Oft wache ich morgens auf, freue mich aufs Frühstück, insbesondere die Sportteile z.B. der „Süddeutschen Zeitung“, des „Kölner Stadtanzeigers“, der „FAZ“. Mittlerweile geht der Lese-Spaß am Spiel durch die Vielzahl der apokalyptischen Meldungen und Stories nach wenigen Minuten bald verloren: Wett-Skandale, verschobene Partien, Doping, FIFA, UEFA, Verbandskacke, Transferwahnsinn, Milliardengeschäftsirrsinn. Bundespolitik, Wirtschaftslage, Finanz-„Gebaren“, Kriegskacke und die üblichen globalen Miseren verschlechtern die Stimmung weiter. Und ich überlege: Wer denkt im nahen und mittleren Osten überhaupt noch positiv? In Russland? In Afrika? Wer denkt da nach dem Aufstehen als erstes ans Kicken – außer privilegierten Kindern und in manchen Ligen noch so halbwegs gut bezahlte Profis? Ist nicht der Sport-, sondern der Kulturteil, das Feuilleton, die neue schöne heile Welt: Theater, Kino, Medien, Musik? Pop?

Positiv überrascht haben mich in den letzten Tagen bei der Morgenlektüre neben den bereits recht ansehnlichen Frühtemperaturen so manche Zuschauerzahlen der dritten Liga. Beispiele: MSV Duisburg vs. Borussia Dortmund II (1:2), Zuschauer: 21 243. RasenBallsport Leipzig vs. Holstein Kiel (3:1), 11 714. Hallescher FC vs. VFL Osnabrück (2:0), Zuschauer: 8294.

Sogar in Saarbrücken kamen gut 4000 zum Spiel gegen Heidenheim, in Erfurt fast 4500 gegen Wehen, Darmstadt hatte fast 5000 gegen Chemnitz (1:1). Die meisten Zuschauer hatten Spaß, die Stimmung war vor allem eins, nämlich gut – wie bei einem guten Konzert von, sagen wir…

Ganz wunderbar finde ich auch darum das neue 11 Freunde Spezial rund um die großen Bereiche POP und FUSSBALL, die sich wie stets bei 11F philosophisch auf hohem Aufklärungs- und Unterhaltungs-Niveau befindet. Natürlich weiß man auch hier: Fußball ist längst die Unterhaltungsmaschine der Gegenwart. Balltreter sind Mega-, sind die neuen Film-, ja die neuen Popstars schlechthin!

Und auch weil sich der letzte Satz jetzt so schön holprig nicht nur im Subtext liest, möchte man fast schon wieder dran zweifeln. Fußball und Pop? Wo bleiben eigentlich die tatsächlich relevanten Analogien zur Musik? Wo sind rebellische Eleganz, mondäner Glamour, spannende Revolte, echter Style, echte Differenz, wirkliche politische Attitudes, wo tatsächliche kulturell-gesellschaftliche Innovationen?

Kultur? Glamour? Konsum? Bei den Spielerfrauen und deren Affären? Van der Vaart, Beckham und Real Madrid? Charly Dörfels 20 000 Schallplatten und Rummenigge all night long?

Die Bayern, lesen wir bei 11F von einem gewissen Herrn Vogelsang, verhalten/verhielten sich vor nicht allzu langer Zeit (noch) oft wie neureiche, dumm-hedonistische Deppen in Abfeier-Discos à la P1. Der BVB dagegen war, wie Uli Hesses Text nahelegt, schon eigentlich ziemlich sehr, sehr Punk. Sehr Basis. Sehr getragen von Fans. Lars Ricken meets Henry Rollins – oder so? Oder anders?

Aber was ist, was war Punk? Oi, Cockney Rejects = West Ham United? Oder war Punk nicht doch auch vieles andere mehr als tieffliegende Bierdosen und Raufereien ohne Ende?

