In diesem Text möchte ich eine Lanze brechen, für einen Spieler, der oftmals zu Unrecht arg gescholten wurde – zumindest wenn man mich nach meiner Meinung fragen würde. Die Rede ist von Per Mertesacker. Deutscher Nationalspieler, dritter Kapitän bei Arsenal London und auch sonst eine tragende Säule eines Teams, das sich keineswegs auf leisen Pfaden in Niemandsländern des internationalen Fußballs bewegt, sondern zu den ambitionierten Größen Europas gehört. Selbst dann noch, wenn die letzten Spielzeiten den eigenen Ansprüchen nicht gerecht wurden.

Doch derzeit funktioniert beim „Arsenal Football Club“ einiges besser, und das ist auch ein großer Verdienst des „Langen“, wie er von vielen liebevoll genannt wird. Dabei ließ seine Anfangszeit gar nicht unbedingt erahnen, dass dieser Spieler mal dieses Standing bei diesem glorreichen Verein innehaben sollte. Während er nach anfänglicher Kritik an seiner behäbigen Art und seiner etwas begrenzten Schnelligkeit zumindest mit den Fans der Gunners schnell warm wurde, lief es mit den Medien in England lange Zeit anders. Dabei ging es dabei selten um seine fantastischen Zweikampfwerte, sein fast schon überragendes Stellungsspiel und seine Dominanz bei hohen Bällen. Denn das sind Stärken eines Per Mertesacker, die viel zu selten Erwähnung gefunden haben. Es sind sogar Fähigkeiten, die für ein schnelles Umschaltspiel oder gar das direkte Einleiten eigener Großchancen enorm wichtig sein können. Dabei muss man fairerweise sagen, dass sich das Spiel von Per Mertesacker im Laufe der Jahre gewandelt hat, was sicher auch generell an der zunehmenden Geschwindigkeit auf höchstem Niveau auszumachen ist. Anstatt überwiegend tief zu stehen, verteidigt nun auch ein Per Mertesacker viel offensiver und sucht auch viel mehr Zweikämpfe als sonst – übrigens auch das Vermeiden vieler Zweikämpfe hörte und las ich oft als einen Kritikpunkt am Blondschopf und häufig auch als abwertenden Beleg dafür, wieso seine Zweikampfwerte so gut seien.

Als gutes Beispiel, bei dem dieses Verhalten vor allem für die Offensive des eigenen Teams zum Tragen kam, lässt sich der 2:0-Erfolg im Länderspiel gegen den Nachbarn aus Österreich heranziehen. Das sehenswerte Tor zum 2:0 erzielte Kroos, die Vorlage gab Marco Reus und dieser wurde davor von Mesut Özil in Szene gesetzt. Aber die ganze Situation konnte so nur entstehen, weil ein offensiv verteidigender Mertesacker zuvor das Duell um einen langen Ball gewann und somit die Ordnung aufrückender Österreicher in erster Instanz zerstörte. Als „offensives Verteidigen“ mit „högschder Intensität“ verstand es der Bundestrainer, der für die Entstehung des Tores vor allem Mertesackers Ballgewinn lobend hervorhob. Ein Lob, das nötig war, das in der breiten Masse vielleicht sogar dafür sorgt, dass auch der Laie einen Spielzug nicht nur anhand der letzten zwei Spielstationen bewertet, sondern auch die vielen „Kleinigkeiten“ zuvor erkennt, die zum Kreieren solcher Möglichkeiten erst nötig sind.

