Spielzeit wieder ein ansehnliches Werder-Spiel.

Im Augenblick wirkt vieles noch wie Stückwerk, teilweise limitiert und ziellos – aber das Team nimmt derzeit wieder Zweikämpfe an, man läuft wieder für Mitspieler und man zeigt sich wieder 90 Minuten fokussiert. Es sind Tugenden, die Werder-Fans der jüngeren Generation vielleicht noch nicht so vom Team kannten, da sie den Luxus genossen haben, Werder Bremen in einer absoluten Blütezeit als Fan lieben gelernt zu haben. Da hatte Werder auf Probleme meist eine spielerische Lösung parat. Namen wie Krstajić, Ismaël, Mertesacker, Naldo, Davala, Frings, Baumann, Micoud, Diego, Özil, Ailton, Klose, Pizarro Klasnic, Borowski, Wiese verdeutlichen aber am besten, dass diese individuelle Klasse im Moment fehlt. Ältere Generationen kennen das aber umso besser. Das Leiden, die Freude über jedes gewonnene Spiel, als wäre es ein Europapokalendspiel, das Fluchen darüber, dass die Mannschaft eben nicht den Fußball spielen kann, den man gerne sehen würde, weil schlicht und ergreifend nicht mehr diese Masse an überdurchschnittlichen Bundesligaspielern an der Weser zu Hause ist. Aus eben jenen Gründen ist es umso wichtiger diesen Start gegen Gegner hingelegt zu haben, wo Siege in dieser Saison absolute Pflicht sind, wenn man die eigenen Ziele erreichen will.

Ich würde mich natürlich freuen, wenn es so weiter ginge, aber in Anbetracht dessen, dass das nächste Spiel in Dortmund stattfindet, erwarte ich nicht die Punkte, sondern ein Werder Bremen, das zumindest 90 Minuten an seine Grenzen geht! Und wenn dann etwas Zählbares dabei herumkommen sollte – Überraschungen sind im Fußball ja nie gänzlich ausgeschlossen – dann freue ich mich umso mehr. Ich würde allerdings nicht von meiner Armin-Vehschen Einstellung der Vorsaison abrücken, dass zunächst einmal die magischen 40 Punkte erreicht werden müssen, damit wir diese Überbrückungs-Spielzeit unbeschadet verleben und im nächsten Jahr vielleicht schon wieder etwas ambitionierter in eine Saison starten können. Allerdings würde ich mich am Ende nur zu gerne eines Besseren belehren lassen und mich auch in diesem Jahr schon freuen, wenn am Ende mehr als 40 Punkte auf der Habenseite stehen und vielleicht sogar etwas dabei herumkommt, womit nur die optimistischsten Optimisten gerechnet hätten! Träumen darf man schließlich immer, der Blick für die Realität sollte dabei aber nie auf der Strecke bleiben!

Giuseppe Cotrufo

Hier geht es außerdem zum 6. Teil unserer Doku „Hauptsache Fussball – Junge Profis auf dem Weg ins Spiel“

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