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Der Text über Cockney Rejects ist super, alle anderen Texte auch. Aber…der Blick aufs Pop- und Musikgeschehen ist doch ziemlich retro: In die 60er bis 90er Jahre hinein. Und er ist ziemlich, ja very very british.

Dortmund und Punkrock, das macht eine Doppelseite aus. Die Bayern und das P1, das ist ein längerer, absoluter, hm, Sahne-Artikel, auch wenn man eigentlich kaum was neues erfährt über Kahn, Kerth und Co. Doch der Zeitgeist der 90er und 00er Jahre wird überaus lebendig. Und der darüber hinaus festgezurrt scheinende, ewige Kontext, in dem Eigenschaften wie absolute Verschwiegenheit und die Währung „Information“ Macht und Einfluss bestimmen können. Da lernste was richtiges, Du.

Italien und Spanien fallen fast komplett raus aus dem 11F-Spezial, weil wohl popmusikalisch irrelevant. Nun gut. Die USA sind zumindest mit Cosmos vertreten. Und Pop und Frauenfußball – dazu kein Wort.

Zumindest Italien, sein Riesen-Input in die Mode- und Film-Welt der 50er bis 80er Jahre, und teilweise bis heute, wäre eine Betrachtung wert gewesen. Und sind Italiens Fußballer nicht mit Abstand immer noch diejenigen mit dem meisten Style? Und die effektivsten auf dem Platz? Wie schön, wie cool ist das denn eigentlich, um nicht darüber zu schreiben?

Und wie ist die große weite Fußball-Welt, mittlerweile gefangen in einem globalen Soccer Entertainment-Business, wirklich?

Kein Wort dazu. Oder sind wir, die echten Pop- und Fußball-Fans, auch die Schreiber, die Autoren, in beiden Segmenten nicht längst alle schon eigentlich „mal weg“? Alle zumindest innerlich eigentlich schon im paradiesflüchtigen Exile on main street – modus? Weil die 70er die eigentlichen 60er waren und diese seligen Zeiten doch längst vorbei sind?

Andere Fragen: Sind die feierwütigen Mega-Pop-Bayern die ewigen Beatles, die kollektiv malochende Punk-Band BVB die Rolling Stones plus ein Schüsschen The Who? Machen diese Vergleiche Sinn?

Zitat aus dem 11Freunde-Intro: „Der Fußball hat die Inszenierungen der Unterhaltungsindustrie so perfekt kopiert, dass heute kaum noch ein  Unterschied zwischen einem Madonna-Konzert und einem Champions-League-Endspiel zu erkennen ist.“

Okay.

Ich war 1974 in München (WM-Finale), ich war 1977 bei Blondie, ich war 2010 im Bernabeu, ich war 2013 in Wembley, ich war bei Bayern schon im Grünwalder dabei, im Olympiastadion, ich war bei Prince, Madonna, den Ramones, Jackson, Johnny Cash, Stranglers, Abwärts, Metallica, Run DMC, den B52s, Nirvana, Bad Brains bla bla bla.

Ich kann diese Aussage deshalb zu, sagen wir, etwa u 35 bis 75% nachvollziehen. Wenn es um die Attitudes, um Begeisterung geht. Wenn es um die gewissen Show-Aspekte geht.

Aber, wie die Bosse von Real Madrid im aktuellen himmlisch eingeweißten 11Freunde-Magazin andeuten: Ist Spitzen-Fußball bzw. ein perfektes Spiel, eine perfekte Show nicht eher wie ein perfekt choreografierter, durchstrukturierter, perfekt besetzter Film?

Der Plot. Das Drama. Die Inszenierung der Handelnden im immer ähnlichen linearen Ablauf. Das immer irgendwann kommende Ende, happy oder und unhappy. Ist Fußball nicht weniger 11Freunde-lastiger Brit-Pop, sondern eher weltweit erfolgreicher US-Hollywood? Vermarkten sich die Bayern, Manchester United, Real und Barca vor allem nicht inzwischen in USA, Indien, China, Japan?

