Fußball-Europa am Tag der Champions League Auslosung. Ein anderer Champion, der Papst, ist gewählt, jetzt darf wieder über Fußball nachgedacht werden. Gott bewahre also, dass z.B. mit River Plate, Boca Juniors oder gar Papst Franziskus´ Lieblingsclub und 14-maligen argentinischem Meister San Lorenzo Buenos Aires keine argentinischen Teams im Spiel sind…

Ich könnte jetzt schreiben, dass es eine Bilderbuchauslosung ohne nationale Paarungen war, dass es mit dem Duell Bayern und Juve zwar in der Tat die stresserfahrensten und vielleicht auch druckresistentesten Teams als direkte Kontrahenten recht übel erwischt hat, dass aber alle anderen gut davon gekommen sind. Aber – stimmt das auch?

Schauen wir uns doch nochmals die viel beschworenen Kräfteverhältnise im europäischen Spitzenfußball an. Und siehe da: Die verbliebenen Mannschaften entsprechen der aktuellen staatlichen Gewichtung nach recht genau dem derzeitigen UEFA-Ranking.

Spanien, aktuelle Nummer 1, hat mit Barca, Real und Malaga noch drei starke Teams im stärksten Wettbewerb, der Champions League.

England, Europas (Noch-)Nummer zwei, bringt es mit Tottenham, Chelsea und Newcastle ebenfalls auf drei Teams – aber halt „nur“ in der Europa-League. Bäh.

Da haben „wir“ aber als Europas Fußball-Nation Nr. 3 kein einziges Team mehr im Viertelfinale. Das gab es zuletzt  mal 2010/11 (Leverkusen gegen Villareal raus). Die viel gepriesene Bundesliga ist in diesem Wettbewerb nach dem Achtelfinale inexistent.

Doch seien wir mal ehrlich: Das Ausscheiden entspricht auch den Tatsachen, wenn wir uns in der Liga das ewige Auf und Ab grundlegend mittelmäßig aufgestellter Teams zwischen Platz 5 und 15 mal ansehen. Da kristallisiert sich kein einziger Verein heraus, der  einen qualitativ ausreichenden Kader für höhere Aufgaben in mindestens zwei Wettbewerben – einen national, einen international – hätte.

Tja. „Wir“ haben „nur“ noch Bayern und den BVB international dabei. Aber damit stehen wir hinter Spanien auch gar nicht mal so schlecht da. In der CL spielen beide nun, analog zu den spanischen Mannschaften, (Danke, McManaman!) nicht direkt gegeneinander. Ein CL-VF mit zwei deutschen Teams  gab es zuletzt in der Saison 2001/02, als mit Leverkusen und den Bayern zwei Clubs im Viertelfinale standen: Bayern schied damals gegen Real Madrid aus. Bayer Leverkusen verlor dann schließlich das Finale gegen dieses Zidane-Real nach dessen denkwürdigem Treffer in Glasgow knapp mit 1-2, nachdem 04 vorher immerhin Liverpool und Manchester eliminiert hatte.

Parallel erreichte in dieser für den deutschen Fußball so erfolgreichen Saison (WM-Finale in Japan/Südkorea!) im Übrigen auch der BVB ein europäisches Finale. Im – damals noch so-called – UEFA-Cup verlor man das Endspiel gegen Feyenoord Rotterdam als anfangs klar besseres Team auf denkbar unglückliche Art und Weise 3-2. In der dritten Runde waren bereits Freiburg und die Hertha, in der zweiten Runde bereits Union Berlin (!) ausgeschieden. Heute spielen die Holländer auf europäischer Ebene leider kaum noch eine wichtige Rolle, wir dagegen umso mehr.

Europas Nummer 4 ist derzeit nicht Holland, sondern zumindest auf Vereinsneben ganz eindeutig Italien – wieder aufstrebend. Hier verfügt man über Lazio Rom in der EuroLeague und vor allem Juventus Turin in der Champions League, was den Verhältnissen entspricht, zwar nur noch über zwei Teams, die haben es allerdings beide in sich. Der VfB Stuttgart hatte gegen Lazio nie auch nur den Hauch einer Chance – in keiner der beiden Achtelfinal-Begegnungen. Und dann Juventus. Was für eine ausgeschlafene, international erfahrene Mannschaft, u.a. mit Pirlo, Buffon, Chiellini, Vidal – und sehr vielen jungen Talenten. Ja, guckt euch den Kader nur in Ruhe mal an: Hätte JT noch einen echten Top-Stürmer, wäre das derzeit führende Team Italiens bestimmt mit noch größerem Abstand an der Tabellenspitze der Serie A als „nur“ mit derzeit neun Punkten.

