Lieber Herr Watzke,

Was sind das für „deutliche Worte“, die Sie da laut Sportbild in einer Presserunde in Berlin von sich gegeben haben und in Richtung des Konkurrenten (darf man das ob der derzeitigen Punktverhältnisse noch so sagen?) aus München abfeuern:

Sie wollen uns zerstören, dass wir nie wieder eine Gefahr darstellen, indem sie sich an unseren Spielern bedient haben,“ heißt es da etwa.

Oder auch: „Es gibt derzeit keine andere Liga, die derart von einem einzigen Klub dominiert wird wie die Bundesliga. Das sind keine spanischen, das sind schottische Verhältnisse“.

Das alte „Die Bayern kaufen die Liga kaputt“-Prinzip also, das schon so oft und auch in der Vergangenheit immer wieder gern bemüht wird.

Nun sei mal vorangestellt, dass ich – trotz meiner Herzensliebe für einen gewissen Kölner Club, der regelmäßig den Fahrstuhl zwischen der 1. Und 2. Bundesliga benutzt – eine hohe Grundsympathie für den BVB mitbringe, während das für mein Verhältnis zum FC Bayern…nun…nicht gilt. Überflüssig zu erwähnen, dass ich da grundsätzlich sozusagen „auf Ihrer Seite“ stünde. Soviel zur Sympathieverteilung.

Aber…

Aber ich kann dieses immer gleiche Gejammer und die immer wieder einseitig verteilten Vorwürfe einfach wirklich nicht mehr hören. Ja, der FC Bayern bedient sich durchaus nicht ungern in der heimatlichen Liga – und damit folgerichtig durchaus auch gern bei Vereinen, die eine mehr oder weniger direkte Konkurrenz darstellen. Und ja: Der FC Bayern zahlt dabei vielleicht auch „das zweifache Gehalt“, sodass sie nun mal „keine Chance [haben]“. Ja: Die Bundesliga ist derzeit offenbar ein Witz, für den der Begriff „Liga“ ob der riesigen internen Schere eigentlich längst nicht mehr angemessen ist.

Aber meine Güte: Das ist doch alles nix Neues! Da kann man noch so sehr über „spanische“ oder gar „schottische Verhältnisse“ fabulieren: Wie in einem herausragenden Blogartikel des leider kürzlich zu Grabe getragenen The Next Bryk Thing schon Mitte letzten Jahres festgestellt wurde, ist die vermeintlich so spannende Bundesliga da schon seit langem mehr oder weniger eine Diktatur. Wie heißt es da so schön:

Seit 1969 hat der FC Bayern 22 Meistertitel geholt – weit mehr als jeder andere Club in einer großen europäischen Liga.“

Und: „Sieben verschiedene Teams wurden seit 1981 Deutscher Meister – genau so viele wie in Spanien (in England und Italien waren es im gleichen Zeitraum jeweils acht).“

Die vermeintliche Chancengleichheit in der deutschen Eliteklasse ist also nicht erst seit letztem Jahr eine Illusion…und gilt übrigens – das nur mal am Rande erwähnt – nicht nur für die Schere „Bayern/Rest der Liga“, sondern auch für „Die üblichen Verdächtigen“ in Sachen Champions League-Teilnehmer vs. „Rest der Liga“.

Und auch die Hackordnung setzt sich ja nach unten fort, lieber Herr Watzke. Fragen Sie doch mal Ihre Kollegen von Borussia Mönchengladbach, wie schön diese es fanden, als der BVB Ihnen vorletztes Jahr den Reus „weggekauft“ hat. Oder die Herren in Leverkusen, wie cool diese es finden, dass sich der FC Schalke nächstes Jahr der Dienst von Sidney Sam sicher sein kann.