Auch das ist wohl nicht vollständig durchdacht. Nun gut, es betrifft zumindest die Wirklichkeiten des Weltkonzerns Real Madrid (und teilweise noch anderer Clubgrößen), der Fußball inszeniert und mehr daran verdient bzw. mehr Fans über die Inszenierung gewinnt als über spanische Meisterschaften oder europäische Champions League-Siege.

Aber das ist halt Real Madrid. Und seien wir ehrlich: Es waren schon geile Filme, die 1-4 – Niederlage gegen Dortmund im CL-HF 2013 oder das im Jahr zuvor im CL-Halbfinale verlorene Elferschießen gegen die Bayern im Bernabeu. Großes Kino sozusagen. Unterhaltung auf höchstem Niveau.

Pop, Hollywood, Punkrock, Autorenfilm, Glamour. Das alles führt weit weg vom Spiel an sich.

Umso wichtiger sei es, so 11F im Intro zum Sonderheft weiter, an diesem Punkt auch wieder die Unterschiede auszuarbeiten. Aber warum? Und was meinen die damit genau? Wann und warum Fußball eben nicht Pop ist? Aber wann denn nicht? Auf Asche? Bei 1860 München?

Na, da eben schon wieder grade, sehr viel unterhaltsames Chaos, und Friedhelm Funkel, und die so genannten Scheichs, also jede Menge Karl Mai/Kara Ben Nemsi-Approach. Bei Alemannia Aachen, beim Wuppertaler SV, bei Holstein Kiel? Bei Schalke II, bei Jahn Regensburg, bei Union Berlin?

Na, diese Berliner sind definitiv Pop! Und Basisdemokratie! Neben St. Pauli ist Union Berlin purer Smiths-Gutmenschen-Pop, bedient auch noch das reine Gewissen aller Fußball-Macher-Medienmenschen: solange auch ein Club wie Union, oder Pauli, sich wacker in der zweiten Liga halten kann, ist alles gut (neben z.B. Audis Ingolstadt und wohl bald Red Bulls Leipzig).

Aber weiter: Wie sieht es Pop-mäßig aus beispielsweise bei Viktoria, Fortuna, dem 1.FC Köln, bei Fortuna Düsseldorf, bei Rot-Weiss und Schwarz-Weiss Essen, bei Lotte, Bergisch-Gladbach, Altona, Ingolstadt, Rosenheim, Ulm, Karlsruhe II, Lautern II und Hamborn 07? Bei deinem Freizeit- oder Kreisligaclub?

Pop und Fußball, wird schnell klar, geht natürlich nicht immer. 11 Freunde weiter zur fehlenden Schnittmengen von Pop und Fußball, die gäbe es nämlich „…öfter als man denkt, lautet die Antwort. Denn die Flüchtigkeit popkultureller Phänomene, die eben noch Subkultur, dann Mainstream und rasend schnell vergessen sind, scheint so gar nicht vereinbar zu sein mit dem lebenslangen Treueschwur, mit dem jeder ernstzunehmende Fußballfan durchs Leben geht. Oder doch?“

Das Interessante an der Aussage von oben ist auch, was diese Sätze mit einem selbst machen. Dass zum Beispiel ich persönlich, also ich jetzt mal als ich selbst, hier und heute, als Fußballfan seit 1967 und Musik-Fan seit ca. 1973 und Pop-Journalist (ja, so hieß das damals wirklich) von 1983 bis 2001 dazu nur lapidar sagen kann, ja muss, und will: Den Beatles, den Stones, Johnny Cash, vielen anderen jüngeren und älteren Bands und Künstlern der Pop-Geschichte werde ich selbstredend ebenfalls lebenslang die Treue halten wie, ja wie, wie meinem Verein? Wie dem Fußball?

Wie geht das im Fußball, gibt es da für die meisten von uns wirklich nur „meinen“ Verein?

Die Treue halten, was bedeutet das? Die Karriere der betreffenden Lieblings-Künstler, Musiker lebenslang eng verfolgen, regelmäßig in alles rein hören, immer wieder Gigs, Auftritte, „Spiele“, Konzerte besuchen?

