Mesut Özil blickt in die Kamera, kriegt die Backen gekniffen, wird geschulterklopft, es gibt lässige Shakehands. Während dessen zieht die Kamera auf. Am Ende des Bildes: Mesut Özil im Mittelpunkt des neuen Adidas-Werbespots „Welcome to the family Mesut“. Die anderen „Statisten“: Nur Schweinsteiger, Kaka, Lahm Neuer, Marcelo, Zidane und Müller… Mesut wirkt cool, Mesut ist in, Mesut ist der vollkommen moderne Fußballstar – eben auch ein absoluter Werbe- und Sympathieträger.

Anfangs seiner Karriere noch oft für seinen Look, seine Art der Interviewführung, seine forschen Ziele und für sein wohl markantestes Markenzeichen – seine großen Augen, die ihm in Madrid den Spitznamen Nemo einbrachten – belächelt, ist er nun eine der schillernden Persönlichkeiten im schillernden Weltfußball. Viel hat sich dabei an ihm gar nicht wirklich verändert. Sportlich strahlt er allerdings in völlig anderem Glanz. Viel pompöser. Spielmacher der Nationalmannschaft zu sein und drei bärenstarke Jahre in Madrid haben es möglich gemacht. Mesut ist gefragter denn je. Allerdings erlebt er gerade jetzt auch die Kehrseite des schnelllebigen Fußballgeschäfts, dass er doch selbst so zu lieben gelernt hat. Ein kometenhafter Aufstieg in jungen Jahren, der Wechsel zum Verein der ehemals Galaktischen und nun gibt es plötzlich keinen Platz mehr für Mesut. Nicht etwa aus Altersgründen, Mesut ist ja gerade einmal 24 Jahre jung, sondern aufgrund der Auffassung einiger Herren, dass die Zukunft jetzt schon anderen Spielern in Madrid gehören solle. Die internationale Titellosigkeit hat da wohl einige Kurzschlussreaktionen auf einigen Schlüsselpositionen herbeigeführt. Einer der Leidtragenden: Mesut Özil. Gehen wollte er nicht, nun findet er sich in London wieder. Aber dazu später mehr.

Was lief in Madrid falsch? Man kann es nicht sagen. Kramt man in seinen Statistiken finden sich allein auf die Pflichtspiele (Champions League, Meisterschaft und Pokal) bezogen folgende Statistiken:

Saison 12/13: 10 Tore – 23 Assists.

Saison 11/12: 6 Tore – 29 Assists.

Saison 10/11: 10 Tore – 28 Assists.

Macht eine Ausbeute von 106 Scorer-Punkten in drei Spielzeiten für Real Madrid. Eine beeindruckende Bilanz, die seine Effektivität und seine Notwendigkeit für Real Madrid eindrucksvoll dokumentiert. Doch gibt es auch die Kritiker solcher Statistiken, die ständig mit Worten zitiert werden, dass solche Fakten nichts wert seien (Mario Gomez kann da ein Lied von singen), da Özil auf dem Spielfeld oft abtauche, in wichtigen Spielen keine Nadelstiche setze und auch sonst häufig etwas behäbig wirke. Was ich dazu sage: Bullshit. Özil ist auf das Spiel von Real Madrid gesehen ein enorm wichtiger Bestandteil erfolgreichen Gegenpressings in der Offensive gewesen und nahezu jede ertragbringende Kombination lief mindestens als Teilstation über Özil. Mesut Özil hat die Gabe Spielzüge aus dem Nichts schnell zu machen, tödliche Pässe ansatzlos zu spielen, dynamisch vorzustoßen, Spiele clever zu verlagern und ist auch selbst im Abschluss sehr stark. Er hat kluge Laufwege um häufig als Anspielstation zu fungieren, kann mit wenigen Kontakten effektiv in ein Spiel eingebunden werden und verinnerlicht die Laufwege seiner Mitspieler so schnell wie kaum ein anderer Spielmacher auf der Welt. Es ist mir also absolut schleierhaft, wenn ich häufig lese, dass Real diesen Spieler nicht brauche oder er überbewertet sei. Und er ist noch nichtmal am Ende seiner Entwicklung angekommen.

