„Die Nummer Eins im Norden sind wir!“ Ein Schlachtruf, der im Prinzip für das ewige Duell zwischen dem HSV und Werder Bremen steht. Doch heute, in der Saison 2013/2014, ist vieles anders. Das Problem: Es ist nicht erst seit dieser Saison ein erheblicher Machtumschwung im Norden zu vernehmen.

Aber beginnen wir mal mit einer simplen Definitionsfrage. Wer gehört denn heutzutage zum sogenannten „Norden“. Groß gedacht fallen neben dem HSV und Werder Bremen auch Hannover, Braunschweig und Wolfsburg in die Kategorie „Nordverein“. Ja, immer wieder diese Niedersachsen… Wollen überall munter mitmischen. Und als wäre das nicht schon genug, setzen die Wölfe dem ganzen noch die Krone auf.

Dazu möchte ich im Vorfeld sagen, dass ich es natürlich subjektiv bewerte, was diese weltweit angesehene Metropole derzeit auf dem Transfermarkt veranstaltet. Natürlich nervt es mich, dass es bei diesem Verein absolut egal ist, wie in den Jahren zuvor gewirtschaftet wurde, wie schlecht die Gewinn und Verlustrechnung in der Bilanz ausfällt, wie seelenlos dieser Verein bezogen auf traditionelle Werte klingt, und dennoch absolute Hochkaräter anlockt. Das soll jetzt nicht die immer wieder aufkommende Pro- und Contra-Diskussion dieser Werksvereine mit neuem Futter nähren, sondern lediglich meinen Standpunkt kurz verdeutlichen.

Die Wölfe sind es somit auch, die derzeit den unprämierten Titel der Nummer Eins im Norden innehaben. Dabei kann man ihnen nicht einmal eine dumme Vereinspolitik vorwerfen. Denn mit dem Wissen im Hinterkopf, dass finanzielle Engpässe nicht wirklich existieren, lässt sich eben anders auf dem Markt handeln. Dumm ist das nicht, nur irgendwie auch nicht das, was sich ein Bundesliga-Fan wie ich es einer bin, unter kluger Transferpolitik vorstellt.

Naja, ändert aber auch nichts daran, dass die Wölfe vor einer rosigen Zukunft stehen könnten. Mit Kevin de Bruyne ist nach Luiz Gustavo schon der zweite große Coup in dieser Saison gelungen und auch sonst scheint das Team unter Dieter Hecking immer gefestigter. Dazu muss lobend erwähnt werden, dass der Unterbau in Wolfsburg so manches Talent anbietet, das langfristig über gute Bundesligaqualität verfügt. Die Entwicklung um Arnold imponiert dabei auch mir sehr, denn mit ihm hat man einen Spieler aus den eigenen Reihen hervorgezaubert, der sogar allerhöchsten Ansprüchen zu genügen scheint. Hier muss ich sagen: „Good job, Wob!“ Mit 30 Punkten kann von einer hervorragenden Hinrunde gesprochen werden und die Champions League-Plätze sind in Reichweite. Eben die Plätze, um die ich Wolfsburg in diesem Jahr spielen sehe. Und auch Nächstes und Übernächstes und… Mein Tipp für das Saisonende: Platz 4.

Kommen wir zu meinen geliebten Bremern. Was waren das für schöne Zeiten als Spiele mit drei Gegentoren gewonnen wurden, weil auf Bremer Seite fünf oder sechs Tore standen. Doch neben den altbewährten Abwehrschwächen, die zu Beginn der Saison noch der Vergangenheit anzugehören schienen, kommt ein wesentlicher Schwachpunkt hinzu. Ich fasse mal grob zusammen, was ich meine: Die komplette Kaderzusammenstellung. Das Traurigste: Ich käme nicht einmal auf drei bis vier Spieler, die zu Recht als zukunftsträchtiges Grundgerüst des Vereins stehen könnten, um eine gute Mannschaft drum herum zu gestalten. Das klingt hart, aber sobald die grün-weiße Brille ab ist, beängstigend real. Einzig das letzte Hinrundenspiel gegen Leverkusen hat wieder etwas Mut schöpfen und die Hinrunde mit 19 Punkten noch im Ansatz erträglich ausklingen lassen. Robin Dutt scheint als Trainer noch nicht das umsetzen zu können, was er vorhat und Thomas Eichin agiert nach anfänglichem guten ersten Eindruck immer mehr wie ein lifestyle-orientierter Schönredner, dem für Transfers die Hände gebunden sind und der von weiter oben einfach noch nicht genug Akzeptanz genießt, um auch mal ein finanzielles Risiko eingehen zu dürfen. Viel mehr lässt man diesen Kader und sein Spiel daher plätschern und hofft einmal mehr, dass es nicht zum Schlimmsten kommt. Das geht nun schon einige Jahre so und absolut auf die Kosten der treuen Fans. Neue teure Spieler schlagen nicht ein (Makiadi), oder nur im Ansatz (Garcia, Caldirola) und diejenigen, die eigentlich als Anführer geplant waren (Hunt, Fritz, Prödl) bleiben zu häufig unter ihren Möglichkeiten oder sind auch einfacher gesagt nicht gut genug für diese Rolle. Auf Dutt und Eichin wartet eine Menge Arbeit und es sieht so aus, als solle es mit diesem Kader in die Rückrunde gehen. Ich kann nur sagen, dass ich einige punktuelle Ergänzungen begrüßt hätte. Vor allem für den kreativen Bereich. Aber das wird wohl nichts mehr. Wo die Bremer landen? Ich denke, dass Bremen sich tabellarisch nicht verändern wird und auch am Ende der Saison auf Platz 11 stehen wird.

