Ein großartiges Buch; wer es nicht kennt, hat das Wichtigste rund ums Spiel versäumt: Die Tragik des Mittelmaßes, die Banalität des Scheiterns.

Ja, natürlich gibt es auch die in der ewigen Sonne. Zitat: „Overath führte den 1. FC Köln in stiller Herrschaft. Es war die Macht des besten Spielers. In nahezu jedem Verein gab es ihn. Beckenbauer bei Bayern München, Seeler beim Hamburger SV, Grabowski bei Eintracht Frankfurt, Heinz Höher um 1960 bei Bayer 04 Leverkusen“. (S. 149)

Quelle: Piper

Quelle: Piper

Und es gibt immer eine letzte Chance, für jeden. Also auch für Heinz Höher. Zitat:  „Der letzte Kringel an seiner Unterschrift reckte sich schwungvoll nach oben. Als ob die Freude seine Hand geführt hätte… Heinz Höher blickte von dem Vertrag auf, den er beim VfB Lübeck unterschrieben hatte, und sagte zu einem der Männer aus dem Vorstand: Wenn ich das meinem Sohn erzähle… Er sollte (1996) den VfB Lübeck vor dem Abstieg aus der zweiten Bundesliga bewahren. Er hatte sieben Jahre auf eine neue Aufgabe als Trainer warten müssen.“ (S.389)

Zwei Blätter weiter, auf Seite 393, hat der 58-jährige Trainer dann seinen ersten Herzinfarkt. Und es ist aus. Heinz Höher muss schließlich von der großen Bühne abtreten, Tätigkeiten als Trainer von Fußballprofis kommen nun ab diesem Zeitpunkt endgültig nicht mehr infrage.

Ronald Reng, der Autor, war da gerade mal in seinen mittleren Zwanzigern. Der Journalist und Verfasser dieses Buches wurde 1970 in Frankfurt geboren und hat mit der Biografie über Robert Enke und seinem Torwartporträt „Traumhüter“ bereits Kritiker, Journalisten und Publikum begeistert. „Spieltage“ ist nun sein bestes, auch stilistisch reifstes Buch geworden.

Inhaltlich erfährt der Leser nahezu alles über die Bundesliga von 1963 bis heute, nur eben wie im Untertitel angedeutet aus anderer Perspektive, also genau endlich mal das alles, was er ohnehin nicht schon alles weiß oder tausend Mal vorgekaut bekam zum 50-jährigen der Liga.

Heinz Höher, Spieler und Trainer von 1957 bis 1996 und im Jugendbereich und als Berater noch weit darüber hinaus bis nahezu heute, lässt uns – unnachahmlich diskret (vor-) geführt durch Rengs so akkuraten wie feinen Schreibstil – tief hineinblicken in die Wunder-Kotz-Tüte Profifußball. Und was wir da zu lesen bekommen, gefällt uns nicht immer, ist oft abschreckend, aber immer unterhaltsam, spannend, lehrreich, unerwartet. Denn auch Ronald Reng ist ein Profi durch und durch. Und er hat´s dazu nicht so sehr mit dem Scheitern wie Heinz Höher, eher im Gegenteil.

Wenn wir über Fußball sprechen, geht es uns oft um die besten, um die neuesten Trends, Taktik, ums Geschäft, um Skandale, ums Privatleben der Stars. Hier geht es um das Arbeits- und Privatleben der, nicht unbedingt Mittelmäßigen, aber eben der mittleren, der unteren, der so oft ungehörten Spieler, Trainer, Manager, Präsidenten in der Bundesliga-Hierarchie. Um den Club zum Beispiel, der sich mit den Spielern begnügen muss, die ihm die reicheren Clubs nicht wegkaufen – oder um Bochum, um Duisburg, um Schwarz-Weiss Essen, Lübeck oder Greuther Fürth. Schnell wird deutlich: Da gibt‘s im Business ein paar überaus begabte, ein paar begabte, ein paar kluge, ein paar oberschlaue Menschen, ein paar Promenadenmischungen von allem,  da gibt‘s glückliche Umstände oder halt eben auch großes Pech. Aber banal: Der große Rest der Protagonisten ist mittlerer bis besserer Durchschnitt und wurschtelt sich so durch die Karriere – als Profi oder Profi-Trainer oder als Manager / Präsident mit mehr oder weniger professioneller Schnauze, aber recht ahnungslosem Geschäftsgebaren.

Ein einziges Herumwuseln ist das, auch oft mit ohne recht viel Plan sozusagen, bei Höher wie bei anderen. Warten auf die richtigen Anrufe, bangen um den Erfolg, zittern vor der Entlassung, Alkohol oder andere Drogen in vielen Lebenslagen. Und der Stress. Denn es sind ja viele, die da mitmischen wollen, aber es ist nicht für alle genügend Platz, immer, leider. Und es geht ja um viel Geld. Immer mehr Geld im Laufe der Jahre. Es ist ein stetes Kommen und Gehen, die Phasen zwischen Einstellung und Entlassung werden immer kürzer. Und die Schulden, die Verbindlichkeiten, sie steigen an. Langsam, erst unmerklich, dann doch, im Laufe eines Lebens, eines Vereinslebens auch, immer mehr.

Irgendwann ist, nicht nur, Heinz Höher recht verbittert, betriebsblind, alkoholsüchtig, schwer krank, ziemlich einsam und ziemlich pleite – alles aus eigenem Verschulden. Niemand da, dem er den schwarzen Peter rüberschieben könnte – außer sich selbst.