Macht man das vor allem, weil diese Künstler im Gruppen-Verbund (was ist eine Band anderes als ein Team?) über Jahre auf höchsten Niveaus so toll und interessant gearbeitet haben wie…ja, wie z.B. der BVB mindestens schon seit 2010 im kollektiv pressenden Mannschafts-Verbund – oder weil man halt schon immer BVB-Fan ist, sagen wir seit 1989? Oder seit 1996, 1997?

Ja, das Pressing: der Club steht da sozusagen dauerhaft an der Spitze der Fußball-Charts, und inzwischen ja nicht nur hierzulande. Bin ich Pressing-Fan? Taktik-Fan? Bin ich Schwarzgelber Erfolgsfan? Beinharter Vereinsfreund? Oder liebe ich „nur“ das Spiel?

Ja. Ich für mich persönlich glaube, ich liebe das Spiel. Definitiv mehr noch als meinen Verein. Fußball spielen, darüber reden, kommentieren, ankucken, darüber schreiben. Das ist fast wie Musik hören, machen, darüber diskutieren, darüber schreiben. All das fand ich schon immer hoch interessant.

Aber da bin ich auch Fan, das werde ich immer sein, in beiden Bereichen, auch im Sektor „Film“.

Wie funktioniert das in mir? In Dir? Nun, die emotionalen Bezüge sind einfach nicht tot zu kriegen. Whatever shit happens. Und es passiert so viel Mist, so viel, wovon wir noch gar nichts wissen. Worüber niemand etwas erzählt (Siehe hierzu auch wieder der 11Freunde Spezial „P1“-Text zu den Bayern). Aber egal, irgendwie.

Fußball-Fans ticken natürlich oft ganz anders als Musikfans. Viele unterstützen immer noch nichts anderes als ihren einen Verein, Treue ein Leben lang. Doch, halt, das gibt es umgekehrt auch: Viele lieben nur Bach, Beethoven, Miles Davis, Johnny Cash, Elvis, The Who, Walker Brothers, Giorgio Moroder, The Clash, Public Enemy, Slayer, Hüsker Dü, Black Flag, DJ Hell, Nirvana, Carl Craig, Kanye West, Savages, Austra  – und lassen daneben nichts bis wenig gelten.

Doch auch viele Fans, eine zunehmende Zahl, verfolgen das Spiel – das auf dem Platz und das an den Instrumenten – ein, das Match an sich aus purer ballistischer Leidenschaft. Ähnlich, wie der Musikhörer Musikgruppen, Stile, Stars, unbekannte Künstler einfach aus audiophilem Interesse am Fortgang aller nur denkbarer Musik, Krach, Töne hört.

Nehmen wir als Beispiel die Fußballfans von Spielverlagerung. Mit Martin Rafelt, Tim Rieke, Tobias Escher und René kannst du,  ich behaupte,  tagelang, wochenlang ohne Unterbrechung übers Spiel reden.

Und die Autoren von 11Freunde, der „SZ“, „FAZ“, ob Biermann, Reng, Hesse, Selldorf, Gieselmann, Jürgens, Köster, viele andere, sie zählen inzwischen auch anerkanntermaßen zu den besten weit über ihr Genre hinaus.

Da hört das immer weiter, dichter vernetzte Sehen, Hören und Staunen, Recherchieren, nochmals Staunen, Schreiben, Berichten, Publizieren, Palavern nie auf. Da ist ständiger Austausch von Meinungen, Tatsachen, Fakten auf mittlerweilen ungemein ansprechendem Niveau.

Spaß: So wie ich früher mit Musikfreunden stundenlang, nächtelang, konzertelang, diskothekenlang festivallang, kneipenöffnungszeitenlang und darüber hinaus über Musik gequatscht habe, auch über Film, Kino, Theater, kulturelle Phänomene, den so genannten und rudimentär in den 80ern noch existenten Underground, was weiß ich. Was haben wir uns nicht gestritten über Disco, Hip Hop, Techno, Punk und Death Metal und Crossover und Ragga und Trip Hop und Free Jazz und tausende von Bands.