Wer ergo die aktuelle Diskussion über Stärken und Schwächen der europäischen Spitzenclubs sowie die Spiele letzten Dienstag/Mittwoch/Donnerstag aufmerksam verfolgt hat, für den muss natürlich heute ganz klar deutlich sein: Ab sofort entscheiden kleinste Nuancen wie Glück, der Schiri, die Bank, der Teamgeist und vor allem die mentale Stärke alle Wettbewerbe, in denen es noch einigermaßen spannend zu geht. Und – wie sieht es da aus, bei unseren Teams?

Schauen wir uns zuerst die Bayern an. Bundesliga ist klar. Heynckes hat logischerweise ab sofort vor allem die Champions League im Kopf. Er wird deshalb Lahm und Müller eine Pause in Leverkusen gönnen – auch Ribéry soll sich erst mal wieder vollständig erholen. Schließlich stehen für alle drei genannten Spieler auch noch wichtige Spiele für ihre Nationalteams an – WM-Qualifikation. Heynckes muss in Leverkusen Teamgeist und Stressresistenz testen – mit einem Team, das zwei, drei wichtige Ausfälle verkraften muss. Diese Situation kann nämlich auf CL-Ebene in den nächsten  Spielen durchaus ebenso eintreten – Stichwort gelbe Karten, Verletzungen etc.

Es ist also absolut nachvollziehbar, dass Heynckes die absolute Belastbarkeit seines Kaders nicht nur in der Spitze, sondern auch in der so oft betonten Breite testen muss. Das Spiel gegen Arsenal (0-2) mal beiseitegelegt, ist eines ebenso sehr deutlich: In Leverkusen darf ein viel gepriesenes Team auch ohne Lahm, Ribery und Müller, dafür aber mit Dante, Boateng, Alaba, Schweinsteiger, Martinez, Gutavo, Kroos, Robben und Gomez und, und, und auf gar keinen Fall verlieren. Kriegt man in Lev auf die Mütze, schon wieder, wäre man als großer, großer FC Bayern München mental und teammäßig ganz einfach eben auch nicht Champions League-(halb-)finaltauglich.

Ich wage zu behaupten: Wenn in Leverkusen verloren wird, so lepsch oder „saudumm“ verloren wird wie gegen Arsenal, spätestens dann ist dermaßen Feuer auf dem Dach, dass es viele Marktschrei(b)er gar nicht erwarten können, den Jupp doch noch schneller gegen den Pep auszutauschen als es eigentlich vorgesehen ist. Das wäre aber genau falsch. Ist doch klar. Aber – es wird nicht passieren. Lev – FCB wird 0-0 enden. Bayern wird nicht aufmachen, Leverkusen nicht genügend Druck entwickeln können. Und eine nochmalige Blamage nach Arsenal will sich in München auch niemand so gerne leisten.

Denn eines ist doch deutlich geworden im Laufe dieses Jahres: Diese Mannschaft will nichts so sehr wie wieder Meister werden. Das ist zwar nun, quasi, bereits passiert. Aber dennoch: Die Hinspielniederlage gegen Lev schmerzt – immer noch. Revanche wäre zwar sehr sweet, aber ein 0-0 tut´s, die schweren Aufgaben vor der Brust, dies Mal durchaus auch.

Des Weiteren hat diese Mannschaft in den letzten drei Jahren zwei bittere Finalniederlagen in der Königsklasse hinnehmen müssen. Das heißt auch hier: Revanche ist auch hier gefragt, mehr denn je. Die Frage ist nur die: Reicht das Feuer im Team für zwei große Titel 2013, Meisterschaft und Champions League, ebenso aus wie im legendären Meister-CL-Jahr 2001? Gerade, wo jetzt schon wieder die Ansicht umgeht, dass eine solche Meisterschaft mit dem aktuellen 20-Punkte-Vorsprung wohl kaum so viel wert ist wie das Drama 2001 gegen S04, den Meister der Herzen, in der vierten Minute der Nachspielzeit in Hamburg.

Ich halte das für ziemlichen Quatsch. Diese Bayern -Mannschaft ist klar stärker als das Team von 2001. Aber…

…aber dieses Team muss die Stärke dann halt in den entscheidenden Momenten auch auf den Platz bringen. Heynckes muss ergo jetzt testen, was sein Team unter diesem jetzt schon extremen Druck aushält. Druck ist das zentrale Wort, mal wieder, bei den Bayern, wie immer, nur dass Effe und Kahn jetzt halt nicht mehr dabei sind.

Druck gibt es aber auch nicht nur dort, sondern auch in Spanien. Bei Real sowieso immer. Aber auch Barcelona hat gerade gezeigt, wie man damit fertigwerden kann. Was mentale Stärke bedeutet. Vorher von der Presse gnadenlos bereits für immer nieder geschrieben („Ende einer Ära“), musste man sie dann nach dem Milan-Triumph („Habemus Messi“) wieder zwangsläufig in  den Himmel loben. Nämlich: Besinnung auf das Wesentliche. Die eigenen Stärken erkennen, hervorholen – und ausspielen. Kann das der FCB, kann das der BVB?