Respekt davor, wie Höher das immer wieder in guten Momenten erkennt, gegen die tägliche Scheiße anarbeitet, neben sich selbst auch noch die eigene, die engste Familie zu zerstören, es aber dann oft einfach aus eigener Schwäche heraus nicht schafft. Respekt, wie die Familie, und ein paar gebliebene beste Freunde, ihm, der sich doch wider besseren Wissens und trotz stetig umsonst geäußertem guten Rat so viel unerhörte wie unfassbar banale Lapsus leistet in seinem Leben, doch die Treue hält.

Respekt davor, wie offen Höher dies alles Ronald Reng erzählt und zur öffentlichen Verwertung überlassen hat, sprich unserer Erbauung. Gottseidank dem Reng, möchte man sagen und drei Kreuze schlagen, und keinem anderen. Denn es hat wahrhaft große Klasse, wie dieser Klasse-Schreiber die heftigen Ereignisse – wie z.B. den Bundesliga-Skandal Anfang der 70er – und zahllose Anekdoten und Schoten – Beispiele erübrigen sich – zu einem mitreißenden Erzählstrom verflicht. Ist das Buch aus, möchte man direkt nochmals von vorne beginnen, sich die ganze Geschichte durch die Feder von Ronald Reng vielleicht nochmals aus anderer subjektiver Perspektive erzählen lassen (hier bitte den eigenen Wunschprotagonisten einfügen).

Auszüge Seiten 219-221: „..Viele Jahre nach der sagenhaften Rettung vom Frühling 1976 wurde ein grammatikalisch falsches Wort erschaffen, um dem permanenten Bochumer Kraftakt gerecht zu werden: Der VfL galt als unabsteigbar. Die Höher-Jahre bildeten den Gründungsmythos der Unabsteigbarkeit. Die Saison 1975/76 war der Gipfel dieses Erfolges (…) Berauscht von der eigenen Energieleistung, beflügelt von der Aussicht auf das neue Stadion, wuchsen im Verein ganz andere Träume, als immer nur den Abstieg zu vermeiden. „Spätestens im nächsten Jahr kämpfen wir um den Meistertitel“, sagte Präsident Wüst im März 1977 dem Spiegel. Statt die Augenbrauen zu runzeln oder zu spotten, schrieb das Nachrichtenmagazin im Vorspann: „Die Erfolgsserie der Meisterklubs Bayern München und Borussia Mönchengladbach in der Fußball-Bundesliga riss ab. Duisburg und Bochum bauen ihre Stadien aus und melden Ansprüche auf die Nachfolge an“. (…) Die Bundesliga wartete…auf den neuen Thronfolger. Es verweilte der Glaube, dass jeder ein neues Bayern München oder Mönchengladbach werden konnte…der VfL Bochum aber steckte weiter im Abstiegskampf. Dennoch träumten Ottokar Wüst und Heinz Höher nicht nur, die Konkurrenz sah in Bochum durchaus das Potenzial für einen Vormarsch. „Nicht Schalke oder Duisburg, sondern Bochum“, sagte Bayerns Trainer Dettmar Cramer, „da ist niemand gerne hingefahren. Die haben wir wirklich gefürchtet.“ (…) Im Herbst 1976 lagen Dettmar Cramers Bayern in Bochum nach 53 Spielminuten 0:4 im Rückstand. In der vorletzten Spielminute gewannen die Münchner durch ein Tor von Uli Hoeneß noch 6:5. Die Machtübernahme war verhindert. Aber hatte das Spiel nicht gezeigt, dass sie möglich war?“

Es kam aber mal wieder alles ganz anders, wie wir heute wissen, aber warum es dann doch in vielerlei Hinsicht so ganz anders kam, lest ihr bitte selbst nach in diesem hervorragenden, fast 500 Seiten dicken, Wälzer. Knapp 20 Euro kostet das Buch, jeder Cent davon ist sehr gut angelegt. Danach hat man auf überaus fesselnde Art fast alles erfahren über die inneren Antriebe und Umtriebe, die die mittelmäßigen Macher der Fußballbundesliga angetrieben haben für die „Ziele“ Erfolg, Ruhm, Erfolg, Ruhm, unfassbar viel Geld (von dem am Ende oft wenig bleibt) und nochmals Erfolg, leider zu oft eben um eigentlich jeden vorstellbaren Preis.

Als Heinz Höher nach seinem Herzinfarkt aus dem Geschäft zwangsaussteigt, hatte er direkt zuvor nicht unbedingt das Gefühl gehabt, er wäre der Sache nicht mehr gewachsen. Aber realistische Selbsteinschätzung ist ja, da hat sich kaum was geändert,  bis heute nicht unbedingt die Kernkompetenz vieler Teilnehmer am überdrehten Fußball-Zirkus dieser Tage. Denn mehr denn je heißt das aktuelle Motto für die inzwischen weltweit immer erfolgreicher vermarktete Vorzeigeliga dieser Tage: The show must go on. Und zwar ganz egal wie.

Heinz Höher hatte bei all dem Wahnsinn noch Glück. Er kam trotz allem einigermaßen lebend aus der Nummer raus und hat, anders als viele andere, die 65 bei doch recht guter Gesundheit inzwischen locker überschritten. Danke nochmals für die tollen Einblicke ins Fußball-Geschäft! Ich sage: 96 von 102 möglichen Punkten. Was wäre das für eine Geschichte geworden, wenn Bochum mal Meister geworden wäre.

Aber so geht Leben nicht. Hätte, wäre, wenn, halt die Klappe, Klatschpappe.

Andreas Bach

Ronald Reng, „Spieltage. Die andere Geschichte der Bundesliga“

Verlag Piper, Euro 19,99

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