Am 03. November letzten Jahres schrieb ich, natürlich nie ganz frei von der grün-weißen Brille, über die Hoffnungen, die auf dem neuen Trainer an der Weser ruhen. Wieder einer, der den Verein kennt, lebt und auch als Spieler lange für Grün-Weiß aktiv war, eben einer von uns: Viktor(y) Skripnik. Ich muss zugeben, das Victory-Skripnik-Wortspiel gefällt mir mittlerweile. Und als gebeutelter Bremer dürft ihr mir das auch nicht missgönnen, ehrlich nicht! Aber back to topic. Werder hatte sich gerade im Pokal mit Kampf und Dusel gegen den Drittligisten aus Chemnitz in die nächste Runde gemogelt und in Mainz den ersten Sieg der Saison nachgelegt. Einstand nach Maß für Skripnik. Aber auch viele offenkundige Baustellen, die natürlich nicht in kurzer Zeit zu beheben waren und immer noch nicht gänzlich behoben sein können.

Heute, einige Wochen, Spiele und Transfers später, liest sich das, was Werder rein statistisch unter Skripnik erspielt hat, ziemlich gut. Aber man darf auch nicht außer Acht lassen, dass es immer noch diese katastrophalen Auftritte wie in Frankfurt oder Gladbach gab, in denen es zusammen genommen satte neun Gegentore gab. Hühnerhaufen reloaded also immer mal wieder – mit so einem jungen Kader aber auch nicht verwunderlich. Werder befindet sich eben in einem Prozess. Das ist zwar schon seit einer ganzen Weile so, aber seit kurzer Zeit lässt sich erstmals kontinuierlich so etwas wie ein Plan erkennen.

Ich weiß auch gar nicht mehr, wann Werder in der Bundesliga zuletzt drei Siege in Folge gelungen sind… Und nein, ich werde mir nun nicht die Mühe machen das zu recherchieren, denn das ist nicht das, worum es mir in diesem Text geht. Es geht viel mehr darum, dass in den letzten Wochen vieles besser in Bremen lief – und das mit einem Kader, dem viele Hobby-, Möchtegern- und vielleicht auch echte Experten jegliche fußballerische Qualität abgesprochen haben. Recht hatten sie nur bedingt. Werder wirkte unter Dutt, mit Ausnahme der ersten drei Saisonspiele, ideenlos, lief Bällen und Gegnern häufig nur hinterher und ließ keine wirkliche Spielidee erkennen. Aber was will man von einem Team erwarten, das seit Monaten total verunsichert ist, nach vielen Jahren Europa mitten im Abstiegskampf der Liga steckt, den Eindruck einer armen Kirchenmaus erweckt und plötzlich in fast allen Spielen mit neuer Grundformation auflaufen sollte? Hinzu kam, das Spieler zu Teilen positionsfremd eingesetzt wurden und so zusätzliche Herausforderungen für das gesamte Mannschaftsgebilde entstanden. Dutts Idee: Mehr Flexibilität durch viele einstudierte Systeme. Die Realität: Es gab kein System, das in Bremen wirklich funktionierte. Keine Siege, die schwächste Defensive der Liga und eine Trainernetlassung waren die Konsequenz.

Bisher hat sich der Trainerwechsel vollends ausgezahlt. Aber was macht unser stoischer Ukrainer so viel anders als Dutt? Zunächst wäre da mal die Rückkehr zur altbewährten Raute. Ein System, das in Bremen viele Jahre lang für Erfolg stand und das sich auch bisher bewährt. Es wird wieder zur Bremer Grundordnung, und das ist beim vorhandenen Spielermaterial auch gut so. Dann kommt wohl das größte Plus gegenüber Dutt: Skripnik kennt sich bestens bei den Jugendmannschaften von Werder aus. Dachte man schon, dass die Jugend rein gar keine Spieler mehr mit Bundesliga-Niveau hergebe, belehrt uns Skripnik eines besseren. Es gibt sie, die verheißungsvollen Talente, die den Sprung schaffen können. Aycicek wurde endlich zum ernstzunehmenden Anwärter auf die erste Elf. Hinzu kommen Spieler wie Sternberg, Eggestein und Lorenzen, die in der Bundesliga zeigen durften, was sie drauf haben. Sie haben nicht nur ordentlliche Argumente für weitere Einsätze geliefert, sondern vor allem den Konkurrenzkampf auf den Positionen belebt, der dem Team gut zu tun scheint. Busch und Selke durften zwar schon unter Dutt ran, vor allem Selke scheint aber unter dem neuen Coach eine absolut feste Größe geworden zu sein – zu Recht. Ein Spieler, der ein wenig an John Carew erinnert: groß, zweikampfstark, dynamisch und auch am Boden technisch versiert. Auf seine Entwicklung bin ich besonders gespannt.