Barcas „wir sind mehr als nur ein Club“ entspricht dabei so ziemlich genau dem „Mia san Mia“ des FC Bayern, der seinem ganzen Werdegang nach schon immer darauf beharrt hat, ziemlich viel mehr als nur einer unter vielen (deutschen) Fußballvereinen zu sein. Bayern muss gerade jetzt, gerade auch beim – noch – Tabellendritten in Leverkusen testen, was das Team „ohne mit“ drei prophylaktisch ausgefallenen Größen wie Lahm, Ribéry und Mandzukic in einem schweren Auswärtsspiel zu leisten imstande ist. Der FC Bayern bekommt, zugegeben recht spät, jetzt seinen ersten richtigen Stresstest – mit Juventus Turin im Viertelfinale. Aber besser spät als nie, würde ich sagen. Das ist doch genau der richtige Gegner – vor Barca, Real, dem BVB – in der Liga, oder der CL; egal.

Vor dem ersten Spiel gegen Juve – die die Meisterschaft ähnlich wie der FCB recht locker angehen können mit ihrem 9-Punkte-Lead – haben die Bayern nur Leverkusen auswärts, danach viele Spieler ihre jeweiligen Nationalmannschaften (WM-Quali) und Ende März schließlich den etwas, aber nicht zu sehr wiedererstarkten HSV zuhause. Überflüssig zu sagen, dass sowohl in Leverkusen als auch gegen den HSV und vor allem gegen Juventus Turin vor allem eins, nämlich die Null hinten wieder stehen sollte. Titel gewinnt man in der Defensive. Siehe 2001.

Also Stresstest. Der Härtefall für die Bayern. Aber haben sie es auch anders gewollt? Hätten sie es anders erwarten dürfen? Nein. Schweinsteiger und Heynckes war es schon vor der Auslosung egal, gegen wen man jetzt kommt. Thomas Müller wollte nur Barca nicht haben – der heilige Thomas, er ist sozusagen gottseidank erhört worden. Juve – nun, Juve ist immerhin nicht Angstgegner Milan (danke, Barca!). Juve ist zu packen. Aber – man muss eben cool bleiben. Die Nerven behalten. Nicht rumflattern. Das ist eine italienische Mannschaft. Abgezockt. Aber absolut zu schlagen. 2009/10 haben die Van-Gaal-Bayern zuletzt 4-1 in Turin gewonnen und schon mal gezeigt, wo der Hammer hängt, wenn das Team angstfrei und cool gegen einen taktisch starken Gegner auswärts zum Siegen verdammt ist. Stresstest bestanden – damals. Und ins CL-Finale gekommen. Da war dann, gegen ein anderes italienisches Team, nämlich Inter, Schluss. Aber – schlagen die Bayern Juve, ist Italien endgültig vorbei, final finito in diesem Wettbewerb. Italien weg. Das hätte doch was, oder?

Zum BVB. Er hat es heute im Rahmen der CL-Auslosung vergleichsweise leichter erwischt – mit Malaga. Die Meisterschaft kann Borussia Dortmund mit 20 Punkten Rückstand inzwischen guten Gewissens  abschenken, obwohl die Borussen ein genaues Auge auf ihren zweiten Platz haben sollten – auch auf Schalke: Schlagen die Knappen bald Bayer 04 im direkten BL-Vergleich, könnte Schalke nun noch mal herankommen. Aber, peanuts. Die CL ist das, was in Dortmund nun zählt. Und natürlich wird Jürgen Klopp sein Team  warnen, natürlich hat Malaga große Qualität in seinem Kader.

Aber, diese Mannschaft muss in der spanischen Liga mit mindestens drei konkurrierenden Teams noch sehr hart um den – u.a. wegen der Finanzmisere! – geradezu überlebenswichtigen vierten Champions League-Quali-Platz kämpfen. Der FC Malaga steht zwar aktuell noch auf Platz 4 der spanischen Erstliga-Tabelle. Dahinter aber drängeln direkt die Teams von Real Sociedad, Real Betis, Valencia, Rayo Vallecano und sogar noch Getafe nach, wollen auch noch unbedingt an den begehrten Platz an der Champions League-Sonne. Der FC  Malaga muss zudem zwischen den Dortmund-Matches gegen die direkten CL-Mitkonkurrenten Rayo Vallecano am 30.3. und am 6.4. schon wieder gegen Real Sociedad  antreten. Ein absolutes Hammerprogramm für Demichelis, Santa Cruz, Saviola, Isco und Co.