Ergo: Das Prinzip ist immer dasselbe – wer mehr bietet, kann den anderen ihre Spieler abwerben. Das ist (leider) ein Gesetz, das aus dem resultiert, wie der Profi-Fußball heute aufgestellt ist: Als ein Wirtschaftszweig, in dem es um Gewinne, Gewinne, Gewinne geht. Ich persönlich würde gern in einer utopischen Fußballwelt leben, in dem allen Vereinen und Spielern dieselben Mittel zur Verfügung gestellt werden – und wo folglich jeder aus Spaß am Spiel und aus Liebe zum Verein bei Borussia X, dem FC Y oder Blau-Weiß Z spielt. Ist aber nun mal nicht so.

Die „wahren Übeltäter“

Insofern: So sehr das übliche „Bayern-Bashing“ auch zur Erheiterung der Volksseele (oder als Ventil des Volkszorns?) beitragen kann: Man kann dem Münchner Über-Club im Prinzip nicht vorwerfen, innerhalb der Regeln zu spielen, die das System Fußball vorgibt.

Wenn es also mal wieder ein Rundumschlag/eine Wutrede sein darf: Warum nicht mal mutig sein und in die Richtung derjenigen schießen, die die Regeln gemacht haben – oder eben derjenigen, die hier „ihre Körper verkaufen“ (schönes Zitat eines Kollegen von vor einigen Jahren zum Thema Profi-Fußballer)?

Nach wie vor zwingt keiner Spieler x oder Star y, unbedingt zu Verein z zu wechseln, weil er mehr Geld oder Titel versprechen kann. Das entscheiden die Spieler noch immer für sich selbst. Und wenn die halt auch nur noch wie Wirtschaftsunternehmen denken – warum dann mal nicht den Mut haben, das anzuprangern? Wenn im „realen Leben“ ein Banker oder Manager nur seine Karriere im Sinn hat und daher seine Loyalität meistbietend verschachert, wird das öffentlich angeprangert und gejammert, wie verkommen er doch ist. Wenn ein Spieler dasselbe tut, ist das aber okay? Warum? Weil dumme Floskeln wie „Für meine Entwicklung ist es einfach wichtig, international zu spielen“ (= „Ich will mehr Geld und Prestige“) oder „Das Projekt hat mich überzeugt“ (= „Man weiß noch nicht, wo es demnächst mit dem Verein hingeht, aber er bezahlt mir halt die nächste Yacht“) so überzeugend sind?

Und warum kann man auch nicht mal ehrlich sein und den ganz großen Bösewicht ins Visier nehmen, der Ursache nahezu aller Liga-internen Scheren innerhalb der europäischen Ligen ist: die Champions League! Die ist zwar Austragungsplattform vieler schöner, hochwertiger Spiele – aber eben auf der anderen Seite auch der Event-Antichrist, der mit seinen absurden Fantasie-Prämien in astronomischer Höhe dafür sorgt, dass sich in den Ligen überall auf diesem Kontinent kleine Diktaturen bilden, in denen ein bis zwei Vereine alles an sich saugen können – wenn nicht gerade irgendwo noch ein Investor-gepushter Plastikverein dazwischen hauen kann.

Was also tun?

Nein, Herr Watzke, es tut mir leid: Ich kann Ihren Ärger verstehen, aber wenn Sie die Möglichkeit des FC Bayern, Ihnen Leistungsträger abzuwerben so verpönen, dann gibt es nur zwei Auswege. Entweder man findet eben diejenigen Spieler, die eben nicht nur für Geld und Titel „Leib und Seele verkaufen“ – also die, die nicht bei einem Angebot des nächstgrößeren Clubs schwach werden (sofern der moderne Fußball sie noch hervorbringt). Oder aber man greift mal grundsätzlich das System an, das solche Entwicklungen überhaupt erst möglich macht. Nur: Dann muss man eben auch bereit sein, den Ast auf dem man selbst sitzt (= Champions League-Millionen) vielleicht nicht abzusägen, zumindest aber in Frage zu stellen…

Marco Jankowski

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„Hauptsache Fußball“ ist natürlich auch auf YouTube präsent, wo ihr euch unsere komplette Doku vollständig in HD anschauen könnt – und das kostenlos!

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