Und Eichin? Der macht nach wie vor einen guten Job. In den sozialen Netzwerken scheint man sich oft nicht bewusst zu sein, wie schwer die Arbeit bei den klammen Bremern derzeit sein muss. Kommentare, die ich häufig lese: „Eichin führt uns in die 2. Liga“, „Eichin kauft nur Abfall“, „Eichin soll mal lieber wieder zum Kufensport“ etc.

Der neue Weserguard macht´s am Osterdeich wieder sicherer!

Der neue Weserguard macht´s am Osterdeich wieder sicherer!

Etwas, das ich nicht wirklich nachvollziehen kann. Natürlich sitzt nicht jeder Transfer, aber er ist auch für Spieler wie Di Santo, Galvez, Bartels und zuletzt Öztunali (Leihe) sowie Vestergaard verantwortlich. Für nahezu jeden dieser Transfers belächelt, entwickeln sich vor allem diese Spieler als Garanten für eine positive Bremer Zukunft. Öztunali und Vestergaard will ich zwar nicht verfrüht in den Himmel loben, aber für Prödl wird es nach seiner verletzungsbedingten Pause schwer, das neue IV-Duo zu sprengen. Vestergaard, von den Fans bereits liebevoll Weserguard genannt, scheint sich zum echten Königstransfer zu entwickeln. Zudem konnte Eichin einige Altlasten loswerden, wenn auch vorerst nur auf Leihbasis. Elia, Obraniak und Petersen suchen derzeit anderweitig ihr Glück und scheinen sich bei den neuen Clubs gut zu integrieren. Obwohl ich vor allem Elia ein wenig nachtrauere, da man ihm in seinen letzten Spielen nicht mangelnden Einsatz unterstellen konnte. Für Werder war es dennoch ein notwendiger Schritt. Von einem Spieler mit seinen Qualitäten muss eindeutig mehr kommen. Umso mehr wünsche ich ihm, dass er in Southhampton zu alter Stärke findet. Finanziell wäre das für Werder auch ein Segen.

Auch das Torhüter-Karussell hat für viel Unmut gesorgt. Casteels zu leihen war meiner Meinung nach ein richtiges Signal an Wolf, der eben nicht frei von Fehlern geblieben ist. Strebinger war dahinter leider keine Alternative für die Bundesliga und Husic ist einfach zu unerfahren. Casteels wurde klar als Nummer 2 geholt, die allerdings in jedem Training deutlich den Druck auf Wolf erhöht und vielleicht sogar den ein oder anderen Einsatz erhalten wird. Persönlich halte ich den Belgier für den besseren Schlussmann. In der neuen Saison wird die Konstellation aber wohl einmal mehr durcheinander gewürfelt. Wiedwald soll zurückkehren und den Zweikampf um den Stammplatz Im Tor neu entfachen. Wenn es so kommt, eine gute Lösung.

So what: Wo sind die Eichin-Hater? Im Moment haben sie nicht viele Argumente. Aber warten wir es mal ab. In den nächsten vier Spielen warten schließlich vier Kracher auf die Bremer. Leverkusen (Platz 5), Augsburg (Platz 4), Schalke (Platz 6) und Wolfsburg (Platz 2) heißen dann die Gegner. Wenn es ganz blöd läuft, könnte man aus diesen Spielen ohne jeglichen Punkt rausgehen. In Anbetracht des dreimaligen Heimvorteils glaube ich das aber nicht. Der Zweckoptimismus mag mich auch nicht recht an dieses Horror-Szenario glauben lassen.

Werder überrascht also bisher auf ganzer Linie und scheint zumindest temporär von den Toten auferstanden zu sein. Ich möchte es deshalb mit Skripniks Worten halten und mich weder nach unten noch nach oben orientieren. Von Spieltag zu Spieltag wird man sehen, wozu dieses Team in der Lage ist. Bleiben alle Spieler gesund, kann es auch weiter einen solchen Aufschwung geben. Verletzen sich allerdings mehrere wichtige Spieler wie Di Santo, Bartels, Junuzovic, Galvez, Prödl oder Vestergaard für längere Zeit, kann es auch schnell wieder runter gehen.

Am 03. November habe ich meinen Text mit folgenden Worten beendet: „Die nächsten Woche werden zeigen, was Skripnik aus dieser Truppe rausholen kann, ob er den ein oder anderen Spieler verpflichten darf und ob es am Ende reicht, um die Klasse zu halten – ich denke schon…“. Ich bleibe dabei: Werder wird dieses Jahr nicht absteigen. Es gibt sie einfach, diese drei Teams, die definitiv schwächer als Bremen sind. Und wenn doch, naja, dann werde ich mich wohl nah ans Wasser stellen müssen…

Giuseppe Cotrufo

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