Fußball wird nie bleiben, wie Fußball ist. Er erfindet sich, auf vielen Ebenen, jeden Tag, jede Minute, jede Sekunde, nach jedem Wechsel, ständig neu. Was man als Mensch wie als Fan natürlich nicht gut finden muss. Weil man oft gar nicht so schnell schauen kann, nicht mehr hinterherkommt. Ständig strömen neue Spieler, neue Trainer, neue Funktionäre, Sponsoren, Unternehmen, also neue Geldgeber, neues Geld in so ziemlich alle relevanten Ligen dieser Welt. Und alte(s) scheidet aus. Die so genannten Traditionsvereine, die diesen unbarmherzig aufgespeedeten, globalisierten Fußball nicht verstehen oder nicht verstehen wollen, werden langfristig auf der Strecke bleiben. Was für diese Vereine  übersetzt so viel heißt wie: Nie mehr erste Liga – zumindest auf die Dauer.

Fußball unterliegt, wie vieles andere auf dieser Welt, unsere Zivilisationen ebenso wie die vom Menschen fast allerorten bedingungslos unterworfene Natur, einem stetigen Wandel. Diejenigen, denen das nicht passt, wachen mit Argusaugen über die Einhaltung von bestehenden Zuständen. Sie sind stets die ersten, die Veränderungen kritisieren, die sie – leider? – nie aufhalten können.

Viele dieser „Veränderungen“ sind ja auch schlicht gesagt eine Katastrophe. Nehmen wir nur die WM-Vergaben der FIFA oder die kontinuierliche Zerstörung des brasilianischen Regenwaldes. Was die miteinander zu tun haben? Es sind Prozesse, die nicht von ungefähr parallel laufen mit der schleichenden Zerstörung der brasilianischen „traditionellen“ Fußballkultur durch die von der Regierung kaum (?) zu steuernden, massenhaft einströmenden Gelder globaler Konzerne, Business-„Finanziers“ und „Geldgeber“ sowie lokaler, nationaler und internationaler Baufirmenkonglomerate. Siehe auch: Superteurer „Umbau“ und nachfolgende Privatisierung u.a. des Maracana-Stadions, in der Folge teure Eintrittspreise, auch für Spiele der nationalen Liga (siehe dazu heute 25.7. 2013 auch den Sportteil der „Süddeutsche Zeitung“ bzw. ihre Printausgabe, der Artikel steht derzeit (?) nicht online).

Viele dieser „Entwicklungen“ scheinen kaum aufzuhalten zu sein, vieles davon hat zuerst mal mit Fußball, als dem Spiel, an sich nichts zu tun. Auf den zweiten Blick allerdings eben schon. Und auch wer nur national auf die Bundesliga blickt, erkennt sofort: Zu viele radikale Veränderungen oder – ungleich mehr – zu viel Stillstand und zu starkes Verharren in traditionellen Mustern, egal ob alte Geschäftsgepflogenheiten oder alte Trainingsmethoden, haben fast immer den Niedergang bedeutet.

Nehmen wir Bayern München. Ein Club, der seit den 60er Jahren von spürbaren, durchdachten, aber eben nie zu radikalen Veränderungen fast immer nur profitiert hat. Vor allem deswegen, weil er sie oft auf clevere Weise (mit-)gestaltet hat. Der Goldesel Olympiastadion fiel dem Club noch einigermaßen in den Schoß.  Die Allianz-Arena – schon entscheidend selbst gestaltet. Fast immer dabei: Solides Wirtschaften.  Echte Kontinuität und steter Wandel, oft an genau den richtigen Stellen, bei den richtigen Personen, in den richtigen Phasen. Dazu gehört auch ein hohes Maß an Ehrlichkeit, Selbstreflexion, Selbstkritik.