Per Mertesacker ist eben ein lernwilliger Spieler, der sich auch mit zunehmenden Alter weiter entwickelt und, viel wichtiger noch, verbessert! Dabei stand er bei den diversen Entscheidungsträgern ohnehin eher selten in der Kritik, auch bei seinem neuesten Trainer nicht. In seiner ersten Saison bei den Gunners, 2011/2012 spielte er bei 22 möglichen Premier League-Einsätzen 21 Mal von Beginn an, ehe ihn eine Bänderverletzung für den Rest der Saison außer Gefecht setzte. Auch im zweiten Jahr verpasste Mertesacker nur wenige Minuten. Die Kritik an ihm nahm aber vor allem von Seiten der Medien selten ab. Einen zwischenzeitlichen Höhepunkt erreichte sie beim Ausscheiden aus der Champions League gegen die Bayern, als die „Sun“ schrieb: “Wieder einmal war es eine Geschichte einer katastrophalen Defensive. Per Mertesacker, Laurent Koscielny, Bacary Sagna und die anderen sind einfach nicht gut genug. Und werden es niemals sein.“ Auch weitere Blätter sprangen auf diesen Zug auf und stürzten sich vor allem auf den Verteidiger des DFB.

Vielleicht wurde auch deshalb oft gemunkelt, dass sich Arsenal von Mertesacker trennen wolle, was Mertesacker dann während seiner zweiten Spielzeit auf einer Pressekonferenz offensiv monierte:

„Ich spiele immer und bekomme vom Trainer positives Feedback, aber seit einiger Zeit wird mir eingeredet, dass ich so schnell wie möglich weg soll“, erklärt Mertesacker. Ein Seitenhieb gegen die britische Presse folgte prompt: „Gewisse Dinge laufen in England eben anders. Dort wird nicht nur links gefahren. Die Öffentlichkeit ist dort vom Training ausgeschlossen. Das führt eben dazu, dass nicht nur an der Börse viel spekuliert wird, sondern auch bei den Journalisten.“ 

Dabei ist er eigentlich ein Mann der leiseren Töne, was er derzeit, in seinem dritten Jahr in London, auch wieder sein kann. Denn derzeit sind sie alle zufrieden mit dem guten Per – selbst die britische Presse geizt nicht mit Lob für den Deutschen und hebt ihn als tragende Säule für den guten Start der Gunners hervor. Sein wichtigster Fürsprecher ist und bleibt allerdings sein Trainer Arsene Wenger, der gar nicht erst müde wird, den Abwehrhünen zu loben: „Per hat fantastische Führungsqualitäten.“

Das beweist er, nicht erst, aber vor allem seit dieser Saison, wo er die beiden etatmäßigen Spielführer, Thomas Vermaelen und Mikel Arteta, beispielhaft ersetzt. Es scheint nun endlich auch für ihn der große Durchbruch in London möglich – die Fans lieben ihn ohnehin schon. Eindrucksvoll stellt er unter Beweis, dass er ein absoluter Musterprofi ist. Egal wie limitiert er in seiner Geschwindigkeit und seinen fußballerischen Fähigkeiten erscheint, gibt es kaum Profis, die so akribisch an den eigenen Schwächen arbeiten, eine Führungsposition im Verein so verantwortungsbewusst bekleiden und sich vollkommen in den Dienst ihres Arbeitgebers stellen. Per Mertesacker gehört nicht zu den überragenden Innenverteidigern dieser Epoche, aber sicherlich zu denen, die weit über dem Durchschnitt agieren und viele Softskills mitbringen, die auch für einen ambitionierten Verein wie Arsenal London enorm wertvoll sind! Darüber hinaus ist er derzeit wohl das wichtigste Bindeglied des Trainers zu der Mini-Deutschland-Filiale, die gerade bei den Gunners entsteht.

Festzuhalten bleibt: Per gehört zum Kreis der elitären Innverteidiger Europas einfach dazu und verdient viel mehr Anerkennung als bisher für seine Leistungen. Vielleicht wird diese Spielzeit einige Kritiker endlich mal wachrütteln.

Denn ganz egal, ob per Kopf oder per Fuß, Per Mertesacker wird auch in Zukunft alles dazwischen werfen, was er hat, um den gegnerischen Stürmern das Toreschießen so schwierig wie nur möglich zu machen! Rock on, Per!

Giuseppe Cotrufo

 

 

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