Und und und.

Und Fußball heute: Pressingresistenz. Viererkette ist nicht gleich Viererkette, warum? Vertikales Spiel. Effenberg zu Schalke, nee, lieber doch nicht. Systeme, Trainer, Spielertypen, Spielerfrauen, korrupte Clubs, interessante Ligen, wo steht eigentlich aktuell die Serie A, ist Real Madrid in erster Linie ein Zirkus oder eine seriöse Mannschaft oder wurscht? Und wie geht 4-3-3-0? Wie 4-1-4-1? Und wo ist da der mitspielende Torwart? Warum sitzt Neustädter so oft auf der Bank? Wie intelligent sind Trainer? Spieler? Ist Hannovers Platz tatsächlich zu kurz für eine tatsächliche interessante(re) Spielweise? Rennen die deshalb den langen Bällen zuhause im immer gleichen 4-4-2 nur hinterher, kommen die immer nur über die Flügel zu Toren? (oder auch nicht). Und wann geht Augsburgs Daniel Baier zu welchem Verein, weil ihn vom breiten Publikum keiner kennt, nur weil er im beschaulichen Augsburg spielt? Zwei Millionen Euro Marktwert laut Transfermarkt. Ein Witz. Wenn´s nach mir ginge, elfkommafünf. Oder ist einem Daniel Baier das wurscht? So wurscht wie einem Jimmy Page jeder nur erdenkliche öffentliche Auftritt abseits der Bühne, des Platzes?

Und und und.

Beispiel Borussia Dortmund: Fachwissen, Leidenschaft, Schönheit des Spiels, Hingabe. Die Läuterung nach dem Finanzdebakel. Eine frische, gesunde Einstellung macht Schule, zieht bereits insgeheim um die Welt, möchte man sagen. Ja: Ohne den Klopp der WM 2006 gäbe es meiner Meinung nach keine erwachte Taktikleidenschaft in Deutschland. Und auch, wenn ich kein BVB-Fan bin, verfolge ich die Spiele dieser Biene Maja-Big Band doch immer mit Leidenschaft und großer Anteilnahme. Ab und zu gefällt mir dann auch der eine oder andere Song des BVB ganz besonders gut. Und nicht nur immer die Hits des FC Bayern. Aber auch andere Bands wie Freiburg, Gladbach, Mainz, ja sogar Leverkusen hauen durchaus schon mal Stücke raus, die sich sehen lassen können – diese Bands sind sozusagen alles andere als Eintagsfliegen. Und dann erst die Künstler all der anderen Ligen, der internationale Fußballpop.

Es geht immer weiter. So wie du heute Musik ohne Ende hören kannst, kannst du inzwischen Fußball ohne Ende kucken. Ohne Pause. Es geht immer weiter. The Shows must go on.

Was an dieser Stelle den Schluss nahe legen könnte: Bei POP und im FUSSBALL gibt es strukturell betrachtet sehr große Überschneidungen, in beiden Bereichen eben gerade auch über flüchtige und dauerhafte Phänomene.

Paar Unterschiede: Musiker leben, anders als damals vor 15, 20 Jahren von gut vermarktbaren Tonträgern, heute vor allem auch von den Tourneen, Konzerten, also quasi von den Stadion- und Großhallenbesuchern, weniger von den Club-, Disco- und Kneipenbesuchern und den „privaten“ Musikhörern zuhause.

Genau dies aber hat sich zumindest im Spitzenfußball in den letzten 20 Jahren v.a. durch den TV-Erfolg der großen nationalen Ligen, vor allem aber der Champions League (die medialen Mega-Events der WM und EM nicht zu vergessen) ins Gegenteil verkehrt. Nicht die Fans tragen das Gros der Geldsummen zu den Vereinen, sprich in die Stadien – und das, obwohl es schon teuer genug geworden ist, regelmäßig Spiele der ersten Ligen in Europa zu besuchen.

