Es ist wieder soweit, im Nationenbereich gibt es wieder eine sogenannte „goldene Generation“ – Belgien. Meist steht diese Redensart für ein Team, gespickt mit teils atemberaubenden Einzelspielern, dem viel Potential nachgesagt wird und dem man eine rosige Zukunft prognostiziert. Das tatsächliche Resultat dieser Generationen ist dann meist nicht direkt ernüchternd – das wäre dann wohl ein wenig zu schwarz gemalt, kommen sie ja meist recht weit bei den großen Turnieren – aber doch nicht der ganz große Wurf. Sprich: einen Titel holen in der Regel die üblichen Verdächtigen mit den nachgesagten dickeren Eiern, oder einfach mal die totalen Außenseiter wie Dänemark 1992 und Griechenland 2004.

Bei „goldener Generation“ denkt man auch zwangsläufig, ich zumindest, an eine besondere Epoche einer Nation, in der quasi jeder Spieler der ersten Elf eine wichtige Schlüsselposition in einem der größten Vereine Europas bekleidet. Auf dem Transfermarkt wechseln die Spieler dieser Nationen für die höchsten Summen, die meisten Trikots werden mit ihren Namen beflockt und auf dem Bolzplatz will man immer einer von ihnen sein. Explizit kommen mir da zwei große Namen in den Sinn, die seit Jahren als Favoriten in Turniere gehen, zeitweise mit eben jenen „goldenen Generationen“, und am Ende meist eines zurückbleibt: für den Titel reicht es einfach nicht, nur die besten Einzelspieler zu haben. Fairerweise muss ich gestehen, dass ich den EM-Titel 2004 fest für die Portugiesen eingeplant hatte und nicht wusste, dass ein gewisser Angelos Charisteas oder Altmeister Otto Rehhagel etwas anderes vorhatten. „Hellas“ stürzte die „República Portuguesa“ von ihrem Thron, wo sie es sich doch schon so bequem gemacht hatte. So bequem, dass man ganz vergaß, auch die letzte Schlacht gegen den kleinen David ernst zu nehmen… Ergebnis bekannt. Gyros gab es hierzulande einen ganzen Abend umsonst!

Aber kommen wir zurück zur neuen „goldenen Generation“ – Frau Merkel widmete ihr ja auch schon die Farben ihrer Kette beim Fernsehduell mit dem werten Herrn Steinbrück. Diese Nation, die derzeit so viel Spaß macht, die einige aber schon wieder viel weiter sehen als sie tatsächlich ist. Nicht falsch verstehen: ich habe mich in letzter Zeit selten so sehr über die Qualifikation eines fremden Landes für ein großes Turnier gefreut, denn auch mir bereiten sie sehr viel Spaß. Dieses freche, unbekümmerte Spiel, dieses so offensichtliche Talent, was in so vielen Spielern schlummert, diese Durchschlagskraft, ach eigentlich fast alles… Ich denke aber trotzdem, dass diese Nation noch ein wenig zu grün ist, um jetzt schon ernsthaft bei den „Großen“ mitzureden. Pauschal würde ich auch sagen, dass man eine große Zukunft vor sich haben könnte, aber das wird sich erst unter Wettkampfbedingungen zeigen müssen.

Es bleibt festzuhalten, dass man für die Qualifikation zur WM eine Gruppe mit Gegnern wie Serbien und Kroatien dominiert hat und sich einen Spieltag vor Schluss souverän als Gruppensieger qualifizieren konnte. In Deutschland weiß man schließlich auch, dass vor allem Serbien und Kroatien traditionell schwer zu bespielen sind und nicht gerade zur Laufkundschaft zählen – eher das Gegenteil! Diese erste Hürde wurde also mit Bravour gemeistert. Das Turnier wird allerdings ein neuer Wettkampf, der je nach Gruppenkonstellation schon sehr früh, sehr schwer werden kann. Auf dieser Euphoriewelle schwimmend, kann man den Belgiern sicherlich die ein oder andere Überraschung gegen starke Gegner zutrauen, ob sie aber so einen langen Atem haben werden, das konstant zu zeigen, bleibt abzuwarten. Was geschieht mit diesem jungen Team nach Rückschlägen, wenn es ernsthaft unter Druck gerät, wenn die Last auf jeder Schulter erdrückend schwer wird? Das müssen die Jungs noch zeigen. Defensiv hat man mit Kompany (27 jahre), Vertonghen (26) und van Buyten (35) schon einige Jahre Erfahrung auf hohem Niveau auf dem Buckel, was sicherlich ein stabilisierender Faktor sein dürfte. Davor sieht´s allerdings ein wenig anders aus, bedeutend jünger. Die Schlüsselspieler wie Eden Hazard (22 Jahre), Marouane Fellaini (25 Jahre), Axel Witsel (24 Jahre), Kevin de Bruyne (22 Jahre), Steven Defour (25 Jahre), Romelu Lukaku (20 Jahre), Christian Benteke (22 Jahre) und noch viele mehr zergehen zwar auf der Zunge wie Butter, aber sie machen deutlich, dass sich nahezu alle Spieler noch in ihrer Entwicklung befinden oder diese sogar erste gerade begonnen hat.

Die Spieler sind alle wichtig für ihre Vereine, setzen Akzente, berauschen mit tollen Kombinationen und Toren, aber sie funktionieren dort an der Seite von Spielern, die weitaus mehr Erfahrung haben und vor allem weitaus mehr Verantwortung übernehmen. Es gibt zwar immer wieder das Sprichwort, dass es nicht wichtig sei, wie alt die Spieler alle seien und dass es sich nur darum handele, ob sie gut oder schlecht sind. Ich denke aber, dass man ein großes Turnier nicht nur mit Talenten oder Spielern auf dem Weg zum Superstar gewinnen kann. Die Vergangenheit hat uns da auch noch nicht eines besseren belehrt.

Wie gesagt, ich freue mich auf diese Nation in Brasilien. Ich erfreue mich daran, diesen Spielern heute schon beim Spielen zuzusehen und ich freue mich vor allem auf die Zukunft. Denn sie wird zeigen, was aus diesen Spielern, dieser Nation tatsächlich werden kann. Vielleicht überraschen sie uns schon alle bei der WM und spielen stärker als erwartet, vielleicht scheiden sie aber auch schon in der Vorrunde sang- und klanglos aus. So oder so wird es für die Entwicklung aller Spieler eine wichtige Erfahrung sein. Vielleicht starten sie 2016 in Frankreich ernsthaft als Favorit, holen den Titel und prägen plötzlich eine Dekade, wie es die Spanier seit einer Weile tun – wer kann das schon sagen? Hätte Spanien 2008 das Elfmeterschießen im Viertelfinale gegen Italien verloren, wäre der Glaube an die eigene Stärke vielleicht niemals da gewesen und man würde immer nur von der talentierten Nation ohne Siegermentalität reden… In der Spitze sind eben Nuancen entscheidend, die manchmal glücklich zu einer Seite tendieren und die Zukunft so maßgeblich beeinflussen.

Ich will Belgien ja nun auch nicht kleiner reden als es ist, daher sollten wir alle einfach mal die Kirche im Dorf lassen und abwarten, was uns in Brasilien von den Belgiern tatsächlich erwartet. Es ist doch bisher ein sympathisches Land, dem man Erfolge durchaus gönnen würde. Spieler, die irgendwann dafür verantwortlich sein könnten, gibt es dort offensichtlich ja genug…

Giuseppe Cotrufo

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