Wäre Jupp Heynckes geblieben, hätten wir das komplette Spektakel der letzten Tage, die Spiele gegen Gladbach, den HSV sowie die erste Hälfte gegen Barcelona so nicht zu sehen bekommen. Don Jupp hätte wohl kaum mit  Thiago und diesem neuen superfluiden Stil aufgewartet. Die Bayern hätten wahrscheinlich im Großen und Ganzen das letzte Triplejahr zu wiederholen versucht. So etwas aber gelingt eigentlich nie. Und der FC Bayern samt Jupp versänke wieder in zweiten Plätzen, Selbstzweifel und Unglücklichsein. Und Jupp müsste vielleicht Ende 2013/14 unter ganz anderen Umständen gehen als unlängst zum Saisonwechsel.

Nehmen wir den HSV, leider seit langem schon die perfekte Anleitung zum Unglücklichsein. Dort macht quasi die alte Mannschaft des vergangenen Jahres weiter, im Management, in der sportlichen Leitung, im Großen und Ganzen im Kader – mit einer Ausnahme, die potenziell wichtig werden könnte (oder auch nicht): Oliver Kreuzer als neuer sportlicher Leiter. Aber auch Kreuzer hat den maulwurfigen HSV-Stil des öffentlichen Kommentierens von internen Entscheidungen schon unsanft zu spüren bekommen. Autsch. Mal wieder. Funny Heinemann dagegen hat sich klugerweise wieder nach Hause verabschiedet und ist nun, endlich wieder, Teil seines VfL, dabei auch Part des neuen Bochumer Booms rund um Peter Neururer, Dariusz Wosz, Thomas Reis und – Frank Heinemann.

Wohin die Reise des HSV gehen wird? Sicherlich nicht in die Europa League-Ränge. Die von Bochum? Hinauf, in die obere Hälfte von Liga 2.

Nehmen wir andere Traditionsvereine. Beispiel Werder. Die Bremer bezahlen aktuell immer noch dafür, zu lange an einem starren System rund um Thomas Schaaf festgehalten zu haben. Robin Dutt und Thomas Eichin haben hart mit den Folgen zu kämpfen, ihre Arbeit hat ja auch erst vor wenigen Monaten begonnen. Erschwerend kommt hinzu, dass sich die Vereinsführung bis heute einer grundlegenden, echten Reformierung verweigert hat. Aus „Tradition“?

Nehmen wir Fortuna Düsseldorf. Zu langes Verharren im System Meier hatte den Absturz in Liga 2 zur Folge, was auch am Management lag, das mit Meier den Bundesligakader für die Saison 2012/13 zusammengestellt hatte. Er war, gelinde gesagt, nicht besonders homogen. Anders gesagt: hoffnungslos zerstritten.

Nehmen wir den 1.FC Köln… (es folgen im Original seiten-, ja buchlange Auslassungen über die innerlich faulende Struktur des Vereins und den lähmenden Un-Job der Funktionäre)… kurz und gut: Da sieht man mal wieder, wie viel echte Fan-Liebe bewirken kann. Sie ist es nämlich, die den Club lebendig hält, obwohl er eigentlich schon längst gestorben ist. Unglaublich, aber wahr: Der FC ist quasi ein geldentleerter, vom seelischen Blutzoll seiner Anhänger zehrender Event-Zombie. Irgendwie unsterblich, aber eben auch immer untauglicher für die mit immer höherem Aufwand zu bespielende erste Bundesliga.

Kontinuität, auch Tradition, und dies vergessen eben viele, sind nur Worthülsen, oder andere Worte für stetigen, fluiden, geschickt durchgeführten Wandel innerhalb eines funktionierenden Systems. In einem funktionierenden Club. Funktioniert das System jedoch grundsätzlich nicht oder nicht gut, muss es grundlegend(er) reformiert werden. Funktioniert es hingegen an sich stabil bis erfolgreich, muss man dieses System „Bundesligaverein“ eigentlich „nur“ „ständig“ mit den richtigen Zutaten füttern, um es lebendig, kreativ, kommunikativ, vital, aggressiv, halt überlebens- und durchsetzungsfähig zu halten.