Die Sponsoren, große weltweite Konzerne, sie tragen zur Kundenwerbung ihr Geld zu den TV-Sendern – und die reichen die Gelder weiter. In die Bundesliga, die Premier League, vor allem zu den Champions League-Clubs.

Deshalb ist es wohl doch so, dass das Musik-Segment mit der Vielzahl seiner Talente und Künstler trotz auch hier oft längerfristig die Spitze dominierenden Top-Stars, die seit Jahren scheinbar unverrückbar die Tourneepreise diktieren und die Spitzen der Charts dominieren, viel volatiler und abwechslungsreicher ist als der seit Jahren leider dauerhaft auf 20, 30, maximal 40 Clubs beschränkte europäische Spitzenfußball.

Dagegen eine Gemeinsamkeit wieder, aber banal: Der große Unterbau der armen Kirchenmäusemusiker und der Vereine aus den Ligen ab Nummer 4, 5, 6 abwärts verfügt über alles andere, aber nicht über das große Geld. Arm ist arm, weil unten in der Hierarchie. Und wie heißt es so schön: Das Internet ist auch nicht die Lösung. Noch nicht zumindest.

Das Web hat das Musikbusiness in den letzten 10 Jahren stark verändert. Diese Entwicklung steht dem Fußballgeschäft noch bevor, erste Anzeichen sind aber auch hier schon zu erkennen. Thema: TV-Bezahlender: Sky hat große Probleme, seine angestiegenen teuren Tarife in der Fläche aggressiv durchzusetzen und die gerade eben mühsam erreichten schwarzen Zahlen dauerhaft weiter zu schreiben. Kneipenwirte nicht nur in Berlin-Kreuzberg gegen auf die Barrikaden. Und kündigen die teuren Abos. Und die Leute gucken lieber kostenfreie Live-Streams. Auch via W-Lan in der Ex-Sky-Kneipe. Und die Zahl der „Fußball-Seiten“ im Netz nimmt seit Jahren überproportional stark zu, Ende nicht abzusehen.

Wer heute teuer POP oder FUSSBALL im Premium-Event-Bereich genießen will, muss richtig viel Geld in die Hand nehmen. Als „Fan“. Im Stadion, trotz TV-Gelder. Gerade auch bei Gigs, Konzerten, Live-Veranstaltungen vielerlei Art.

Aber: wie die Lektüre nicht nur des 11Freunde-Intro-Textes, sondern insbesondere auch dieses Textes suggeriert: Je länger man gewisse, auch eigene, selbst durchlebte Daseinsbereiche durchdenkt, desto problematischer wird oft das eigene Agieren, auch das Mitfühlen als Fan, das Verklären der Historie.

Fußball und Musik haben für mich früher nie eng zusammengehört. Ich sah kaum einmal einen direkten Bezug. Ich war auch Punk, New Wave, irgendwie, in München, so 1977/80. Aber 1986 war ich schon ganz woanders als beispielsweise Uli Hesse, der eine ganz andere Zeit erlebt mit Schwarzgelb und Ruhrpott-Punk (11Freunde Spezial, Seiten 40/41). Jedem seine Wirklichkeiten. Mein 1986 war Klaus Augenthaler, Lothar Matthäus, die Last-Minute-Meisterschaft gegen Bremen, das letzte glorreiche Bayern-Spiel gegen Gladbach spontan im Stadion sehen zu können. Einfach hin da, Michael Althen ging mit, andere (Michael R.I.P.). Das war damals noch möglich.

Pop und Fußball: Begibt man sich in die Bereiche „Fan“ und „Vermarktung“, „Öffentlichkeit“ und „Medien“, dann sieht man plötzlich viele verwandte Muster: Event-Marketing. Fans, Fangruppen, immer weiter sich ausdifferenzierende Ultras, soziale Phänomene, gesellschaftliche Dinge, typische „Follower“ bestimmter „Gruppen“ oder „Haltungen“. Ideale. Abzocke. Pragmatismus.