Für alle diejenigen, die ihre wenigen Eindrücke aus Spielen der El Clasicos oder nur aus seinen Champions League-Auftritten entnommen haben sei gesagt, dass vor allem die Wertschätzung seiner ehemaligen Weltklasse-Mitspieler und der Fans ein deutliches Indiz für seine Klasse und seinen Stellenwert in Madrid sind. Bei kaum einem Verein auf dieser Welt ist diese nachhaltige Wertschätzung so schwer zu erlangen, wie in Madrid – und dort sind in Spielerkreisen sehr namhafte Spieler „not amused“ über seinen Weggang aus Madrid. Ronaldo, Ramos und sein Nachfolger Isco stehen da stellvertretend für die Großteile einer ganzen Stadt!

Eben jener Isco für den Özil wohl weichen musste, wie sich am dritten Spieltag dieser Saison zeigen sollte. Denn da nahm er erstmals ab Minute Eins die alte Rolle des Deutsch-Türken ein. Seine Zahlen lesen sich bis dato mit drei Toren und einem Assist aus drei Spielen auch sehr gut. Die Art und Weise, wie er vollendet und einleitet genießt man aber noch besser als Zuschauer, denn das ist etwas, das pure Fußballästheten mit der Zunge schnalzen lässt. Ein Spieler, dem zweifelsfrei die Zukunft gehört und der bereits jetzt zu den Mittelfeldspielern zählt, denen ich als Laie die Fähigkeit attestieren würde, Außergewöhnliches zu leisten. Doch ist Isco noch sehr jung und vielleicht auch einigen Schwankungen ausgesetzt. Gerade dann könnte es sich rächen, dass Özil nun bei den Gunners die Fäden ziehen wird. Zwar hat man einen weiteren bockstarken Akteur mit Luka Modric in den Reihen, doch diesen sehe ich eben nicht auf einem Level mit Mesut Özil – hier vergleiche ich allerdings auf sehr hohem Niveau. Aber es sind auch eben diese Nuancen, die sehr gute Spieler von herausragenden Spielern unterscheiden. Und Özil ist eben einer, der herausragt!

Genau das wird Arsenal jetzt zu Gute kommen. Ein Spieler, der in dieser Form fehlte. Ein kompletter Spieler, der sich schon jetzt auf höchstem Spielniveau befindet und trotz alle dem noch Steigerungspotential mit sich bringt. Jemand, der als genialer Individualist in einem starken Kollektiv funktioniert und eine Mannschaft allein durch seine Präsens auf ein neues Level hievt. Ein Spieler, neben dem sich für kreative Akteure wie Cazorla, Arteta oder Wilshere ganz neue Möglichkeiten eines effektiven Kombinationsspiels bieten. Eine Figur, neben der Talente wie Ramsey oder Oxlade Chamberlain reifen können und von der sie viel lernen können. Ein Passgeber, der die Geschwindigkeit von Walcott gekonnt und effektiv als absolute Waffe in Szene setzen kann. Und Jemand, der mit seiner Gabe maßgenaue Assists zu liefern, endlich dafür Sorge tragen wird, dass man Giroud als den Top-Stürmer wahrnehmen wird, der er eben auch ist! Das ganze Arsenal-Spiel kann durch diese eine Personalie viel höhere qualitative Züge annehmen.

Ich bin nicht so naiv zu denken, dass Arsenal nun der Topanwärter auf die Meisterschaft ist oder Arsenal gar stärker als Real Madrid sei, aber Mesut Özil begibt sich meiner Meinung nach nicht so weit zurück, wie viele es denken. Und vor allem ist er in Madrid keinesfalls gescheitert. Özil befindet sich in einem Team, an dessen Zukunft er maßgeblich beteiligt sein wird. Wir reden hier allerdings nicht von einem reinen Übergangsteam, sondern von einer Mannschaft, die den Anspruch hat Titel zu gewinnen – genauso wie Özil. Ich denke, dass ich mich nicht zu weit aus dem Fenster lehne, wenn ich mal behaupte, dass Arsenal in diesem Jahr ebenbürtig neben Manchester City agieren kann, ihnen aber ein kleiner Tick zu Manchester United oder Chelsea London fehlt. Für die Zukunft war der Wechsel allerdings ein deutliches Signal, dass Arsenal wieder ernst macht. Persönlich hoffe ich es, denn hier dürfte vor allem Mesut die Wertschätzung genießen, die er braucht und auch verdient. Vielleicht wächst ja wirklich durch diesen Baustein etwas heran, das irgendwann einmal mit den „Invincibles“  von 2003/2004 verglichen wird… Özil wäre es zu gönnen!

Giuseppe Cotrufo

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