Als langsam verarmender Traditionsclub hat ein Verein nur zwei Möglichkeiten. Die erste: Insolvenz, Abstieg in die Amateurklasse, anschließend vielleicht langsamer Wiederaufstieg. Wenn der Verein langfristig solide wirtschaftet. Ein mehr als steiniger Weg. Hierzulande darf ja nicht mal ein Meister der Regionalligen direkt in Liga 3 aufsteigen. Ein Unding.

Oder Beispiel Scheich-Club oder Unternehmens-Filiale, wie Manchester City oder der VfL Wolfsburg: Du besorgst Dir potente Geldgeber, Sponsoren, holst Dir große Unternehmen als Gesellschafter rein, die sich wiederum langfristig engagieren oder engagieren wollen. Aber zu welchem Preis? Auch an dieser Stelle können wieder viele Fehler gemacht werden. Beispiele dafür gibt es viele, wie z.B. den MSV Duisburg oder den TSV 1860 München.

Man kann das Beispiel Bayern München oder FC Barcelona natürlich auch negativ sehen. Die Bayern, sagen manche, hätten ihre Seele an Adidas, den VW-Konzern, die Allianz und andere Gesellschafter verkauft usw. usf. Auch Barcelonas neuere Verbindungen, wie die von Paris Saint Germain, zur Quatar Foundation werden von nicht wenigen ebenfalls sehr kritisch betrachtet.

All dies spielt sich ab im großen, globalen System Fußball, gekoppelt ans System Sportwirtschaft und Sportmanagement, gekoppelt an Lizenzhandel, Medien… Es wäre zu wünschen, dass zumindest das System Fußball, insbesondere die Systeme Bundesliga, UEFA, FIFA, besser bzw. kooperativer mit ihren Kritikern und Reformern umgehen, dass negative Auswüchse und Verwerfungen effektiver kontrolliert und abgestellt werden. Man kann dies alles einfordern, man kann sich dies alles zumindest wünschen.

Aber es wird, sehr oft, nicht eintreten. Erfolg ist heute und wohl für immer an Geld geknüpft. Wo es wirklich genau herkommt, wer es wirklich wie genau erwirtschaftet hat, das möchten nur allzu viele – Fans wie Handelnde – gar nicht immer so genau wissen. Es ist so einfach. Und banal: Die meisten Fans wollen vor allem, dass ihr Verein gewinnt.

Was sie aber, und das lässt hoffen, ebenfalls wollen, ist Stolz empfinden. Nicht nur Stolz auf das Geleistete, sondern vor allem Stolz auf die „Seele“ des Vereins. Giuseppe hat es vor kurzem „Identität“ genannt. Und sich zum Traditionalismus bekannt.

Ich kann das alles guten Gewissens unterschreiben. Mit der kleinen Einschränkung, dass ich mich zur Traditionserhaltung durch eine stets kritisch begleiteten, kontrollierten Wandel bekenne. Weil es anders nicht funktionieren kann. Ich glaube an eine lebendige Tradition, eine, die sich vor allem aus richtig verstandenem Fortschrittsgeist speist. Auch meine Club-Seele braucht Nahrung. Und die speist sich nicht nur aus toten alten Zeiten, sondern die kommt aus der Gegenwart. Aus der Zukunft, die schon in wenigen Augenblicken bereits wieder Gegenwart sein kann, ist. Und Vergangenheit.

Wer weiß schon, wie lange der Stöger in Köln herummachen darf, wie lange der Pep es in München aushält? Wer weiß schon, wer der nächste Champions League-Sieger wird oder wer am Ende hierzulande in die zweite, dritte, vierte, fünfte Liga absteigen muss?

Aber eins weiß ich: Die Vereine sind selbst für ihre Misswirtschaft – oder ein nicht funktionierendes Spielsystem – verantwortlich. Man muss nur genau hinschauen, recherchieren, kontrollieren, dann sieht man das.