Und, Leute, Menschen, die einfach nur guten Fußball sehen wollen, gibt es ebenso und wohl immer genauso wie Menschen, die einfach nur gute Musik hören woll(t)en. Nun gut.

Und es gibt wilde und wüste, schöne und toll komponierte Songs, Gesänge, Chants, Lieblingssongs. Support im Stadion in welcher Form auch immer. Da sind Blitzer. Da ist Stage Diving. Platzstürme. Bühnenbesetzungen. Wir sehen regelmäßig Gewalt. Schlägereien. Polizeiexzesse bei Schalke in der Kurve oder die Tragödie von Altamont, Hells Angels als Ordnungspersonal bei den Rolling Stones (ist lange her). Extremisten, Minderheiten nehmen sich die Bühnen, wollen sie nutzen. Soziale Aspekte interessieren uns je nach Sichtweise der Verhältnisse stark oder eher am Rande.

Wir werden konfrontiert mit allen Arten von Skandalen, Steuergeschichten, Drogendingen, Unterweltsgedöns. Wir kommen nicht, nie mehr vorbei am öffentlichen Auftreten von so genannten „Stars“ aus beiden Bereichen. Alaba, lustige Pressekonferenz mal wieder. Hast Du das Interview gelesen? Und, tja, Leute, die ewige Frage: wie war die Show? Wie lief das Spiel? Und wie und wohin laufen die Finanzströme, wer wäscht wo welches Geld und so weiter?

Aber, so werden viele einwenden: ein Song ist doch noch etwas anderes als die ersten zehn Minuten eines Spiels, ein Debüt-Album etwas anderes als die erste Halbzeit, oder als 90 Minuten einer hochklassigen Bundesligapartie, ein Sound-Outtake etwas anderes als ein YouTube-Video?

Okay. Das lobenswert dichte 11 Freunde-Spezial – das zweite bereits zum Thema Musik – kann nur der Anfang sein, die sich immer bunter und vielfältiger präsentierenden Unterhaltungsbranche Fußball in den Pop-Kontext zu stellen und hier interessante Phänomene auszuleuchten. Auch diejenigen der Gegenwart. Das Ganze ist vielleicht etwas zu retro und british geraten, aber dadurch hat es natürlich auch extrem viel patinösen Charme. Oi, yes, I love it.

Inzwischen sind wir heute von der Art und Weise, der Form der Informationsübermittlung her betrachtet ja an einem Punkt, wo vieles denkbar scheint. Und sogar machbar ist. Manchmal sogar ganz einfach. Vor ein, zwei Jahren hätten wir von HAUPTSACHE FUSSBALL uns nie getraut, eine 45 Minuten lange Gesprächsrunde zum Thema TAKTIK ins Internet zu stellen. Zumindest ich hätte mich noch 2010/11 gefragt: Du spinnst doch, interessiert doch keinen wirklich außer den paar Nerds aus den Foren, die du nicht wirklich gut kennst, oder?! Aber heute sind Spielertypen, Ausbildung, Spielintelligenz, Taktik und Spielsysteme mit das Ding im modernen Fußball und ich könnte stundenlang über spielrelevante Tricks und sinnvolle individuelle Kaderplanungen sprechen.

Und warum? Der moderne Fußball ist – mindestens – ein ebenso komplexes Feld wie Popmusik, wie Jazz, wie überhaupt E- und U-Musik. Nehmt doch nur die unendlichen Möglichkeiten, die ein Ball im Laufe eines 90-Minuten-Gig(g:-))s hat, in diesem langen Zeitraum von 22 Spielern + x berührt und gelenkt zu werden. Das ist immer (noch) unausrechenbar. Fußball ist – wie Musik – noch immer sehr stark von Launen, Stimmungen, Zufällen abhängig. Nehmt doch nur die unendlichen Möglichkeiten der tonalen und atonalen Strukturen, die niemals endende Kreativität der Musikszenen der Welt, die unendlichen Kombinationsmöglichkeiten von Komponisten und Musikern auf dieser Welt. Und die sind mittlerweile, wenn sie möchten, auch noch fast alle miteinander verbunden und können remote auf unterschiedlichste Art kooperieren.