Der BVB hat also, psychologisch betrachtet, den Vorteil, gegen das nicht allerstärkste spanische Team des Wettbewerbes seinerseits ein relativ ausgeruhtes Team ins Rennen schicken zu können. Natürlich wollen die Borussen jetzt erst recht mindestens ins Halbfinale – und das ist ihnen meiner Ansicht nach auch definitiv zuzutrauen.

Ansonsten ist anzumerken: Der BVB hat noch niemals ein Pflichtspiel gegen Malaga bestritten, die Euro-Bilanz gegen spanische Clubs ist minimal negativ – aber egal. In diesem Spiel können sich beide Teams durchsetzen, beide sind gerade zuhause eine Macht – Vorteil für Dortmund, für das Rückspiel hat man die schwarzgelbe Wand im Rücken. Das Ganze kann man also recht entspannt angehen. Die Erwartungen sind nicht ganz so riesig wie bei den Bayern, der Teamgeist beim BVB aber mindestens ebenso hoch – und der europäische Ehrgeiz absolut ungebrochen bzw. wohl gerade erst so richtig erwacht. Jetzt realisiert man bei Schwarz-Gelb, was möglich ist in diesem Jahr. Hurra, auf geht´s, kann man da nur sagen!

Die Bayern dagegen, anders als Dortmund, fühlen bereits den Stress. Der designierte Meister – immerhin, lasst euch das nicht vermiesen! – muss zuerst zuhause antreten. Für mich jedoch absolut kein Nachteil in dieser Saison. Lassen wir die Partien gegen Arsenal Revue passieren und rufen wir uns die aktuelle Auswärtsstärke der Münchner  ins Gedächtnis, kann das – gerade auch vor dem Hintergrund der Erfahrung des 4-1-Auswärtssieges in Turin vor gut zwei Jahren – ein wichtiger Vorteil sein. Also – der richtige Hammer zur rechten Zeit? Nur wer ein abgezocktes Juve knacken kann, hat später in einem eventuellen Halbfinale gegen den BVB, Real oder Barca (oder Paris) überhaupt eine realistische Chance.

Heynckes und Sammer sprechen so jetzt bereits von einem „richtigen Kaliber“, vollkommen zu Recht. Schweinsteiger warnt von einer „sehr, sehr schweren Mannschaft, die sehr hart spielt“ und eine „sehr schwierige Aufgabe“ darstellt, Toni  Kroos von dem „nach Barcelona unangenehmsten Los“ (Bayern-Homepage). Der FC Bayern hat wie gesagt zuletzt 09/10 durch ein 4-1 in Turin, wie Arjen Robben zurecht anmerkt, „die Saison gedreht“.

Nun, eine Saison drehen, das ist dies Mal wohl wirklich nicht mehr nötig. Der FCB spielt bislang eine phantastische Saison. Und zwar die beste Saison aller verbliebenen Vereinsmannschaften im CL-Wettbewerb – bis zum heutigen Tag zumindest. Der BVB – mein Geheimfavorit – konzentriert sich nun auf die Champions League und kann so sehr, sehr weit kommen. So oder so wird man am Verlauf dieses Viertelfinales ablesen können, wie weit unsere deutschen Spitzenteams nicht nur von der Spielstärke her gereift sind (bereits sehr weit). Nein, wir werden sehen können: Wie weit sind der BVB und der FCB vor allem taktisch, entwickelt? Wo steht man – aktuelle Ausfälle hin oder her – von der mannschaftlichen Reife her betrachtet. Wer entwickelt, egal welche Spieler auf dem Platz stehen, den ultimativen Teamgeist? Wer beweist die größte mentale Stärke im absoluten Stress? Wie cool, wie besonnen reagieren die Spieler in augenscheinlich aussichtslosen oder extremen Situationen?

Mit einem Wort: Wie umfassend reif sind diese beiden Teams, in ihrer Grundstruktur nun seit zwei Jahren zusammen und sehr gut eingespielt, jetzt im Frühjahr 2013 wirklich für die ganz großen Titel? Schaffen sowohl die Bayern als auch der BVB beide das Halbfinale?

Wenn ja, dann ist – wenn uns nicht der Losteufel einen Strich durch die Rechnung macht und Barca gegen Real, sowie den BVB gegen den FCB lost – bereits der große Clash gegen die spanischen Top-Favoriten. Dann heißt es bereits ein Jahr vor der WM 2014 auf Clubebene Deutschland gegen Spanien – extrem sozusagen.

Aber was könnte es für beide deutschen Teams denn auch Schöneres geben als die ultimative Herausforderung gegen den FC Barcelona oder Real Madrid?

Na, ein Finale Bayern  München – Borussia Dortmund natürlich!

Oder was meint ihr?

Andreas Bach

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