Ich bin stolz darauf, was mein Verein, der FC Bayern, in den letzten Jahren international gerissen hat, und wie er gespielt hat. (Auf andere Dinge rund um den Verein bin ich sicherlich weniger stolz).

Ich bin aber auch stolz auf Borussia Dortmund und die fähigen Menschen hinter diesem ganzen High Rise-Ding a la Phönix aus der Asche, das hat mir unheimlich gut gefallen, finde ich immer noch super, weiter so. Ich freue mich auch über Borussia Mönchengladbach und die kreative, lebendige, sich Veränderungen nie verschließende Kontinuität, die u.a. Max Eberl da als Sportdirektor reingebracht hat. Ich freue mich über den Ex-Meister Eintracht Braunschweig back in La Liga. Und ich war traurig, dass die Düsseldorfer den Übergang von zweiter zu erster Liga auf der langen Strecke über die ganze Saison doch nicht so gut hinbekommen haben, wie es anfangs schien, und so dramatisch wieder runtergehen mussten. Auch hier hat man wohl zu lange weggesehen oder nicht genau hingeguckt, bis die echten Probleme tatsächlich lokalisiert waren. Und dann war es zu spät, um noch handeln zu können.

Ich liebe Fußball und ein gutes Spiel auch dann, wenn mal nicht die eigene Mannschaft gewinnt. Ich glaube, dass der Abstieg eines Teams, eines Clubs dann beginnt, wenn Du Dich als ein Teil davon selbst zu stark abfeierst und all die anderen, die ebenfalls mir drin hängen, als Präsident oder als schlichter Fan, nicht mehr siehst. Wenn Du langsam – willentlich als Egoist oder unmerklich, schleichend – blind wirst gegenüber all dem, was um dich herum geschieht. Wenn Du als Team-Manager den Verein wirtschaftlich nicht auf Kurs hältst und nur noch einkaufst für den kurzfristigen, schnellen – und langfristig dann so teuer erkauften – Erfolg. Wenn Du als Trainer im wahrsten Sinne des Wortes zu viele Spieler gegeneinander ausspielst bzw. keinen wirklichen, ehrlichen Plan von einer funktionierenden Mannschaft hast. Wenn du als Spieler deinen Verein eigentlich eh nur als „Übergangsstation“ siehst. Wenn Du als Fan deinen Verein nur als Titelmaschine – oder nur als Ersatzfamilie – siehst.

Wandel heißt Kontinuität, und umgekehrt. Gerade starke, oft als „unveränderlich“ bezeichnete Werte müssen genau deswegen oft einer kritischen, harten Prüfung unterzogen werden. Tradition braucht Veränderung. Tradition verpflichtet – nicht nur gute Spieler! Denkt nicht immer an den einzelnen, an die eine hammergeile Neuverpflichtung. Denkt ans System, an die vielen, die letztlich zu jedem Erfolg beigetragen haben. Erfolg ist zwingend an Teamgeist gebunden, und zwar an einen Geist, der weit über die Elf hinausgeht, die anfangs jeder 90 Minuten auf dem Platz beginnen wird. Teams verändern sich stetig, zwangsläufig, im Spiel selbst, von Auswechslung zu Auswechslung, von Spiel zu Spiel, von Saison zu Saison, alleine schon aus Altersgründen, wie jeder sehr schnell nachvollziehen kann. Du bist als Teil eines Teams unwiderruflich Teil eines Ganzen, überall, das wird sich nie ändern.

Und auch dies wird sich nie ändern: Die Erde ist eine Kugel. Seinen Verein kann man sich wohl nie aussuchen. Der Verein sucht einen schon selbst aus.

Aber – stimmt das wirklich, für jeden unter Euch? Wer von Euch hat den Verein denn mal schwersten Herzens gewechselt? Wer von Euch hat sich seinen Verein mit 18 wirklich (nochmals) bewusst selbst ausgesucht?

Jetzt Ihr.

Andreas Bach

In unserer Doku-Reihe ist nun übrigens der dritte Teil online:

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