Das sicherlich ist – vorerst – im Fußball anders. Unser Spiel ist gebunden an eine Startelf und den Gegner, an einen Platz, unser Feld. Er gibt das lineare Drama vor, mit dem die Macher von Real Madrid jedes Jahr Rekordumsätze einfahren. Kein anderer Sportclub sei mit 2,5 Milliarden Euro so viel wert wie Real Madrid, so „Forbes“ (11 Freunde 9/2013, S. 34).

Real Madrid steht derzeit an Spitze der Charts. Aber wie lange noch? Zementiert das Finanzmonster Champions League die Herrschaftsstrukturen im Spitzenfußball bis weit in die Zukunft hinein? Wird Fußball auf Dauer so sehr erstarren, dass der eingeschlichene Pop-Appeal irgendwann wieder flöten geht?

Es gibt nahezu unendlich viele Arenen, Plätze, Äcker auf dieser Erde, ja, von besonders findigen und motivierten jungen Menschen. Es werden sogar Inseln aufs Meer gebaut, um kicken zu können.

Und dazu noch die Ruinen, kaputten Straßen, Glasscherbenviertel, Hinterhöfe dieser Welt, die bekanntlich mit Beckenbauer, Maradona, Ronaldinho, Messi, auch Özil (spielte ja jahrelang in so genannten „Käfigen“) die größten Talente hervorgebracht haben, um hier nur eine sehr subjektive Auswahl zu bringen.

Und braucht die Musik, auch das Theater, nicht auch eine Art stets abgewandelte, aber im Grunde immer gleiche Livebühne, die im Prinzip seit 100 Jahren mehr oder weniger fixiert scheint? Die Technik drum herum wird immer besser, aber ein brauchbarer Platz, eine passable Bühne ist aber schon immer ähnlich strukturiert wie ein guter Fußballplatz? Oder ein simpler Proberaum?

Man könnte endlos weiter darüber plaudern, diskutieren, aber Zeit und Raum, die Ressourcen, sie sind so begrenzt wie in einem guten Konzert, einem tollen Spiel. Es leben die Ligen, die Tabellen, die Charts, die Konzerte, Non-Scripted Reality, die so poppigen wie sportiven Dramen unserer Zeit, all die wichtigen und witzigen Daten und Anekdoten rundherum.

Tja. Eine Analyse voller Längen und Schwächen, ich weiß. Ein Text, der anfangs mal Britpop oder 70er Punkruck á la Buzzcocks sein wollte, hat sich im improvisierten, hyperlänglichen Gedaddel von was weiß ich welcher Combo verloren.

Break, Ende. Noch ein Wort zum Unterbau. Zu den vierten Ligen, den Regionalligen. Dort ist der Zuschauerzuspruch vor Ort im Übrigen auch nicht grade zu verachten. Sozusagen schon fast Pop – oder Punkrock – oder Clubdisco. Nehmen wir zur Abwechslung mal den Bayernliga-Tabellenführer Bayern München II. Er lieferte soeben folgende aktuelle Zahlen: Letztes Match ist gewesen Schweinfurt 05 – Bayern München II. Spielausgang: 0-4.  Zuschauer: 6215.

Aktuell haben die „kleinen“ Bayern jetzt bereits zehn Punkte Vorsprung vor dem Team auf den zweiten Tabellenplatz, Greuther Fürth II. Dahinter punktgleich Augsburg II und der FC Eintracht Bamberg 2010.

Aber im Oberhaus führt der BVB. Ride the Tiger. Euch viel Spaß mit der Nationalmannschaft.

Andreas Bach

Advertisements