Auf Platz 13 rangieren derzeit die Hannoveraner, die es fertig gebracht haben, in der Hinrunde jedes Auswärtsspiel zu verlieren. Eine Schwäche, die eine Menge Punkte kostet und die Saison für Hannover schwierig und Lang gestalten wird. Ich sehe derzeit nichts, was auf eine positivere Rückrunde hindeutet – es sei denn, Neu-Trainer Tayfun Korkut erwiese sich plötzlich als neuer Messias und würde das Ruder in Hannover noch einmal gänzlich rumreißen können. Als Bundesliganeuling dürfte das nicht ganz einfach werden. Aber vielleicht ist es auch gerade das, was der Verein braucht. Die Situation in Hannover birgt Risiken und Chancen zugleich – wie so oft mit neuen Trainern. Persönlich glaube ich nicht an die Wende, da Hannover personell nicht so stark besetzt ist, dass sie bedeutend höher in der Tabelle stehen müssten. Zu wenig wurde aus dem Zwischenhoch mit dem Europapokal konserviert und zu wenig scheint die Vereinsführung in ihrer Fülle zu einer Stabilisierung der Lage beitragen zu können. Hannover sehe ich zum Ende der Saison allerdings einen Platz weiter oben, und zwar auf Position 12.

Jetzt der Dino… Oder was noch von ihm übrig ist… Die Hamburger bleiben wohl auch in der Rückrunde weit hinter den Erwartungen der Fans zurück… obwohl… in vielen Gespräche mit Hamburger Freunden wurde im Prinzip nicht allzu viel von dieser Spielzeit erwartet. Auch wenn der Reformantrag „HSVPlus“ durchgehen sollte, wie es ja bisher aussieht, sehe ich noch lange keine Besserung. Zu willkürlich scheinen die Führungspositionen besetzt zu sein, zu planlos der Umgang mit der vereinsinternen Finanzpolitik. Dazu die ständigen Unruhen durch diverse interne Konflikte, die viel zu oft nach außen gelangen. Mit Van der Vaar ein teurer Star, der seine beste Zeit hinter sich hat und auch sonst zeigt sich nur ein sehr fragiles oder zumindest fragwürdiges Gebilde. Die großen Nord-Derbys haben mir immer sehr viel Spaß bereitet, aber derzeit finden sie milde gesagt im Mittelmaß der Bedeutungslosigkeit statt – und das ist sehr schade. Täte ein Abstieg gut? Ich weiß es nicht. Bei aller Rivalität zu meinen Bremern weiß ich auch nicht ob ich das Derby nicht zu sehr missen würde, aber das ständige und nervige Gerede vom Dino wäre ein für alle Mal erledigt. Nunja, die Stadt mit all ihrer Infrastruktur und all ihrem Charme bietet viele Möglichkeiten und im Prinzip gehört so ein Verein auch nach Europa – Gruß an alle HSV-Homies an dieser Stelle 😉 –  aber das wird so schnell auch nichts werden. Diese Saison wird genauso holprig weitergehen wie bisher. Am Ende wird man sich meiner Meinung nach hinter Werder und Hannover auf der 13 wiederfinden.

Bleiben die Braunschweiger. Was soll man sagen? Kleiner Etat, Bundesliga-Rückkehr nach einer gefühlten Ewigkeit und kaum Spieler mit großer Bundesliga-Erfahrung. Viel war nicht zu erwarten und dennoch gelangen Überraschungssiege in Wolfsburg und Leverkusen. Die Braunschweiger müssen allerdings nahezu jedes Spiel am Limit spielen und zugleich auf weniger gute Tage der Gegner hoffen, wenn es mit dem Klassenerhalt klappen soll. Personell sehe ich den Verein dort, wo er gerade steht – am Tabellenende. Ansätze von tollen Spielzügen blitzen immer mal wieder auf, aber genau dann fehlt dem Team die Kaltschnäuzigkeit, um zählbares aus diesen Situationen mitzunehmen. Hier muss für die Rückrunde einfach alles passen, damit man das unumgängliche, und zwar den Abstieg zurück in Liga 2, noch umgehen kann. Spielen am physischen und taktischen Limit, pure Effektivität und das nötige Glück. Da ich nicht denke, dass dieser Kader dazu in der Lage ist, sehe ich die Braunschweiger auch nach wie vor als ersten Absteiger und am Ende auf Platz 18. Lieberknecht bleibt mir aber trotzdem ein guter Typ! 😉

Bleibt ein trister Ausblick für unsere Nordlichter – bis auf Wolfsburg. Die klare Nummer Eins werden sie am Ende der Saison zumindest tabellarisch sein und auch auf absehbare Zeit dürfte das Tabellenbild nicht wieder so schnell zu Gunsten der anderen Nordlichter kippen – leider…

Giuseppe Cotrufo

 

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